Margaret Atwood - Der blinde Mörder/Blind assassin

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Der blinde Mörder

4.3|7)

Verlag: Piper Taschenbuch

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 704

ISBN: 9783492313483

Termin: Oktober 2017

  • Der blinde Mörder (OT: Blind assassin)


    Klappentext:
    "Zehn Tage, nachdem der Krieg zu Ende war, fuhr meine Schwester Laura einen Wagen von der Brücke." Das ist der erste Satz von diesem Roman. Laura Chases ältere Schwester Iris, die mit achtzehn Jahren einen wohlhabenden und politisch einflussreichen Unternehmer geheiratet hat, jetzt aber 82 Jahre alt und verarmt ist, lebt in einer Stadt, die vor dem Ersten Weltkrieg von ihrer Familie dominiert wurde. Iris blickt auf ihr Leben und vor allem auf die Ereignisse um den frühen Tod ihrer Schwester zurück. Laura war durch die postume Veröffentlichung eines Romans berühmt geworden. Iris lebt, wie sie selbst sagt, im langen Schatten ihrer toten Schwester.


    Der Roman ist sehr interessant aufgebaut, er besteht aus mehreren, abwechselnd erzählten, Handlungsebenen, es ist mir aber gar nicht schwergefallen mich zurecht zu finden.
    Da ist einmal die Rahmenhandlung: die über 80zig jährige Iris in der Gegenwart der späten 90er Jahre, die ihre Lebens- bzw. Familiengeschichte niederschreibt. Sehr eindrucksvoll finde ich übrigens die Schilderungen des mühseligen Alltags der betagten Iris, die sich trotz fortschreitenden körperlichen Verfalls, einen wachen Geist u. eine große Portion Sarkasmus u. Selbstironie bewahrt hat, ihre Reflektionen zu Umwelt u. Zeitgeschehen sind einfach köstlich.
    Dann das Kernstück des Romans - die in Erinnerungen an die Kindheit u. Jugend der zwei ungleichen Schwestern, an Iris unglückliche Ehejahre bis zu Lauras tragischen Tod, alles sehr ausufernd und detailreich (in Ich-Form) geschildert, ich konnte mich sehr gut in die Zeit u. das Milieu hineinversetzten.
    Dazwischen geschoben werden Kapiteln aus dem Roman im Roman, der die heimlichen Treffen eines ungleichen Liebespaars zum Thema hat, der Mann erzählt seiner Geliebten immer eine barbarische SF-Story um einen blinden Mörder... wo wir beim 4. Erzählstrang wären.
    Abgerundet wird alles noch durch eingestreute Zeitungsartikel u. Briefe...
    Für mich war der Roman ein richtiger Lesegenuss, ein schöner dicker Schmöker, wo man so richtig in einem anderen Leben versinken kann.
    Sehr angesprochen hat mich vor allem auch die klare, aber sehr poetische Sprache, mir liegt Atwoods Stil sehr.
    Ein kleiner Kritikpunkt: der Schluss wird ein bisschen zu lange hinausgezögert, längst weiß der Leser ja (zumindest teilweise) was Sache ist, aber es hat mich nicht wirklich gestört, ich habe ihr ja gerne zugehört.

    Gruß Bibliomana :cat:
    "Man kann im Leben auf vieles verzichten, aber nicht auf Katzen und Literatur!"

  • Ich habe das Buch vor genau fünf Jahren gelesen - viele Erinnerungen an Inhalt und Sprache liegen verschollen, aber ich kann sagen, dass mir der Roman sehr nahegegangen ist.
    Was das Ende angeht, stimme ich Bibliomana zu:
    es ist vorhersehbar, aber der Erzählstil zieht den Leser beständig weiter. Als ich eben das letzte Kapitel noch einmal las, hatte ich wieder eine Gänsehaut.

    She wanted to talk, but there seemed to be an embargo on every subject.
    - Jane Austen "Pride and prejudice" - +


    :study: Sophie Kinsella: Mini Shopaholic + Lisa Hilton: Queen's Consort

  • Ich habe dieses Buch vor einigen Jahren gelesen, weiß von der story nicht mehr allzuviel, doch dass es mir sehr gut gefallen hat, weiß ich noch! :flower: :thumright:

    Ich lese gerade "Die Haushälterin" von Jens Petersen und "Der Geist von Lamb House" von Joan Aiken.

  • Hallo @ll
    Ich habe, nach 159 mühsam durchgequälten Seiten, das Buch vorläufig ins Regal zurückgestellt! Es gefällt mir nicht, es spricht mich "zur Zeit" überhaupt nicht an.
    So gut mir "alias Grace" dieser Autorin gefallen hat, so wenig kann ich an dieser Geschichte Gefallen finden. Vor allem der Erzählstrang mit der SF-Story fällt bei mir, die ich keine Fantasy mag, auf wenig Gegenliebe. Und die Protagonisten des Romans sind mir durchweg nicht sehr sympathisch, ich kann mich weder in ihre Handlungsweisen, noch in ihr Leben hineinversetzen, sie bleiben mir fremd, sie berühren mich nicht. Die Handlung des Buches könnte spannend und interessant sein, wäre sie nicht so gleichförmig, blass und kühl geschrieben. Schade!
    Gruss Bonprix :wink:

  • @Bonprix, Schade, dass es dir so gar nicht gefällt :( , (ehrlich gesagt, mir ist es schon immer ein bisschen unangenehm, wenn ich indirekt schuld an einem Fehlkauf bin... :oops: ) .... aber Geschmäcker sind nun mal verschieden, mir hat dieser Roman ja sogar noch besser gefallen als „alias Grace“.
    Ich habe schon öfter gelesen, und du führst es ja auch an, dass Atwoods Stil als eher kühl beschrieben wird, etwas was ich ja normalerweise gar nicht mag, aber komischerweise empfinde ich das überhaupt nicht so. Nur der Roman im Roman ist schon etwas kühl u. spröde geschrieben, stört mich aber nicht, weil es einen interessanten Kontrast zum Rest der Geschichte bildet. Mich hat es von der ersten Seite an gefesselt und Iris war mir von Anfang an sympathisch, ja richtig vertraut.
    Es ist immer wieder interessant, wie verschieden die Wirkung eines Romans auf die einzelnen Leser sein kann ... :-k

    Gruß Bibliomana :cat:
    "Man kann im Leben auf vieles verzichten, aber nicht auf Katzen und Literatur!"

  • Zitat

    Original von Bibliomana


    Schade, dass es dir so gar nicht gefällt :( , (ehrlich gesagt, mir ist es schon immer ein bisschen unangenehm, wenn ich indirekt schuld an einem Fehlkauf bin... :oops: )


    Bibliomana
    Das muss dir doch nicht unangenehm sein, das würde ich nie so sehen! :lol:
    Wie du selbst sagst, die "Geschmäcker sind verschieden", und DAS ist auch gut so. Natürlich ist es schön, Gleichgesinnte zu finden, aber genauso interessant ist es, andere Meinungen zu einem Buch zu lesen. Mir ist es selbst auch schon oft so ergangen, dass ich mich für eine Geschichte begeistere, die andere Leser dann so gar nicht anspricht. :idea:
    Wie ich bereits in meinem obigen Beitrag schrieb, "zur Zeit" spricht mich das Buch nicht an; daher ist es gut möglich, dass es mir zu einem späteren Zeitpunkt wohl gefällt.


    Gruss Bonprix :wink:

  • Der Klappentext wurde oft hier und da etwas verändert, nicht einer wird diesem Roman wirklich gerecht. Wie auch? Margaret Atwood lässt verschiedene Genres aufeinander treffen. Für mich ist dieses Buch in erster Linie ein Roman über Verfall und Niedergang. Moralischer, gesellschaftlicher Verfall, das Schwinden der körperlichen und geistigen Kräfte, baufällige Gebäude und vernachlässigte Gärten ziehen sich wie ein roter Faden durch das Leben der zwei ungleichen Schwestern Iris und Laura. Mit feinem Gespür lässt Margaret Atwood alle Fäden zusammenlaufen. Sie bedient sich der unterschiedlichsten Stilmittel und entfacht dabei ihr Feuerwerk: Unglaubliche literarische Kraft. Leserausch pur.


    Fazit
    Wieder ein tolles Buch der großen Autorin. Ich feiere sie, im Moment ist sie für mich auf literarischer Ebene das Maß aller Dinge :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:


    Unten habe ich die aktuelle Ausgabe verlinkt.

  • Ich liebe Romane, die verschachtelt sind, die auf mehreren Ebenen eine spannende Geschichte erzählen und zudem noch unterschiedliche Interpretationen zulassen. Gerne hätte ich auch dieses Buch grandios gefunden, meinen ersten Roman, den ich von der hochgelobten Autorin lese. Ich fand den Roman aber leider überraschend belanglos. Mit grosser Begeisterung fing ich an zu lesen: die ältere Dame in der Gegenwart erinnert sich an ihre Kindheit, kleine Einschübe mit Zeitungsberichten und die SF-Geschichte fand ich auch ganz unterhaltsam. Aber irgendwann, so gegen Seite 200, konnte ich sehr gut mit Brigitte mitfühlen: die Protagonisten blieben mir allesamt egal, die Geschichte plätschert vorhersehbar vor sich hin, man ahnt schon, wie die drei Handlungsstränge miteinander verwoben sind, aber bis dahin muss man hunderte Seiten immergleicher Beschreibungen lesen. Ja, ein Roman über Verfall und Niedergang, und ausserdem über die Unterdrückung der Frauen, bzw Dominanz der Männer, und natürlich eine (unglückliche) Liebesgeschichte. Aber leider ohne Tiefgang, dafür mit zahlreichen Klischees. Für mich blieb es eine banale, spannungsarme Erzählung, die durch das komplexe Konstrukt einen gewissen Reiz hat. Gerne hätte ich aber mehr „historische Kulisse“ gehabt, die sarkastischen Gedanken der gealterten Erzählerin fand ich amüsant (diese Handlungsebene fand ich ohnehin am gelungensten), aber die jugendlichen Schwärmereien der beiden Mädchen und die Bevormundung des bösen, kapitalistischen Gatten empfand ich mit der Zeit ermüdend.