Der passive Protagonist

  • Nach langer BT-Abstinenz melde ich mich mit einem Thema zurück, über das ich vor kurzem via Facebook gestoßen bin und das mich interessiert hat, da ich zuvor den Begriff nicht kannte. Es geht um den passiven Protagonisten. Auf meinem Blog habe ich dazu einen Artikel verfasst; der Link zum ursprünglichen Bericht befindet sich dort ebenfalls.


    Nun möchte ich von euch gerne wissen, ob ihr mir passive Protagonisten nennen könnt und ob sie euch wirklich zuwider waren. Oder ob ihr überhaupt schon mal darauf geachtet habt, dass der Protagonist den Lauf der Handlung beeinflusst oder einfach zusieht, was passiert. Gerne hätte ich Beispiele wie ich in meinem Artikel zwei aufgeführt habe (Hamlet und Edmund Talbot aus William Goldings "Äquatortaufe").

  • Hey,


    das ist ein interessantes Thema. Ich glaube aber, in deinem Blog verwechselst oder vermischst du teilweise den passiven Protagonisten (der grob gesagt einfach "unmotiviert, wenn überhaupt, handelt") mit dem personalen Erzähler, der die Sicht eines Charakters einnimmt, ohne ein Ich-Erzähler zu sein, und dabei nicht zwangsläufig handlungstreibend sein muss :wink:

  • Nun möchte ich von euch gerne wissen, ob ihr mir passive Protagonisten nennen könnt und ob sie euch wirklich zuwider waren.


    Der passivste Protagonist, den ich kenne, kommt in diesem Buch vor. Diese Dame ist allerdings nur äußerlich passiv, geistig jedoch hellwach. Sie ist mir nicht zuwider, sondern hat mein Mitleid geweckt. Es muss schrecklich sein, nach außen hin passiv dahinzuvegetieren und sich nicht verständlich machen zu können.


    Falls damit auch wenig aktive Protagonisten gemeint sind, fällt mir noch der blässliche Ashley Wilkes aus "Vom Winde verweht" ein. Ein ziemliches Weichei, der immer nur auf Andere (Melanie, Scarlett) re-agiert, aber nie agiert. Der war mir zwar nicht zuwider, allerdings konnte/kann ich nicht verstehen, was die dynamische und dominante Scarlett an ihm findet. :wink:

    "Books are ships which pass through the vast sea of time."
    (Francis Bacon)
    :study:
    Paradise on earth: 51.509173, -0.135998

  • Ich glaube aber, in deinem Blog verwechselst oder vermischst du teilweise den passiven Protagonisten (der grob gesagt einfach "unmotiviert, wenn überhaupt, handelt") mit dem personalen Erzähler, der die Sicht eines Charakters einnimmt, ohne ein Ich-Erzähler zu sein, und dabei nicht zwangsläufig handlungstreibend sein muss


    Da ist der Grad wahrscheinlich schmal. Bei "Äquatortaufe" kenne ich nur die Verfilmung aller drei Teile ("To the Ends of the Earth" von der BBC), und mir kam Edmund Talbot schrecklich passiv und unbeholfen vor. Die Serie wird aus seiner Sicht aus dem Off erzählt. Obwohl er durchaus scharf beobachtet, wird er irgendwie Opfer der äußeren Umstände. Sobald er versucht, ins Geschehen einzugreifen, geht der Schuss nach hinten los.


    Falls damit auch wenig aktive Protagonisten gemeint sind, fällt mir noch der blässliche Ashley Wilkes aus "Vom Winde verweht" ein. Ein ziemliches Weichei, der immer nur auf Andere (Melanie, Scarlett) re-agiert, aber nie agiert.


    Das ist ein tolles Beispiel! Man fragt sich wirklich, was Scarlett an ihm findet. Andererseits heißt es ja auch, dass sich Gegensätze anziehen. Mellie passt im Endeffekt besser zu ihm, und trotzdem nagt es an Scarlett, dass sie sich mit dem "Rüpel" Rhett zufriedengeben muss.

  • Mir fallen als erstes die Protagonisten bei Bernhard Schlink ein. Männer, die geschehen lassen, aber selbst wenig tun, um ihr Leben zu gestalten, ihren Teil vom Kuchen zu bekommen. Sie handeln nur auf Zuruf, werden von anderen in Situationen gebracht, in die sie eigentlich nicht hinein wollen und grübeln dann wie lange über Alternativen, die möglich gewesen wären.


    Die Tendenz zu den in dieser Art gezeichneten Protagonisten zeichnet sich schon in "Der Vorleser" ab, in späteren Romanen sind sie noch schlimmer. Und immer sind es Männer und fast alle sind Juristen.

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • @Marie Irgendwie fad, wenn das so seine Masche ist. Aber wenigstens weiß der Leser, was ihn erwartet. :wink: Und auf der anderen Seite kann Schlink in zukünftigen Romanen noch überraschen, indem er einen aktiven Charakter einbaut. Auch nicht schlecht.


    In "Rebecca" von Daphne Du Maurier wird die Hauptfigur auch völlig von der Situation und den Ereignissen überrollt. Und trotzdem kann man sich gut in sie hineinversetzen. Ich bin wirklich ein bisschen skeptisch, ob der passive Protagonist tatsächlich so unbeliebt und so ein großer Fauxpas ist, wie der Verfasser in seinem Artikel behauptet... vielleicht nicht mehr ganz zeitgemäß, aber es gibt doch erstaunlich viele Klassiker, in denen passive Protagonisten vorkommen. Wie verhält es sich z. B. mit den Erzählungen von Franz Kafka?

  • Ich bin wirklich ein bisschen skeptisch, ob der passive Protagonist tatsächlich so unbeliebt und so ein großer Fauxpas ist, wie der Verfasser in seinem Artikel behauptet...


    Ich halte das auch für unwahrscheinlich. Passive Protagonisten sind vermutlich ein geschickter Kunstgriff des Autors, weil die Leser darauf emotional stark reagieren, indem sie solche Protagonisten entweder bemitleiden oder am liebsten zu Taten antreiben, bzw. eventuell auch warnen wollen. Außerdem sind passive Protagonisten durchaus realistisch. Ich wüsste also nicht, was es daran zu kritisieren gäbe.
    Der Abscheu des Lesers richtet sich meiner Meinung nach eher auf die "aktiven Bösewichter".


    Mir ist übrigens noch ein Buch mit einem passiven Protagonisten eingefallen: "Oblomov". In diesem Roman ist "Zentrum und Höhepunkt des Tages der tägliche Mittagsschlaf" des Protagonisten (Zitat meines Russisch-LiWi Professors). :totlach: Der gute Oblomov ist so passiv und das Buch war für mich so langweilig, dass ich mich dann auch lieber dem (Mittags)schlaf gewidmet habe... :sleep:

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  • "Rebecca" ist ein gutes Beispiel, wie auch ein passiver Protagonist eine eigene Dynamik entwickelt und seine individuelle Rolle ausfüllt. Ob die Ich-Erzählerin aber im Sinne der Definition im Artikel tatsächlich passiv ist? Es heißt dort: "Der Protagonist ist nicht hinreichend motiviert", was auf sie nicht zutrifft. Denn sie hat ein Ziel: Das gemeinsame Leben und das Glück mit Maxim zusammen.


    Ich glaube, der Verfasser des Artikel redet eher vom "gesichtslosen" Protagonist, denn der passive hat durchaus seine Daseinsberechtigung. Wenn der Autor sein Handwerk versteht (wie bei duMaurier der Fall), setzt er die Passivität gezielt ein, um den gewünschten Effekt (Mitleid des Lesers, Wut, o.ä.) zu erzielen. Dem gesichtslosen Protagonist gegenüber verliert der Leser jedoch das Interesse.

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