Michel Houellebecq - Unterwerfung / Soumission

  • Buchdetails

    Titel: Unterwerfung


    Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

    Bindung: Taschenbuch

    Seitenzahl: 272

    ISBN: 9783832163594

    Termin: Mai 2018

  • Bewertung

    3.6 von 5 Sternen bei 36 Bewertungen

    71,9% Zufriedenheit
  • Inhaltsangabe zu "Unterwerfung"

    Es ist vielleicht der umstrittenste Roman der letzten Jahre: ›Unterwerfung‹ handelt vom Zusammenprall der Kulturen und stellt Fragen zum Verhältnis von Orient und Okzident, von Judentum, Islam und Christentum – Fragen, die heute so relevant sind wie nie. Goncourt--Preisträger Michel Houellebecq präsentiert sich als furchtloser Gesellschaftsdenker, der die bestimmenden Spannungsverhältnisse unserer Epoche mit großer Ernsthaftigkeit – und zugleich mit virtuoser Ironie – ausdeutet. Er erzählt in ›Unterwerfung‹ die Geschichte des Literaturwissenschaftlers François. Der Akademiker forscht im Frankreich einer sehr nahen Zukunft zu dem dekadenten Schriftsteller Huysmans, der ihn sein Leben lang fasziniert. Zugleich verfolgt er die Ereignisse um die anstehende Präsidentschaftswahl: Während es dem charismatischen Kandidaten der Bruderschaft der Muslime gelingt, immer mehr Stimmen auf sich zu vereinigen, kommt es in der Hauptstadt zu tumultartigen Ausschreitungen. Als schließlich ein Bürgerkrieg unabwendbar scheint, verlässt François Paris ohne ein bestimmtes Ziel. Es ist der Beginn einer Reise in sein Inneres.
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  • Klappentext:
    "Goncourt-Preisträger Michel Houellebecq erzählt in »Unterwerfung« die Geschichte des Literaturwissenschaftlers François. Der Akademiker
    forscht im Frankreich einer sehr nahen Zukunft zu dem dekadenten Schriftsteller Huysmans, der ihn sein Leben lang fasziniert. Zugleich verfolgt er die Ereignisse um die anstehende Präsidentschaftswahl: Während es dem charismatischen Kandidaten der Bruderschaft der Muslime gelingt, immer mehr Stimmen auf sich zu vereinigen, kommt es in der Hauptstadt zu tumultartigen Ausschreitungen. Wahllokale werden überfallen, Autos brennen auf den Straßen. Als schließlich ein Bürgerkrieg unabwendbar scheint, verlässt François Paris ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen. Es ist der Beginn einer Reise in sein Inneres. »Unterwerfung« handelt vom Zusammenprall der Kulturen und stellt Fragen zum Verhältnis von Orient und Okzident, von Judentum, Islam und Christentum – Fragen, die heute so relevant sind wie nie. Michel Houellebecq präsentiert sich als furchtloser Gesellschaftsdenker, der die bestimmenden Spannungsverhältnisse unserer Epoche mit großer Ernsthaftigkeit – und zugleich mit virtuoser Ironie – ausdeutet."


    Infos zum Buch:
    Verlag: DuMont Buchverlag
    Erscheinungsdatum: 16.01.2015
    272 Seiten
    Aus d. Französ. v. Norma Cassau u. Bernd Wilcze

    Mein Fazit:

    Ich bin wirklich sehr zwiegespalten was dieses Buch angeht.
    Durch die Anschläge in Paris bin ich, wie viele andere auch, erst darauf aufmerksam geworden. Wahrscheinlich hätte ich es sonst nicht gelesen.
    Durch andere Rezensionen aus dem Netz sieht man, wie sehr es doch polarisiert und das merke ich auch an mir selbst. Einerseits finde ich, dass es ein lesenswertes Buch ist, das Thema ist Brandakutell und der Autor ein Könner. Andererseits aber, hat es mich nicht abgeholt und mitgenommen. Was mich selbst auch traurig macht. Kennt ihr das? Man hat sich so auf ein Buch gefreut, es am Erscheinungsdatum gekauft und dann klappt ihr es zu und denkt: wie das wars jetzt?
    Über einige Passagen fand ich es sehr spannend und andere flossen dann wieder sehr zäh dahin. Die ständige Klammersetzung macht das ganze dann nicht gerade einfacher, genauso wenig wie die ständigen Erwähnungen und Vergleiche zu Huysmans (französischer Schriftsteller) und die teilweisen pornografischen?/erotischen? Beschreibungen.
    Meine Erwartungen wurden mit diesem Buch leider nicht erfüllt, ich habe mir viel mehr versprochen. Mehr Beschreibungen aus dem "neuen" Frankreich, statt zu lesen wie sich das Essen im Zug geändert hat. Mir fehlen die Reaktionen der Menschen, vor allem der Frauen. Geben sie sich damit zufrieden? Und wie reagiert Rest- Europa auf diese Situation? Warum gibt es vor der Wahl Bürgerkriege und danach nicht mehr?
    Zu viele Fragen wurden für mich nicht beantwortet. Trotzdem ist es ein tolles Thema, aus dem H. aber mehr hätte machen können.


    Trotz allem, dieses Buch regt zum nachdenken an. Wie würden wir selbst mit solch einer Situation umgehen?


    Meiner Meinung nach gibt es bessere Bücher, daher auch nur :bewertung1von5::bewertung1von5: Sterne.
    Aber vielleicht habe ich "Unterwerfung" auch einfach nicht verstanden. Vielleicht muss man sich dafür mehr mit Politik auseinander setzen und darf nicht mit dem Kopf in den Wolken leben, so wie ich. Ich weiß es nicht, aber ich freue mich wenn ich noch andere Meinung dazu lesen kann. Tatsächlich habe ich das Buch sogar schon ein paar Leuten empfohlen, um mich danach mit ihnen auszutauschen...

    1. (Ø)

      Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG


    LG Jani



    "Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste."

    Heinrich Heine

  • Danke für die schöne Rezension! :thumleft: Ich denke, ich werde das Buch im Auge behalten, vor allem wegen der Aktualität.

    :jocolor: Verschwundene Reiche: Die Geschichte des vergessenen Europa // Norman Davies (Projekt)



    You cannot open a book without learning something. - Konfuzius

  • Einerseits finde ich, dass es ein lesenswertes Buch ist, das Thema ist Brandakutell und der Autor ein Könner. Andererseits aber, hat es mich nicht abgeholt und mitgenommen. Was mich selbst auch traurig macht. Kennt ihr das? Man hat sich so auf ein Buch gefreut, es am Erscheinungsdatum gekauft und dann klappt ihr es zu und denkt: wie das wars jetzt?
    Über einige Passagen fand ich es sehr spannend und andere flossen dann wieder sehr zäh dahin. Die ständige Klammersetzung macht das ganze dann nicht gerade einfacher, genauso wenig wie die ständigen Erwähnungen und Vergleiche zu Huysmans (französischer Schriftsteller) und die teilweisen pornografischen?/erotischen? Beschreibungen.


    Auf jeden Fall Danke für die Rezension. War das dein erster Houellebecq? Der Mann schreibt nicht gerade direkt heruntererzählte Geschichten, wie ich nach zwei seiner Romane feststelle, und außerdem schreibt er extrem unbequem. Aus meiner bisherigen Houellebecq-Leseerfahrung würde ich sagen, dass seine pornografischen Darstellungen nichts mit Erotik zu tun haben, zumindest war es in "Elementarteilchen" so, dass er gerade anhand der exzessiven sexuellen Befreiung (und die war denkbar exzessiv im Buch dargestellt :lol: ) die menschliche Unfreiheit verdeutlicht hat.
    Du erwähnst "ständige Klammersetzung": das könnte ein Element der Metafiktion sein, also des intentionellen Verhinderns seitens des Autors, den Leser in die Geschichte abtauchen zu lassen - man soll sich als Leser dadurch immer bewusst bleiben, dass man eine Geschichte liest. Metafiktive Elemente sind sehr typisch für die literarische Postmoderne, und ich denke, man kann Houellebecq gefahrlos als Autor der Postmoderne bezeichnen.


    Auf jeden Fall ist Houellebecq ein schwieriger Autor, da gebe ich Dir recht. Wenn ich Bücher von ihm vor zwanzig Jahren gelesen hätte, hätte ich wahrscheinlich jedes einzelne davon gnadenlos an die Wand geknallt.
    Ich werde "Unterwerfung" auf jeden Fall lesen und sehen, wie es mir zusagt. Toll, dass Du Dich an Deine erste Rezension herangewagt hast - das müssen wir feiern! :anstossen:

    » Unexpected intrusions of beauty. This is what life is. «


    Saul Bellow, (1915-2005 ), U.S. author,
    in Herzog

  • Ich verstehe dich. Ich konnte mit "Elementarteilchen" auch nicht sonderlich viel anfangen und glaube, dass Houellebecq und ich einfach keine Freunde werden können. Muss ja auch nicht... Das Buch kommt übrigens auch im "Standard" - den ich für sehr zuverlässig halte - nicht besonders gut weg: http://derstandard.at/20000104…g-Das-Ende-der-alten-Welt

  • Auf jeden Fall Danke für die Rezension. War das dein erster Hoellebecq? Der Mann schreibt nicht gerade direkt heruntererzählte Geschichten, wie ich nach zwei seiner Romane feststelle, und außerdem schreibt er sehr unbequem.


    Ja, dass war mein erster. Aber ist mir schon aufgefallen, habe in den letzten Tagen son bissel in andere Romane reingeschaut. Stichprobenvergleiche sozusagen ;)
    Naja, ich habe schon schlimmeres, also unbequemeres gelesen...


    Du erwähnst "ständige Klammersetzung": das könnte ein Element der Metafiktion sein, also des intentionellen Verhinderns seitens des Autors, den Leser in die Geschichte abtauchen zu lassen - man soll sich als Leser immer bewusst bleiben, dass man eine Geschichte liest.


    Keine Ahnung ob das seine Intention war. Ich kann da nur für mich selber sprechen und ich bin mir schon bewusst, wann ich eine Geschichte lese und wann eine wahre Begebenheit.
    Aber du kannst schon recht haben, vielleicht war das seine Absicht. Ich glaube ich habe irgendwo gelesen, dass er es auch in anderen Romanen so gemacht hat...

    LG Jani



    "Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste."

    Heinrich Heine

  • Ich danke dir sehr für diese gelungene Rezension! Bei mir steht das Buch noch ungelesen im Regal, mal sehen, wann ich es schaffen werde es zu lesen. Für mich wird es dann auch der erste Houellebecq sein.

    ~Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.~
    - Heinrich Heine -

  • Jetzt werf ich mal meine recht positive Meinung über den Roman in den Ring. Bisher las ich von Houellebecq seinen grandiosen Erstling "Ausweitung der Kampfzone", überraschend schöne Gedichte und seine Essaysammlung "Die Welt als Supermarkt". Ich muss sagen, ich mag Houellebecq sehr gerne. Und ich finde, auch "Unterwerfung" ist ein sehr anregender und geschickt gebauter Roman. Es geht um eine Gesellschaft, deren Bevölkerung ihr Zustand in weiten Teilen im Grunde egal ist, die sich nicht für Politik oder Ideale interessiert, solange das eigene Auskommen nicht betroffen ist und alles geruhsam weiter seinen Gang gehen kann. Die Hauptfigur erkennt dies und beklagt es, ist aber selber keinen Deut besser - und verzweifelt daran. Die Verzweiflung ersetzt das Handeln - und beruhigt gewissermaßen das schlechte Gewissen, nicht zu handeln.


    Wer eine bunte und laute Erzählung über den „Kampf der Kulturen“ erwartet, voller Konflikte und klischeereicher Reibungspunkte zwischen den Religionen, vielleicht gar mit muslimischen Straßengangs und blutigem Bürgerkrieg, voller nachvollziehbar erzähltem Leid unterdrückter, verschleierter Frauen und den Stimmen und Meinungen des stinknormalen Menschen auf der Straße, wird enttäuscht sein.


    Interessant ist der Roman für mich, weil er eine unpolitische, träge und alternde Hauptfigur dazu zwingt, sich mit Fragen des Glaubens, der Überzeugung, des Selbstwertgefühls, einem guten Leben und der richtigen Verfassung einer Gesellschaft zu beschäftigen. Aus diesem Konflikt, der sich auf der Basis zweier Krisen ereignet (einer männlichen Lebenskrise und einer gesellschaftlichen Krise der Umgestaltung), ergeben sich vielfältig hin und her wandernde Gedanken und Lesarten ohne klare Handreichung des Autors, wenn auch mit seinem bekannten, pessimistischen, leicht angewiderten Tonfall, seinem Blick auf die Menschen, der niemals aufgesetzt spöttisch ist, vielmehr tragisch und leise. Eine Ehrlichkeit, die ihn selbst einschließt.


    Der Roman spielt im akademischen Intellektuellenmilieu, vor allem in Kreisen von Literaturwissenschaftlern, und ist somit gewissermaßen zweimal der Realität entrückt - zunächst in die abgeschottete, sich selbst genügende (und oft nur sich selbst reproduzierende) Welt der Universitäten, und dann in die noch weiter von der Gegenwart entfernt scheinende Welt der Literaturwissenschaft, die sich immer wieder aufs Neue mit kanonisierten Klassikern der Literatur herumplagt - eine Beschäftigung, so scheint es, für unpolitische, Veränderungen scheuende Bildungsbürger, für universitäre Karrieren auf kleiner Flamme. Allen geht es nur darum, ihre Schäflein ins Trockene zu bringen.


    Auch die Hauptfigur François ist Teil dieser bürgerlich-intellektuellen Gesellschaftsschicht. Durch seine Augen und Ansichten werden die im Frankreich des Jahres 2022 stattfindenden politischen Umwälzungen betrachtet und reflektiert, in der die liberale Rechte den "Kampf der Ideen" gewonnen hat, die jungen Menschen nur noch unternehmerorientiert sind und die Herrschaft der Marktwirtschaft einhellig anerkannt wird (siehe S. 132).


    Seit einiger Zeit ist rechtsextreme und identitäre (also auf das Bewahren der „völkischen Identität“ zielende) Parteipolitik eine ernstzunehmende Größe geworden, die bei der kommenden Wahl den schon eingeübten Wechsel von einer Mitte-Links-Regierung zu einer Mitte-Rechts-Regierung stören könnte. Als großer Konkurrent erweist sich (gerade für die Rechtsextremen) eine gemäßigt islamistische Partei. In gewissen Aspekten ähneln sich der „Front National“ und die „Bruderschaft der Muslime“ tatsächlich, zum Beispiel in der Überbetonung der Familie und in ihrem Kampf gegen den Sittenverfall und den amerikanisch-westlichen „Glitzerkram der Zivilisation“, in ihrer Ablehnung von Homo-Ehe und Schwangerschaftsabbrüchen und in ihrer Einstellung zu Israel und dem Nahost-Konflikt. Nach der Wahl einigen sich die Mitte-Rechts-Parteien und die Sozialisten auf eine Koalition und unterstützen gemeinsam den muslimischen Präsidentschaftskandidaten Mohammed Ben Abbes. In der Folge wird die französische Gesellschaft nach und nach islamisiert. Im Bildungsbereich heißt das zum Beispiel, dass Hochschuldozenten zum Islam konvertieren müssen. Außerdem wird überhaupt die Polygamie erlaubt. Sozialleistungen werden um 85 Prozent gekürzt, um die Familie zu stärken. Aber dafür bekommt der Mittelstand großzügige Unterstützung und der Schwerindustrie werden Subventionen gekürzt - was die Mehrheit der Bevölkerung freut. Die reguläre Schulzeit endet schon mit zwölf Jahren, wonach man sich einen Beruf tendenziell im Handwerksbereich suchen soll. Frauenarbeit wird großflächig eingeschränkt.


    Zunächst hat die Hauptfigur François kein Interesse, unter diesen Vorzeichen weiter an der Universität zu bleiben. Dass ihm eine hohe monatliche Abfindung in Höhe seiner guten Rente ausbezahlt wird, erleichtert ihm seinen Abschied. Gleichzeitig sieht er aber auch (nach seiner Jugend) einen weiteren Abschnitt seines Lebens dahinsterben. Wer jetzt nicht glücklich verheiratet ist, wird es nie mehr sein. Intellektuell scheint sein Leben fern seiner Dozententätigkeit zu Ende zu sein. Auch die abwechselnden Liebschaften mit Studentinnen hören nun auf. Was soll jetzt noch kommen außer Siechtum?


    In dieser Lebenskrise sieht sich François dem schmeichelhaften Umwerben des neuen Hochschulrektor ausgesetzt. Tatsächlich ist François eine wissenschaftliche Kapazität, derer es an der neuen, islamischen Sorbonne noch viel zu wenig gibt, da sich bisher eher die intellektuellen Leichtgewichte zum Verbleib an der Uni entschieden haben. Nach und nach setzt sich François mit der Frage auseinander, was am Islam „so schlimm sein soll“, ob die westliche Zivilisation nicht vielleicht wirklich dem Untergang geweiht ist und das Zeitalter des christlichen Abendlandes gerade endet, so wie das Römische Reich 1500 Jahren zuvor aufhörte, in der bekannten Form zu existieren. In den Gesprächen wird der Islam als die einzige Weltreligion gezeigt, die die Welt und alles Irdische als gut und schön ansieht und die Schöpfung als perfekt preist, wohingegen Christentum und Buddhismus nur die Verdorbenheit des Irdischen betonen. Irdisches Glück und Zufriedenheit sei durch die Unterwerfung des Menschen unter das göttliche Prinzip zu erlangen. Nach der Lektüre des Romans bleibt die Frage, ob die unterschiedlich geschilderten Arten der Unterwerfung nicht vielleicht doch nur reine Kollaboration sind.


    Wie wird sich François letztlich entscheiden? Sollte für ihn etwa auch die Möglichkeit einer arrangierten Vielehe den Ausschlag für seine Entscheidung geben, die seine erotischen Gelüste, Bindungsprobleme und Bindungssehnsüchte zugleich beheben könnte? Für das Leben der teilweise minderjährigen Ehefrauen des Hochschulrektors hat François jedenfalls eine gewisse Bewunderung übrig: Sie können gewissermaßen ihr ganzes Leben Kind bleiben beziehungsweise verbleiben in dem kindzentrierten Kosmos der Mutterschaft. Auch, wenn dieser Zustand als unmündige Einschränkung oder Herabsetzung angesehen wird, entspricht er doch dem Traum vieler Männer und Frauen, die „Kind bleiben“ wollen, voller Wehmut an ihre Kindheit denken, sich eine Zeit erträumen ohne Pflichten und Verwaltungsaufgaben und sich kindischen Hobbys in zwanglosen Privatspähren hingeben. Tatsächlich ähnelt die Darstellung der „entmachteten“ muslimischen Ehefrauen an der Seite ihrer einflussreichen Männer im Grunde dem Auftreten "westlicher Frauen“ in ähnlicher Position, die ihren Mann anhimmeln und sich dabei als wichtigen Teil der Gesellschaft fühlen können. Nur, dass „westliche Frauen“, die bereitwillig die Machtspielchen des Patriarchats westlicher Prägung mitmachen, sich noch in ihrer behaupteten Eigenständigkeit und Individualität sonnen können. Was ist Unterwerfung, was Kollaboration? Der Leser muss es selbst entscheiden!



    Jetzt habe ich gar nichts über François' wissenschaftliches Spezialgebiet, den Dichter Joris-Karl Huysmans, geschrieben, was einen schon fast zu stimmig passenden Hintergrund für die Hauptfigur bietet, hat sich doch Huysmans vom dekadenten Menschenfeind, der voller Ekel auf die Gesellschaft und seine Mitmenschen schaut, durch seine späte Hinwendung zum Katholizismus zu einem frommen Menschenfreund und Laienklosterbruder gewandelt. Aber all diese Aspekte unter einen Hut zu bringen, war mir jetzt dann doch zu schwierig ...


    Bewertung zwei Stunden nach Beenden des Buches erstmal :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5: Sterne. :)

    Houellebecq "Elementarteilchen" (77/357)

    Mcdonald "Abendflüge" (51/352)

    Schmidt/Käther (Hgg.) "Fantastic Pulp 2" (35/207)


    Jahresbeste: Lorenzen (2021), Jansson (2020), Lieberman (2019), Ferris (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & Ford (2012) :king:

    Gelesen: 9 (2022), 185 (2021), 161 (2020), 127 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Anderson "Lullaby Road" (19.1.)

  • Da das Buch schon zusammengefasst und vorgestellt wurde (ich finde mich in der Rezi von Jean sehr wohl!), von mir imFolgenden eher einige zusätzliche (?) Bemerkungen und meine persönliche Meinung… :


    Zunächst einmal gestehe ich, dass ich Houellebecq wegen seines sulfurösen Rufes bislang gemieden hatte. Ein Fehler, wie ich nun feststelle, denn dieses Buch « Unterwerfung » ist überaus reich an Ideen und zeugt zudem von einer beeindruckenden Sprache. Zumindest empfand ich das extrem auf den ersten Seiten meiner französischen Ausgabe.


    Von den zahlreichen Sexszenen sollte man sich meines Erachtens nicht täuschen lassen, dass es dem Autor hier natürlich nicht um einen Erotikroman geht, sondern dass sogar dahinter noch eine andere « Absicht » (sweit ich es verstehe und das dem Autor unterstellen darf) verbirgt.


    Entgegen dem oben zitierten Klappentext vom « forschenden und suchenden » Huysmans-Forscher würde ich mal behaupten, dass von Anfang des Romans an der Erzähler François als « gleichgültiger », indifferenter Mann sich outet. Auch schildert er weitgehend die politischen Ereignisse nahezu als Zuschauer : so wird der Wahlabend ein « happening », an dem man mit einer Flasche Wein und paar Sushis ein event verfolgt. Gibt es aber eine Leidenschaft in seinem Leben so besteht sie nun vielmehr eben im Essen, Trinken und halt… im Sex. Angesichts des Zusammenhanges des Romans kann man hier durchaus von Ersatzreligionen sprechen.


    Spirituell steht da garnichts mehr auf festen Füßen, und die geistigen Wurzeln sind verlorengegangen. Und damit vielleicht auch die Widerstandskräfte gegen das, was dann das hier nicht zu verratende Ende des Romans sein wird. Ist der in Frankreich bekannte Huysmans als dekadenter Schriftsteller von ihm geliebt, so wird dieser dann nicht mehr « gefolgt » in seiner späteren Bekehrung zum Christentum, bzw zu einem anderen Leben. Es sei denn, dass man Huysmans' Kehrtwende in einer christlich geprägten Zeit einer heutigen Kehrtwende in der vom Autor beschriebenen Atmosphäre eines mehr und mehr islamisch geprägten Frankreichs vergleichen will.


    Über einen persönlichen Lebensweg hinaus bezieht sich der Roman aber auf eine Gesellschaft, die vielen Lesern grotesk, unwirklich vorkommt. Doch ist manches vielleicht gar nicht sooo unwahrscheinlich, wie es auf ersten Blick sich darbietet : der so genannte « Verlust der Werte » ist ja nicht nur ein persönlicher, sondern öffnet die Suche nach einem neuen Lebenssinn. Hier bietet der dargestellte Islam einige einfache(re) Antworten als das komplexere hier im Untergehen dargestellte Christentum. Und mit finanzieller Rückendeckung aus den Golfstaaten kommt dann hier manches zusammen und macht den Weg frei für eine andere Gesellschaft. Ich meinte zu entdecken, dass Houellebecq dafür nicht etwa ein solch aggressives islamisches Vorgehen verantwortlich macht (der neue Präsident der Wahlen von 2022 erscheint nicht extremistisch) als vielmehr eine gewisse Indifferenz, die Gleichgültigkeit politischer als auch persönlicher Art der Europäer als auch die Niederlage der Kirchen (zB), eine echte geistige Alternative zu setzen, die lebenserfüllend ist.


    Es ist kein bequemes Buch, da es einen am Ende mit vielen Fragen zurückläßt und sich auch fragen kann, wo denn nun Houellebecq selber steht. Doch genau das macht dieses Buch dann auch lesenswert, da es Diskussions- und Denkmaterial liefert. Ich brauche dabei nicht den einzelnen Passagen des Buches zunickend beizustimmen und dabei denken, dass zB die – wie einige sagen – frauenfeindlichen Aussagen des Erzählers die Meinung von Houellebecq widerspiegeln. Das halte ich für verkehrt, hier in dem Sinne den Ich-Erzähler it dem Autor kurzerhand gleichzustellen. Dafür ist Houellebecq viel zu geschickt !


    Ein Bekannter von mir sagte, dass man dieses Werk durchaus als Thesenroman beschreiben könnte. Ich bin nicht sehr firm in solchen Zuschreibungen, doch es stimmt, dass der Autor manches « zeigt und darstellen » will. Meine Aussagen hier sind nicht das « letzte Wort », sondern zeigen, wie dieses Buch das eigene Denken anregen und vorantreiben will und kann.


    Insofern herzliche Einladung zum Lesen an nachdenkliche Leser !

  • @tom leo: Sex und kulinarische Genüsse, Happenings, das Leben feiern als Ersatzreligion passt schon sehr gut. Gleichzeitig die Sehnsucht, "dass da mehr sein solle". Das durchzieht den Roman wirklich! Es täte vielen Leuten einfach mal gut, wenn sie an etwas glaubten, das größer als sie selbst ist, mehr als ihr eigener Bauchnabel.


    Ob es in diesem Zusammenhang passt? Ich meine, eine auffällig gehäufte Beschreibung des Wetters bemerkt zu haben, wie es sich ändert, was für dunkle Wolken aufziehen, welches Wetter zu erwarten ist. Ich will jetzt in Kleinigkeiten nicht etwas reinlesen, was da nicht drin steckt. Aber diese Regelmäßigkeit war doch irgendwie auffällig, trägt vielleicht zu dem besonderen Tonfall bei (immerhin sind die Gesellschaft und auch die Medien ja definitiv versessen auf Wetterberichte und "auf gutes Wetter", jeder Regentropfen: ein Weltuntergang). Wer weiß ... :wink:


    Was die Gleichgültigkeit des Erzählers (als Teil der Gesellschaft) angeht, denke ich gerade an die Szene, wo er an einer geplünderten Tankstelle auf dem Land einfach so darüber hinweg geht, dass die Leiche der Tankstellenverkäuferin auf dem Boden liegt. Ohne, etwas zu tun oder jemanden zu informieren. Ich meine: Steckt er sich nicht sogar noch irgendwelche Lebensmittel ein, ohne zu bezahlen? Mit so einem Erzähler muss man sich erstmal identifizeren können!

    Houellebecq "Elementarteilchen" (77/357)

    Mcdonald "Abendflüge" (51/352)

    Schmidt/Käther (Hgg.) "Fantastic Pulp 2" (35/207)


    Jahresbeste: Lorenzen (2021), Jansson (2020), Lieberman (2019), Ferris (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & Ford (2012) :king:

    Gelesen: 9 (2022), 185 (2021), 161 (2020), 127 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Anderson "Lullaby Road" (19.1.)

  • So, nun habe ich das Buch gestern fertig gelesen. Es gefällt mir gut, hat mich aber auch nicht völlig umgehauen. Sprachlich fand ich es im Original manchmal sehr flüssig, manchmal ein bisschen zäh zu lesen, aber extrem sperrig kam mir die Sprache nicht vor. Übrigens ist mir im Original auch kein übermäßiger Gebrauch von Klammern aufgefallen - keine Ahnung, was der deutsche Übersetzer da angestellt hat. Hingegen habe ich die Hauptfigur und insgesamt die Inhalte im Buch teilweise als sehr sperrig empfunden. Es lässt sich meiner Meinung nach deswegen nicht mal eben so runterlesen, weil der Leser ständig aufgefordert wird über Politik, Philosophie, Religion etc. nachzudenken bzw. man muss den Gedankengängen erstmal einigermaßen folgen können, um sich dann eigene Gedanken dazu bilden zu können.
    Mit der Hauptfigur konnte ich mich kaum identifizieren (z.B. die bereits erwähnte Tankstellenszene), dennoch fand ich François' Werdegang interessant - letzten Endes scheint des Leben des Protagonisten genauso zu verlaufen wie sein jahrzehntelanges Studienobjekt Joris-Karl Huysmans. Auch wenn ich Französisch studiert habe, ist mir dieser Dichter bisher nicht bewusst über den Weg gelaufen, aber er war mir trotzdem während der Lektüre nicht fremd. Ein wenig schade finde ich es tatsächlich, dass sehr wenig über die sehr alltäglichen Auswirkungen des neuen Regimes in Frankreich geschrieben wird, sondern es sich hauptsächlich auf die politische und intellektuellen Ebene zu beschränken scheint. Mich hätten die konkreten Auswirkungen auf den Durchschnittsfranzosen doch sehr interessiert, aber das war wohl kein Anliegen dieses Buchs.
    Die These, dass da ein neues Römisches Reich errichtet wird, stammt übrigens, wie ich bei meiner Internetrecherche erfahren habe, von Prof. Dr. David Engels, bei dem ich tatsächlich mal ein Proseminar in Alter Geschichte hatte, der dann aber im Herbst 2008 mit 29 Professor in Brüssel für Römische Geschichte geworden ist. Sein letztes größeres Werk beschäftigt sich mit den Parallelen zwischen der Krise der EU und der Krise der Römischen Republik an ihrem Ende. Damit möchte ich mich auch bei Gelegenheit näher beschäftigen.
    So erhält "Soumission" von mir insgesamt :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5: und bin froh, mich an Houellebecq insgesamt mal rangetraut zu haben.

    ~Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.~
    - Heinrich Heine -

  • Hui, vielen Dank für die rege Diskussion. Dieser Thread ist ein fabelhaftes Beispiel dafür, warum es sehr viel mehr Sinn hat, sich im BT über ein Buch schlau zu machen als z.B. bei amazon!! Ich habe "Elementarteilchen" vor vielen Jahren gelesen und sicherlich nicht verstanden, weshalb ich mich an dieses Buch nicht herantrauen wollte. Aber nachdem was ich gerade gelesen habe (zumal ihr ja schon einen Teil angedaut habt),brenne ich schon darauf, meinen freien Vormittag auf den Buchkauf zu verwenden :loool: .

    :study: Junge mit schwarzem Hahn- Stefanie vor Schulte


    No two persons ever read the same book (Edmund Wilson)

  • Für diejenigen, die es interessiert:


    Das Kulturradio SWR 2 sendet den Roman von Houellebecq als zweiteiliges Hörspiel am Donnerstag, 8.Oktober und am 15. Oktober 2015, jeweils um 22.03 Uhr.
    Im Anschluss an den zweiten Teil wird über das Hörspiel und über interkulturelle Heimat in Houellebecqs Roman diskutiert.

  • Dieser Roman hat ja bekanntlich hohe Wellen geschlagen, wie man ja auch hier an der Diskussion sieht. Das ist nur allzu verständlich, scheint er doch die Befürchtungen der "besorgten Bürger" europaweit in einem Szenario auf die Spitze zu treiben. So oberflächlich sollte man dieses Werk aber nicht betrachten. Es handelt sich nicht um einen negativen Zukunftsentwurf, der vor einer möglichen Islamisierung warnt, sondern vielmehr um eine Abrechnung mit der gesamten Gesellschaft - vorrangig mit der intellektuellen Elite eines Landes - und der politischen Parteienlandschaft von links nach rechts. Es würde dem Roman nicht gerecht werden, würde man ihn Wort für Wort lesen und verstehen wollen. Der ironische Unterton, der ihn zu einer - zugegeben wenig komischen - Satire macht, ist zwar sehr zart, aber definitiv vorhanden und muss entsprechend verhandelt werden.


    Protagonist und Ich-Erzähler der Geschichte ist der Literaturwissenschaftsprofessor François. Er lehrt an der Universität Paris-Sarbonne und betrachtet seine Arbeit, sein Leben und die politischen Entwicklungen stets auf die gleiche kühle und zynische Art. Obwohl er noch relativ jung und in diesen ominösen besten Jahren ist, ist er sehr ernüchtert und resigniert. Seine wissenschaftliche Karriere empfindet er als mittelmäßig, sein Liebesleben als Sackgasse - weil es halt auch hauptsächlich aus Affären mit seine Studentinnen besteht - und die politische Situation betrachtet er sowieso äußerst skeptisch. Aber weniger aus Besorgnis um die Gesellschaft, sondern aus reinem Egoismus. Wegen des Aufstiegs der muslimischen Partei zieht die Familie seiner aktuellen Liebschaft nach Israel, weil es schwierig für alle Menschen mit jüdischem Glauben wird. Außerdem wird er seiner Lehrtätigkeit enthoben - wie alle Frauen und nicht muslimischen Lehrenden.


    Es ist eine sehr bedrohlich wirkende Zeit, in der die etablierten Werte auf dem Prüfstand stehen. Aber niemand scheint bereit, sich aus seiner Bequemlichkeit zu erheben und sich gegen die neuen Machthaber zu stellen. So konnte zwar der rechte Extremismus abgewandt werden, aber nur zum Preis eines religiös geleiteten Staates, der eine gemäßigte Form der Scharia einführt, das Patriarchat etabliert und insgesamt einen riesigen Rückschritt bedeutet. Doch gerade die Eliten bestehen aus Opportunisten, die sich lieber arrangieren. So auch unser Protagonist, der plötzlich gar nicht mehr so viel gegen Polygamie einzuwenden hat und sich durchaus in der Lage sieht, zum Islam zu konvertieren, wenn er dafür seine Anstellung an der islamischen Universität Paris Sarbonne wieder zurück bekommt.


    Was ich auch noch wirklich spannend fand und durchaus den negativen Ton etwas relativierend, war die Bedeutung der Literatur in diesem Buch. Für den Protagonisten ist sie ein Spiegel der Gesellschaft, er zieht die Romane des Autors, auf den er sich in seiner Forschung spezialisiert hat, oft zu Rate und erhofft sich dadurch Antworten für seine eigenen Probleme. Und so sollte auch "Unterwerfung" betrachtet werden: Es geht in dem Roman nicht darum, eine Wahrheit darzustellen oder Zukunftsprognosen zu geben. Er will Tendenzen auf die Spitze treiben - aber meiner Meinung nach nicht unbedingt die Tendenzen einer islamisierten Gesellschaft, sondern die Tendenz der westlichen Bevölkerung und vor allem der Intellektuellen zur Resignation und zur Apathie. Es ist provokant, diesen Spiegel von einer muslimischen Machtposition umrahmen zu lassen, aber genau diese Provokation löste die enorme Diskussion aus - über den Roman und damit auch über die Gesellschaft. Dennoch beantwortet der Roman die großen Fragen, die er aufwirft nicht - und welche wirklich großen Romane tun das schon? Am Ende geht es auch ihm darum, sich weder für eine rechtsextreme noch für eine islamisierte Seite instrumentalisieren zu lassen, sondern die errungenen Rechte von freier Meinungsäußerung und individueller, gleichberechtigter Entfaltung zu bewahren.


    Es gibt :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5: Sterne von mir.

  • Autor: Michel Houllebecq
    Titel: Unterwerfung
    Seiten: 272
    ISBN: 978-3-8321-6359-4
    Verlag: Dumont
    Übersetzer: Norma Cassau / Bernd Wilczek

    Autor:
    Michel Houellebecq wurde 1958 geboren. Nach der Schule arbeitete er u.a. als Informatiker bei einem Beratungsunternehmen, wechselte später ins Landwirtschaftsministerium und schrieb zu dieser zeit schon an seinem ersten Roman, diverse Gedichte und Kurzgeschichten. 2015 erschien sein Roman "Unterwerfung" an dem Tag, an dem ein terroristischer Anschlag auf das satiremagazin "Charlie Hebdo" stattfand, unter dessen Zeichnern er einen Freund hatte, der dabei ums Leben kam. Darauf hin brach Houllebecq die Bewerbung seines Romans ab und zog sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Einige Monate später nahm er jedoch wieder einige Auftritte wahr.


    Handlung:
    Unterwerfung beschwört ein Frankreich herauf, in dem eine autoritäre muslimische Partei schleichend die Macht übernimmt – auf demokratischen Weg und mit Hilfe der intellektuellen Elite. Schonungslos und mit großer erzählerischer Kraft zeigt Michel Houllebecq in seinem bislang wohl kontroversesten Roman, wie sich die Menschen freiwillig in ein System fügen, das alle Grundwerte der westlichen Welt verneint. (Klappentext)


    Rezension:
    Schreckensszenario, Schwarz-Weiß-Denken, populistische Denke, Provokation. Als Michel Houellebecqs Roman zunächst in Frankreich erschien, überschlugen sich die Kommentatoren der Feuilletons im Kulturbetrieb. Beschrieben wird eine nicht allzu ferne Zukunft, in der ein Muslim Präsident eines laizistischen Frankreichs wird und innerhalb von Monaten das Land nach seinen Glaubensvorstellungen ausrichtet. Plötzlich sieht man in der Stadt der Liebe Frauen nur noch verhüllt, Schulen und Universitäten ohne islamischer Ausrichtung werden zu Einrichtungen zweiter Klasse, in den Zügen gibt es ein muslimisches Menü und mehrmals täglich ruft, nicht mehr vereinzelt, der Muezin zum Gebet.


    Zudem ist es auch in Frankreich nun erlaubt, mehrere Ehefrauen zu haben. Während dieser Umwälzungen begleiten wir den Literaturprofessor Francois, der nicht konvertieren will und daher seine universitäre Laufbahn beenden muss, durch die sich wandelnde Welt, die anhand der Gegensätze zu zerbrechen droht. Auch ihm stellt sich bald die Frage, ob es nicht besser ist, den islamischen Glauben anzunehmen. Wie wird er sich entscheiden?


    Die Geschichte kommt nur langsam ins Rollen und tritt dann auf der Stelle. Ein Vorankommen ist nicht erkennbar, wenn auch einige Abschnitte durchaus an erzählerischen Tempo zulegen. Houellebecq hält dies aber nicht durch, zum Leidwesen des Lesers. Dabei bürgen Handlung und darin befindliche Protagonisten durchaus Potential. Wie gerne hätte man noch mehr über die gesellschaftlichen Umwälzungen erfahren? Wie viel Spannung hätte die Reduzierung der privaten Befindlichkeiten, insbesondere der Hauptfigur, gebracht? So aber bekommt der Leser eine noch nicht ganz reife Geschichte, die zwar viel über literarische Klassiker der Franzosen philosophieren, dem gemeinen Leser aber unbefriedigt zurücklässt.


    Das Szenario wiederum ist strittig und unrealistisch, könnte jedoch von den Populisten der Welt missbraucht werden. In einer zeit wohlgemerkt, in der der Front National in die französische Nationalversammlung eingezogen und Le Pen dem höchsten Staatsamt so nahe wie noch nie ist, überall in Europa Rechtsverdreher (Sic!) in die Parlamente finden oder teilweise Regierungsbeteiligung erlangen.


    Fünfzig Seiten mehr Beschreibungen des gesellschaftlichen Wandels hätten gereicht, um die Mängel dieses Romans auszugleichen. So aber bleibt „Unterwerfung“ nicht nur ein mittelmäßig interessantes Gedankenspiel, sondern auch der Eindruck einer nicht vollständigen und zu Ende erzählten Geschichte.

  • Heute Abend Im Ersten 20.15 Uhr:


    Im Auftrag des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) hat die NFP (Produzent: Clemens Schaeffer) Michel Houellebecqs vieldiskutierten Bestseller "Unterwerfung" 2017 verfilmt. Titus Selge schrieb das Drehbuch und führte Regie. Seine Fernsehadaption kombiniert Ausschnitte der gefeierten gleichnamigen Theaterinszenierung von Karin Beier am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg mit Filmszenen zu einem außergewöhnlichen Format. (Im Ersten)

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