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Gerit Bertram - Die Tochter des Medicus

Die Tochter des Medicus

3.8 von 5 Sternen bei 5 Bewertungen

Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 512

ISBN: 9783734103155

Termin: Juli 2016

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  • Das Schicksal einer Frau wird zum Vermächtnis einer ganzen Familie


    Klappentext:
    Als Gideon Morgenstern in Regensburg das Erbe seines Großvaters antritt, ahnt er nicht, dass der Koffer, den der alte Mann ihm vermischt hat, sein Leben für immer verändern wird. Gideon, der stets gegen die Traditionen aufbegehrte und als Einziger in der Familie nicht Arzt wurde, entdeckt die tragischen Zeugnisse einer längst verschwundenen Welt: alte Fotografien, ein Hochzeitsgewand - und vor allem einen uralten Holzkoffer. Dieser gehörte Daniel Friedmann, einem jüdischen Arzt, der 1519 in Regensburg bei einem Pogrom ermordet wurde. Als einzige Überlebende aus der Familie nahm seine Tochter Alisah den Medizinkoffer an sich und führte sein Handwerk fort. Doch als jüdische Frau war es nicht nur gefährlich, sondern auch verboten, als Ärztin tätig zu sein...
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    Meine Meinung:
    Wie man viel schon bemerkt hat, bin ich ein Fan historischer Romane. So war mir auch sehr schnell klar, dass ich das vorliegende Buch unbedingt haben wollte.
    Schon der Anblick des Covers hatte mich total neugierig gemacht. So neugierig, dass ich nach dem Erhalt des Rezensionsexemplars sofort mit dem Lesen begonnen habe.
    Einfühlsam, aber niemals kitschig beschreibt das Autorenpaar (Iris Klockmann und Peter Hoeft) das Schicksal einer jungen Frau um 1500, die trotz aller Auflage, Verbote und Schwierigkeiten ihrer Berufung nachgehen möchte. Aber nicht nur das. Im zweiten Handlungsstränge, begründet durch den Fund eines Tagebuchs, wird die Geschichte von Gideon erzählt. Gideon lebt allerdings im hier und heute. Er lernt durch das Tagebuch nicht nur seine Vorfahren kennen, sondern hat nun auch die Möglichkeiten sein Leben in eine andere Richtung zu lenken. Beide Handlungsstränge laufen parallel und sind jedoch deutlich zu unterscheiden.
    Sehr detailliert werden die Zeitgeschehen beschrieben, so dass man als Leser das Gefühl hat, mitten dabei zu sein. Also nicht nur Leser, sondern vielmehr als Zuschauer. Deshalb könnte ich mir die Story sehr gut verfilmt vorstellen.
    Sehr schön fand ich auch die Beschreibung des "Koffers wider des Vergessens". In der Tat sollten solche Schätze gewürdigt und nicht in Vergessenheit geraten.
    Vergessen dürfen wir auch nicht die Worte, die noch heute im Sprachgebrauch sind, ihren Ursprung jedoch in der jüdischen Sprache haben: Bammel, Schmonzes etc. Siehe hierzu auch das Glossar, das Aufschluss über die verwendeten Begriffen bietet.
    Einen kleinen Wehmutstropfen hatte es aber doch. Stellenweise, etwa ab 2/3 des Buches, fand ich die historische Geschichte, also die Geschichte der Alisah etwas zu langatmig und nur seitenfüllend. Ich war manchmal geneigt einfach weiterzublättern, habe dann aber doch tapfer durchgehalten.
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    Fazit:
    Ein toller historischer Roman, der auf zwei Zeitebenen spielt. Absolut Lesenswert!

  • Und ein bischen etwas über den Autor: :wink:
    Gerit Bertram ist das Pseudonym eines Autorenpaares, das sich 2007 durch ein Internet-Schreibforum kennenlernte. Schnell entdeckten sie ihre gemeinsame Liebe zur Geschichte und schreiben seitdem erfolgreich zusammen. Iris Klockmann ist gelernte Arzthelferin und lebt mit ihrer Familie in ihrer Geburtsstadt Lübeck. Peter Hoeft war fast dreißig Jahre lang in der stationären Altenpflege tätig und wohnt in der Nähe von Hannover.
    Quelle: Amazon.de

    :study: Ich bin alt genug, um zu tun, was ich will und jung genug, um daran Spaß zu haben. :totlach:

  • Eine mutige junge Frau



    Die Geschichte von Alisah Friedmann ist die Geschichte einer mutigen jungen Frau, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts zielstrebig ihren Weg geht und ihren Traum als Medica zu arbeiten nicht aufgibt. Es ist die Geschichte einer mutigen jüdischen Frau, die in einer schweren Zeit viele Schicksalsschläge erleidet und trotzdem an ihrem Glauben und ihren Zielen festhält.


    Entdeckt wird ihre Geschichte von einem ihrer Nachkommen, der 500 Jahre später durch ihre Tagebücher in ihre Geschichte eintaucht und gefesselt ist von ihr und der Geschichte seines Volkes, die ihm bisher nicht als seine eigene erschien.


    Die Tochter des Medicus ist ein interessanter und spannender historischer Roman der auf zwei zeitlichen Ebenen spielt. Mit Gideon Morgenstern erlebt der Leser die aufregende Reise seiner jungen Vorfahrin. Durch die persönliche Verknüpfung mit Alisahs hat er nun einen Einblick in das mittelalterliche jüdische Leben, dass ihn mehr und mehr beschäftigt und er lernt etwas darüber einen Lebenstraum zu verwirklichen.


    Den Autoren gelingt es durch die verschiedenen Zeitstränge eine Spannung aufzubauen und durch die Schilderung der beteiligten Personen und ihren Erlebnissen diese bis zur letzten Seite aufrecht zu erhalten. Man mag gar nicht mehr aufhören zu lesen und mit zu erleben wie es weiter geht mit Alisah und Gideon in ihren verschiedenen Lebenssituationen. Durch das Erzählen aus der Perspektive verschiedener Personen hat der Leser die Möglichkeit die Handelnden aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und gewinnt so ein vielseitiges Bild.


    Die gut recherchierte Darstellung jüdischen Lebens macht Lust darauf noch mehr zu erfahren und vielleicht noch mehr bemerkenswerte Personen wie Alisah Friedmann kennen zu lernen. Einer jungen Frau die ihr Leben dem Dienst an den Menschen verschreiben möchte, einer jungen jüdischen Frau die ihr Glaube an einen allmächtigen Gott lehrt, dabei keine Unterschiede zu machen und immer die Bedürftigkeit der Mitmenschen zu sehen ungeachtet aller Regeln und Traditionen.


    Ein schöner Roman für alle die Freude an erlebbarer Geschichte haben.


    Michelle

  • Beitrag an bestehenden Thread angehängt :wink:

    viele Grüße vom Squirrel

    :study: Rafik Schami - Die dunkle Seite der Liebe


  • Im Jahr 2013 erbt Gideon von seinem verstorbenen jüdischen Großvater, zu dem er seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte, weil er entgegen der Familientradition nicht Arzt, sondern Buchhalter und Controller geworden und seinen eigenen Weg gegangen ist, neben dessen Haus in Regensburg einen alten Holzkoffer. Den Koffer wider das Vergessen. Mit dem Inhalt dokumentiert Gideons Familie seit Jahrhunderten ihr Leben, ihr Wirken und ihre Traditionen und findet darin Trost und Halt. Nun ist es an Gideon, den Koffer sicher aufzubewahren, ihn mit Achtung zu behandeln und irgendwann selbst Zeugnis über sich abzugeben, indem er etwas, das ihm viel bedeutet, für seine eigenen Nachfahren in den Koffer legt.


    Unter den Erinnerungsstücken entdeckt Gideon ein Tagebuch, das er nicht lesen kann, weil er kein Hebräisch beherrscht. Mit Hilfe der Studentin Paula gelingt es ihm jedoch, die Geschichte seiner Vorfahrin Alisah zu ergründen. Das Schicksal der jungen Frau lässt ihn auch sein eigenen Leben überdenken...


    1519 werden die Juden in Regensburg gezwungen, innerhalb weniger Tage die Stadt zu verlassen, ihr gesamtes Wohnviertel und ihre Synagoge zerstört. Im Zuge dieses Pogroms wird der jüdische Arzt Daniel Friedmann ermordet. Infolgedessen erleidet seine Tochter Alisah, die ihrem Vater bei der Behandlung seiner Patienten sonst hilfreich zur Seite steht, ein Trauma und verliert ihre Stimme. Als einzige Überlebende der Familie findet sie Zuflucht in Frankfurt und versucht, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Allerdings ist ihr der Beruf des Mediziners eigentlich verwehrt, weil es Frauen verboten ist, zu studieren. Nur wenn Alisah ein doctor medicinae in Heilkunde unterweisen würde, wäre es ihr gestattet, als Chirurgin oder Hebamme zu arbeiten. Und so verfolgt Alisah zielstrebig ihren Traum...


    Die Geschichte der "Tochter des Medicus" auf zwei Zeitebenen, die gelungen miteinander verknüpft werden, weist eine detaillierte und fundierte Recherche auf. Die Autoren Iris Klockmann und Peter Hoeft, die unter dem Pseudonym Gerit Bertram schreiben, haben nicht nur den historischen Hintergrund ausführlich dargestellt, sondern machen den Leser auch in umfassender Weise mit dem jüdischen Glauben und Leben und der Kultur vertraut. Das ist interessant und wissenserweiternd. Im Übrigen tragen ein ausführliches Glossar und Nachwort ebenfalls hierzu bei.


    Der Erzählton zeigt sich in der Regel unaufgeregt, ruhig und entschleunigt, doch sehr einfühlsam. Dies vermittelt ein angenehmes Lesegefühl, das das nahe Erleben des Geschehens möglich macht.


    Die Protagonisten fügen sich gut in das Geschehen ein, sind mit erkennbarem Engagement charakterisiert worden und durchlaufen im Verlauf der Handlung eine nachvollziehbare Entwicklung.


    Die in der Vergangenheit im Mittelpunkt stehende Alisah zeichnet sich durch Herzenswärme aus, sie ist geistvoll und klug. Nach dem Tod und dem Verlust der Stimme verlässt sie den ihr vorbestimmten Lebensweg, da sie begierig ist, zu lernen und zu helfen. Ein Leben daheim, wie es die vorgeschriebenen Gesetze seit jeher verlangen, ist ihr nicht genug. Sie möchte stattdessen auf den Spuren jüdischer Ärztinnen wie Rebekka in Salerno, Floreta und Ceti, die sogar im Dienst spanischer Königinnen standen, folgen. Sie eignet sich medizinische Fähigkeiten an und beeindruckt durch ihre Art und Weise, Menschen kenntnisreich und beherzt zu behandeln.


    Gideon in der Gegenwart ist temperamentvoller Italiener, nicht besonders fromm, weshalb er gut wie nie die Synagoge besucht. Anfangs schenkt Gideon seinen jüdischen Wurzeln wenig Beachtung. Einst hatte er sich gegen die Familientradition für einen anderen Beruf entschieden. Im Laufe der Zeit ist er aber auch mit diesem nicht glücklich, ihm fehlt das Gefühl von Erfüllung und das sichere Wahrnehmen, die richtige Position gefunden zu haben. Zudem hat er viele Jahre an einem Ort gelebt, der nie zu einem Zuhause wurde. Während er Alisahs Geschichte erfährt, verändert er sich, verliert seine Lässigkeit, verspürt zunächst Trauer und legt eine Verletzlichkeit an den Tag, die den Leser für ihn einnimmt und freut, an seinem Wachsen und seiner Selbstfindung teilzuhaben.


    Alles in allem erzählt "Die Tochter des Medicus" von Gerit Bertram vom Schicksal der Menschen an Wendepunkten ihres Lebens und eröffnet dem Leser dadurch nicht nur die Möglichkeit, sich mit jüdischem Glauben und der Kultur vertraut zu machen, sondern bietet ebenso einen Blick auf die medizinischen Gegebenheiten im Mittelalter.


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

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