Charlotte Lyne - Das Mädchen aus Bernau

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  • Inhalt (Verlagstext)


    Berlin, 1320. Die junge Magda Harzer macht sich mit ihren drei Brüdern auf ins Herz der frisch befestigten Doppelstadt Cölln-Berlin, wo sie sich unverhofft inmitten des Konflikts um die Kaiserkrone wiederfindet. Die Wege der Geschwister trennen sich. Als Papst Johannes XXII. den Kirchenbann über Berlin verhängt und einer ihrer Brüder wegen Aufruhrs und Mordes verhaftet wird, muss Magda all ihren Mut zusammennehmen und um ihn kämpfen. Nur Thomas, ein junger Franziskaner-Mönch, steht ihr bei. Und auch sein Leben wird sich von Grund auf ändern …

    Inhalt in eigenen Worten


    In ihrem historischen Roman „Das Mädchen aus Bernau“ erzählt Charlotte Lyne die Geschichte einer einfachen Bierbrauer Familie, die vom brandenburgischen Bernau in die aufstrebende Doppelstadt Cölln-Berlin zieht.
    Bereits in Bernau wird die Familie, die aus Großvater sowie seiner Enkeltochter Magda und ihren Brüdern Lentz, Utz und Diether besteht, von einer Reihe von Schicksalsschlägen heimgesucht. Utz, der sich nicht als Bierbrauer geboren fühlt, sondern von einem Leben als wohlhabender Kaufmann in Berlin träumt, nimmt die Organisation des Umzugs der Familie in die aufstrebende Stadt in die Hand. Doch auch dort hält das Leben für die Familie nicht wenige Tiefschläge bereit, sodass Magda und der Großvater wieder beginnen, Bier zu brauen, um damit die Familie zu ernähren. Derweil gehen die Brüder verschiedenen Aktivitäten nach, die Magda immer wieder an den Rand der Verzweiflung bringen. Ein Franziskaner Novize namens Thomas kreuzt immer wieder Magdas Wege und scheint wie ein Schutzengel über den Geschicken der Familie Harzer zu schweben. Doch kann er Magdas Bruder helfen, als dieser in wirklich ernsthaften Schwierigkeiten steckt?



    Meine Meinung


    Mit diesem Roman taucht man in das Leben von Handwerkern und Händlern in Bernau und in Berlin im 14. Jahrhundert ein. Man erlebt die Welt, wie sie sich für die kleineren Leute angefühlt hat, die nicht so wirklich informiert waren über die große Politik von Königen und Papst.


    Die Hauptfigur Magda ist eine sehr rührige junge Frau, für die es selbstverständlich ist, sich bis zur Erschöpfung für den Zusammenhalt ihrer Familie zu verausgaben. Die Brüder lassen sich viel eher von Schicksalsschlägen unterkriegen, lediglich der Großvater erwacht so richtig zu neuem Leben, als seine Kenntnisse und Erfahrungen als Bierbrauer wieder gefragt sind.


    Mir hat sehr gut gefallen, dass die mittelalterliche Stadt so richtig detailliert beschrieben ist, dass man wirklich meint die verschiedenen Düfte zu riechen und der Lärm auf den Marktplätzen zu hören. Es ist sehr interessant, mitzuverfolgen wie die Handwerkerleute versuchen Fuß zu fassen in der Großstadt und in wie viele Fettnäpfchen sie dabei treten.
    Die historischen Hintergründe sind folgerichtig nicht im Zentrum der Geschichte, weil die Handlung aus der Sicht von einfachen Leuten erzählt wird, die selber nicht über die politischen Entwicklungen informiert waren. Sie werden immer mal wieder eingestreut, aber weil mir diese Zeit und die Geschichte Berlins so gar nicht bekannt sind, waren mir die Erklärungen zu den politischen Zusammenhängen etwas zu knapp. Das Glossar im Anhang des Buches sowie der historische Stadtplan von Berlin haben aber einiges wieder nachgeholt.
    Etwas befremdlich finde ich den Text auf der Rückseite des Buches. Wer sich die Spannung nicht verderben möchte, sollte den Text nicht vor der Lektüre des Buches lesen. Er kann leicht zu Enttäuschungen führen, weil er eigentlich nur vom letzten Viertel des Buches handelt. Für mich spiegelt er den Inhalt des Buches nicht wirklich.



    Mein Fazit


    Ich kann dieses Buch Liebhabern von guten historischen Romanen nur ans Herz legen. Gerade weil es nicht so viele Bücher zum 14. Jahrhundert gibt, ist es sehr interessant, diese Zeit mit den sorgfältig gezeichneten Bildern einer aufstrebenden Stadt, zu füllen. :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

    Ich schlief und träumte, das Leben sei Freude. Ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht. Ich handelte und siehe, die Pflicht ist Freude!
    Rabindranath Tagore (1861-1941)


    Lha gyal lo - Free Tibet!

    Wir sind grüüüüüün!!!!

  • Vielen Dank für diese Rezi, Felicitas. Ich habe das Buch auch gelesen und stimme mit dir voll überein. Wenn ich an die von mir gelesenen Romane von Charlotte Lyne zurückdenke, muss ich sagen, es ist ein guter, solider historischer Roman, der, wie du auch schreibst, in einer wenig beachteten Zeit spielt. Aber aus meiner Sicht ist es ihr schwächster Roman, wenn man das bei der Autorin so sagen darf. Denn es kommt ja Jammern auf hohem Niveau gleich.

  • Aber aus meiner Sicht ist es ihr schwächster Roman, wenn man das bei der Autorin so sagen darf.

    Kannst Du näher definieren, was Dir nicht so gefallen hat? Ich habe "Die zwölfte Nacht" mit großer Begeisterung gelesen, "Das Haus Gottes" hat mir auch gefallen. Mit "Kains Erben" bin ich nicht warm geworden und habe es abgebrochen. Deshalb war ich vorerst auch nicht motiviert für "Glencoe", das schon lange bei mir rumsubbt. Ich hatte einigen Meinungsäußerungen entnommen, dass es ziemlich gefühlsduselig sein, was mir nicht so liegt.
    "Das Mädchen aus Bernau" klingt für mich recht interessant.

    "Books are ships which pass through the vast sea of time."
    (Francis Bacon)
    :study:
    Paradise on earth: 51.509173, -0.135998

  • Vielen Dank für diese Rezi, Felicitas. Ich habe das Buch auch gelesen und stimme mit dir voll überein. Wenn ich an die von mir gelesenen Romane von Charlotte Lyne zurückdenke, muss ich sagen, es ist ein guter, solider historischer Roman, der, wie du auch schreibst, in einer wenig beachteten Zeit spielt. Aber aus meiner Sicht ist es ihr schwächster Roman, wenn man das bei der Autorin so sagen darf. Denn es kommt ja Jammern auf hohem Niveau gleich.

    Da sieht man wieder wie unterschiedlich die Geschmäcker sind. Ich fand dieses Buch um Längen besser als Kains Erben ! Da war mir die Liebesgeschichte einfach zu schnulzig.
    Ich hatte zu diesem Buch hier aber auch ein Stück "Lokalidentität", Bernau ist hier gleich um die Ecke. :D

    Sagen, was man denkt, ist manchmal die größte Torheit und manchmal die größte Kunst.

    (Marie von Ebner-Eschenbach))

  • €nigma


    Ich kann das ganz kurz machen, ich fand es sehr vorhersehbar. Relativ schnell war mir klar, wer die Morde begangen hatte, das konnte gar nicht anders sein. Die andere Spur, die gelegt wurde, wäre mir zu einfach gewesen. Ich hatte immer noch gehofft, dass es noch ganz anders käme, aber dem war nicht so.


    jessy
    "Kains Erben" kenne ich nicht. Von dem habe ich von vornherein Abstand genommen. Aber auch das Lokalkolorit hat mich nicht wirklich überzeugt. Bis zu meinem Umzug in Dezember war Bernau auch bei mir "um die Ecke". Aber wie du schon schreibst, die Geschmäcker sind verschieden, zum Glück. Aber ich sage auch nicht, dass das Buch schlecht war. Ich habe ja auch 4 Sterne vergeben.

  • Ich fand das Buch toll!


    Brandenburg, Anfang des 14. Jahrhunderts. Die Harzers leben in Bernau, einer kleinen Stadt in Brandenburg. Nach dem Tod ihrer Tante ist die junge Magda die einzige Frau in der Familie und geht gemeinsam mit ihren drei Brüdern Lentz, Utz und Diether, ihrem Großvater der Familientradition des Bierbrauens nach. Ebenfalls zur Familie gehört Endres, der Patensohn des Großvaters, der im gleichen Alter wie die Brüder ist und dem Magda ganz besonders zugetan ist. Obwohl der Alltag nicht immer ganz einfach ist, liebt Magda ihre Heimat und geht davon aus, dort auch ihr Leben zu verbringen. Doch dann kommt alles anders und die kleine Familie zieht nach Cölln-Berlin um. Dort will sich Utz eine neue Zukunft als Kaufmann aufbauen, doch dies erweist sich als schwieriger als gedacht und die Familie scheint von einer Katastrophe in die nächste zu schlittern. Immer wieder ist es Magda, die einen Ausweg findet und die Familie zusammenhält. Unerwartete Unterstützung erhält sie dabei von Thomas, einem Franziskaner-Anwärter.


    Das Buch hat mich unglaublich gefesselt, ich mochte es gar nicht aus der Hand legen. Einerseits wirkte die Situation der Familie Harzer oft hoffnungslos, aber Magda ist eine wunderbare Figur, die nie aufgibt und trotz ihres jugendlichen Alters immer wie eine Löwin für ihre Familie kämpft. Sie muss einem einfach ans Herz wachsen und ich habe sie beim Lesen sehr bewundert!
    Den Männern der Familie, besonders den Brüdern Utz und Diether hingegen hätte ich am liebsten den einen oder anderen Tritt in den Allerwertesten verpasst. Sie geben größtenteils wirklich kein gutes Bild ab, lassen sich übervorteilen, denken in erster Linie nur an sich und wälzen Last und Verantwortung nur zu gerne auf ihre Schwester ab. Auch der Großvater und Lentz sind nicht wirklich eine Hilfe.


    Die Beziehung zwischen Magda und Thomas ist auch keine klischeehafte, rosarote Liebesgeschichte handelt, sondern hier treffen zwei Menschen mit Problemen und Vergangenheit aufeinander, helfen sich gegenseitig und stehen füreinander ein. Das Ende fand ich überraschend und für Romantiker vielleich nicht ganz befriedigend, objektiv gesehen aber eine interessante Wendung und so auch irgendwie passend.


    Sehr gut gelungen finde ich auch die Beschreibungen der damaligen Zeit, erst in Bernau und dann in der sich sprunghaft entwickelnden Stadt Berlin. Hier habe ich mich regelrecht ins 14. Jahrhundert versetzt gefühlt und auch einiges gelernt.


    Insgesamt ein wunderbares Buch, das von mir aus ruhig noch hundert Seiten mehr hätte haben dürfen!

  • Schaut... auf diese Stadt! Dort liegt Berlin.


    "Pass ma uff Keule. Berliner sin nett untananda und ooch zu ihre Jäste", hätte es vielleicht im 14. Jahrhundert gut heißen können, wenn es denn die Berliner Kodderschnauze schon gegeben hätte, die manch empfindliche Ohren und Wesen heute als etwas derb und plautzig wahrnehmen und sich daher eingeschüchtert fühlen. Doch im Gegensatz zum Ruf des Berliners, unfreundlich, rücksichtslos, ruppig und rechthaberisch zu sein, meint der Berliner es meist aber nicht so, wie es vorne rauskommt. Denn im Grunde haben die Berliner immer ein großes Herz, das sie auf der Zunge tragen. Und das trotz ihrer schnoddrigen Art und entwaffnenden Direktheit. Denn die "große Klappe" ist eigentlich nur der Ausdruck ihrer (angeborenen) Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe. Statt langatmig und arglistig um den Brei herumzureden, wird einfach gesagt, wie es ist, quasi Tacheles geredet.


    Mit diesem Bild eines Berliners vor Augen, der kein Blatt vor den Mund nimmt und diesen noch unverhältnismäßig weit aufreißen kann, begeben wir uns 1325 mit der Bernauer Familie Harzer mitten hinein in die lebendige Doppelstadt Cölln-Berlin, die aus zwei jungen aufstrebenden Metropolen besteht, die sich zu beiden Seiten der Spree, im heutigen Stadtbezirk Mitte, aus zwei Kaufmannssiedlungen entwickelten. Da die Lage am Spreeübergang und Schnittpunkt bedeutender mittelalterlicher Handelsstraßen günstig war, nahmen beide Städte innerhalb kurzer Zeit einen schnellen Aufschwung und bildeten 1307 eine Union.


    Über 400 Jahre existierten beide Städte in enger Abstimmung und Zusammenarbeit parallel nebeneinander, bevor sie sich 1709/1710 auf Befehl des preußischen Königs Friedrich I. unter Einschluss der weiteren Städte Friedrichswerder, Dorotheenstadt und Friedrichstadt zur Residenzstadt Berlin vereinigten.


    In der Doppelstadt brodelt es. Ludwig der Bayer und Papst Johannes XXII. streiten darum, wem die Kaiserkrone zusteht. Davon bekommen Magda, "Das Mädchen aus Bernau", und ihre drei Brüder Lenz, Utz und Diether sowie der Großvater zunächst nicht viel mit. Sie haben eigene Sorgen. Als Bierbrauer waren sie in Bernau angesehen, nun versuchen sie nach einigen Schicksalschlägen einen Neustart als Händler am Alten Markt. Doch Utz, den es mit aller Macht zu den Kaufleuten zieht, hat sich übers Ohr hauen lassen, und sie bekommen kein Standrecht. Bis auf Magda versinken die sonst so arbeitsamen Männer sämtlichst in Resignation. Erst als sie sich auf ihr Können, das Brauen von Bier besinnen, geht es aufwärts. Und mit Thomas scheint es auch die Liebe in Magdas Leben wieder zu geben. Währenddessen wird die Stimmung immer gereizter und zusätzlich durch Nikolaus, den Probst von Bernau, mittels seiner bedrohlichen menschenfeindlichen Predigten angeheizt. So kommt es zum Eklat, die Wut der Bevölkerung entlädt sich, und Nikolaus findet vor den Toren der Marienkirche den Tod.


    Gekonnt verwebt Charlotte Lyne historische Ereignisse mit den handelnden Personen und lässt die Zeit des Geschehens so bildhaft vor dem Auge erstehen, dass man meint, dabei zu sein. Dazu ist zum einen auch die Karte aus dem 14. Jahrhundert, die den Umschlag innen ziert, hilfreich. Viele Straßen, Plätze und Bauwerke gibt es immer noch, so dass man sich mit ein wenig Kenntnis des heutigen Berlins in der Doppelstadt des 14. Jahrhunderts gut zurechtfindet. Zum anderen verschafft einem die Autorin mit ihrer feinfühligen und ausdrucksvollen, fernab von Klischees gewählten Sprache eine vorstellungsintensive Teilnahme nicht nur am Leben der Menschen unter zum Teil widrigen Umständen, sondern ebenso an ihrem Handeln, Denken und Fühlen, so dass man sich zugehörig fühlt und bereits beim Lesen bedauert, sich irgendwann von den lieb gewonnenen Personen verabschieden zu müssen.


    Mir werden sie deshalb alle fehlen: Opa Harzer, dessen Versuch, seine Enkel zu lebenstüchtigen Menschen zu erziehen, nicht in Gänze gelungen, der jedoch immer noch zu Einsichten fähig ist. Diether, den ich trotz seiner Eskapaden schnell ins Herz geschlossen habe. Denn einer, der an sich zweifelt und der Meinung ist, zu nichts zu taugen, weil es es mit Schlägen und Schelte fast täglich belegt bekommt, kann schon dumm und unüberlegt handeln. Doch wenn in so einem Menschen ein guter Kern steckt, der nur freigepellt werden muss, ist er nicht verloren. Nicht vergessen werde ich den "Drachentöter" Hans, der für Freunde auch in die Bresche springt, wenn sie ihm ein X für ein U vormachen wollen, der vorlaute Petter, der wie ein echter Berliner gern mit dem Mund vorneweg ist, aber trotzdem zu seinem Wort steht, und all die anderen, die wie Pech und Schwefel zusammenhalten, füreinander einstehen und Berlin zu etwas Besonderen machen (werden). Sie haben das Zeug dazu, den Mut und die Hingabe, etwas Neues schaffen zu wollen...


    Natürlich werde ich auch Thomas vermissen, dieses kraftstrotzende Mannsbild, das ein Erdrutsch in Mönchskutte ist, das sich schon mal in die Hand beißen lässt und dann trotzdem die Schönheit des Mädchens rühmt und sie küsst. Dessen Augen manchmal wie eine Laute schlagen, und in dessen Wimpern sich ein Funkeln verkriecht.


    Vor allem aber werde ich Sehnsucht nach Magda haben, diesem würzschönsten, krautstämmigen, auf guter Brandenburger Erde gewachsenen Mädchen mit ihrem eindrucksvollem Mut und ihrer beachtlichen unversiegbaren Hoffnung, deren bescheidener Wunsch es ist, dass ihre Familie zusammen ist, dass sie es alle warm beieinander haben und dass über dem Feuer stets ein Topf hängt, in dem dicke Erbsen für den Abend köcheln, und die zupackt und nicht viel Gedöns darum macht, die von Innen strahlt und einfach das Herz auf dem rechten Fleck hat. Eine Berlinerin eben...


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

  • Bildend und unterhaltend wie alle von Charlotte Lyne unter diesem ihren eigenen Namen veröffentlichten historischen Romane. Leider weicht sie in den letzten unter Pseudonym geschriebenen Büchern von dieser Linie zunehmend ab. Aber hier noch einmal gern volle 5 Sterne.

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