Jürgen Todenhöfer - Inside IS:10 Tage im "Islamischen Staat"

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  • Jürgen Todenhöfer: Inside IS - 10 Tage im "Islamischen Staat"


    Titel: Inside IS - 10 Tage im "Islamischen Staat"
    Autor: Jürgen Todenhöfer
    Seiten: 286
    ISBN: 978-3-570-10276-3
    Verlag: Bertelsmann


    Autor:
    Jürgen Todenhöfer wurde 1940 geboren und saß 18 Jahre für die CDU im Bundestag. Er war Fraktionssprecher für Entwicklungshilfe und Rüstungskontrolle. Anschließend arbeitete er 22 Jahre an der Spitze eines großen Medienunternehmens. Immer wieder bereiste er Kriegs- und Krisenschauplätze im Mittleren Osten, vor allem Afghanistan, Irak, Syrien und Palästina. Mit seinen Buchhonoraren unterstützt er verschiedene Projekte, wie ein Waisenhaus in Afghanistan, ein HIV-Kinderkrankenhaus im Kongo oder ein israelisch-palästinensisches Versöhnungsprojekt. Das Honorar dieses Buches geht an syrische und irakische Flüchtlinge sowie an Kinder in Gaza.


    Thematik:
    Zehn Tage rieste Jürgen Todenhöfer als erster westlicher Publizist in Begleitung schwer bewaffneter Jihadisten durch den "Islamischen Staat". Eine abenteuerliche Unternehmung mit ungewissen Ausgang. Doch nur so ist es möglich, das Leben der gefährlichsten Terroristen der Welt hautnah nachzuvollziehen, ihren Alltag, ihre Motive. Bislang ist es niemanden gelungen, den IS so genau zu recherchieren. Todenhöfer: "Man muss dort gewesen sein, um das IS-Phänomen zu verstehen. Man muss seine Feinde kennen, wenn man sie besiegen will."


    Eindringlich wird vor den radikalen und unmenschlichenn Zielen des IS gewarnt, für die es keine Rechtfertigung gibt. Vor allem keine islamische. Der IS sei ein Kind des völkerrechtswidrigen Krieges gegen den Irak. Todenhöfers dramatischer Report aus dem "Reich des Bösen" ist eine eindringliche Mahnung, um einen politischen Ausweg aus der Gewaltspirale im Mittleren Osten zu finden. Und ein Plädoyer für eine klügere Antiterrorpolitik. (Klappentext)


    Rezension:
    Jürgfen Todenhofer ist ein durchaus umstrittener Journalist und Publizist. Nicht nur, weil er thematisch immer wieder kontroverse Themen aufgreift sondern stets mit beiden Seiten spricht. Mit Terroristen von etwa al-Qaida oder umstrittenen Machthabern wie den syrischen Präsidenten Assad auf der einen Seite, wie auch mit den ganz normalen Bürgern, mit Flüchtlingen und Menschenrechtlern auf der anderen. Unter Journalisten umstritten, versucht er trotz Anfeindungen so ein ausgewogenes Bild von oftmals verqueren Situationen zu zeichnen, die sonst unverständlich bleiben. Für sein neuestes Projekt, dessen Erlöse wie immer für soziale Projekte gespendet werden, bereiste er mit Sohn Frederic den "Islamischen Staat".


    Wie funktioniert der Terrorstaat im Inneren? Was denken die Menschen, was die Machthaber? Was sind ihre Ziele und wie ist das mit dem Islam vereinbar, von dem diese predigen, den einzig wahren zu leben? Diese Fragen stellt sich Todenhöfer und nimmt dazu Kontakt auf, mit den gefährlichsten Männern der Welt. Mit einer Sicherheitsgarantie des Kalifen macht er sich über die türkische Grenze auf, die Leute zu besuchen, die inzwischen zum Synonym für Terror und Grausamkeit schlechthin geworden sind. Rückkehr ungewiss. Das Medikament zur Selbsttötung immer griffbereit, um nicht zum Spielball des IS zu werden, sich dem im Notfall zu entziehen.


    Und die Machthaber wissen um seine Einstellung, seine Arbeit, seine Meinung und versuchen ihre Ziele zu erklären. Offen und nicht weniger schrecklich als in den Propaganda-Videos, die weltweit über das Internet flimmern. Es kommt zu lautstarken Auseinandersetzungen aber auch zu intensiven Gesprächen und Beobachtungen auf den Marktplatz von Mosul oder im Kampfgebiet. Es geht um die Auslegung von islamischen Glaubenssätzen, Todenhöfer stellt sich dem mit fundierten Kenntnissen entgegen und entlarvt die Terroristen als unislamisch, diese widerum gewähren Einblick in ihre Weltsicht.


    Eine gefährliche Reise, um wenigstens einen kleinen Einblick in das Funktionieren, den Alltag eines Gewalt-Regimes zu erhalten, dass sich im schlechtesten Falle noch mehr ausbreiten könnte und unmenschliche Folgen hätte. Im besten Falle ist dieser Bericht ein kleiner Stein auf den Weg zum Sieg über Grausamkeit und Terror. Denn, "man muss seine Feinde versuchen zu verstehen, um sie zu besiegen", so Todenhöfer selbst. Seine Reise gewährt einen Einblick und klärt vielleicht nicht alle Fragen, gibt aber Antworten. Antworten, über die es sich lohnt nachzudenken. Ein Plädoyer für den Islam und gegen die Gewalt der "Unislamisten". Eine Schrift für eine klügere Außenpolitik. Keinesfalls Propaganda für den "Islamischen Staat", falls sich das die Machthaber erhofft haben als sie Todenhöfer in ihr "Land" ließen. Dieser Versuch ist fehlgeschlagen.


    findo

  • Vielen Dank @findo
    Ich habe sofort bei meiner Bücherei nachgesehen, ob sie dieses Buch besitzt, aber leider Fehlanzeige. Aber vom gleichen Autor habe ich dieses gefunden und gleich vorbestellt.

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • Meine Meinung zu Jürgen Todenhöfers Inside IS - 10 Tage im ›Islamischen Staat‹ :


    Ein Buch, für das der Autor in eine Niederlassung von IS-Soldaten gereist ist, ein paar Tage bei ihnen und mit ihnen untergebracht war und einige von ihnen interviewt hat – wen interessiert so etwas nicht? Im Klappentext klingt Todenhöfers Reise außerdem nach Information aus erster Hand, die im Buch vermittelt werden soll. Deshalb wollte ich dieses Buch unbedingt lesen.
    Inside IS liest sich auf jeden Fall sehr einfach und extrem spannend. Es wirkt komplett verrückt, dass sich jemand freiwillig in die Hände dieser gewaltbereiten, gewaltfreudigen und gewaltverherrlichenden Herrschaft begibt, und zu allem Überfluss seinen erwachsenen Sohn und dessen Freund auf ein solch gefährliches Unterfangen mitnimmt.
    Beweise dafür, dass die Reise tatsächlich stattgefunden hat, gibt es anhand von jeder Menge Foto- und Filmmaterial, das dem Buch beigefügt ist bzw. das man auf dem bekannten Videokanal im Internet aufrufen kann.
    Herr Todenhöfer betont auf etlichen Seiten im Buch, dass er seinen IS-Kontaktpartnern in Syrien schon vorher seine ablehnende Meinung der fundamentalistischen Glaubensauslegung und der Gewaltherrschaft des IS klargemacht hat. Umso mehr verblüffte es mich als Leser, dass die Reise tatsächlich zustande und die drei Männer wieder heil zurückkamen.


    Hundertprozentig befriedigte mich das Buch allerdings nicht, was aber durchaus in der absoluten Unglaublichkeit dieser Reise liegen mag. Denn logischerweise kann Herr Todenhöfer nicht einfach objektiv und sachlich ein Interview ans andere reihen sowie seine Eindrücke auf der Fahrt in die vom IS besetzte nordirakische Stadt Mosul schildern, sondern er muss dem Leser zuallererst ganz deutlich seine Motive für seine Risikobereitschaft erklären und danach ausführlich darstellen, wie er die entsprechenden Kontakte geknüpft und diese hochgefährliche Reise organisiert hat. Dies allein nimmt über die Hälfte des Buches, nämlich 160 der 280 Seiten ein. Dadurch zerfällt der Bericht in zwei Schwerpunkte:

    • zum einen die Gastfreundschaft der IS und die Darstellung und Meinung der IS-Jihadisten zu ihrem Glaubens- und Herrschaftskampf,
    • und zum anderen das ungeheuerliche und heldenhafte Abenteuer der drei Reisenden.

    Das Resultat wirkt logischerweise nicht gerade wie eine Berichterstattung von Peter Scholl-Latour, sondern entsprechend reißerischer. Ich habe so meine Zweifel, dass ein Sozialkundelehrer einem Schüler für ein Referat zum Thema Islamischer Staat das Buch „Inside IS“ als Quelle zulassen würde (Nein, wohl eher nicht …).


    Dennoch: auch wenn dieses Buch nicht unbedingt als objektiver und einen Überblick bietenden Bericht durchgehen mag und aufgrund seiner Verhaftung mit den Umständen der Reise eher den Eindruck einer gewissen Yellowpress-Einfärbung erweckt, so empfand ich die Schilderung über den IS als Gastgeber in Syrien und im Irak, die Wiedergabe der Meinungen der IS-Mitglieder, und vor allem die Einblicke in das „Alltagsleben“ in Mosul als Stadt unter IS-Herrschaft als extrem interessant. Das Gleiche gilt für den Teil mit den Foto-Illustrationen.


    Zwei Punkte, die in mir Zweifel wecken:

    • Todenhöfer hatte ausdrücklich gewünscht, dass der IS die im Büro des IS-Kalifen ausgestellte Sicherheitsgarantie für ihn und seine Begleiter vorab an ein Medium wie bsw. Al Jazeera zur Veröffentlichung weitergeben sollte; dies um den IS stärker zu motivieren, die deutschen Journalisten tatsächlich unverletzt zu lassen. Als dann aber die Sicherheitsgarantie über ein Twitteraccount publik gemacht wurde, beschwerte sich Todenhöfer bei seinem IS-Kontaktmann, dass er von sämtlichen deutschen und europäischen Medien belästigt würde, weil sie auf diese Weise alle von seiner beabsichtigten Reise Wind bekommen hatten. Was glaubt Todenhöfer? - Dass der Spiegel und andere Medien nichts von seinen Reiseabsichten mitgekriegt hätten, wenn die Veröffentlichung über Al Jazeera gelaufen wäre? Diese Argumentation kann ich nicht nachvollziehen.
    • Die Geschichte der Mutter des deutschen Jihadisten Al Qatadah über ihren Sohn fällt geradezu abstoßend klischeehaft aus: natürlich habe es sich bei ihrem Sohn um ein hochintelligentes und hochsensibles Kindgehandelt, barmherzig und altruistisch bis zum Abwinken, mit einer Wissbegierde, die ihresgleichen vergeblich sucht – kurz: ein ehemals unschuldiges Wesen von reinstem Charakter, das nur durch die Gemeinheit und das fehlende Interesse und das Unverständnis seiner Umwelt in die grausame Welt des IS gedrängt worden sei. Herr Todenhöfer scheint voll überzeugt von der Höhe des Informationswertes der mütterlichen Einschätzung. Ich verurteile die Meinung der Mutter nicht, aber ich würde die Wahrscheinlichkeit eines sehr subjektiven Standpunktes durchaus in Betracht ziehen und diese Einschätzung deshalb nicht unbedingt für bare Münze nehmen.


    Was mir recht gut gefallen hat, ist die Kritikfähigkeit und Deutlichkeit, mit der Herr Todenhöfer auch dem Westen und besonders den USA gegenüber ins Gericht geht.
    Mit gleicher Härte wendet sich der Autor am Ende seines Buches in einem offenen Brief an den Kalifen des Islamischen Staates gegen die Glaubensauslegung des Islam seitens des IS, dass sie seines Erachtens nämlich nichts oder nur ganz entfernt mit dem eigentlichen Geist des Islam zu tun habe – eine Meinung, die ich beileibe nicht zum ersten Mal gehört oder gelesen habe. Auf S. 269/270 schreibt der Autor:


    Zitat von Jürgen Todenhöfer

    Die Methoden, die Ihre Organisation allerdings bei ihren kriegerischen Aktionen anwendet, sind nach den Geboten des Koran unislamisch und kontraproduktiv. Sie schaden der gesamten muslimischen Welt. Vor allem dem Islam, in dessen Namen Sie zu kämpfen vorgeben.

    Den Geist der Brutalität, den Sie und Ihre Kämpfer bewusst verbreiten, habe ich darin (im Koran) nicht gefunden. Es sei denn, man reißt die Darstellungen der Angriffskriege der Mekkaner gegen das militärisch unterlegene Medina Mohammeds in den Jahren 623 bis 630 aus ihrem geschichtlichen Zusammenhang. Die Feinde des Islam machen das gerne.


    Immer wieder, wenn ich auf solche Hinweise stoße, wie unislamisch die Lehre des IS doch eigentlich sei, fallen mir wieder die Mudschaheddin aus den Zeiten des Kalten Krieges ein. Hierzu das folgende Zitat aus der entsprechenden Seite auf wikipedia.de:

    Zitat von wikipedia.de / Mudschahed

    Um den Widerstand gegen die sowjetische Besatzung in Afghanistan anzuspornen, hatten die USA unter anderem mehrere Millionen Dollar in gewaltverherrlichende Lehrbücher investiert. Mittels dieser Bücher, die mit Gewaltdarstellungen, islamistischen Lehren und aus dem Zusammenhang gerissenen Koranversen gefüllt waren, wurde den afghanischen Schulkindern die Lehre vom Dschihad (Heiliger Krieg) nahegebracht. Diese Bücher wurden ebenfalls in Lagern für afghanische Flüchtlinge in Pakistan im Unterricht eingesetzt. Auch die Taliban verwendeten die von den USA produzierten Bücher.

    Liest man auf der wikipedia-Seite weiter, wird man auf weitere Zusammenhänge mit den Jugoslawien-Kriegen aufmerksam gemacht. Der IS schließlich entstand ebenfalls aus der Al Quaida-Bewegung heraus, nur mit noch fanatischerer und radikalerer Ausprägung. Es steht jedem einzelnen frei, inwieweit er die USA an der Islam-Radikalisierung in Form von Al Quaida und IS freisprechen will.



    Eine letzte Anmerkung zur selbstverherrlichenden Schilderung der Eroberung Mosuls durch IS-Kämpfer in Inside IS - 10 Tage im ›Islamischen Staat‹: als ich die Schilderung aus der angeblichen Sicht der IS-Mitglieder las, machte sich in mir ein Gefühl der Mutlosigkeit und der Ungläubigkeit breit. Am 03.10.2015 wurde auf arte eine Doku mit dem Titel „IS – Die Wirtschaftsmacht der Gotteskrieger" ausgestrahlt (noch bis zum 10.11.2015 in der arte-Mediathek verfügbar). Von Minute 17.30 bis etwa 22.00 kann man eine weitere Darstellung der Einnahme Mosuls durch den IS verfolgen, die allerdings auch nicht ermutigender wirkt. Die Doku erscheint mir mit ihrem sachlich wirkenden Überblick über die Wirtschaftskraft des IS als sehr empfehlenswert, wenn sie auch an einigen wenigen Stellen brutale Aufnahmen enthält.


    Meine Gesamtwertung zu Jürgen Todenhöfers Inside IS – 10 Tage im ›Islamischen Staat‹: Ich habe das Buch mit großem Interesse gelesen und werte diese Lektüre als keine schlechte Art, seine Zeit zu verbringen. :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5: Dennoch würde ich mir wünschen, dass man dieses Buch, genau wie viele andere Bücher auch, mit kritischem Abstand lesen möge. Todenhöfers[/i] Bericht scheint mir vor allem für diejenigen interessant, die sich mit sachlicheren und damit trockeneren Büchern zu politischen Themen in der arabischen Welt eher schwer tun.

    » Unexpected intrusions of beauty. This is what life is. «


    Saul Bellow, (1915-2005 ), U.S. author,
    in Herzog

  • 'Inside IS' ist definitiv ein in vierlerlei Hinsicht beeindruckendes Buch. Ein Journalist reist mit seinem Sohn und einem Freund seines Sohnes unter Lebensgefahr in ein terroristisch besetztes Gebiet, um dort Menschen zu interviewen und sich eine eigene Meinung der dortigen Lage zu machen. Für mich allerdings mit dem kleinen Makel, dass Todenhöfer seine Meinung schon vorher hat und diese auch im relativ langen Vorspann zur Reise (ungefähr die Hälfte des Buches) oft kundtut.
    Und das ist für mich ein Hauptkritikpunkt: Ich denke, die Lage im Nahen Osten ist sehr viel komplexer, als Todenhöfer hier immer wieder argumentiert. Die Schuld hier immer wieder an einzelne Staaten oder gar Personen zu schieben, finde ich persönlich etwas zu kurz gedacht, und wirkt auch immer ein wenig als Rechtfertigung für das, was momentan im IS passiert. Das ist ganz sicher nicht die Absicht des Autors, aber bei mir persönlich kam das so an.
    Sehr informativ empfand ich die Interviews mit Abu Quatadah, einem aus Deutschland ausgewanderten IS- Kämpfer. Davon hätte ich mir durchaus mehr und mit anderen Personen gewünscht. Allerdings war das wohl von den 'Gastgebern' nicht gewollt, und so wirken die Antworten teilweise natürlich auch sehr gesteuert, geben aber doch einen tiefen Einblick in das Innenleben des Islamischen Staates und seine einfach nur perversen Ziele!
    Das Buch ist absolut lesenswert und gibt einen guten Einblick in diese für uns wohl nicht wirklich vorstellbare Welt. Ein wenig negativ bleibt für mich der Eindruck zurück, dass Todenhöfer immer ein wenig zu sehr als der Oberlehrer auftritt, der die Ursachen kennt und auch die Lösung in Petto hätte.
    In Summe macht das drei Sterne und trotzdem eine Leseempfehlung!

  • Hm.
    Ich bin jetzt bei 71% und finde das Buch recht interessant.
    Vor allem Todenhöfers Vergleiche zwischen den Gräueltaten des Westens und den Anschlägen des IS fand ich recht augenöffnend.
    Dass wir im Westen keine Heiligen sind, war mir zwar vorher schon klar, aber die Zahlen haben mich doch recht betroffen gemacht. Das kriegt man ja so deutlich in den offiziellen Nachrichten gar nicht mit. :-?


    Mir geht aber generell die Art und Weise von Todenhöfer gewaltig auf die Nerven:
    Erst schlägt er alle Warnungen in den Wind und zieht die Reise gegen jeden vernünftigen Rat seiner Familie und Bekannten durch - und dann jammert er dem Leser was vor, was er doch für Angst hatte und in was für einer großen Gefahr er doch geschwebt hat.
    Hallo?!
    Dass er nicht ins Disneyland fährt, war doch vorher schon glasklar.
    Erst konsequent alle Ratschläge ignorieren und dann im Buch auf die Tränendrüse zu drücken finde ich eines erwachsenen Manbes einfach nur unwürdug. :roll:
    So interessant sein Bericht auch ist, ein Sympathieträger ist der Autor für mich echt nicht... :roll:

  • So interessant sein Bericht auch ist, ein Sympathieträger ist der Autor für mich echt nicht...

    Dieser Satz meiner Vorrednerin fasst den Eindruck den das Buch auf mich gemacht hat sehr gut zusammen, wenn auch aus anderen Gründen.


    Zunächst: Natürlich weiss auch ein Herr Todenhöfer, wie gefährlich eine solche Reise ist. Das sieht man sicherlich in der ersten Hälfte des Buches ganz deutlich, wenn er immer wieder auf Absicherung bedacht ist, dem Kontaktmann Abu Quatadah wieder und wieder seine Einstellung zum IS und deren Glaubensauslegung darlegt, nicht zuletzt auch daran, dass Todenhöfer schon oft in Krisensituationen und-gegenden unterwegs war und weiß, worauf er sich einlässt.
    Seine grundlegende Einstellung, mit beiden Seiten eines Konfliktes zu sprechen um sich nachher ein faires Urteil zu erlauben, koste es was es wolle und selbst wenn er sich selber damit in größte Gefahren bugsiert, nötigt mir auch gehörig Respekt ab. Hut ab vor seinem Mut und seinem "bedingungslosen" Streben nach Objektivität. Er kam mir im Buch auch nicht sonderlich weinerlich rüber, bzw. dass er Angst gehabt habe, ist mir auch völlig entgangen.
    Und damit kommen wir zu meinem Kritikpunkt am Buch, neben der bereits erwähnten, offenbar nicht nur von mir empfundenen, sensationlüsternen und yellowpressmässigen Art und Weise, wie Todenhöfer schreibt und berichtet, hatte ich ebenso den Eindruck, dass er ganz schön tollkühn den Gesprächspartnern gegenüber auftrat. Damit meine ich nicht die Klarheit, mit der er sie interviewt hat, die Kritik, die er an den Glaubensauslegungen seiner Gesprächspartner geübt hat, sondern sein ganzes "geschildertes" Auftreten. Ich kann mir wirklich nur schwer vorstellen, dass Todenhöfer in dieser - jemand nannte es bereits so - Oberlehrerart und Souveränität aufgetreten ist, angesichts der immer präsenten Lebensgefahr, die ein falsches Wort bedeuten könnte.
    Ganz zu Schweigen von der Tatsache, dass er monatelang vorher mit Abu Quatadah über Sicherheiten verhandelt hat und die Gefahr seiner Reise in gefühlt jedem zweiten Satz deutlich gemacht hat, gleichzeitig aber am Morgen der Abreise(!!!) einfach so zu akzeptieren, dass ein Freund seines Sohnes als "Berichterstatter" mitkommt. Tut mir leid, Herr Todenhöfer, das ist entweder gelogen oder absolut fahrlässig.
    Todenhöfers Stil im Ganzen ist mir zu heroisch, altklug und selbstgefällig. Was ich mag, ist seine unverblümte Art, auch den Westen in die Verantwortung zu nehmen. Aber ganz wie bereits auch jemand vor mir geschrieben hat: Eine so komplexe Situation in einer so reisserischen Art zu berichten, da fehlt mir die Neutralität beiden Seiten gegenüber. Phasenweise hatte ich wirklich das Gefühl, er konnte sich nicht entscheiden, ob er ein Sachbuch oder einen Abenteuerroman schreiben möchte.
    Wegen der trotz allem interessanten Einsichten gebe ich dem Buch :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    "Die wahrhaft menschliche Qualität besteht nicht aus Intelligenz sondern aus Phantasie."
    Terry Pratchett

    "The person, be it gentleman or lady, who has not pleasure in a good novel, must be intolerably stupid."
    Jane Austen


    :study:

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    :bewertung1von5: 2022: 4 :bewertung1von5:

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