Tom Perrotta - The Abstinence Teacher

  • (Gibt es nicht auf deutsch.)


    Es war eigentlich nur eine Randbemerkung im Aufklärungsunterricht, doch auf einmal findet sich Ruth Ramsey mitten im Kreuzfeuer der Kritik wieder. Die Lehrerin an einer US-Highschool hat es tatsächlich gewagt zu sagen, dass manche Leute Oralverkehr mögen! Eine Menge konservativer Eltern läuft Sturm, ein Elternpaar droht gar, die Schule zu verklagen. Also bleibt Ruth nichts weiter übrig, als öffentlich zu Kreuze zu kriechen und sich der Entscheidung der Schulleitung zu beugen, dass künftig Sexualkunde nach dem Lehrplan einer christlichen Organisation unterrichtet wird und eine Sprecherin dieses Vereins vor der ganzen Schule für Abstinenz werben soll.

    Wenig später kommt es wieder zu einem Eklat mit Ruths Beteiligung, doch diesmal ist sie diejenige, die sich beklagt: Tim, der Fußballtrainer ihrer Tochter, hat mit seiner Mannschaft nach einem knapp gewonnenen Spiel spontan gebetet. Ruth empfindet das als übergriffig und missionarisch, stürmt wütend aufs Feld und stellt den Trainer zur Rede. Dass Tim dem "Tabernacle" angehört, jener rechtskonservativen Kirche, deren Anhänger Ruth das Leben nach dem Skandälchen so schwer gemacht haben, trägt natürlich noch sein Übriges dazu bei, dass Ruth die Wände hochgeht.

    Tim ist seinerseits nicht schon immer beim Tabernacle gewesen, sondern hat ein ausschweifendes Musikerleben hinter sich. Erst mit Hilfe der Kirche gelang es ihm, sich von Alkohol und Drogen freizumachen und auf ganzer Linie von vorn zu beginnen - neuer Job, neue Ehe, Ehrenamt als Trainer und Engagement im Tabernacle. Doch ganz allmählich schleichen sich leise Zweifel ein, ob er sich in dieser Glaubensgemeinschaft eigentlich wirklich wohlfühlt.

    Tom Perrotta legt hier einen ausgezeichneten Roman über die amerikanische Gesellschaft vor. Geschickt stellt er mit Ruth und Tim zwei Extreme gegenüber - die liberale Freidenkerin Ruth, der alle organisierte Religion ein Greuel und sexuelle Freiheit ein wichtiges Anliegen ist, und der geläuterte Alkoholiker Tim, der sich nun innerhalb der engen Grenzen einer evangelikalen Kirche bewegt und exemplarisch für die US-typischen "Megachurches" steht - und schafft dabei das Kunststück, dass man beide irgendwie sympathisch und ihre Handlungen nachvollziehbar findet, auch wenn ich weder mit ihm noch mit ihr in allem konform gehen konnte. Dafür war mir Tims Glaube an seine Kirche zu unreflektiert, und Ruths Ablehnung jeglicher religiöser Praktik erschien mir genauso fanatisch wie die Abstinenzpredigten der Vorzeigejungfrau, die in der Schule Vorträge gegen vorehelichen Sex hält.

    Das Buch ist aber kein trockenes Lehrstück, sondern lebt von seinen authentischen Protagonisten und dem leisen ironischen Humor, der sich immer wieder Bahn bricht. Hier und da gibt es ein paar satirische Übertreibungen, aber wie ich im höchst informativen Anhang feststellen konnte, gehörten die christlichen Sexratgeber und Dessouswebsites nicht dazu. Der verbohrte Konservatismus des Tabernacle hat mir ein paarmal wirklich das Messer in der Tasche aufgehen lassen, aber ich fürchte, da hat Perrotta nicht oder nur wenig übertrieben.

    Der eher offene Schluss hat mich zunächst ein wenig enttäuscht zurückgelassen, weil ich gerne noch mehr von Ruth, Tim, ihren Familien und von Ruths schwulem Freundespärchen gelesen hätte, aber letztendlich fand ich ihn auch nicht unpassend.

    Der schon erwähnte Anhang rundet das Buch mit einem Autoreninterview, weiteren Informationen und ein paar Literaturtips zum Thema ab.