Kurt Flasch - Der Teufel und seine Engel: Die neue Biographie

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  • Wie wir den Teufel zu Grabe trugen
    Eine Biographie über die Personifizierung des Bösen, Jahrhunderte seines Aufstiegs und seinen Absturz in die Bedeutungslosigkeit


    Zitat

    Kurt Flasch erzählt in zwanzig Kapiteln die Geschichte des Teufels. Er beschreibt anhand der Quellen seine biblischen Anfänge und die Arbeit, die europäische Intellektuelle sich mit ihm gemacht haben, bis zu seinem Tod. Der Autor macht einen Besuch in der Hölle und widmet sich dem dortigen Personal. Er schildert den geistigen Kampf der Neuzeit gegen Teufelsherrschaft, Hexenwahn und Verteuflung der Sexualität, und er verfolgt den Streit bis in die Gegenwart.


    Dass der Teufel heute wöchentlich seinen Psychologen aufsucht, ist nicht verwunderlich. Trieb sein Name doch einst die Menschen scharenweise in den Beichtstuhl, ist er inzwischen im besten Fall noch eine Kunstfigur. Der Teufel steckt in der Krise. Oder, um es mit Christopher Marlowe zu sagen: „The devil’s dead.“ Jetzt liegt er in einer Praxis und berichtet von seiner Abhängigkeit vom Menschen. Die Menschen haben ihn erschaffen, zeitweise in den Stand eines Gottes versetzt, ihm zu Ehren sogar Hexenverbrennungen veranstaltet und ihn dennoch zu Fall gebracht. Es wäre spannend zu sehen, ob sich auch sein Charakter in ein Häufchen Elend verwandelt hat und er seinem Psychologen unter Tränen von seinen Problemen berichtet. Dem würde allerdings auch schon Kurt Flaschs Biographie über seinen Patienten reichen, um die Lage zu erfassen.


    Eine Biographie über etwas zu schreiben, was im eigenen Verständnis nicht existiert, macht es für Flasch nötig, sein Werk zu Beginn zu rechtfertigen. Dass der Teufel im Verständnis des Autors nicht existiert, ist nach seinem letzten Werk Warum ich kein Christ bin nicht verwunderlich. Schließlich ist der Teufel vor allem ein christliches Phänomen. Doch das ist nicht das einzige Problem, dem Flasch sich stellen muss: Wer oder was ist und war der Teufel eigentlich?


    Wenn der Autor eines in aller Deutlichkeit zeigt, dann ist es die Dynamik der Teufelsvorstellungen. Die Namensvielfalt ist ein erstes und offensichtliches Indiz. Auch der Glaube an eine ganze Heerschar von Teufeln mit eigener Hierarchie und die Gestaltung der Hölle machen es unmöglich, „den Teufel“ zu greifen. Der Teufel und seine Engel ist demnach keine Biographie einer Person sondern die Herkunftsgeschichte eines Begriffs.


    Der Autor hangelt sich viel eher entlang an Texten des christlichen Europas, und deutet die Sichtweisen auf das Schreckgespenst Teufel, das mit der Hexenjagd seine Hochkonjunktur hat. Tatsächlich aber stand er schon viel früher im Mittelpunkt. Manche glaubten, ihn bereits in der Schlange im Paradies zu sehen. Dabei tritt er in der Bibel erst viel später in Erscheinung. Flasch macht aber sehr deutlich, dass man selbst in seinem Buch eine homogene Vorstellung des Teufels vergeblich sucht. Widersprüche in dem christlichen Buch und seiner Deutung sind ein bevorzugtes Thema des Atheisten Kurt Flasch. Von der Hand zu weisen ist allerdings nicht, dass die Existenz des Teufels in Verbindung mit einem Gott Gläubige vor ein Dilemma stellt. Entweder steht der Teufel auf der Stufe Gottes und entzaubert so den Monotheismus, oder er ist darunter zu verordnen und lässt berechtigte Zweifel an der Allmacht oder der Güte des Herrn zu.


    Nicht nur gläubige Christen werden von Flasch auf die Probe gestellt. Der Laie sieht sich einer Flut von Texten gegenüber, die der Autor analysiert, zu seinen Zwecken deutet und einbindet und sie scheinbar als bekannt voraussetzt. Wer Augustinus von Hippo, Dionysius Areopagita und Thomas von Aquinos Werke gelesen hat, mag mehr Freude daran haben.
    Als studierter Germanist lässt es sich Flasch allerdings nicht nehmen, den Teufel mit Goethes Faust zu Grabe zu tragen. „Er wurde zu Erzählstoff, zu Wortgebilde und Nachtmahr. Er wurde als real behauptet und gehörte doch zu Phantasie und Aberglaube.“ Nicht weniger hat Goethe aufgegriffen und mit Mephisto den letzten Schrecken vertrieben. Die letzten Wiederbelebungsversuche sind auch in Flaschs Augen kaum noch von Bedeutung, denn nicht einmal zwei Weltkriege brachten den Teufel wieder in unsere Gesellschaft zurück.
    „In Europa ist der Teufel tot“, stellt er letztlich fest.


    (Die Kritik wurde im Verlauf eines Seminars geschrieben als Literaturkritik und unterscheidet sich von hiesigen Rezensionen. Ich hoffe, es ist trotzdem lesbar :wink: )

    "All we have to decide is what to do with the time that is given to us."

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