Dahlov Ipcar - Der Ruf ins andere Land / A Dark Horn Blowing

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Der Ruf ins andere Land: (Hobbit Presse)

4.5|2)

Verlag: Klett-Cotta

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 279

ISBN: 9783129036211

Termin: 1981

  • Die Autorin (nach englischer Wikipedia): Dahlov Ipcar, geboren als Dahlov Zorach am 12. November 1917 in Vermont, ist eine amerikanische Malerin, Illustratorin und Autorin. In den 1940er- und 1950er-Jahren war ihr grafischer Stil stark vom Sozialen Realismus beeinflusst und sie malte Bauernhofszenen, Landarbeiter und Nutztiere. Später wurde ihr Stil ornamentaler. Bekannt ist sie vor allem für ihre farbenfrohen, kaleidoskopartigen Gemälde voller Farm- oder Wildtiere.


    Aufgewachsen ist sie in Künstlerkreisen im Greenwich Village in New York City. Ihr Studium am liberalen Privat-College Oberlin brach sie aus Frustration über die akademischen Beschränkungen ihres künstlerischen Ausdruckes ab. Mit 19 heiratete sie 1936 ihren Mathetutor Adolph Ipcar. Nach kurzer Zeit beschlossen sie, in ein freies Bauernhaus seiner Eltern in Maine zu ziehen, um dort als Farmer und Selbstversorger zu leben, Tiere zu halten und ihr eigenes Essen anzubauen.


    Neben der Malerei verfasste Dahlov Ipcar vier Fantasy-Romane, veröffentlichte eine Sammlung Kurzgeschichten, schrieb und illustrierte eine Vielzahl an Kinderbüchern (für andere Autoren wie etwa Margaret Wise Brown und zirka dreißigmal für eigene Geschichten, unter anderem „The Cat at Night“, „The Calico Jungle“ und „My Wonderful Christmas Tree“) und schuf neben großformatiger Wandmalerei auch dreidimensionale Skulpturen aus Stoff.


    Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Der Roman „Der Ruf ins andere Land“ (1978, Originaltitel: "A Dark Horn Blowing") ist die beste Fantasy-Geschichte, die mir bekannt ist. (Allerdings bin ich auch kein ausgewiesener Fantasy-Kenner...) Ein absoluter Zufallskauf einer mir völlig unbekannten Autorin stellt sich als eine fesselnde, anrührende und aufregende, düstere und melodramatische Geschichte heraus, voller charakterlich ausgefeilter Figuren, erzählt aus vier Blickwinkeln. Auf die Hobbit-Presse bei Klett-Cotta ist wirklich Verlass ...


    Die junge Frau Nora, die glücklich mit ihrem Mann Eben in einem Häuschen wohnt, wird vier Tage, nachdem sie ihren Sohn Owen gebar, mit den Zauberklängen des Dunklen Horns fort gelockt aus ihrer Welt, um den Sohn des bösen Erlkönigs aufzuziehen. Da die Erlkönigin sterbenskrank dahinsiecht und keine Milch hat, muss eine Frau von königlicher Abstammung als Amme her. Die Schicksalswahl fällt auf Nora, die von ihrer blaublütigen Herkunft übrigens nichts ahnte, da mit ihrem Fortgang von Zuhause zwei Wünsche aus zwei Welten gleichzeitig erfüllt werden können - Midgard, wo Nora lebt, und Erland, dem Reich des bösen Erlkönigs. In Midgard hat nämlich die sehr böse Hexe Bab Magga ein Auge auf Noras Mann Owen geworfen ...


    Dahlov Ipcar verwendet in ihrem Roman, irgendwo auf der Kippe zwischen High und Dark Fantasy, zahlreiche Märchen- und Folkloremotive und bedient sich im Sagenschatz der Nordischen Mythologie. So kommen Odins weise Raben Hugin und Munin (Gedanke und Gedächtnis) vor. Noras Heimat ist Midgard. Auch die Weltesche Yggdrasil wird erwähnt. Daneben tauchen der böse und hässliche Erlkönig auf, außerdem Hexen, Gestaltwandler, eine sehr böse Stiefmutter und Geistertiere. Weiße Tauben warnen vor der Zukunft, ein Mann wird in einen Esel verwandelt, eine Dohle erweist sich als hinterlistiger Ratgeber und mittels verknoteter Haare lässt sich wunderbar ein Bannzauber aussprechen. Wer den wahren Namen eines Menschen kennt, hat Macht über ihn. Ein geheimnisvoller Harfner taucht auf, dessen Saitenklang die Schlossbewohner in Schlaf versetzt. Prinz Elver, genannt Eelie, der kleine Aal, der sich gegen den väterlichen Spott und Hass auflehnt, und der König, der Zweifel an der Qualität seines erstgeborenen Nachfolgers hat, der ewig nicht das Laufen lernt – sobald er erste eigene Schritte unternimmt, darf seine Amme ihn verlassen. Der Junge Owen, der sich mit seinem verzauberten Vater auf der Vogelbeerinsel versteckt, und mühselig gegen die Unbill der Jahreszeiten das Überleben lernen muss. Das ist die düster vernebelte, schicksalhafte, lyrische Welt des Romans, in der parallele Welten, in denen die Zeit ganz anders abläuft, miteinander über Wünsche verbunden sind.


    Lyrisch, nicht weil mit poetischen, ungebräuchlichen Worten verschwurbelte Sätze gebildet werden, sondern lyrisch, weil mit leichter Hand beim Leser die Erinnerung an Sinneseindrücke angeregt wird: Farben, Gerüche, Bewegungen im Augenwinkel und Geräusche werden wie nebenbei beschrieben, kurz hingetupft. Es zahlt sich aus, dass die Autorin hauptsächlich als Illustratorin und Grafikerin arbeitet, „malt“ sie doch ein atmosphärisches, märchenhaftes Bild, dem man sich, hat man selbst eine melancholische, lyrische Ader, nur schwer entziehen kann.


    Ein Meisterwerk, das mehr von Tolkiens Geist atmet als viele seiner gegenwärtigen Epigonen, in denen Ork- und Zwergenheere gegeneinander antreten, verkappte Landserromane mit monströsen Gestalten, in denen das Monströse der Monster auf nichts anderes verweist, als auf ihre Bosheit oder Gewitztheit. In Dahlov Ipcars Roman über Mutterliebe, Vaterhass und das Erwachsenwerden zweier Jungen, der sich elegant im archaischen, archetypischen Geschichtenfundus bedient, geschaffen vor Jahrhunderten in dunklen Wäldern, überraschen sogar die Bösen mit Einsicht und Gefühlen. Insofern schuldet der Roman auch Mervyn Peakes „Fantasy-of-manners“-Epos Gormenghast eine ganze Menge – Mervyn Peake, der übrigens auch Maler und Illustrator war wie Dahlov Ipcar. Mit "Gormenghast" gemein hat "Der Ruf ins andere Land" auch die Darstellung der Vorgänge an einem Königshof und des Aufwachsens eines Prinzen. Wahrlich keine schlechte Referenz! Ich bin jedenfalls hellauf begeistert: absonderlich, düster, melodramatisch und wunderschön!

    Graham Chapman "Autobiografie eines Lügners" (147/334)

    Witold Gombrowicz "Ferdydurke" (105/370)

    Nic Pizzolatto "Galveston" (67/253)


    Jahresbeste: Denton Welch (2018), Willa Cather (2017), Adrian Tomine (2016), Derek Raymond (2015), James Agee (2014), Ken Kesey (2013), Jim Nisbet & Richard Ford (2012) :king: 
    Gelesen: 38 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Theodore Roszak "Alarmstufe Rot: Amerikas Wildwest-Kapitalismus bedroht die Welt" (10.4.)

  • So sieht die englischsprachige Erstauflage der Viking Press von 1978 aus.

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