Zeit- es gibt wenig, was den Menschen an und für sich oder auch die Menschheit in ihrer Gesamtheit so nachhaltig beeinflusst.Sei es das Füllen der Zeit, mit schönen Dingen, sei es das Festhalten an einem bestimmten Augenblick in der Zeit, der uns besonders viel bedeutet, sei es das Sinnieren über die Zeit, die schon vergangen ist und noch ganz viel mehr. Aber wirklich er-fassen kann die Zeit niemand.
Und das versucht Rüdiger Safranski in seinem neuesten, philosophisch geprägten Werk auch nicht. Vielmehr schärft er das Auge des Lesersfür einen genaueren Blick auf die Zeit. Und weil die Zeit sich nicht betrachten lässt, wenn man ihr direkt ins Gesicht schaut- denn wie wir alle wissen, vergeht die Zeit am schnellsten, wenn man darüber nachdenkt, wie schnell sie vergeht- wählt er einen Blick aus dem Augenwinkel heraus- und betrachtet sie, um mit Safranskis eigenen Wortenzu sprechen „auf der Spur ihrer Wirkungen“. In zehn Essays, die die Zeit in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen beschreiben, nähert sich Safranski dieser treibenden Kraft im menschlichen Dasein. Dabei sind es so unterschiedliche Zeiten wie die Zeit der Langeweile, die Zeit des Anfangens, die vergesellschaftete Zeit und auch die Weltraumzeit und sogar die Ewigkeit finden –unter anderem- ihren Platz.
Safranski führt allerdings nicht nur eine Art Bestandaufnahme des Zeit-Empfindens in der heutigen, westlichen Welt durch, sondern macht dieses kleine Büchlein auch zu einer Kulturgeschichte der Zeit. So lässt er immer wieder philosophische und literarische Größen verschiedener Epochen zu Wort kommen. Das sind die schönsten Momente im Buch, bei dem der Autor zu besonderen Höchstleistungen aufläuft: Wenn er die Worte eines Heidegger oder eines Goethe in Bezug setzt zu seinen eigenen Überlegungen und dabei, im Vorbeigehen sozusagen, zeigt, dass die Zeit zu anderen Epochen anders empfunden wurde als heute.
Aber der Autor betrachtet nicht nur das Gestern, sondern auch das Heute und zeigt auf, dass es eine gewaltige Umstellung für das Denken des Menschen ist, in Echtzeit mit Menschen auf der anderen Seite des Globus zu kommunizieren. Und in den Kapitel über die Welt- und die Weltraumzeit zeigt er, dass die Zeit auch physikalisch gesehen relativ ist und nicht nur in dergefühlten Eigenzeit eines jeden einzelnen von uns.
In diesen Kapiteln hat der Autor es fast geschafft, mir Einsteins Relativitätstheorie nahe zu bringen- und ich verfüge über keinerlei physikalische Begabung. Ihm gelingt dies an hand von Beispielen und Situationsbeschreibungen aus dem Alltag- übrigens ein weiterer Grund, warum ich es genossen habe, dieses Buch zu lesen: neben dem geistigen, philosophischen schafft es Safranski auch immer wieder, die Thematik im Hier und Jetzt, im Alltag des Lesers zu verankern und Dinge zu beschreiben die jeder kennt. Das macht diese doch sehr schwer zu fassende Thematik fassbarer.
Diesees schmale Bändchen enthält ein ganzes Panoptikum an Möglichkeiten, über die Zeit nachzudenken und die Zeit zu erleben. Safranski geht allen Ideen, allen Ansätzen sehr behutsam und bedacht nach und behält dabei immer das große Ganze im Blick. Den Leser nimmt er dabei mit auf eine Reise, an deren Ende man vielleicht nicht über mehr Zeit verfügt, aber sie bewusster wahrnimmt.



