Claire Hajaj - Ismaels Orangen/Ishmael's Oranges

Der Duft von bitteren Orangen

3.8 von 5 Sternen bei 14 Bewertungen

Verlag: Blanvalet

Bindung: E-Book

Seitenzahl: 449

eISBN: 9783641213916

Termin: Dezember 2016

Klappentext / Inhaltsangabe: Kann Liebe wachsen, wo Hass gesät wird? Jaffa, April 1948. Der siebenjährige Salim, Sohn eines palästinensischen Orangenzüchters, darf endlich die ersten Früchte des Orangenbaums ernten, der zu seiner Geburt gepflanzt wurde. Doch der Krieg bricht aus und seine Familie muss fliehen. Von nun an hat er nur noch einen Traum: eines Tages zu seinem Baum zurückzukehren. Zur selben Zeit wächst Judith mit ihrer jüdischen Familie in England auf - und sehnt sich nach einem Leben jenseits der dunklen Schatten der Vergangenheit. Als Salim und Judith sich im London der Sechzigerjahre begegnen und ineinander verlieben, nimmt das Schicksal seinen Lauf und stellt ihre Liebe auf eine harte Probe ... Die Hardcover-Ausgabe erschien unter dem Titel »Ismaels Orangen« bei Blanvalet.
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  • Originaltitel: Ishmael’s Oranges


    Gebundene Ausgabe: 448 Seiten


    Verlag: Blanvalet Verlag


    ISBN-13: 978-3764505165


    Der Verlag über das Buch


    Jaffa, April 1948. Der siebenjährige Salim Al-Ismaeli, Sohn eines palästinensischen Orangenzüchters, freut sich darauf, die ersten Früchte des Orangenbaums zu ernten, der zu seiner Geburt gepflanzt wurde. Doch der Krieg bricht aus und treibt die ganze Familie in die Flucht. Von nun an hat Salim nur noch einen Traum: Eines Tages zu seinem Baum zurückzukehren und im Land seiner Väter zu leben.


    Zur selben Zeit wächst Judith als Tochter von Holocaust-Überlebenden in England auf – und sehnt sich danach, irgendwann ein normales und glückliches Leben führen zu dürfen. Als Salim und Judith sich im London der Sechzigerjahre begegnen und ineinander verlieben, nimmt das Schicksal seinen Lauf und stellt ihre Liebe auf eine harte Probe …


    Der Verlag über die Autorin


    Claire Hajaj, 1973 in London geboren, hat ihr bisheriges Leben zwischen zwei Kulturen, der jüdischen und der palästinensischen, verbracht und versucht, sie zu vereinbaren. In ihrer Kindheit lebte sie sowohl im Nahen Osten als auch im ländlichen England. Sie bereiste alle vier Kontinente und arbeitete für die UN in Kriegsgebieten wie Burma oder Baghdad. Sie schrieb Beiträge für den BBC World Service, außerdem veröffentlichte sie Artikel in Time Out und Literary Review. Ihren Master in Klassischer und Englischer Literatur hat sie in Oxford gemacht. Zur Zeit lebt sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Beirut.



    Meine Gedanken zum Buch


    Während in Jaffa 1948 der siebenjährige Salim Al-Ismaeli darauf wartet, erstmals die Früchte des anlässlich seiner Geburt gepflanzten Orangenbaums ernten zu können, bricht der Krieg aus. Israel hat gerade erst seine Unabhängigkeit erklärt, als Armeeeinheiten einer Allianz arabischer Staaten das Land angriffen. Ohne die ersehnte Ernte muss Salims Familie nach Nazareth zu einer Tochter des Vaters aus erster Ehe fliehen. Als dann auch noch seine Mutter mit seinem jüngeren Bruder die Familie verlässt, ist der Junge vollends entwurzelt, und wächst zudem unter dem Einfluss des immerwährenden und alles bestimmenden Nahostkonflikts auf.


    In einer weiteren Handlungsebene lernt der Leser Judith, die Tochter von Holocaust-Überlebenden, kennen und kann immer wieder einen Blick auf ihre Entwicklung und die wichtigsten Etappen in ihrem jungen Leben werfen. Schließlich treffen sich beide in London und entgegen aller Konventionen und dem Willen der Familien verlieben sich der Palästinenser und die Jüdin ineinander und heiraten.


    Wer die politischen Gegebenheiten kennt, fragt sich, ob eine solche Liebe zwischen den Kulturen Bestand haben kann. Auch für Salim und Judith ist das die entscheidende Frage. Von den Familien wird ihre Beziehung nicht akzeptiert und auch gesellschaftlich ist nicht leicht für das Paar. Diese Schilderungen gehören zu den überzeugendsten des Romans. Sie sind durchweg glaubhaft. Claire Hajaj ist selbst Tochter einer jüdischen Mutter und eines palästinensischen Vaters und wusste damit genau über die Schwierigkeiten und Belastungen, denen eine solche Beziehung ausgesetzt ist, Bescheid.


    In loser Zeitfolge berichtet die Autorin vom Jahr 1948 bis 1987 episodenhaft von den entscheidenden Ereignissen im Leben der Protagonisten. Da immer wieder längere Zeiträume aus der Betrachtung ausgespart wurden, vermisste ich ein wenig Informationen über das Leben der Helden, insbesondere Salims, in der Zwischenzeit. Sehr interessant fand ich die zeitgeschichtlichen Bezüge, die besonders in der ersten Hälfte des Romans in ihrer Auswirkung auf das Leben der einfachen Menschen beschrieben wurden.


    Waren zunächst die Charaktere gut gezeichnet, wurden sie spätestens mit dem Aufenthalt der Familie in Kuwait immer schablonenhafter und die Entwicklung der Geschehnisse wurde etwas vorhersehbarer. So kam es zu einer Kühle und Distanziertheit zwischen den Protagonisten und mir, die so auf den ersten Seiten des Romans nicht zu erwarten war.


    Trotz meiner Kritikpunkte habe ich „Ismaels Orangen“ sehr gern gelesen. Besonders die Kindheit Salims und Judiths hat mich gefesselt. Der Roman ist recht flüssig zu lesen. Zu Beginn musste ich mir fremde Begriffe noch recht häufig im Glossar nachlesen, mit der Zeit prägte ich mir die wichtigsten jedoch ein und der Lesefluss wurde seltener durch das Nachschlagen unterbrochen.


    Der Nahostkonflikt begleitet mich schon mein ganzes Leben. Dieser sehr lesenswerte und interessante Roman hat meinen Blick auf einen politischen Brennpunkt gelenkt, über den ich mich künftig noch weiter informieren werde. Ich empfehle ihn gern allen zeitgeschichtlich interessierten Lesern. Er ist ein zum Nachdenken anregender Roman, der neben der Geschichte einer großen Liebe auch viel Wissenswertes vermittelt.

  • Ich kanns dir wirklich nur empfehlen :-) Mich hat es sehr berührt.


    Wenn du magst, schau gerne auch hier nochmal rein...


    Inhalt:
    Mich hat das Buch tief berührt und zum Nachdenken angeregt, wie es nur wenige Bücher schaffen. Man ist direkt mitten im Geschehen, sodass es einem leicht gemacht wird, sich in die aktuelle Lage der Protagonisten Salim und Judith zu versetzen. Die ganze Handlung des Buches spielt, vor dem immer noch aktuellen Konflikt zwischen der jüdischen und palästinensischen Bevölkerung.
    Salim und Judith haben beide auf ihre eigene Art von Beginn an, mit ihren Wurzeln zu kämpfen. Der Konflikt zieht sich, trotz ihres gemeinsamen Widerstandes durch ihre ganzes Leben und ihre Partnerschaft. Salim, ein sehr stolzer Araber, erkennt im Laufe der Zeit, dass er sich seiner Herkunft nicht länger entziehen kann. Er denkt viel über seine Wurzeln nach, seine Zerrissenheit bestimmt sein ganzes Leben.
    Judith, welche die Tochter von Überlebenden des Holocaust ist und in England geboren wurde, wünscht sich nichts mehr als ein "normales" Mädchen zu sein. Sie fühlt sich durch ihre Religion häufig von der Gesellschaft ausgegrenzt. Dennoch ist sie nicht verbittert, sondern anderen Kulturen und Menschen gegenüber sehr offen, neugierig und warmherzig. Mir waren die beiden Protagonisten anfangs beide sehr sympathisch, weil sie versuchen sich gemeinsam kulturelle Grenzen einbrechen zu lassen und für nach und nach mutig für mehr Toleranz einsetzen. Salim verändert sich im Laufe der Geschichte stark und wird sehr verbissen, weil ihm von der Gesellschaft wenig Respekt entgegengebracht wird und er nur noch seinen eigenen Lebenstraum verwirklichen will. Die Familie und das Verhältnis der beiden zueinander leidet darunter immer stärker, was mich betroffen und traurig machte.

  • Vor einigen Stunden habe ich die letzte Seites dieses Buches gelesen und habe wirklich etwas Zeit gebraucht um meine Gedanken dazu zu sammeln. Denn selten hat mich ein Buch in einen solchen Zwiespalt versetzt. Ich muss auch wirklich gestehen, dass ich mir anhand des Klappentextes eine völlig andere Geschichte vorgestellt habe. Der Klappentext ist ansprechend, keine Frage. Denn sonst hätte ich das Buch auch nicht gekauft. ;-)


    Im ersten Teil des Buches war ich fasziniert von der Geschichte der beiden Kinder. Die unterschiedlichen Welten, in denen sowohl Judit als auch Salim aufwachsen.

    Die Unbeständigkeit in Salims Kindheit, die Ungewissheit und auch Angst, was der Zukunft bringen wird. Gerade für ein Kind, das vieles in seinem bisher noch jungen Leben als selbstverständlich und gegeben ansieht, ist der Verlust des Bekannten ein großer Schock. Das Salim im Verlauf seiner Jugend auch noch seine Mutter verliert, war für mich besonders tragisch.

    Dagegen steht Judits Kindheit in England. Zwar behütet, aber doch auch sehr von der Vergangenheit geprägt. Was kein Wunder ist, denn hier trit das erste Mal ein Generationenkonflikt zu Tage. Während für die einen der Geschehnisse des Holocaust noch greifbar sind, sind es für die junge Judit nur Erzählungen ihrer Familie, zu denen sie keinen rechten Bezug finden kann.

    Beiden Kindern ist jedoch eines gemein und das ist eine schon fast erdrückende und von den Eltern aufgedrückte Haltung zu ihrer jeweiligen Vergangenheit. Das wird gerade bei Salims Gesprächen mit seinem Jugendfreund deutlich: eine Mischung aus Hörensagen, Nachplappern der Erwachsenen und - in Salims Fall - auch ein bisschen eigenes Wissen, denn er ist immerhin mit einem jüdischen Jungen befreundet. In Judits Fall gipfelt es in einem Streit, weil das Mädchen die Klöße an einem Feiertag nicht essen möchte in einer Diskussion darüber, das andere sehr wohl glücklich wären etwas zu essen zu haben und welche Opfer dafür in der Vergangenheit bringen mussten.


    Auch das Kennenlernen der beiden emfpand ich ganz toll beschrieben. Vorsichtig herantastend und sehr gefühlvoll beschreibt Claire Hajaj die beiden jungen Leute. Sprachlich ist es ebenso schön gehalten. Sehr bildhaft, ohne dabei überladen zu sein. Die anstehenden Konflikte mit beiden Familien zeichnen sich bereits im Hintergrund ab und haben in mir ein eher trauriges Gefühl ausgelöst. Denn diese beiden Kinder können es ihrer Elterngeneration nicht recht machen. Die Erwartungen an die jeweils einzuschlagenden Lebenswege sind einfach zu hoch. Da ist eine multikulturelle Ehe vermutlich nur das i-Tüpfelchen. Dennoch wünscht man diesen beiden jungen Leuten einfach nur das Beste und hofft mit ihnen, dass ihre Liebesgeschichte alle Widrigkeiten überstehen kann.


    Und dann tut die Autorin etwas, dass ich bis zum Ende des Buches nicht verstanden habe. Sie kürzt die Geschichte ganz stark ein und unternimmt große Zeitsprünge. Im einen Moment liegen beide sich in den Armen weil sie erkennen, dass sie sich lieben und im nächsten Moment sind sie verheiratet, haben Kinder und leben in einem völlig anderen Land. Wo ist die Zwischenzeit geblieben? Die Zeit vor der Hochzeit wird nur kurz eingestreut und nicht weiter erwähnt. Und dann beginnt das Buch für mich nachzulassen. Den zweiten Teil habe ich nicht mehr als so toll empfunden.

    Salim, den man als Leser als sensiblen und überlegten jungen Mann kennengelernt hat, driftet im Verlauf der Geschichte in wohl fast jedes Klischee ab, welches der Westen von der arabischen Kultur hat. Seine Figur ist plötzlich eindimensional und seine Handlungen nicht nachvollziehbar. Mir fehlen hier einfach die Momente, in denen auf mehr eingegangen wird als seine permanente Enttäuschung und gefühlte Zurückweisung. So bleibt am Ende nur das Bild eines Mannes, der mit dem an ihm gestellten Druck nicht umgehen kann und sich in blinden Aktionismus flüchtet. Auf Kosten seiner eigenen Familie. Denn Salim fordert zwar viel von seiner Frau und seinen Kindern, aber er erklärt seine Beweggründe nur äußerst selten. Und wenn, dann nur knapp und nicht so ausreichend, dass man diese als Leser für seine weiteren Handlungen nachvollziehen kann.


    Und das Ende - tut mir leid, aber das war für mich vollkommen an den Haaren herbeigezogen.


    Am Ende bleiben für mich daher :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5: Sterne für "Ismaels Organgen", die sich das Buch fast ausschließlich durch seinen wunderbaren ersten Teil verdient hat.