Yasmina Khadra - Die Attentäterin/L'attentat

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  • Kann man sich etwas Entsetzlicheres vorstellen? Der geliebte Mensch, den man sicher zu Hause wähnte, wird bei einem Bombenatttentat in Stück gerissen. Und als ob dies nicht schlimm genug wäre, erfährt Amin Jaafari, ein hoch angesehener Arzt und arabischer Israeli, dass seine Frau die Attentäterin dieses Anschlags war. Der Mensch, den man liebt und von dem man annimmt, ihn in- und auswendig zu kennen, verrichtet ein Massaker inmitten eines Kindergeburtstags. Für und um Jaafari herum bricht alles zusammen: Seine Liebe zu seiner Frau und ihre Liebe zu ihm scheinen plötzlich nur noch Illusionen und Täuschungen gewesen zu sein. Man verdächtigt ihn der Mitwisserschaft, schlägt ihn zusammen, will ihn von seiner Arbeit verjagen - doch zumindest seine Freunde stehen zu ihm.
    Khadra schildert dieses Grauenvolle und kaum zu Ertragende so überzeugend, dass ich immer wieder innehalten musste, weil mir im wahrsten Sinne des Wortes der Atem stockte. Dazu die Verdächtigungen der Israelis ihm gegenüber, die sich nicht vorstellen können, dass er nicht eingeweiht war - ich fühlte mit ihm, wie sich seine sicher geglaubte Welt plötzlich in Nichts auflöst.
    Und weshalb nun gemischte Gefühle? Als er sich auf die Suche nach den Hintergründen zu dieser Tat macht, die auch eine Reise in seine Vergangenheit wird, geht dieses Überzeugende verloren. Seine ungezügelten Aussetzer mögen zwar erklärbar sein, doch nachvollziehbar waren sie nicht für mich. Auch dass es ihn mehr schmerzt, dass seine Frau ihn betrogen haben könnte als dass sie als Selbstmordattentäterin handelte, wirkte nicht wirklich glaubwürdig. Hinzu kommen Ungereimtheiten im Text: In Bethlehem besucht er seine Verwandten und übernachtet dort, doch als er zu seiner alten Freundin Kim zurückkehrt, war er offenbar nur einen Tag weg.
    Dennoch: Ein lesenswertes Buch, das überzeugend die Entstehung der Spirale von Gewalt und Gegengewalt schildert aus einer Welt, die wir ansonsten nur aus den Nachrichten kennen.

    :study: Das Eis von Laline Paul

    :study: Der Zauberberg von Thomas Mann
    :musik: QUALITYLAND von Marc-Uwe Kling

  • Vielen Dank für diese Vorstellung!


    Dieser Autor hat einen recht guten Ruf in Frankreich. Und das mag auch an seiner Lebensgeschichte liegen, die in keiner Rezi des BT genauer angesprochen wurde. Ich zitiere:


    Yasmina Khadra (Pseudonym für Mohammed Moulessehoul); * 10. Januar 1955 in Kenadsa, Algerien, ist ein algerischer Schriftsteller, der im Exil in Frankreich lebt. Er wurde ein hoher Offizier in der algerischen Armee und begann dort mit dem Schreiben und Veröffentlichen von literarisch anspruchsvollen, zeitkritischen Kriminalromanen. Sie erschienen auf Französisch zunächst unter seinem eigenen Namen. Um die zu einem bestimmten Zeitpunkt verschärften strengen Zensur-Bestimmungen zu umgehen, begann er ab Morituri unter den beiden Vornamen seiner Frau (Yasmina Khadra: „grüne Jasminblüte“) zu publizieren. Nachdem er Ende 2000 mit seiner Familie nach Frankreich ins Exil geflohen war, lüftete er das Geheimnis um seine Identität. Aus Respekt vor den Leistungen seiner Ehefrau, die durch Reisen und Verhandlungen mit europäischen Behörden und Verlagen die wirtschaftliche Grundlage für den Neuanfang in Frankreich legte, beschloss er, den Nom de plume Yasmina Khadra als seinen öffentlichen Autorennamen beizubehalten (siehe Chimären-Nachwort). Er wohnt heute in Aix-en-Provence. (Quelle: http://fr.wikipedia.org/wiki/Yasmina_Khadra )


    Ich hebe dabei nochmals besonders hervor, was für eine Anerkennung der Rolle der Frau (im Umfeld der arabischen Welt!) gerade dadurch zum Ausdruck kommt, dass er als Mann einen Frauennamen als Pseudonym wählte und nun noch weiterhin benutzt!

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