Leo Perutz - Wohin rollst du, Äpfelchen ?

  • Original : Deutsch, 1928


    Als Erstabdruck in der « Berliner Illustrierten Zeitung


    Mit einem Nachwort von Hans-Harald Müller (in der hier von mir verlinkten rororo-Ausgabe)


    INHALT :
    Wien 1918/1919: Der einstige Offizier Georg Vittorin kann die Demütigungen nicht vergessen, die er als Kriegsgefangener von dem russischen Lagerkommandanten Seljukow erdulden musste, und beschließt, als Rächer zurückzukehren. Eine dramatische Verfolgungsjagd beginnt, die ihn durch die Sowjetunion, nach Konstantinopel, Rom, Mailand, Paris und weiter treibt, bis es schließlich in Wien zu dem erhofften "Duell ohne Zeugen" kommt.


    Diese Geschichte eines Kriegsheimkehrers gehörte am Ende der Weimarer Republik zu den bekanntesten Büchern seiner Zeit. (Quelle : amazon.de, gekürzt)


    BEMERKUNGEN :
    Anfangs finden wir fünf in Wien beheimatete Soldaten bei der Rückkehr aus zwei Jahren der Kriegsgefangenschaft in Russland. Noch im heimkehrenden Sanitätszug gedenken sie eines Schwurs, nach eingetretenem Frieden einen von ihnen zurückzusenden, um sich am Lagerkommandanten Seljukow zu rächen. Hatte er nicht den einen oder anderen gedemütigt ? Seine Autorität spielen lassen ? War eventuell für den Tod eines Kameraden verantwortlich ?


    Der auktoriale Erzähler verfolgt nun besonders das Leben und Treiben von Vittorin, einem dieser Fünf. Er ist besonders von diesem Rachegedanken bewohnt und läßt sich – einmal daheim in Wien – nur kurzzeitig in eine Normalität einspannen. Dann ist der Ruf zur Rückkehr nach Russland stärker : er läßt seine Verlobte und seine Familie sitzen, verzichtet auf eine aussichtsreiche Stellung, muss zu kleinen Notlügen greifen, während seine ehemaligen Kumpanen alle nach und nach einen Rückzieher machen, wirklich « heimgekehrt » sind und eher belächelnd Vittorins Herumfuchteln bezeugen.


    Vittorin geht es hier nicht einmal um den schmerzhaften Untergang der k.und k.Monarchie oder sehr tiefgehenden Überlegungen, sondern anfangs um einen persönlichen Rachefeldzug für erlittene Demütigung, und dann, Seljukow immer mehr als Person vergessend, aber ihn fast krankhaft übersteigend, um eine Art fast göttlichen Auftrags zur Vernichtung des verkörperten Bösen.


    Und so ist Vittorin denn unterwegs per Zug in Richtung Russland und erlebt in der Folgezeit die unmöglichsten Abenteuer und Frontwechsel. Immer wieder erreichen ihn widersprüchlichste Nachrichten über den vermeintlichen Aufenthaltsort des verhassten Mannes, und er setzt alles dran, um sich jeweils dorthin zu begeben. Und merkt selber kaum noch, wie er so nach und nach über Leichen geht...


    So ganz nebenbei bekommen wir in diesem ausführlichen in Russland spielenden Teil des Romans sehr viele Informationen und Eindrücke über die Vielschichtigkeit der (wechselnden) Fronten, über das herrschende Chaos des Bürgerkrieges, der ja weit über das Ende des eigentlichen Weltkrieges hinausreichte. Und Vittorin gehört ganz opportunistisch mal hierhin, mal dorthin, ohne allerdings wirklich etwa damit eine politische Überzeugung zu vertreten. Und die Suche geht immer weiter, führt ihn schließlich über eine zwei Jahre andauernde Hetz zurück nach Wien. Und zu einem unerwarteten Abschluß besonderer Art.


    Im Klappentext war von einem Thriller die Rede und tatsächlich hat dieser Roman einen Erzählfluss, der uns weitertreibt. Gleichzeitig übersteigt das Buch dieses Genre und ich sehe doch auch noch eine tiefer gehende Reflexion über den Wahnsinn des Rachegedankens. Wie Vittorin letztlich nichts lernt, bzw auch alles verliert kann eine etwas einfach klingende « Moral von der Geschicht » sein, doch wenn man den Verfassungszeitraum bedenkt (1928) und den unglaublichen Erfolg dieses Buches, dann fragt man sich, worin die damaligen Leser hier angesprochen worden sind. Im Nachwort heißt es kurz, dass « der Typus des heimatlosen Heimkehrers das Thema des deutschen Erfolgsromans » der damaligen Epoche war. Hätte man vielleicht noch aufmerksamer auf Perutz hören sollen ? Kann sich eventuell ein Krieg, oder eine fanatische Besessenheit mit einer verletzten Eitelkeit begründen (so weiter im Nachwort von Hans-Harald Müller) ?


    Ich las hier und da, dass dies nicht sein größter oder bester Roman gewesen sei (von denen zweie hier besprochen worden sind : http://www.buechertreff.de/rez…/Leo%20Perutz-index1.html ), doch meines Erachtens ist er das Lesen wert ! Empfehlung !!!


    AUTOR :
    Leo Perutz (eigentlich Leopold Perutz; * 2. November 1882 in Prag; † 25. August 1957 in Bad Ischl) war ein österreichischer Schriftsteller. Im bürgerlichen Beruf war er Versicherungsmathematiker.

    Er war der älteste Sohn von Benedikt Perutz, einem erfolgreichen Textilunternehmer, und dessen Frau Emilie (geb. Österreicher). Die Familie war jüdisch-spanischer Abstammung und seit mindestens 1730 in Rakonitz, einer Kleinstadt rund 50 Kilometer von Prag entfernt, ansässig. Die Familie war jüdischen Glaubens, jedoch weitgehend säkularisiert und nur wenig religiös.

    Perutz war kein guter Schüler, wurde teils von der Schule gewiesen, teils gar nicht zur Matura zugelassen. 1901 zog die Familie nach Wien, wo Perutz das k.k. Erzherzog-Rainer-Gymnasium besuchte, das er jedoch 1902 ohne Abschluss verließ. Im Anschluss arbeitete er vermutlich für einige Zeit in der Firma seines Vaters.

    Nach dem Wehrdienst arbeitete Perutz wahrscheinlich wieder als Angestellter in der Firma seines Vaters. Für das Wintersemester 1905/1906 schrieb er sich an der Universität Wien an der Philosophischen Fakultät ein, allerdings als „außerordentlicher Hörer“, da er nicht über die Hochschulreife verfügte. Er belegte Veranstaltungen in Mathematik und Volkswirtschaftslehre. Zum Wintersemester 1906/1907 wechselte er an die Technische Hochschule Wien und beschäftigte sich mit Wahrscheinlichkeitsrechnung, Statistik, Versicherungsmathematik und Volkswirtschaft. Obwohl es formal eigentlich nicht möglich war, scheint Perutz dort einen Abschluss in Versicherungsmathematik gemacht zu haben, jedenfalls fanden sich in seinem Nachlass Dokumente, die hierauf hindeuten.

    Im Oktober 1907 fand Perutz eine Anstellung als Versicherungsmathematiker bei der Assicurazioni Generali (für diese Gesellschaft war auch Franz Kafka tätig) in Triest. Neben der Arbeit veröffentlichte er weiterhin Rezensionen und Erzählungen. Im Oktober 1908 ging er zurück nach Wien, wo er bis 1923 für die Versicherungsgesellschaft Anker tätig war. In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg nahm Perutz intensiv am literarischen und musikalischen Leben Wiens teil, trieb daneben auch viel Sport wie Skifahren und Schlittschuhlauf und machte mehrere Reisen, so nach Frankreich, Italien, Spanien, Nordafrika, in die Türkei, den Libanon, Palästina und Ägypten.

    Ab 1915 erschienen erste Romane von ihm. 1916i erlitt er in Galizien einen Lungenschuss, der einen langen Aufenthalt im Lazarett zur Folge hatte. Im März 1918 heiratete Perutz die 13 Jahre jüngere Ida Weil, die er bereits 1913 kennengelernt hatte und mit der er seit 1917 verlobt war. Sie verstarb 1927.

    1934 lernte Perutz Grete Humburger kennen, die er 1935 heiratete. Nach dem Anschluss Österreichs floh Perutz 1938 mit seiner Familie erst nach Venedig, ging von dort nach Haifa und ließ sich schließlich in Tel Aviv nieder.

    Perutz hatte 1940 die Staatsbürgerschaft Palästinas angenommen. Bald nach 1945 dachte er an die Rückkehr nach Europa, was in den Wirren der Nachkriegszeit jedoch nicht möglich war. Dazu kam, dass sich Perutz in seinem fortgeschrittenen Alter nicht sicher war, ob er diesen abermaligen Ortswechsel würde bewältigen können. Nach der Gründung des Staates Israel fühlte er sich dort zunehmend unwohl. Er lehnte jeden Nationalismus ab, und die Vertreibung der Araber durch die Juden war ihm nicht nur zuwider, sondern sie zerstörte für ihn auch die geschätzte orientalische Atmosphäre des Landes. 1950 gelang es Perutz und seiner Frau dennoch erstmals nach Österreich und auch nach England zu reisen. 1952 nahm Perutz wieder die österreichische Staatsbürgerschaft an. In den folgenden Jahren verbrachte er die Sommermonate stets in Wien und im Salzkammergut.

    1957 brach Perutz während eines Besuches im Haus seines Freundes Lernet-Holenia in Bad Ischl zusammen und starb kurz darauf im dortigen Krankenhaus. Er wurde auf dem Friedhof von Bad Ischl beigesetzt. (Quelle und Weiteres hier : http://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Perutz )


    Broschiert: 248 Seiten
    Verlag: Rowohlt TB-V., Rnb. (November 1993)
    ISBN-10: 349912338X
    ISBN-13: 978-3499123382


    Es gibt eine neuere Ausgabe im DTV-Verlag.