Etgar Keret - Der Busfahrer, der Gott sein wollte / The Bus Driver who Wanted to be God

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Der Busfahrer, der Gott sein wollte

4.3|3)

Verlag: Luchterhand Literaturverlag

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 218

ISBN: 9783630870892

Termin: 2001

  • Laut Lorrie Moore ist es ja so: “a short story is a love affair, a novel is a marriage”, und wenn es ums Lesen geht, bin ich anscheinend eher der Heirats-Typ. Ich möchte tagelang in einer Geschichte versinken können um danach völlig benommen wieder aufzutauchen. Dass ich mir durch diese Einstellung vielleicht etwas entgehen lasse, wurde mir klar, als ich Etgar Keret und seine Kurzgeschichten kennenlernte.


    Teilweise sind diese Geschichten völlig absurd und irreal – „A Souvenir of Hell“ dreht sich zum Beispiel um ein Dorf in Usbekistan, das am Eingang zur Hölle steht. Die Dorfbewohner haben sich schon daran gewöhnt, dass in regelmäßigen Abständen Leute im Dorfladen einkaufen oder in der Kneipe ein Bier trinken, die ein wenig nach Schwefel riechen, und die nach einer Weile wieder zurückmüssen, weil ihr Freigang beendet ist.


    Andere Geschichten schildern Episoden aus dem Leben. In „Breaking the Pig“ freundet sich der kindliche Erzähler so mit seinem Sparschwein an, dass ein Schlachten desselben gar nicht mehr in Frage kommt.


    Und dann sind da wiederum die hochpolitischen Geschichten wie „Cocked and Locked“, in denen sich israelische Soldaten und Palästinenser gegenüberstehen.
    Genau so vielseitig wie die Themen um die sich diese Geschichten drehen, sind auch die Reaktionen und Emotionen die sie hervorrufen: Lautes Lachen, ungläubiges Schnaufen, unsägliche Traurigkeit, die dann wiederum von einem warmen Glücksgefühl abgelöst wird. So gesehen ist vielleicht jede Geschichte für sich eine Affäre, doch die Sammlung als Ganzes ist tatsächlich eine teils wunderbare, teils herausfordernde, Ehe.


    Übrigens: Eigentlich träumt Etgar Keret ja davon, irgendwann einmal einen Roman zu schreiben ... warum es dann doch jedes Mal wenn er schreibt anders kommt, erklärt er (auf Englisch) in einem netten, kurzen Interview hier.

  • auch wenn ich wie Du @Lesemanie zu den Heirats-Typen gehöre, so hört sich deine Rezension so witzig an, dass ich es vielleicht doch noch mal mit Kurzgeschichten versuche. Jedenfalls hab ich mir das Buch mal auf die Wunschliste gesetzt :wink:

    viele Grüße vom Squirrel

     :study: Viet Thanh Nguyen - Der Sympathisant
     :study: Norman Davies - Verschwundene Reiche (Langzeit-MLR)

     :study: Yuval Noah Harari - Homo Deus (Bücherwürmer-Langzeitprojekt)

  • @Lesemanie: Bei mir liegt schon wirklich lange die deutsche Übersetzung so rum. Aber Deine Rezension hat meine Leselust schön aufs Neue entfacht, besten Dank! Ich bin gespannt auf Kerets eigensinnigen Humor!

    Richard Flanagan "Der schmale Pfad durchs Hinterland" (313/438)

    Sinclair Lewis "Das ist bei uns nicht möglich" (98/446)

    Tim Willocks "Die Gefangenen von Green River" (206/414)


    Jahresbeste: Welch (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & Ford (2012) :king: 
    Gelesen: 75 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: David Foster Wallace "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich" (17.6.)

  • Skurrile Kurz- und Kürzestgeschichten, die man nicht einzeln lesen sollte, sondern hintereinander weg. So wirken sie besser und man wird in eine ganz seltsame Erzählwelt eingewoben, in der Wirkliches neben Ausbeulungen der Wirklichkeit existiert, quasi eine Landkarte der Fantasie, die dann wiederum auch eine sehr gegenwärtige Zustandsbeschreibung Israels darstellt. Spinn ich oder hab ich recht? Keine Ahnung! Manche Wendungen sind schlicht großartig, manche großartiger Unfug. Zwerge und sprechende Tiere tauchen auf, ein Mann, der als einziger den Sinn des Lebens erkennt und sich im Teleshopping eine Broschüre bestellt, wie man seine Mitmenschen dazu bringt, auf eine fremde Meinung zu hören, Menschen mit tödlichem Lächeln, neidische Schriftsteller, die Max Frisch töten oder verliebte Männer, die Hitler töten. Und immer wieder Erzählungen aus der israelischen Armee, dem Kibbuz oder dem Tel Aviver Alltag. Liest man die Geschichten dagegen einzeln (an einem Tag in der U-Bahn, eine Woche später im Wartezimmer), mag man sich manchmal fragen: Ja, und? Vor allem, wenn sie nur 1,5 Seiten lang sind wird man bei zu langen Pausen im Lesefluss schnell aus Etgar Kerets Welt hinausgetragen. Selbst wenn man sowohl den Ideenreichtum, als auch die pointierte Knappheit lobt. Liest man sie hintereinander weg, werden sie (täusche ich mich, oder sind die meisten aus Ich-Perspektive verfasst?!) fast zu einer einzigen großen verrückten Geschichte. Obendrein zeichnet viele der Geschichten etwas aus, was für mich eine perfekte Kurzgeschichte ausmacht: Durch Verschweigen und Andeuten wirken sie größer als sie sind, wie Ausschnitte eines Romans mit Figuren, die man einerseits zu kennen glaubt, von denen man andererseits aber gerne auch noch mehr erfahren würde. Etwas Einlesezeit ist nötig und ein minimales Faible für das Absurde, aber dann wird das Buch von Geschichte zu Geschichte immer besser: :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5: Sterne. (Ich hätte es übrigens nicht bei "Humor und Satire" eingeordnet, denn mit Comedy haben die Erzählungen wirklich nichts am Hut.)

    Richard Flanagan "Der schmale Pfad durchs Hinterland" (313/438)

    Sinclair Lewis "Das ist bei uns nicht möglich" (98/446)

    Tim Willocks "Die Gefangenen von Green River" (206/414)


    Jahresbeste: Welch (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & Ford (2012) :king: 
    Gelesen: 75 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: David Foster Wallace "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich" (17.6.)

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