John Hawkes - Belohnung für schnelles Fahren bei Nacht / Travesty

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Belohnung für schnelles Fahren bei Nacht

4|1)

Verlag: Suhrkamp

Bindung: Broschiert

Seitenzahl: 121

ISBN: 9783518390269

Termin: 1996

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  • Der Autor (nach Wikipedia): John Clendennin Burne Hawkes, Jr. (geboren 17. August 1925 in Stamford, Connecticut, gestorben am 15. Mai 1998 in Providence, Rhode Island) war ein amerikanischer Schriftsteller. Er gilt als einer der herausragenden Vertreter der amerikanischen Postmoderne. Allerdings gelten seine Romane als schwer zugänglich, wenig massentauglich und erreichten zu keiner Zeit hohe Auflagen. Zu seinen Bewunderern zählen allerdings unter anderem Saul Bellow, Thomas Pynchon, William Gaddis, William Gass und Susan Sontag. Außerhalb der USA fanden seine Werke vor allem in Frankreich Anklang.


    Hawkes wuchs in Connecticut, Alaska und New York auf. 1943 begann er ein Studium an der Harvard University, brach es aber nach kurzer Zeit ab (1947 sollte er es wieder aufnehmen) und meldete sich als Freiwilliger zum American Field Service, für den er 1944 und 45 in Italien und Deutschland als Sanitäter an der Front im Einsatz war. Sein erster Roman „The Cannibal“, der in einem albtraumhaften Deutschland der unmittelbaren Nachkriegszeit angesiedelt ist, erschien 1949. Nach seinem Universitätsabschluss, ebenfalls 1949, arbeitete Hawkes zunächst für die Harvard University Press, 1955 begann er seine Lehrtätigkeit am Fachbereich für englische Literatur. 1958 wechselte er von Harvard zur Brown University, an der er bis zu seinem Tod Literatur und kreatives Schreiben lehrte.
    Hawkes' Werk ist geprägt von radikalen Form- und Sprachexperimenten und thematisiert zumeist die Abgründe menschlichen Handelns, Gewalt und sexuelle Perversionen. Viele seiner Romane sind in surreal-apokalyptisch anmutenden Landschaften angesiedelt


    Werke (in deutscher Übersetzung): The Cannibal (1949, dt. Der Kannibale), The Lime Twig (1961, dt. Die Leimrute), Second Skin (1964, dt. Die zweite Haut), Travesty (1976, dt. Travestie / Belohnung für schnelles Fahren bei Nacht [Die deutsche Übersetzung war zeitweise anscheinend sogar unter beiden Titeln bei Suhrkamp lieferbar]), Adventures in the Alaskan Skin Trade (1985, Abenteuer bei den Pelzhändlern in Alaska).


    Inhalt (laut Klappentext): Ein verwöhnter Mann am Steuer des schnellsten Wagens der Saison. Neben ihm Henri, prominenter Lyriker im Verschleiß des Kulturbetriebs. Er ist Frau und Tochter des Fahrers sexuell zugetan. Auf der Rückbank Chantal, die Tochter. Der Mann steuert den Wagen mit überhöhter Geschwindigkeit eine schmale Landstraße Südfrankreichs entlang, auf einen genau bedachten tödlichen Unfall zu …



    Dieser 120 Seiten lange, von Jürg Laederach übersetzte Monolog (den Begriff Roman vermeidet der Verlag mit Bedacht) ist ein postmoderner, unbehaglicher Spaß, der sprachlich hervorragend den Grat zwischen Chaos und Kontrolle, zwischen Trip und Trümmern ausbalanciert. Er ist leicht zu lesen und voller faszinierender Abweichungen. Der Leser ist einem sehr zweifelhaften, latent größenwahnsinnigen Erzähler ausgeliefert, der während der rasanten Nachtfahrt, die seinem "erweiterten Selbstmord", den er zu einem poetischen Akt hochstilisiert, weniger anklagt, als vielmehr doziert, abschweift zu seinem einbeinigen, stark rauchenden Arzt, dem schlechten Charakter seiner Landsleute und seiner Liebschaft zu einer sehr kleinen Frau und mögliche Vorwürfe, die vom Beifahrersitz kommen können – ist es Mord, was er plant? Handelt er aus Eifersucht? -, auseinandernimmt und weit von sich weißt. Die Folge ist, dass der Leser keine spannende Vorgeschichte nacherzählt bekommt und keine melodramatische Erklärung für das Geschehen geliefert kriegt, sondern immer weiter verstrickt wird in die Frage, inwieweit den vorgebrachten Erzählungen und Erinnerungen überhaupt zu trauen ist. Während der Lektüre fragt man sich schon manchmal, was das Ganze soll, warum einen dies Geschwafel, diese Schicksale interessieren sollen, die da so halbherzig angerissen werden. Doch schon bald greift der Ehrgeiz des Lesers (jedenfalls derer, die nicht immer alles erklärt bekommen wollen) und man sucht nach Leerstellen und Sprüngen im Gebälk der Erzählung: Warum ist nicht auch seine Frau Honorine mit im Auto, sondern nur seine Tochter und der befreundete Liebhaber? Welcher Art war die (irgendwie durch die Betrachtung von Aktfotos befeuerte) Dreier-Beziehung zwischen Erzähler, Honorine und Henri? Warum wurde Chantal von ihren Eltern irgendwann das „Porno-Kerlchen“ und „Königin von den Karotten“ genannt?


    Einen deutlichen Hinweis auf diese einzunehmende Lese-Haltung lieferte schon das vorangestellte Camus-Zitat (aus „Der Fall“), in dem drei Typen von Menschen getrennt werden: zunächst diejenigen, die „lieber nichts zu verbergen haben als lügen zu müssen; die anderen möchten lieber lügen als nichts zu verbergen haben; und die dritten schließlich lieben das Lügen und das Verbergen gleichermaßen. Ich überlasse es Ihnen, die Kategorie zu wählen, in die ich am besten passe.“
    Wie es soweit kommen konnte oder in welcher Weise dem Erzähler, der sich in an der Beliebigkeit und Inhaltsleere seines Lebens regelrecht ergötzt, irgendeine Form von Unrecht oder Ehrverletzung angetan wurde, kann in keiner Weise beantwortet werden! Stattdessen werden die vorgebrachten Erinnerungen und Auslassungen immer doppelbödiger und gleichzeitig auch sexuell anrüchiger. Man möchte sich die Finger waschen, fühlt sich durch so manche perverse Andeutung fast beschmutzt.


    Eine auffallende Textstelle wirft die Frage auf, ob der Erzähler nicht schlichtweg Lügen und Unwahrheiten erzählt, vielleicht um sich interessant zu machen und um sein Leben mit etwas melodramatischem Pfeffer zu versehen:

    Zitat

    Ich glaube nicht an Geheimnisse – weder an vorenthaltene noch geteilte. Ebensowenig glaube ich an Schuld. Lass uns doch wenigstens zugeben, dass Geheimnisse und sogenannte Schuldhandlungen Fiktionen sind; sie dienen zur Belebung des Gefühls, wir hätten eine persönliche Sphäre; sie speisen unserer Isolation etwas Lust ein, um den Puls dessen zu verstärken, was die meisten Menschen benötigen, nämlich, den Puls des Glaubens ans Leben.

    (S. 33)


    Der Roman heißt im Original „Travesty“. Auch die erste deutsche Übersetzung hieß „Travestie“ und nicht nach Aufmerksamkeit heischend „Belohnung für schnelles Fahren bei Nacht“ (was die „Belohnung“ sein soll, steht meiner Ansicht nach sowieso in den Sternen, wird im Roman nie von Belohnung, eher von Einvernehmen, Schuld, Klarheit und dem Lauf der Dinge gesprochen). Eine literarische Travestie ist ja im Grunde die Nachahmung einer Kunstform in einem anderen Stil, oft eine Trivialisierung zu parodistischen Zwecken. Mit niederen Mitteln wird eine Haltung eingenommen, eine fremde Aussage imitiert. Insofern ist die Haltung des Erzählers interessant, die glaubt mit seiner Todesfahrt einen Akt der reinen Poesie zu besiegeln, die den befreundeten Lyriker, dessen Poesie er im Grunde für hohle Phrasen hält, mit ins Verderben zieht. Der Mörder als der wahre Poet. Als der Lyriker kurz vor Ende des Buches endlich einmal etwas äußert, was sich mit der Ansicht des Erzählers deckt, nämlich die Einsicht, dass ein gedachtes Leben erheiternder sei als ein erinnertes Leben, ist der Erzähler richtiggehend froh und fühlt sich verstanden (S. 121). Ein Gewaltakt als die Suche nach Anerkennung und Übereinstimmung.


    Und so kann die Geschichte gewissermaßen glücklich enden. Überlebende oder Verletzte sind nicht zu erwarten. Und während das Auto gegen die Wand fährt, dreht sich Honorine im Schlaf in ihrem Bett im nahegelegenen Chateau wohlig auf die andere Seite ...

    Willy Vlautin "Northline" (42/204)

    Clarice Lispector "Der Apfel im Dunkeln" (47/345)


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    Letzter Buchkauf: John Waters "Carsick: Meine unglaubliche Reise per Anhalter durch Amerika" (17.7.)

  • Das ist die englische Ausgabe unter dem Originaltitel "Travesty". 132 Seiten beim US-Avantgarde-Verlag "New Directions".

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  • Die Erstausgabe der deutschen Übersetzung unter dem Titel "Travestie" in der edition suhrkamp 1986 erschienen.

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  • Im Grunde ist noch nicht einmal gesichert, ob der Fahrer nicht alleine im Wagen sitzt, sich seine Mitreisenden nur zusammenfabuliert. Vielleicht war der Arztbesuch, den er am Morgen vor der Fahrt unternahm, doch nicht nur eine Routineuntersuchung, sondern ergab eine tödliche Diagnose? Vielleicht sind die Erinnerungsfetzen des Erzählers auch nur Umdeutungsversuche eines verkorksten Lebens voller sozialer, zwischenmenschlicher und sexueller Demütigungen?


    Sowas nennt man neuerdings, etwas doof, gemeinhin ja gerne auch "Mindfuck". :P

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