Elisabeth Klar - Wie im Wald

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  • Karin Ludevik ist eine junge Frau, die gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Alexander in ihrem Elternhaus wohnt. Dieses liegt recht einsam im Wald. Karins Eltern sind tot, ihre älteren Geschwister weggezogen, nur ihre alten Großeltern leben noch in der Nähe. Es besteht nicht sonderlich viel Zusammenhalt in der Familie Ludevik, jeder führt sein eigenes Leben. Dies ändert sich, als Karin eines Tages Lisa zu sich holt. Es dauert ein wenig, bis sich dem Leser erschließt, wer genau Lisa ist, sie hat als Pflegekind bei der Familie gelebt, ist im gleichen Alter wie Karin und war für sie wie eine Schwester. Damals ist etwas Schreckliches geschehen und die Familie gibt Lisa mindestens eine Mitschuld an den Ereignissen damals. Dementsprechend groß ist das Unverständnis, warum Karin sie jetzt wieder bei sich einziehen lässt und die Großeltern und Geschwister machen ihr Vorwürfe und sind besorgt, dass sich Karin übernimmt. Denn anscheinend ist Lisa nicht in der Lage, selbst für sich zu sorgen, sie braucht Betreuung und so rutschen die beiden Frauen immer mehr in die Rollen von Pflegerin und Patientin. Doch ist Lisa wirklich zurückgeblieben oder spielt sie dies vielmehr nur?


    Was ist damals wirklich geschehen, das ist die zentrale Frage, die sich durch das ganze Buch zieht. Schnell kommt beim Leser ein schrecklicher Verdacht auf, aber man weiß bis kurz vor dem Ende nicht, ob dieser sich bewahrheitet.


    Der Schreibstil machte es mir auf den ersten Seiten nicht leicht, in die Geschichte einzusteigen. In kurzen Absätzen abwechselnd aus der Perspektive von Karin und Lisa erzählt, aber ohne sichtbare Kennzeichnung, wer gerade denkt oder spricht, muss man genau lesen, um sich in das Geflecht ihrer Beziehung hineindenken zu können. Dennoch bleibt ihre Verbindung schwer nachzuvollziehen. Nach und nach bekommt man immer mehr Einblick in die Vergangenheit, in die Kindheit der beiden, als die Familie anscheinend noch normal war. Doch schnell zeigt sich, dass die heile Welt nur eine Fassade war und es hinter dieser tiefe Abgründe gegeben hat, die das Leben beider Frauen bis heute beeinflussen. Können sie diese Vergangenheit aufarbeiten und zu einem gesunden und normalen Miteinander finden?


    Es ist kein einfaches Buch, aber nachdem ich mich in den Schreibstil eingelesen hatte, entwickelte die Geschichte auf mich eine regelrechte Sogwirkung. Ich wollte hinter die Geheimnisse der Familie kommen, ich wollte Karin und Lisa verstehen und nachvollziehen können, was sie zu ihrem jeweiligen Verhalten treibt. Nicht immer hatte ich das Gefühl, das mir das gelingt, zu schockierend ist das Verhalten der Personen streckenweise. Dennoch habe ich immer mit gespannter Faszination weitergelesen.


    Am Ende wird einiges aufgeklärt, aber es bleibt auch einiges der Interpretation des Lesers überlassen. Ich persönlich fand diese Art Ende dennoch sehr passend für das Buch, es hätte mich verwundert, wenn es nach den vielen Windungen plötzlich ein geradliniges, alles erklärendes Ende gegeben hätte.


    Eine anspruchsvolle und faszinierende Lektüre, auf die man sich aber einlassen muss.

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