Friedo Lampe - Am Rande der Nacht

  • Buchdetails

    Titel: Am Rande der Nacht


    Verlag: Wallstein Verlag Göttingen

    Bindung: Gebundene Ausgabe

    Seitenzahl: 200

    ISBN: 9783892443919

    Termin: Februar 2003

  • Bewertung

    5 von 5 Sternen bei 5 Bewertungen

    100% Zufriedenheit
  • Inhaltsangabe zu "Am Rande der Nacht"

    Originell und unverbraucht - Friedo Lampe gilt als Meister des Magischen Realismus Der erste kurze Roman von Friedo Lampe (1899-1945) wird mit dieser Ausgabe nach 66 Jahren wieder als Einzelband zugänglich. Johannes Graf folgt in seiner Edition dem Erstdruck, berücksichtigt aber auch das Marbacher Manuskript. Die Eingriffe, die Johannes Pfeiffer, Herausgeber von Lampes Gesamtwerk, 1955 im Text vorgenommen hatte, sind rückgängig gemacht, so daß hier die einzig authentische Fassung vorliegt. - Friedo Lampe, im Kaiserreich aufgewachsen, studierte während der Weimarer Republik und begann unter der Herrschaft der Nationalsozialisten zu veröffentlichen. Er war einer der wichtigen Repräsentanten der damals »Jungen Generation« von Autoren, die nach Möglichkeit alle Beziehungen zum Regime vermieden und doch schreibend in Deutschland blieben. Sein Werk (zwei kurze Romane, ein Dutzend Erzählungen und einige Gedichte) ist unverbraucht frisch und ausgesprochen originell »kein umfangreiches, aber ein wichtiges, vollendetes, nobles, noch unausgeschöpftes OEuvre, voll von Lesefreuden, ein Lehrbuch für junge Schriftsteller, und ich glaube, es zählt zum Bleibenden der deutschen Literatur« (Wolfgang Koeppen). Das Kompositionsprinzip des Romans »Am Rande der Nacht« hat Lampe in einem Brief umrissen: »Lauter kleine, filmartig vorübergleitende, ineinander verwobene Szenen: Alles leicht und fließend, nur ganz locker verbunden, malerisch, lyrisch, stark atmosphärisch.« Dieses filmartige Erzählen, das mit harten Schnitten, weichen Überblendungen und gelassenen Schwenks arbeitet, nimmt wie zufällig etwa drei Dutzend einzelne Figuren ins Bild, deren Erfahrungen und Erlebnisse gebündelt und geeint werden durch die Nacht und das Vergehen der Zeit. Friedo Lampes Prosa ist ein Musterbeispiel für den Magischen Realismus, die deutsche Sonderform des Surrealismus. Stimmen zu Leben und Werk Friedo Lampes: »Friedo Lampe schrieb dichterische Prosa, Sätze voller Schwermut, zart und kräftig zugleich in Geschichten, die vom ersten Wort an die Spannung des Unheimlichen hatten, auch wenn sich Unheimliches in ihnen gar nicht ereignete. Sie waren bürgerliche Welt, diese Geschichten, aber auf magische Weise durchschaute bürgerliche Welt (...). Es ist kein umfangreiches, aber ein wichtiges, vollendetes, nobles, noch unausgeschöpftes Oeuvre, voll von Lesefreuden, ein Lehrbuch für junge Schriftsteller, und ich glaube, es zählt zum Bleibenden der deutschen Literatur.« (Wolfgang Koeppen) »Hier soll, mit Worten, ein kleiner Gedenkstein errichtet werden für einen Erzähler, der ein dauerhafteres Monument verdient. Dieses freilich müßte ihm seine Vaterstadt Bremen setzen, doch darf man zweifeln, daß sie dergleichen im Sinne habe. Die hansischen Städte sind spröde, sie feiern ihre verlorenen Söhne nicht oder nur widerstrebend, und ein Künstler ist immer ein verlorener Sohn. Ihn, Friedo Lampe, halb zu vergessen, aber wäre eine Unachtsamkeit, die nicht statthaft ist, und eine Geschichte der neueren deutschen Literatur, die ihn mit drei Zeilen abtut, ermangelt der richtigen Wertsetzung.« (Kurt Kusenberg) »Im Jahre 1933 erschien sein Roman »Am Rande der Nacht«, ich las ihn damls mit großer Anteilnahme, denn es waren auch dann schon deutsche Prosadichtungen von solcher Qualität sehr selten (...). Und was damals (...) so schön und stark ansprach, ist nicht verblaßt und hat standgehalten, es bewährt sich auf schönste und fesselt und entzückt wie einst, man ist dankbar für die Mehr zahl der hinzugekommenen kleineren Dichtungen, und einige davon, vor allem »Septembergewitter«, ergänzen und verstärken den Eindruck (...). Ich werde diesen Band, für den der Verleger gepriesen sei, allen meinen Freunden empfehlen.« (Hermann Hesse)
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  • Viele Geschicke weben neben dem meinen,
    Durcheinander spielt sie alle das Dasein.
    Hugo von Hofmannsthal


    Dieses Motto ist einem wunderbaren kleinem Roman aus dem Jahr 1934 vorangestellt, dessen Autor leider schon fast völlig in Vergessenheit geraten ist. Das Buch hat keine durchgehende Handlung, sondern ist ein Kaleidoskop von lauter kleinen, aneinander gereihten Szenen, die sich zwischen Abenddämmerung und Morgengrauen in einer norddeutschen Hafenstadt abspielen und die Schicksale von etwa dreißig Personen wie beiläufig streifen. Hauptakteurin ist die Nacht, die Stunden der Ruhe und Entspannung, aber auch der verdrängten Ängste, heimlichen Wünsche und wirren Träume. Die Musik spielt ebenfalls eine Rolle, auch sie an unbewusste Schichten rührend und unterschiedliche Emotionen weckend: die klaren Töne einer Flöte, die durch die Nacht ziehen, das animierende Spiel einer Jazzkappelle in einem Lokal, der anrührende Gesang eines Kindes bei einer Vorstellung. Ein drittes Leitmotiv ist die Zeit selbst, die je nach Gemütslage für den einen schnell, für den anderen quälend langsam vergeht, und doch für alle gleichermaßen unerbittlich voranschreitet.


    Es beginnt mit friedlichen abendlichen Szenen: Kinder beobachten fasziniert Ratten im Stadtgraben, ein Vater liest seinen Söhnen in der Gartenlaube aus einem Abenteuerroman vor, im Varieté "Astoria" stimmen sich die Gäste bei Musik und Alkohol auf das bunte Programm ein, ein Mann steht am offenen Fenster und spielt auf seiner Flöte eine Melodie von Bach. Doch langsam nimmt die Stimmung eine dunklere, trübere Färbung an. Der Sterbende in seiner Kammer hört die Flötenmusik nicht mehr, auch das in einem Alptraum befangene kleine Mädchen hört sie nicht und den alten Mann quält sie nur, weil sie ihn seine Einsamkeit nur noch stärker spüren lässt. Auch erotische Sehnsüchte und Verstrickungen werden sichtbar, ein Schiffssteward erträgt mit masochistischer Ergebenheit die Schikanen seines sadistischen Kapitäns, ein alternder homosexueller Ringer macht sich vor seinem jungen Herausforderer lächerlich, eine Frau sucht in den Kneipen nach sexuellen Abenteuern und lässt sich sogar mit einem Farbigen ein, während sich ihr Mann am Tisch betrinkt. Dass der Roman gleich nach seinem Erscheinen von den Nazis verboten wurde, war kein Wunder, unverständlicher dagegen die Empörung vieler Bremer Bürger. Denn so realistisch diese Szenen auch sind, nirgendwo ist die Darstellung grell, obszön oder platt, im Gegenteil der Autor zeichnet sehr behutsam und zurückhaltend, in leisen poetischen Tönen die inneren Dramen des Lebens, die Einsamkeit, Enttäuschung und stille Verzweiflung der Menschen nach. Manchmal nur andeutend, wenn beispielsweise ein Moment der Unstimmigkeit zwischen einem jungen Ehepaar geschildert wird, der sofort wieder vorübergeht und doch bedrohlich die Zerbrechlichkeit dieser Ehe aufscheinen lässt, manchmal etwas ausführlicher, wie bei der traurigen Geschichte des vom Vater als Demonstrationsobjekt für seine Hypnoseshow missbrauchten Kindes.


    Der Roman ist komplexer angelegt, als es auf den ersten Blick scheint. Hinter der realistischen Abbildung der Wirklichkeit mit ihren ruhigen und idyllischen, dunklen und hässlichen Aspekten liegt eine über sie hinausweisende Ebene des Beunruhigenden, Bedrohlichen, Geheimnisvollen und erzeugt die besondere Atmosphäre dieses Romans, die sich am besten mit den Worten wiedergeben lässt, mit denen das Flötenspiel beschrieben wird: "nicht eigentlich froh, nicht eigentlich traurig, und doch immer ein wenig klagend."


    Friedo Lampe wurde 1899 in Bremen geboren und arbeitete nach seinem Studium als Bibliothekar und Lektor, u. a. im Berliner Rowohlt-Verlag. Wegen einer Gehbehinderung infolge einer Knochentuberkulose im Kindesalter war er vom Kriegsdienst freigestellt. In den letzten Kriegstagen wurde er im ausgebombten Berlin von sowjetische Soldaten auf der Straße angehalten und überprüft. Weil er so stark abgemagert war, dass er seinem Passbild nicht mehr ähnlich sah, hielten sie ihn für einen untergetauchten SS-Mann und erschossen ihn an Ort und Stelle. Er hinterlässt nur ein schmales Werk. Neben einem weiteren kleinen, von tom leo hier bereits besprochenen Roman noch einen Band mit Erzählungen und einige Gedichte.


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    1. (Ø)

      Verlag: Wallstein Verlag Göttingen


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    Erst durch das Lesen lernt man, wieviel man ungelesen lassen kann.

    Wilhelm Raabe

  • Vielen Dank für diese Rezi. Sie erinnert mich an "meine" eigene Entdeckung des Autors vor einigen Jahren. Damals hatte ich Septembergewitter gelesen, das ich gerne weiterempfehle: Friedo Lampe - Septembergewitter


    Und ich meinerseits kriege Lust, dieses Buch hier mal auf die Wuli zu setzen. Danke!

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    (Un-)Gelesenes: https://www.buechertreff.de/user/2161-tom-leo/#library

  • @Tom leo, Deine Besprechung von "Septembergewitter" hatte ich selbstverständlich in meiner Rezension schon verlinkt. Es könnte sein, dass Dir "Am Rande der Nacht" sogar noch besser gefällt, weil Friedo Lampe hier noch ganz unbelastet und frei geschrieben hat. Bei "Septembergewitter" musste er, soweit ich gelesen habe, wegen der Nazis schon ziemlich auf seine Worte achten, was einen Autor natürlich ganz schön einschränkt.


    Gruß
    mofre

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    Erst durch das Lesen lernt man, wieviel man ungelesen lassen kann.

    Wilhelm Raabe

  • Dieser Roman, was für eine Schönheit! Und eine unglaublich melancholische Angelegenheit.


    "Am Rande der Nacht" schildet einige Ereignisse, die sich in einem (Bremer?) Hafenviertel etwa zwischen 18 und 2 Uhr an einem Septemberabend abspielen. Laut Klappentext werden die Wege von zwölf Personen verfolgt - ich will die Anzahl mal glauben. Die hin und her wandernde Szenenfolge beginnt tatsächlich eher freundlich. Doch bald mischen sich dunklere Töne hinzu. Sogar Gewalt scheint in der Luft zu liegen. Unglück allemal. Alle Szenen sind von einer unterschwelligen Melodramatik aufgeladen, einer angestauten Unzufriedenheit und Traurigkeit, dass die nach außen so einfach wirkenden Szenen vor emotionalem Aufruhr geradezu beben. In Wirklichkeit handelt es sich bei den Protagonisten um lauter unglückliche Menschen oder um Menschen, die eine tiefe Sehnsucht spüren, diese aber nicht verwirklichen oder gar erkennen können. Sich nicht trauen. Ein großes Leid über die eigene Verzagtheit, die Dinge nicht anders angehen zu können, nicht "aus der eigenen Haut" zu können, liegt in der Luft. Manchmal verdecken sie ihr Unglück auch hinter markigen Worten, leiden aber still. Viele haben außerdem liebe Menschen verloren und sind allein. Spätestens, als der Wurstverkäufer den einsamen, aber strengen Zollinspektor fragt, warum er seine abendlichen Würstchen sich immer einpacken lässt, um sie still in der Gartenanlage zu essen, und nicht vor seinem Stand - ob er sich vielleicht schämen würde, hier am Stand zu speisen -, und der Zollinspektor rudert herum, wird einigermaßen sauer, was er sich denn einbilde, nur um es dann gewissermaßen doch zuzugeben, fast wie um Entschuldigung heischend, hab ich meinen Mund vor Staunen und Rührung nicht mehr zubekommen ... :cry:


    Im übrigen folgt der Roman fast immer Paarungen, eigentlich keinen einzelnen Figuren. Und in diesen Paarungen finden sich immer eine "starke" und eine "schwache" Person zusammen. Die Starken unterdrücken, hänseln, terrorisieren, übergehen oder betrügen die Schwachen, die entweder das gemeine Verhalten hinnehmen, oder nichts davon mitbekommen. Oder tief unglücklich werden. Der Alternativtitel "Ratten und Schwäne", den der zur Nazizeit eingestampfte Roman bei seiner Veröffentlichung in der Nachkriegszeit erhielt, ist so unpassend also nicht gewählt. (Wie es zu diesem Alternativtitel gekommen ist, muss ich auch nochmal rausbekommen. Er bezieht sich auf den Traum des Mädchens Luise, in dem fiese Ratten über einen Schwan herfallen und seinen Hals zerbeißen, um ihn zu töten. Die Bösen zerstören die Schönheit. Luises Mutter erinnert das Mädchen daran, dass sich Schwäne mit ihren Schnäbeln jawohl ganz gut verteidigen können sollten. Ein Glück. Vermeintlich.) Nur die "Schwäne" des Romans stecken eigentlich immer nur ein. Wie der kleine Junge, der von seinem Artistenvater zu gesundheitsschädlichen Varieté-Kunststücken gezwungen wird, der alternde - wohl versteckt homosexuelle - Ringer, der in einem Blutrausch seinen jugendlichen Konkurrenten fast tötet, der abgebrochene Student, der als Steward auf einem Schiff angeheuert hat und von dem sadistischen Kapitän terrorisiert wird, der sexuell unerfahrene Endzwanziger Peter, der von einer im Grunde sehr freundlichen Prostituierten umgarnt und ausgelacht wird, bis er flieht, der eine Student, der sich für das hochtrabende Verhalten eines Kommilitonen schämt, der Zollinspektor, der den befreundeten Lehrer eher von oben belächelt, der kleine Junge, der seinen rüpeligen Freund mit seinem verzagten Verhalten nicht vor den Kopf stoßen will, um dessen Gunst nicht zu verlieren, oder die Ehefrau Berta, die ihren Mann Karl mit zwielichtigen Tanzbekanntschaften betrügt. Am Ende lachen die Lauten, die Bösen, die Asozialen, während die Leisen, Schüchternen, die Träumer sich in die Ecke ducken. Und immer weiter machen. Hilft ja nichts. Wäre ja überall wie hier und jetzt.


    All das wird gewissermaßen sehr filmisch dargeboten: Ich sehe eine langsam von einem Schauplatz abschwenkende Kamera, die an einem benachbarten Ort eine weitere Geschichte ins Visier nimmt, vielleicht das Paar, das eben noch im Hintergrund saß, und das jetzt für eine kurze Zeit beobachtet wird. Bis es wieder in der Nacht verschwindet. Szenen, vielleicht auch verbunden durch die Musik, die @mofre in ihrer Rezension oben schon erwähnt hat. (Ein bisschen, als wanderte der Blick von Jimmy Stewart in "Das Fenster zum Hof" von einer Nachbarwohnung zur nächsten. Oder wie der Plansequenz-Anfang von Orson Welles Meisterstück "Im Zeichen des Bösen") Dann und wann öffnen sich Türen in die Nacht - und der Lärm und das Licht einer Gaststätte erhellt die dunklen Straßen für einen kurzen Augenblick. Ein Schiffstuten, ein fernes Akkordeongedudel, ein abendlicher Spaziergang, Menschen lachen versteckt hinter Büschen, in einem Mietshaus stirbt ein Mann friedlich nach langer Krankheit. Und der Untermieter mit der Flöte spielt weiter Bach am offenen Fenster. Das Leben drängt nach draußen!


    Ein Juwel von einem Buch, das ganz viele Sinne anzusprechen vermag, Geschmack, Geräusche, Gerüche. Und das Herz pocht vor Mitgefühl, vor Wut über Ungerechtigkeit und vor Trauer über die Verzagtheit der Menschen, die ihre Beengtheit spüren, aber nicht überwinden können.


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::pray:

    Martin Newell "Late Autumn Sunlight" (58/82)

    Carlos Castaneda "Reise nach Ixtlan" (138/253)


    Jahresbeste: Tove Jansson (2020), Herbert Lieberman (2019), Emil Ferris (2018), Willa Cather (2017), Adrian Tomine (2016), Derek Raymond (2015), James Agee (2014), Ken Kesey (2013), Jim Nisbet & Richard Ford (2012) :king:

    Gelesen: 60 (2020), 80 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Ineke Verschuren (Hg.) "Der Drache mit den sieben Köpfen" (17.9.)

  • Gut, das es den Thread "In 365 Büchern durch das Jahr" gibt. Dort bekam ich von @mofre die Leseempfehlung "Am Rande der Nacht" von seinem SuB-Dasein zu erlösen. Die Empfehlung kam gerade recht, weil ich mich einfach nicht entscheiden konnte, zu welchem Buch ich als nächstes greifen sollte. Ein gut gefüllter SuB hat halt auch so seine Nachteile :wink:


    Ich kann mich meinen Vorrednern absolut anschließen, ein ganz phantastisches Buch! Selten das man etwas derartig gut geschriebenes lesen kann. Wahrscheinlich wird es nicht jedermanns Geschmack treffen, aber wer sich von der Inhaltsangabe und den Rezensionen meiner Vorredner angesprochen fühlt, dem kann ich nur raten: Lesen!!!!


    Meine Ausgabe (es dürfte sich um die verlinkte handeln) hatte noch ein ein recht interessantes Nachwort enthalten. Bei dem Buch gebe ich sehr gerne volle 5 Sterne und eine uneingeschränkte Leseempfehlung!

  • Am Rande der Nacht


    Ganz herzlichen Dank meinen Vorschreibern, und meinem Buchgeschenkgeber (!), die ganz zu Recht und so toll von diesem Roman schreiben und schwärmen. Ich schliesse mich dem voll an, und gebe hier höchstens meinen Senf hinzu, um das Buch nach eineinhalb Jahren nochmals hochzupushen. Ich hatte Friedo Lampe ja schon im Septembergewitter kennengelernt (auch hier spielt die Haupthandlung an einem Septembertag!), und irgendwie stand er also auf meiner Wuli. Jetzt war es soweit.


    Das Kompositionsprinzip des Romans »Am Rande der Nacht« hat Lampe in einem Brief umrissen: »Lauter kleine, filmartig vorübergleitende, ineinander verwobene Szenen: Alles leicht und fließend, nur ganz locker verbunden, malerisch, lyrisch, stark atmosphärisch.« Dieses filmartige Erzählen, das mit harten Schnitten, weichen Überblendungen und gelassenen Schwenks arbeitet, nimmt wie zufällig etwa drei Dutzend einzelne Figuren ins Bild, deren Erfahrungen und Erlebnisse gebündelt und geeint werden durch die Nacht und das Vergehen der Zeit. Friedo Lampes Prosa ist ein Musterbeispiel für den Magischen Realismus, die deutsche Sonderform des Surrealismus.


    Dies ist ein Zitat aus dem Nachwort Johannes Grafs in der Ausgabe aus dem Wallstein-Verlag, das hervorragend Auskunft gibt über die Umstände und Textgeschichte. Denn so unbeschwert und elegant Lampe auch geschrieben haben mag – vielleicht zu unbeschwert ? - so landete er bei den Nazis sofort (vier Wochen nach seinem Erscheinen Ende 1933) schon auf den Index ! Ein Wunder, dass dem Autor nicht mehr passierte… Aber auch in meinen Augen eine Art Auszeichnung ! Da redet man zwar von den erotischen Szenen (die heute nicht obszön wirken), aber vielleicht ging es auch um einen Grundton.


    Diese einzelnen Bilder oder Fragmente von circa 2-7 Seiten Länge sind tatsächlich auf überaus geschickte Art miteinander verwoben : es ist als ob sich die Figuren ein wenig die Hand reichen und « übergeben », aufeinander verweisen. Das macht der Autor so spielerisch… und sprachlich sehr überzeugend.


    Und gleichzeitig eine Form der Bedrohung, der Konkurrenz (wie Jean gut herausarbeitete). Ich frage mich, ob zB das Bild insbesondere der Ratten, nicht eben doch ein so scheinbar lakonisch dahingeworfenes, Sinnbild der heraufziehenden Bedrohung ist ? Das verspürte ich damals auch im Septembergewitter… , selbst wenn Lampe scheinbar eher politisch naiv gewesen sein sollte (wie es im Nachwort heißt).


    Achtung vor einem übereilten Einkauf alter Ausgaben : nach dem Krieg kam eine zensierte Fassung heraus, überarbeitet nach dem Tode des Autors durch dessen Herausgeber : von wegen zu brisant. Selbst in Nachnazizeiten. Die restaurierte Urfassung sollte es also sein.


    Ganz große Leseempfehlung an die « üblichen Verdächtigen » !

    Jan Trefulka - Der verliebte Narr

    Banana Yoshimoto - Kitchen

    Ernst Wiechert - Wälder und Menschen

    Trésor de la poèsie indienne - Des Védas au XXIème siècle (Schatzkiste der indischen Poesie - Von den Veden bis ins XXI.Jahrhundert)

    Constant Tonnelier - 15 days of prayer with Saint Therese de Lisieux


    (Un-)Gelesenes: https://www.buechertreff.de/user/2161-tom-leo/#library

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