Nevil Shute - Henry Warrens Wandlung / Ruined City / Kindling

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  • (Ich habe das Buch als "Ruined City" gelesen, es wurde aber auch unter dem Titel "Kindling" aufgelegt. Eine deutsche Ausgabe konnte ich nirgends finden.)


    London Ende der 30er Jahre: Henry Warren ist erfolgreicher Banker in der City, jettet von einem Geschäftstermin zum nächsten und lebt in komfortablen Verhältnissen, doch der Preis dafür ist hoch. Seine Ehe dümpelt nur noch vor sich hin, seine Frau führt schon längst ihr eigenes Leben, in dem er nur noch pro forma einen Platz hat, und der Stress macht ihm allmählich gesundheitlich zu schaffen. Nach dem endgültigen Aus für seine Ehe steigt Henry einfach aus, fährt in den Norden und beschließt, nur ein bisschen Bargeld in der Tasche, eine Weile einfach nur zu wandern und den Kopf freizukriegen.


    Doch schon nach wenigen Tagen landet er notfallmäßig in einem Provinzkrankenhaus und ist entsetzt über die kargen Verhältnisse dort, noch mehr aber über die Apathie und Hoffnungslosigkeit seiner Mitpatienten. Diese ist jedoch nicht unbegründet - seit die große Werft am Ort schließen musste und auch den Bankrott diverser Zuliefererfirmen nach sich gezogen hat, ist Sharples beinahe eine Geisterstadt geworden.


    Henry ist zutiefst erschüttert und schwört, alles zu tun, um Sharples wieder zu einer florierenden Stadt zu machen - hat er doch dank seines Jobs Mittel und Wege und die besten internationalen Beziehungen in Politik und Wirtschaft ...


    Das Buch beginnt mit gehetzten Geschäftsreisen, Verhandlungen und Meetings, viel Bänkerchinesisch und Society-Gedöns. Nicht gerade das, was ich spannend finde und auch nicht gerade sehr sympathisches Personal. Doch schon bald fing Henry an, mir leid zu tun in seiner gestressten, hektischen und dabei ziemlich hohlen und unglücklichen Existenz, und von dem Augenblick an, als er aus diesem Leben auszubrechen versuchte, mochte ich ihn.


    Als er dann am eigenen Leib erfährt, wie miserabel die Verhältnisse in den kleinen Industriestädtchen im Norden Englands wirklich sind, ist das ein echtes Aha-Erlebnis, und der knallharte Geschäftsmann verspürt erstmals das Bedürfnis, sein Wissen und seine Connections nicht zum Wohle seiner Auftraggeber und Aktionäre einzusetzen, sondern wirklich zu helfen, was am Ende unvorhergesehene Konsequenzen für ihn bedeutet.


    Man merkt, dass es ein Frühwerk von Shute ist, sprachlich ist es nicht ganz so elegant wie die späteren Romane. Seine anderen Bücher haben mir bisher alle besser gefallen (hier waren es für meinen Geschmack einfach ein bisschen arg viele Business-Meetings), aber trotzdem hat mich auch dieses Buch größtenteils fasziniert, vielleicht auch wegen der deprimierend authentischen Schilderung der Wirtschaftskrise in den 30er Jahren und der Art, eine Geschichte auf schlichte, unpathetische Weise zu erzählen, die auch gut zu einem triefend kitschigen Machwerk hätte verkommen können.


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