Yaak Karsunke - Toter Mann

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  • Der Autor (nach Wikipedia und andernorts): Yaak Karsunke wurde 1934 in Berlin als Georg Karsunke geboren. Nach Abbruch eines Jurastudiums absolvierte er von 1955 bis 1957 eine Schauspielausbildung an der Max-Reinhardt-Schule für Schauspiel. Von 1957 bis 1964 lebte er von Gelegenheitsarbeiten. 1964 ging er nach München, wo er sich in der außerparlamentarischen Opposition engagierte. 1965 gründete er mit anderen linken Autoren die Literaturzeitschrift "kürbiskern", deren Chefredakteur er bis 1968 war. Seit 1969 ist er freier Schriftsteller. Anfangs schrieb er Theaterkritiken für Zeitschriften und arbeitete als Theaterkritiker beim Bayerischen Rundfunk. Daneben verfasste er vorwiegend Lyrik. Seit 1972 schreibt er auch Theaterstücke und Hörspiele. Spielte in zwei Rainer-Werner-Fassbinder-Filmen wichtige Nebenrollen - jeweils als Kriminalkommissar -, war von 1976 bis 1979 Fachberater für Drehbuch und Dramaturgie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie und von 1981 bis 1999 Gastprofessor für 'Szenisches Schreiben' an der Hochschule der Künste in Berlin, wo er heute lebt. 1989 veröffentlichte er den Kriminalroman "Toter Mann“, für den er 1990 den 2. Platz beim Deutschen Krimipreis erhielt. Außerdem wurde ihm 2005 der Erich-Fried-Preis verliehen.


    Inhalt (nach krimilexikon.de): Der unterbeschäftige und überbezahlte Literaturredakteur eines Berliner Radiosenders gerät durch seine Freundschaft mit der attraktiven Boutiquenbesitzerin Vera in ein Gewirr von Korruption, Gewalttätigkeit und vertuschten Vergangenheiten, das prägend für das Berliner Milieu ist. Die Bauunternehmersgattin Birgit macht ihm unverhohlene Angebote, während Vera von einem ehemaligen Bekannten mit Pornofotos erpresst wird. Zurück führt das alles in die Zeit des Kalten Krieges und der DDR-Fluchthilfe, als die Grundsteine für heutige Karrieren gelegt wurden...


    Ein sehr lässiger Kriminalroman, in dem ein abenteuerlustiger, bindungsloser Westberliner Radiomacher im Jahr 1987, dem Jahr der Berliner 750-Jahr-Feier und des zitierwürdigen Ronald-Regean-Besuches, die Vergangenheit einfach nicht ruhen lassen kann, auch wenn er bedroht, verprügelt und niedergeschlagen wird. Ungefragt tritt man ihm nicht auf die Füße! Er fühlt sich hier wohl, das ist seine Stadt - da geht ihn auch der ganze Mist was an! Als ein verfängliches Foto seiner momentanen Liebschaft in seinem Briefkasten landet, beginnt er an möglichen und unmöglichen Orten herumzufragen und stößt auf den Mord an dem Bruder eines idealistischen DDR-Fluchthelfers und ein 1976 abgebranntes Edel-Bordell im Grunewald, das anscheinend aus Kreisen der Jungen Union als Refinanzierung der Fluchthilfe-Aktivitäten mitbetrieben wurde, in dem außerdem „in den Westen rübergemachte“ Frauen aus der DDR ihre Schulden abarbeiten durften, wenn sie die Bezahlung ihrer Fluchthelfer nicht anders aufbringen konnten. Auch ein Jahrzehnt später lassen sich die Hintermänner ungern in die Karten gucken und alle Nestbeschmutzer und Fragesteller werden unnachgiebig verfolgt und auf die eine oder andere Weise ruhigstellt.


    Ein genau beobachteter Hard-Boiled-Krimi mit guten Dialogen, authentischen Figuren, dem richtigen Maß an Klischees und wohl dosiertem Lokalkolorit, dessen unkonventionelle Ermittlerfigur sehr viel in der Stadt herumkommt, die Westberliner Stimmung Ende der Achtziger vortrefflich einfängt und ganz unterschiedliche Milieus, Bezirke und Menschen aufsucht: Zehlendorfer Villen, Vernissagen in Fabriketagen, die Boutiquen rund um den Kurfürstendamm, piefige Schrebergärten beim Schloss Charlottenburg, ein schummriges Gartenlokal mit dem schönen Alki-Namen "Kullerpfirsich“, Neuköllner Zeitungskioske, Elektro-Kramläden und Hinterhöfen mit mauligen Hausmeisterinnen, das Olympiabad mit seinen Breker-Skulpturen in Neu-Westend, das bürgerliche Lichtenrade, die Gegend um den Halensee, das Hansaviertel und die ehemals Rote Künstlersiedlung am Breitenbachplatz, der U-Bahnhof Kottbusser Tor und die nächtliche Havelchaussee. Ein Roman aus der schönen Zeit, als es das Verkaufsargument „Regionalkrimi“ noch nicht gab, der sich äußerst stimmig nach und nach anhand des Treibens und Nachforschens der Hauptfigur entwickelt, dabei sein Herz auf dem richtigen Fleck hat und nicht mit gesellschaftlichen Kommentaren in alle Richtungen geizt.


    Niemals verkrampft oder verkopft, doch immer auf interessante Weise die kriminell unethischen Verflechtungen von korrupter, scheinbar idealistischer Politik, halbseidenem Milieu und organisierter Kriminalität im Blick. Es wird nicht gejammert, sondern lieber zugeschlagen, Edelzwicker getrunken und vernünftige Musik gehört. Wenn mal nichts zu tun ist, wird das Klo geputzt. Die "kleinen Fische" sind schön fies, die wahren Schurken stets sehr höflich. Ein einsamer Wolf gegen übermächtige Strukturen, mit schön paranoidem Einschlag zum Ende hin, und dem pragmatischen Bewusstsein, notfalls lieber das Geld zu nehmen, um die eigene Haut zu retten, auch wenn die Frau einen sitzen lässt und die Bösewichte weiter werkeln dürfen. Hauptsache, man kann mit der jungen Witwe anbandeln. Hier treten keine literarischen Übermenschen in Erscheinung, die kriminelle Sümpfe trockenlegen wollen, sondern ganz normale Leute mit Schwächen, Wünschen und Begehrlichkeiten. Ich habe mich sehr zuhause gefühlt.

    Alfred B. Guthrie "Der weite Himmel" (145/412)

    Geoffrey McSkimming "Cairo Jim und die vergessenen Götter" (27/188)


    Jahresbeste: Drury (2021), Jansson (2020), Lieberman (2019), Ferris (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & Ford (2012) :king:

    Gelesen: 54 (2021), 161 (2020), 127 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Rick Bass "Winter in Montana" (23.3.)

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