Carolin Emcke - Weil es sagbar ist. Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit

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  • Seit über einem Jahrzehnt kenne ich Carolin Emcke als eine engagierte und unerschrockene, kritische Journalistin, die unter anderem für die ZEIT aus den Krisen- und Katastrophengebieten dieser Welt berichtet. Aus ihren oft verzweifelten Artikeln, die nicht selten unglaubliche Menschenschicksale dokumentieren, spricht immer wieder die Überzeugung, dass es nicht nur möglich, sondern auch nötig ist, das Leid anderer Menschen zu erzählen, ihr Leid öffentlich zu machen. Es gibt nichts Unbeschreibliches.


    Dennoch ist es oft schwer, Menschen, die schwer traumatisiert wurden aus ihrem Schweigen herauszuhelfen: "Verzweiflung und Schmerz legen sich wie eine Schale um die betroffenen Personen und schließen sie ein. So vergrößert sich der Radius der Gewalt, weitet sich aus und beschädigt. Erlittene Gewalt nistet sich ein, sie lagert sich ab, lässt ‚erstarren’, artikuliert sich in Gesten, Bewegungen, Wortfetzen oder im Schweigen."


    Dieses Schweigen der Opfer, aus welchen Gründen auch immer, wird, so betont Carolin Emcke immer wieder, zu einem Teil des Verbrechens, das an ihnen begangen wurde. Die Täter kalkulieren es sozusagen ein.
    "Darin aber, in dem Schweigen der Opfer von extremem Unrecht und Gewalt, liegt die perfideste Kunst solcher Verbrechen: seine eigenen Spuren zu verwischen. Denn wenn sich strukturelle und physische Gewalt einschreibt in ihre Opfer, wenn sie die physische und psychische Integrität einer Person verletzt, wenn extremes Unrecht und Gewalt die erzählerische Kompetenz angreift, dann bleibt sie unbemerkt und wirkt fort."


    In ihrem Essay, in dem sie sich immer wieder auf eine Notiz von Anna Achmatowa aus dem Jahr 1957 bezieht, denkt Carolin Emcke nach über Zeugenschaft und Gerechtigkeit, denn „es ist sagbar“. Zeugenschaft, recht begriffen, will den Opfern ihre Menschlichkeit zurückgeben, indem sie sie von ihrem Schicksal erzählen lässt, wie gebrochen auch immer. Es ist so etwas wie ein „Erzählen trotz allem“, das aber nicht allein die Würde der Opfer im Blick hat: "Es ist auch unsere Identität, die der Ungeprügelten, der Verschonten, der nächsten Generation, der Kinder und Enkel, die wir die Geschichten der Täter und Opfer, auch die unerzählten, geerbt haben, die sich in einem solchen Gespräch erst beweisen muss. Wer wir individuell und als Gesellschaft sein wollen, wer wir sein können, zeigt sich auch darin, ob wir eine solche vielstimmige, unfertige und zeitoffene Erzählung ermöglichen."


    Ein beeindruckendes Zeugnis eines kritischen Journalismus, wie wir ihn heute oft so schmerzlich vermissen.

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