Björn Kern- Das erotische Talent meines Vaters

  • In einem langen Gespräch, das meine Frau und ich vor einiger Zeit mit einer Sportfreundin meiner Frau führten, kam diese nach einiger Zeit auch auf ihre seit langen Jahren schon gescheiterte Ehe zu sprechen und auf ihren Wunsch, sich endlich von dem Mann, mit dem sie nicht mehr glücklich ist und der sie seit langem schon mit vielen Frauen betrogen hat, zu lösen und wegzugehen, ein neues Leben allein zu beginnen. Auf unsere Frage, warum sie sich diesen Tort antut und nicht schon längst eine entsprechende Entscheidung gefällt hat, verwies sie auf ihre beiden schon lange erwachsenen Kinder, die sich heftig und entschieden dagegen ausgesprochen hätten und die angäben, das würden sie nicht verkraften. Wohlgemerkt: die erwachsenen Kinder ertragen den Gedanken nicht, ihre Eltern könnten auch offiziell getrennte und geschiedene Wege gehen.

    An dieses Gespräch war ich des öfteren erinnert, als ich den neuen Roman des Schriftstellers Björn Kern las, dessen Erstling „Die Erlöser-AG“ mich schon 2007 begeistert hat. Damals bemerkte ich in einer Rezension:
    „Kern will aufrütteln, betroffen machen, aber er tut es nicht rührselig oder mit erhobenem Zeigefinger, sondern nutzt meisterhaft die literarischen Möglichkeiten der Groteske und der Ironie, er spielt mit suggestiven Bildern, die den Leser nicht loslassen und ihn nachdenklich und verstört zurücklassen.“

    Das gilt in weiten Teilen auch für seinen neuen Roman „Das erotische Talent meines Vaters“. Es ist mitnichten ein erotischer Roman, wie ein literaturinteressierter Tennisfreund gestern mit Blick auf das Titelblatt vermutete. Es ist die Geschichte der Liebe eines Sohnes zu seinen Eltern.

    Philip, der, gerade 22-jährig, in Berlin lebt und nach einem Zivildienst ( wie Kern auch) beruflich in der Pflege von psychisch kranken Menschen zu tun hat, versucht von Berlin aus, sowohl mit seinem am Bodensee in einer Villa (vermutlich in Überlingen) nach seiner Pensionierung lebenden Vater Jakob den Kontakt zu halten, als auch zu seiner Mutter Iris, die vor zwei Jahren den Vater verlassen hat. Jakob war lange Jahre in gehobener Stellung in großen Firmen tätig und hat auch danach noch viel Geld mit Beratung und Coaching verdient. Er ist stolz auf seine 68- er Vergangenheit und auch seinem Sohn haben seine Ideale und Werte immer imponiert. Nun scheint es aber so, dass der Vater nur noch an sich selbst denken und endlich nur für sich leben will.

    Als sich Philip zu Beginn des Buches zu einem Wochenendbesuch an den Bodensee aufmacht, ist zunächst nicht ganz klar, ob er es tut,um seinen Vater zu kontrollieren, oder ob er ihm einfach wieder näher kommen möchte. Er trifft auf einen Vater, der angibt, von mehreren Frauen belästigt zu werden, die alle etwas von ihm wollten. Er trifft den Freund seines Vaters , Dotto, einen Italiener, mit dem Jakob opulente Mahlzeiten kocht und dabei Unmengen von Wein und Schnaps vertilgt.
    Und er trifft zwei von den besagten Frauen. Die eine, Karen, ist eine Freundin seiner Mutter Iris, und ist mit dieser und dem damals noch kleinen Philip mehrfach durch Osteuropa und die Türkei gefahren und hat dabei nicht viele Männer verschmäht. Schon damals hat der kleine Junge unter den Heimlichkeiten gelitten, in die er von seiner Mutter involviert wurde.
    Die andere, Alma, etwa vierzig Jahre alt, übt auf Philip eine erotische Anziehung aus, die er aber nicht zulässt. Philip selbst, der über das ganze Buch der Sohn ist, der beide Elternteile liebt und darunter leidet, dass sie nicht mehr miteinander sprechen, hat selbst eine Beziehung verloren. Seine Freundin Marie konnte es unter anderem nicht ertragen , dass er sich mit kranken und gestörten Menschen befasst.

    War es also zu Beginn des Buches noch unklar , welchen Charakter Philips Besuch am Bodensee hat, war es unklar, welche Rolle sein Vater da spielt, ob er gar Drogen nimmt und sein Leben ruiniert, wird es im Verlauf des Buches ziemlich eindeutig. Es geht nicht um Kontrolle, es geht um Liebe. Die Liebe Philips zu seinen beiden Eltern, von der aber an keiner Stelle ausdrücklich die Rede ist, und um die verlorene Liebe von Jakob und Iris.

    Und es ist eine Geschichte darüber, wie schwer es heutzutage manchmal die Jungen haben, mit ihren alt gewordenen, einst aufmüpfigen und ausgeflippten Eltern auf einen Nenner zu kommen, die Geschichte einer Generation bürgerlicher Zwanziger, denen die Eltern wichtig bleiben, gerade wenn sie kurz davor stehen, eine eigene Familien zu gründen.

    Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der als Kind von seinen Eltern nie wirklich das bekommen hat, was er gebraucht hätte, von Eltern, die mehr mit ihrer eigenen Selbstverwirklichung oder der Weltveränderung beschäftigt waren als mit ihrem heranwachsenden Sohn. Und es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der mit Geduld und Ironie versucht, daran etwas zu ändern, und seine Eltern wieder zu Eltern zu machen.

    Eine köstliche Lektüre, witzig und ironisch.