Wunibald Müller- Verschwiegene Wunden

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  • Eigentlich hatte der Priester und Therapeut Wunibald Müller, Leiter des Recollectio-Hauses der von Anselm Grün geleiteten Abtei Münsterschwarzach sich zu dem Thema sexueller Missbrauch nicht mehr äußern wollen, auch damit sein über die Grenzen Deutschland bekanntes Haus nicht allein mit diesem Thema in Verbindung gebracht werde. Doch als die Nachrichten über den jahrzehntelangen Missbrauch in Einrichtungen der Katholischen Kirche wie eine Sturzflut über die Öffentlichkeit hereinbrachen, hat Müller der Bitte des Kösel Verlags entsprochen und hat ein Buch geschrieben, das zu dem Besten gehört, was zu diesem Thema in den letzten Jahren geschrieben und gesagt worden ist. Fern von jeder institutionellen Apologetik, wie sie sogar der junge und hoffnungsvolle Bischof Stefan Ackermann aus Trier benutzt, zeigt Müller auf, welche Gründe erkennbar sind, die zu dem sexuellen Missbrauch von Priestern hauptsächlich an Jungen geführt haben. Was mir sehr gefallen hat, ist seine Kritik, an der generellen Aussortierung von jungen Priesterkandidaten, die sich als homosexuell bekennen.


    Viele wunderbare Priester, so sagt er, würden dadurch der Kirche verloren gehen. Denn es gibt keinen direkten und ausschließlichen Zusammenhang zwischen der Homosexualität eines Priesters und etwaigen pädophilen Neigungen und Praktiken. In der Frage des Zölibats plädiert er in einem ausführlichen und lesenswerten Kapitel sehr differenziert für eine vorsichtige Entkopplung von Zölibat und Priesteramt. Die gesamte Krise bewertet er als eine Chance für Heilung in einem umfassenden Sinn:„So schmerzlich für die Kirche die gegenwärtige Situation ist, in der täglich neue Opfer sich melden, für die Opfer ist es die Gelegenheit,. ihre bisher verschwiegenen Wunden nicht länger zu verschweigen. Endlich ist ein Damm gebrochen, hinter dem so viel an seelischer Not, Scham, Hilflosigkeit, Angst und Schmerz zurückgehalten wurde.


    Jetzt kann für viele der Betroffenen der Heilungsprozess weitergehen. Das sollte ach von der Kirche gewürdigt werden, und die Zahl derer unter den Verantwortlichen, die das so sehen, wächst. Es handelt sich dabei um einen Heilungsprozess auf Opferseite, der natürlich auch positive Auswirkungen auf den Heilungsprozess haben kann, der dadurch für die Täter, aber auch für die Kirche selbst ausgelöst wird, wenn sie die Chance dafür nutzen.“ Es ist zu hoffen, dass diejenigen Verantwortlichen auch dann, wenn das Thema wieder aus den Medien und der Öffentlichkeit draußen ist, weiter an ihrem Konzept festhalten. Es ist zu hoffen, dass aus der ganzen Krise etwas gelernt werden kann zu dem Thema des Umgangs mit Sexualität in der Katholischen Kirche und dass aus diesem Lernen Segen erwächst nicht nur für die Priester und die vielen, die es gerne werden würden, sondern auch für unzählige Katholiken, die nach wie vor unter der rigiden Sexualmoral der Kirche leiden.

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