Norman Spinrad - Der stählerne Traum / The Iron Dream

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Der stählerne Traum

4|1)

Verlag: Hjb

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 384

ISBN: 9783956340208

Termin: Juni 2014

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  • Der Autor (nach Wikipedia): Norman Richard Spinrad, geboren am 15. September 1940 in New York City, ist ein US-amerikanischer Science-Fiction-Autor. Er gilt als ein Mitbegründer der New-Wave-Strömung der Science-Fiction in den 1960er-Jahren in den USA. In Deutschland machte ihn die Kontroverse um seine Satire "Der stählerne Traum" (1972) bekannt, die in Deutschland erst neun Jahre nach der Erstveröffentlichung in einer Übersetzung von Walter Brumm erschien. 1982 wurde das Buch als erster Science-Fiction-Roman überhaupt von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften indiziert. Erst nach 25 Jahren wurde das Buch am 31. Januar 2007 von der Liste der jugendgefährdenden Medien gestrichen. Allerdings hatte das Bundesverwaltungsgericht bereits 1987 die Indizierung für unrechtmäßig erklärt und so den Vertrieb des Buches wieder ermöglicht.


    Der Roman besteht aus einer minimalen Rahmenhandlung, die in einer Parallelwelt eines alternativen 20. Jahrhunderts spielt, in der Adolf Hitler im Jahr 1919, enttäuscht von der Politik seiner radikalen Gruppierung in München, die ihm seine politische Heimat war, nach New York auswanderte und dort ein allgemein geschätzter Comic-Zeichner und Science-Fiction-Autor wurde. Weiter weiß der Klappentext zu berichten: "Seine arischen Großmachtsträume fanden Niederschlag in seinem großen Epos "Der Herr des Hakenkreuzes", das er kurz vor seinem Tod im Jahr 1953 vollendete. Für den Roman wurde Adolf Hitler auf dem Weltcon 1955 posthum der Hugo-Gernsback-Award verliehen."


    Der Hauptteil des Buches ist dann dieser Roman "Der Herr des Hakenkreuzes", eine Geschichte, die für den Leser eine große ethische und ästhetische Herausforderung darstellt: Man folgt den widerlichen Abenteuern des reinrassigen Ariers Feric Jaggar, der sich einige Jahre nach einem Atomkrieg in Heldon, einem Land der Herrenmenschen, das umgeben ist von Staaten, die bevölkert sind von Mutanten und Mischwesen, zum charismatischen Anführer einer faschistischen Partei aufschwingt, die für "Reinrassigkeit" und gegen das Andersartige kämpft. Mit zu den größten Feinden zählen sogenannte Dominatoren, die die Gedanken ihrer Mitwesen manipulieren können und als Spione und Saboteure für den mit Heldon verfeindeten Staat Zind (= die Sowjetunion) arbeiten.


    Nach der Machtübernahme von Ferics Faschisten in Heldon (die auch unter intensivem Einsatz von Fernsehpropaganda erfolgen konnte), beginnt ein Krieg, nachdem die Mutantenhorden von Zind im östlichen Nachbarland Wolack einmarschiert sind. Zwei schnell zusammengestellte Einheiten aus Heldon marschieren ihrerseits in Wolack (= Polen) ein, in Marschrichtung auf die heranrückenden Feinde aus Zind. Die faschistische Sprache ist perfekt eingepasst in die aktionsreiche Darstellung des Kampfes, die einem effektreichen Blutrausch aus brechenden Knochen und spritzendem Blut folgt. Alles ist Lärm, Bewegung und Farbe, recht spannend geschrieben, aber voller Rassismen: Die Gegner von Ferics Faschisten werden durch die Bank als Geschmeiß, Ungeziefer oder menschliches Vieh bezeichnet. Jede Abweichung von der (genetischen) Norm wird zum Anlass genommen, das Andersartige zu vernichten. Die Feinde werden zu einer verschwommenen, entindividualisierten, tumben Masse, die, eingewoben in die spannende Beschreibung der Schlachten, locker über die Klinge springen darf. Die faschistischen Soldaten werden dagegen gewissermaßen zu einem einzigen Organismus, ausführende Arme einer "rassischen Idee", durchdrungen von der Seele "reinen Blutes". Die Körper der Feinde werden völlig auseinandergenommen. Ein Waten in Blut und Gedärm. Die vielen Kriegskapitel sind eindeutig in der Absicht geschrieben, die Leser mitzureißen, auf dass im Rauschhaften der spannenden, aktionsreichen Vorgänge der faschistische Inhalt geschluckt bzw. ausgeblendet wird. Überwältigung lässt ethische Einwände oft verblassen! Man lässt sich mitreißen. So funktioniert Propaganda ...


    Die umliegenden Länder werden überrannt und dem Heldonischen Reich einverleibt. Die bereits errichteten Registrierungslager, in denen die Bevölkerung innerhalb von sechs Tagen ihren genetischen Status überprüfen lassen kann, um sich dann bei genügender "Reinheit" auf die heldonische Staatsbürgerschaft oder die Mitgliedschaft in der SS zu bewerben, werden jetzt schnell in Vernichtungslager umgewandelt, um die Massen an Vertriebenen loszuwerden. Ja, sie verwenden tatsächlich ein Gas, dass die "Patienten erst vom Bewusstsein und dann von ihren Vitalfunktionen erlöst". Spinrad kennt keine Scheu, um seine Absicht konsequent durchzuhalten!

    Zitat

    Schließlich hatten diese armen Geschöpfe sicherlich ein Recht darauf, dass die biologisch höherwertige Nachfolgerasse, die sie im Einklang mit den Gesetzen der Natur verdrängt hatte, ihrem Elend ein möglichst rasches und schmerzloses Ende bereitete, statt sie im eigenen Unrat verrotten zu lassen.

    (S. 217)


    Ob der „Endsieg“ über Zind erlangt wird, wird hier nicht verraten. Aber dass Spinrad am Ende noch einen überraschenden Haken schlägt, kann ich versprechen! :wink:


    Nach dem Roman, springt es wieder zurück in die Parallelwelt des 20. Jahrhunderts: Es folgt ein simuliertes "Nachwort zur zweiten Auflage des Romans von 1959", in dem ganz wunderbar und stimmig psychologisiert wird, und die Schwächen (und Stärken) des Romans bloßgelegt werden; eine einzigartige Kombination von politischer Wunscherfüllung, pathologischem Fetischismus und phallischer Besessenheit. Außerdem wundert sich der fiktive Nachwortschreiber, wie die Figuren im Roman reihenweise einer narzißstischen Selbsttäuschung voller gewalttätiger und perverser Impulse verfallen konnten und sich dessen nicht schämten. Etwas, das es "in Wirklichkeit" niemals geben könnte ... :mrgreen:


    Interessant an dem Roman ist zunächst, dass etliche Science-Fiction- und Fantasy-Klischees durchgespielt werden. So gibt es zum Beispiel einen von Geburt an für eine Aufgabe vorbestimmten Anführer und eine mythische Waffe, die nur der wahre König zu führen weiß. Der Roman will den Leser ganz offensichtlich dazu bringen, narrative Muster zu erkennen und sein eigenes Leseverhalten zu hinterfragen: Wo schlummern selbst in harmlosen Geschichten und Stereotypen latent rassistische Grundierungen? Wie leicht kann in einer spannenden Geschichte das falsche Gedankengut transportiert werden, wenn der Leser oder der Autor kein eigene Haltung haben? All das veranschaulicht Spinrad dem geneigten Leser mit großer Raffinesse und böser Konsequenz. Es ist gut, sich während der Lektüre immer wieder vergegenwärtigen zu können, dass Spinrad ein jüdischer Schriftsteller ist.


    Den Roman zu lesen macht kein richtiges Vergnügen, was im Grunde wohl auch beabsichtigt ist. Es geht weniger darum, eine spannende, logische Handlung zu erzählen, sondern darum zu zeigen, wie Legenden gebildet werden und wie Propaganda funktioniert. Und das Wichtigste ist: Es wird nicht analytisch vorgeführt, sondern fast körperlich erlebbar gemacht! Eine schreckliche Erfahrung! Dennoch ist es eine anregende Lektüre und auf jeden Fall viel ergiebiger, um sich der Faszination des Faschismus zu nähern, als so manche zeitgeistige Hitler-Satire, die auch einfach nur den Nazi-Chic pflegt. In Norman Spinrads Roman wird nicht nur leicht an Tabus gekratzt, es geht ziemlich ans Eingemachte. Es ist sehr beeindruckend, auf welche Weise und mit welcher Konsequenz ein aufklärerischer Ansatz gegen Faschismus und Menschenhass verfolgt wird, indem faschistische Propaganda kopiert wird.


    Und tatsächlich habe ich, der ich ein großer Feind jeder Art von Zensur oder ähnlicher Beschränkung der Kunst bin, mehr als einmal überlegt, ob die damalige Indizierung des Romans, also das Werbeverbot und das Verbot, den Roman im Buchhandel frei zugänglich auszulegen, nicht doch ein vernünftiger Schritt gewesen ist, um die vielen dummen Leser, die den satirischen Gehalt der Geschichte nicht wahrnehmen, von der Lektüre abzuhalten. Spinrad ist einfach zu gut. Er hält die Maskerade bis zuletzt aufrecht. :thumleft:

    John Berger "Von ihrer Hände Arbeit" (343/623)

    Larry Brown "Fay" (335/652)


    Jahresbeste: John Berger (2019), Emil Ferris (2018), Willa Cather (2017), Adrian Tomine (2016), Derek Raymond (2015), James Agee (2014), Ken Kesey (2013), Jim Nisbet & Richard Ford (2012) :king:
    Gelesen: 62 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Joe Kelly & Ken Niimura "I Kill Giants" (21.8.)

  • Eine neue deutsche Ausgabe im Schweizer Verlag Scipio aus dem Jahr 2014 auf Grundlage der durchgesehenen alten Heyne-Übersetzung von Walter Brumm aus dem Jahr 1979.

    John Berger "Von ihrer Hände Arbeit" (343/623)

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  • Eine englische Kindle-Ausgabe unter dem Originaltitel "The Iron Dream" aus dem Jahr 2014.

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    Jahresbeste: John Berger (2019), Emil Ferris (2018), Willa Cather (2017), Adrian Tomine (2016), Derek Raymond (2015), James Agee (2014), Ken Kesey (2013), Jim Nisbet & Richard Ford (2012) :king:
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  • Vielen Dank für diese ausführliche und sehr interessante Rezi :thumleft: Das hört sich wirklich nicht nach Lesevergnügen an, aber auf jedem Fall nach einem lesenswerten Buch. Wandert mal direkt auf meine Wunschliste.

    Gelesen in 2019: 17 - Gehört in 2019: 14 - SUB: 389


    "Wenn der Schnee fällt und die weißen Winde wehen, stirbt der einsame Wolf, doch das Rudel überlebt." Ned Stark

  • Wie immer bin ich fasziniert von deiner Rezension, (jede deine Rezensionen führt dazu dass meine Wunschliste, würde ich nicht aufpassen ins Unendliche wächst) herzlichen Dank.
    @Jean van der Vlugt Kennst du evtl. auch andere Bücher von Norman Spinrad?
    Dieses führt meine Onleihe nicht, jedoch "Kind des Glücks" , "Little Heroes" und "Die Bruderschaft des Schmerzes"
    Denn ich würde gerne ein etwas gemässigtere Lektüre dieses Autors lesen, bevor ich mich an dieses von dir vorgestellte wage.

  • Vielen Dank für diese ausführliche und sehr interessante Rezi :thumleft: Das hört sich wirklich nicht nach Lesevergnügen an, aber auf jedem Fall nach einem lesenswerten Buch. Wandert mal direkt auf meine Wunschliste.

    Für Dich als ausgewiesene Fantasy-Freundin ist das sicherlich interessant! :winken: Und man lernt wirklich viel über Propaganda und die gefährliche Macht, die Geschichten haben können.

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  • Wie immer bin ich fasziniert von deiner Rezension, (jede deine Rezensionen führt dazu dass meine Wunschliste, würde ich nicht aufpassen ins Unendliche wächst) herzlichen Dank.

    Das freut mich - aber ein wenig rot werde ich schon... :):winken:


    Kennst du evtl. auch andere Bücher von Norman Spinrad?
    Dieses führt meine Onleihe nicht, jedoch "Kind des Glücks" , "Little Heroes" und "Die Bruderschaft des Schmerzes"

    Ich kenne leider noch keine weiteren Bücher von ihm, habe mir allerdings selber "Bilder um elf" auf meine Wunschliste gepackt, weil es da um globalen Terrorismus und die (verdummende) Macht des Fernsehens geht.
    Von den drei von Dir genannten habe ich mir gerade kurz mal die Inhalte angeschaut. "Little Heroes" scheint - angesiedelt in Rockmusikzirkus - zumindest eine sehr explizite Sprache aufzuweisen, "Die Bruderschaft des Schmerzes" hört sich ja auch ziemlich heftig an - wenn auch sehr interessant. "Kind des Glücks" ist vielleicht der schönste der drei Romane - Menschen, die im Alter zwischen Kindheit und Erwachsensein auf Wanderschaft gehen. Soll "erotisch und lyrisch" sein. Aha! Ich würde daher vielleicht das wählen! :wink:

    John Berger "Von ihrer Hände Arbeit" (343/623)

    Larry Brown "Fay" (335/652)


    Jahresbeste: John Berger (2019), Emil Ferris (2018), Willa Cather (2017), Adrian Tomine (2016), Derek Raymond (2015), James Agee (2014), Ken Kesey (2013), Jim Nisbet & Richard Ford (2012) :king:
    Gelesen: 62 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
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