Gerbrand Bakker

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  • Der Autor wurde 1962 in Wieringerwaard im Nordwesten der Niederlande geboren. Er wuchs auf einem Bauernhof auf, studierte Sprach- und Literaturwissenschaft und machte eine Ausbildung zum Gärtner. Zunächst schrieb er Drehbücher, Gedichte und ein etymologisches Wörterbuch.


    Sein erstes veröffentlichtes Buch war der Jugendroman „Birnbäume blühen weiß“ (Perenbomen bloeien wit), der aber erst nach dem Erfolg von „Oben ist es still“ bekannt wurde.
    Inhalt nach Amazon:
    »Birnbäume blühen weiß, nicht rosa«, behauptet Gerson. Sein Vater widerspricht, die älteren Brüder, die Zwillinge Klaas und Kees, flachsen, die Stimmung im Auto ist gut. Bis an der nächsten Kreuzung der Unfall passiert. Als Gerson aus dem Koma aufwacht, spielen Farben für ihn keine Rolle mehr. Er hat sein Augenlicht verloren, und nichts ist mehr, wie es war.
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    „Oben ist es still“ (Boven is het stil) schrieb Bakker 2002 und versuchte vier Jahre lang, einen Verleger zu finden. Erst der kleine unabhängige Verlag Cossee veröffentlichte das Buch, das in 20 Sprachen übersetzt, mit dem International IMPAC Dublin Literary Award, dem mit 100.000 € höchstdotierten Literaturpreis, ausgezeichnet und 2012 verfilmt wurde.
    Amazon:
    Helmer van Wonderen räumt auf. Er verfrachtet seinen bettlägerigen Vater ins Obergeschoß des alten Bauernhauses, entrümpelt das Erdgeschoss, streicht die Wände und schafft neue Möbel an. Da Vater ihm nicht den Gefallen tut, einfach zu verschwinden, sich von einem Windstoß hinwegfegen zu lassen oder wenigstens zu sterben, richtet der Sohn sein Leben unten neu ein. Doch die ländliche Ruhe währt nicht lang, denn Helmers Neffe Henk, der pubertierende Sohn seines verstorbenen Zwillingsbruders, soll bei seinem Onkel das Arbeiten lernen
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    „Tage im Juni“ (Juni), veröffentlicht 2009, in deutscher Übersetzung 2010, kam zunächst unter dem Titel „Juni“ heraus. Die Titeländerung geschah ohne Zustimmung des Autors.
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    Die Königin kommt. Und das Dorf im nördlichsten Zipfel der Niederlande steht kopf. Mitten drin im Trubel dieses Junitages 1969 ist die Familie Kaan. Zwei der Söhne schwenken Fähnchen vor dem Gemeindehaus, und der kleinen Tochter auf dem Arm ihrer Mutter Anna streicht Königin Juliana höchstpersönlich über die Wange. Vierzig Jahre später ist es ruhig geworden auf dem Hof der Kaans. Drei Generationen leben jetzt dort, das alte Bauernpaar, Sohn Klaas und seine Familie. Aber Vieh gibt es außer dem Stier und dem Hofhund keines mehr.
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    Der Erzählband mit Tiergeschichten „Komische Vögel. Tiertagebuch“ (Ezel, schaap en tureluur) 2009 in Holland herausgekommen, 2012 in Deutschland, fand bei uns nicht dieselbe Resonanz wie die Romane.
    Amazon:
    »Es geht aufwärts mit der Welt. Endlich gibt es einen Tarifvertrag für die Strandesel von Blackpool. Nun warten wir noch auf kostenlose Physiotherapie für Störche und natürlich die Verteilung von Zeckenzangen an Schafe. Wenn wir all das haben, ist die Welt perfekt.« Gerbrand Bakker erzählt in "Komische Vögel" liebevoll, originell und witzig von allerlei Haus- und Nutztieren, von renitenten Wiederkäuern und anschmiegsamen Plagegeistern, von wundersamen Begegnungen und seltsamen Vorfällen und von Menschen, die im Umgang mit Tieren nicht immer die Überlegenen sind.


    Dem Buch „Der Umweg“ (De Omweg) gelang nach seiner Veröffentlichung 2010 der Sprung auf die Shortlist zum niederländischen Libris Literatuurprijs. 2013 übersetzt.
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    An klaren Tagen kann man in der Ferne das Meer sehen, und auf den verwunschenen Wegen rings um das alte walisische Farmhaus ist lange niemand mehr gewandert. Es ist ein schöner Flecken Erde, den Agnes sich als Versteck ausgesucht hat. Dort lassen sich die Gedanken an das, was sie aus Amsterdam vertrieben hat, leichter im Zaum halten: ihr ahnungsloser Mann, der junge Student, vor allem aber die Angst vor dem Kommenden. Doch eines Tages nistet sich der junge Bradwen bei ihr ein. Ähnlich wie Agnes gibt er kaum etwas über seine Vergangenheit preis.
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    Alle Bücher bis auf das erste hat Andreas Ecke übersetzt; von ihm stammt auch ein Basiskommentar als Arbeitstext für Schulen.
    Gerbrand Bakkers Romane erscheinen im Suhrkamp-Verlag. Er wohnt in den Niederlanden und in der Eifel.


    :arrow: Hier gehts zur Webseite des Autors (niederländisch)

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • Bereits im Frühjahr habe ich eine Lesung des Autors besucht, einen Bericht darüber geschrieben und vergessen, ihn hierher zu kopieren. Das hole ich jetzt nach:



    Gerbrand Bakker liest in einer inhaber-geführten Buchhandlung in einer Kleinstadt ohne literarisches Leben. 30 Zuhörer, mehr passen nicht in den Verkaufsraum, haben je 10 € Eintritt bezahlt.


    So kommt er rein: Blaukariertes Hemd, Jeans, bunte Turnschuhe, im linken Ohr drei silberne Ringe, in der Hand ein Päckchen Luxemburger Tabak. Die Haare kurz und graumeliert, breite abgearbeitete Hände. Er spricht fließend Deutsch mit lustigem niederländischem Akzent, hat nur ein paar Probleme mit Umlauten. Beim Wort „Esstisch“ verknotet sich seine Zunge.


    Wie es kam, dass er die Lesung macht, erzählt die aufgeregte Inhaberin: Ein unbekannter Mann kommt in den Laden, stöbert, fragt: Sie haben kein Buch von mir hier? Schnell wird der Computer bemüht, und man sieht: Der Mann wird bei Suhrkamp verlegt. Bei SUHRKAMP!!! Also schreibt der Mann Literatur! Er bietet eine Lesung an und wird eingeladen.


    Man servierte ihm das obligatorische Glas Wasser, dazu Weißwein. Lesungen findet er nicht gut, er möchte sich mit seinen Lesern unterhalten und lobt seine frechen Landsleute. Die Deutschen sind viel braver, sagt er. (Und weil Deutsche so was nicht auf sich sitzen lassen und schon gar nicht Holländer als Vorbilder mögen, hat der Autor seine Zuhörer natürlich dorthin provoziert, wo er sie haben möchte.)


    Er liest aus allen seinen ins Deutsche übersetzten Romane, vier inzwischen. In Holland schreibt er Kolumnen und arbeitet an einem neuen Buch. Aber er redet lieber über die Bücher, ihren Entstehungsprozess, die Konsequenzen, als dass er etwas vorliest, was jeder zuhause selbst lesen kann.


    Oben ist es still: Kapitel eins und zwei liest er.
    Er schrieb es 2002 und erst 2006 wurde es veröffentlicht.
    In der Verfilmung trat er auf seinen Wunsch hin als Bettenverkäufer auf, eine Rolle ohne Text – ein Tag Arbeit für sieben Sekunden Film.
    Ein verfilmtes Buch, so Bakker, nutzt dem Autor immer. Ist der Film schlecht, glauben die Leute, das Buch sei besser und kaufen es; nach einem guten Film wird das Buch oft ein weiteres Mal verlegt mit einem neuen, dem Filmcover.
    Der Film "Oben ist es still" war in Deutschland ein totaler Flop. An holländischen Theatern wird das Buch sogar als Bühnenstück aufgeführt.


    Birnbäume blühen weiß: Sein erster Roman, geschrieben 1999, verlegt aber erst, nachdem Oben ist es still erfolgreich war. Daraus liest er nicht. Das Buch ist ein Jugendbuch, er ist alt, weiß angeblich nichts mehr vom Text, also passt es nicht.
    Als zu den Birnbäumen ein Buch seines Übersetzers Andreas Ecke mit Kommentaren für den Literaturunterricht erschien, mailte ihm Bakker: Mann, bist du klug!
    Er selbst hält nichts davon, als Autor seine Bücher zu erklären, im Gegenteil: Wenn er Schulen besucht, erstaunt ihn oft, was er eigentlich geschrieben hat und weiß dann: Ah, das habe ich gemeint!


    Tage im Juni hieß zunächst Juni. Verlage ändern Titel und Cover ohne Absprache mit dem Autor, was ihn ärgert und die Leser auch. Dass amerikanische und englische Übersetzungen meistens verschiedene Titel haben, versteht er überhaupt nicht. Obendrein ist der neue deutsche Titel falsch: Der Roman spielt an einem einzigen Tag. Auch hier liest er zwei Kapitel.


    Vielleicht ist Der Umweg sein letzter Roman. Bakker hat vom literarischen Zirkus in Holland die Nase voll, lebt seit einiger Zeit in der Eifel, hat sich aber jetzt breit schlagen lassen, für eine renommierte holländische Reihe einen Band zu verfassen, eine Art biographisches Buch, das in Frankfurt 2016, wenn Holland Gastland der Buchmesse ist, hoffentlich auch in Deutsch vorgestellt wird.
    Der Umweg wird auch verfilmt, Bakker hat und will kein Mitsprachrecht am Drehbuch, aber eine Rolle möchte er wieder, diesmal eine mit Wörtern.


    Als letztes liest er zwei Kolumnen aus Komische Vögel, das kurze Texte über Tiere enthält, davon acht, die in Deutschland spielen.


    Was er zwischendurch erzählt:
    Er arbeitet sechs Monate an einem Roman, schreibt ohne Konzept und wartet, was herauskommt.
    Er charakterisiert seine Personen durch Handlungen oder Details, die man in erster Linie nicht als Charakterisierung erkennt. XY ist reich, würde er nicht schreiben. Er lässt lieber die Figur etwas kaufen, dessen Preis man im Allgemeinen kennt, so dass jeder Leser weiß: Wer sich das leisten kann, muss Geld haben (z.B. das Bett in "Oben ist es still").
    Auf den Covern seiner Bücher sind immer Tiere abgebildet. Er liebt Tiere, weil sie immer ehrlich und eindeutig sind. Wenn ihm ein Löwe begegnet, weiß er: Der will mich fressen. Also lässt er sich fressen oder läuft weg. Menschliche Kommunikation findet er schwieriger, weil das Eindeutige fehlt.
    Seine Mutter liest seine Bücher nicht. Er findet es gut ("wäre ich ein Schreiner, würde meine Mutter auch nicht auf jede Baustelle laufen, um meine Arbeit zu begutachten"), meint aber, dass seine Mutter Angst hätte, er gebe zu viel preis. Denn sie würde seine Bücher mit wissenden Augen lesen.


    Er kokettiert gern, stapelt tief, spielt mit seinen Zuhörern. Wenn er eine amüsante Story über ein Ereignis zum Besten gibt, dann erzählt er zwischen den Zeilen, dass es sich im Rahmen einer Preisverleihung an ihn für den höchst dotierten Literaturpreis (100.000 €) in Dublin abspielte. Oder wenn vor dem Lesen wie beiläufig erwähnt, er müsse aus den Originalen vorlesen, weil er deutsch nicht lesen könne. Aber weil alle Holländer Deutsch verstehen, verstehen die Deutschen natürlich Holländisch …


    Ich habe einen amüsanten Abend verbracht und besitze nun zwei signierte Bücher in meinem Regal.

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • Als zu den Birnbäumen ein Buch seines Übersetzers Andreas Ecke mit Kommentaren für den Literaturunterricht erschien, mailte ihm Bakker: Mann, bist du klug!
    Er selbst hält nichts davon, als Autor seine Bücher zu erklären, im Gegenteil: Wenn er Schulen besucht, erstaunt ihn oft, was er eigentlich geschrieben hat und weiß dann: Ah, das habe ich gemeint!

    :totlach:
    Diese Aussage hat meinem Sohn sehr gefallen! Er hat 13 Jahre Deutsch- und Kunstunterrichtsalpträume hinter sich und das Wort 'Effi Briest' ist tabu, wenn er sich im Raum befindet.

    Die Erfindung des Buchdruckes ist das größte Ereignis der Weltgeschichte (Victor Hugo).

  • :totlach: Diese Aussage hat meinem Sohn sehr gefallen! Er hat 13 Jahre Deutsch- und Kunstunterrichtsalpträume hinter sich und das Wort 'Effi Briest' ist tabu, wenn er sich im Raum befindet.

    Ja, diese Aussage gefällt mir auch. Wobei ich sie nicht nur etwas lustig oder merkwürdig finde, sondern zutiefst wahr: ein wirklich gutes Buch (gilt aber auch für andere Werke, vielleicht auch ein gutes Wort, das uns "rausgerutscht" ist) übersteigt unsere Intention, ist mehr als das Gemeinte.

  • In "Ochsentour" hat Charles Bukowski geschrieben, dass er immer unheimlich gerne Lesungen in Deutschland gemacht hat, weil die Deutschen in der Regel mit ihm englsich gesprochen haben und er sich nach den Lesungen und den Gesprächsrunden mit ihnen immer unheimlich klug fand, weil ihm vorher gar nicht klar gewesen war, wie intelligent und vielschichtig sein eigenes Material eigentlich ist.

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