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Robert Schneider - Die Offenbarung

Die Offenbarung

3.9 von 5 Sternen bei 5 Bewertungen

Verlag: Aufbau Taschenbuch

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 285

ISBN: 9783746624815

Termin: Februar 2009

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  • Zum Inhalt

    An Heiligabend des Jahres 1992 entdeckt der Naumburger Organist Jakob Kemper im morschen Gehäuse der Kirchenorgel ein unbekanntes Oratorium von Johann Sebastian Bach. Sein Fund versetzt den kauzigen Eigenbrödler in höchste Verwirrung, meint er doch das bedeutendste Werk der Musikgeschichte in Händen zu halten. Doch je länger Jakob die Partitur studiert, desto mehr gelangt er zur Überzeugung, dass etwas Mystisches von dem Werk ausgeht, das zunehmend auch auf sein Leben Einfluss zu nehmen beginnt.

    Schließlich will Jakob seinen Fund, der ihn psychisch sehr belastet, mit der Welt teilen, und so lässt er ihn den Professoren der Bachgesellschaft zukommen, obwohl er auf diese Herren gar nicht gut zu sprechen ist, haben sie sein Ansuchen um Mitarbeit bei der Renovierung der Orgel doch sehr herablassend abgelehnt. Sollen sie nun entscheiden, was mit dem Werk zu geschehen hat.

    Ungeheuer ist Jakobs Enttäuschung, als seine Entdeckung nicht als Jahrhundertfund gefeiert, sondern als Fälschung zurückgeschickt wird.


    Meine Gedanken zum Buch

    Bildhaft konnte ich ihn mir vorstellen, den hageren Organisten und gelernten Bürstenbinder, wie er mit viel zu weitem Mantel, löchrigem Schal, Baskenmütze und uraltem Schulranzen durch Naumburg eilt. Unter einer übermächtigen Vaterfigur leidend, hat der 45-jährige noch nie die geringste Anerkennung, den allerkleinsten Erfolg zu verzeichnen gehabt. Mit der Entdeckung des unbekannten Oratoriums hofft Jakob auf den großen Durchbruch, auf internationale Bekanntheit, doch bald erkennt er, dass die Macht dieser Musik ganz anderes bewirkt.

    Seine Verwirrung, die Ängste, Sorgen und Unzulänglichkeiten seines Protagonisten zeichnet Robert Schneider ganz vortrefflich und arbeitet sich vor bis in die Tiefen dieser empfindsamen Seele. Jakob, der sich selber als der größte Versager aller Zeiten sieht, weder beruflich noch privat auf irgendein Erfolgserlebnis verweisen kann, beginnt angesichts der Bach'schen Musik andere Prioritäten zu setzen, die sein Leben schließlich völlig auf den Kopf stellen werden.

    Besonders gut hat mir das Ende der Geschichte gefallen, als der Autor den Meister selber zu Wort kommen und erklären lässt, ob die honorigen Herren von der Bachgesellschaft tatsächlich die Experten sind, für die sie sich selber halten.

    Eine sehr empfehlenswerte Lektüre für alle Leser, die das Besondere lieben und eine Liebeserklärung an die Macht der Musik.

  • Danke für die interessante Rezi!


    Schnell dachte ich an einen anderen Roman des Autors (der oben eben nicht unter "ähnliche Bücher" angegeben war): "Schlafes Bruder". Dort verbindet Schneider aufs Meisterhafte Musik und Roman. Ein Genuß. Wer dieses Buch schätzen sollte könnte an jenem auch Gefallen finden?!

  • "Schlafes Bruder" gehört zu den Büchern, die man immer wieder mal lesen kann und das werde ich demnächst auch tun.

  • Auf meiner re-read-Liste steht "Schlafes Bruder" auch, aber vorher muss "Die Offenbarung" ran. Danke, Sylli, fürs Vorstellen.

  • O ja, "Schlafes Bruder" ist genial. Orgelmusik habe ich noch nie so großartig beschrieben gefunden.


    Aber auch "Die Offenbarung" fand ich toll - hier mal meine alte Rezension dazu:


    Jakob Kemper ist ein komischer Kauz. Mit Menschen kann er nicht so recht, er ist ein wenig verschroben und eigenbrötlerisch und widmet sich ganz seiner Musik, genauer gesagt der Kirchenmusik. Mit der großen Karriere als Komponist, Dirigent, Organist oder Musikforscher ist es nichts geworden, die Orgel in der Wenzelskirche von Naumburg spielt er seit Jahren unentgeltlich, und als die Restaurierung des Instruments ansteht, wird er natürlich bei der Aufstellung einer Expertenkommission übergangen.


    Seine große Leidenschaft gehört der Musik von Bach, und eines Tages passiert ihm etwas Unglaubliches: versteckt im Gehäuse "seiner" Orgel entdeckt er das Manuskript zu einem Oratorium über die Offenbarung des Johannes, allem Anschein nach aus der Feder von Johann Sebastian höchstpersönlich! Aber ob ihm das jemand glauben wird?


    Zunächst vertraut er sich nur seiner Beinahe-Freundin Lucia an, und natürlich weiß sein kleiner Halbbruder Leo Bescheid, der beim Fund dabei war, doch beide verpflichtet Jakob zum Stillschweigen ...


    Kemper ist ein dermaßen lebensuntauglicher Typ, dass es schon fast wehtut, dauernd steht er sich selbst im Wege. Mit gutem Gespür für Situationskomik und Ironie porträtiert Robert Schneider diesen schrägen Vogel, schaut ihm tief in die Seele, ohne ihn bloßzustellen. Um den aberwitzigen Manuskriptfund herum entsteht das Lebensbild eines fatalistischen Menschen, geprägt von seinem herrischen Altnazi von Vater und immer wieder erlebten Demütigungen, vor denen er sich in die Welt der Musik und der Bach-Forschung flüchtet.


    Nach "Schlafes Bruder" steht hier wieder einmal ein Organist im Mittelpunkt, und erneut gelingen Schneider feine, einfühlsame Musikschilderungen, doch nicht nur da beobachtet er hervorragend: die Expertenkommission ist eine bissige Satire auf diverse Typen von Fachleuten, der Pfarrer zeigt sich als leutselig-bemühte Quasselstrippe, ganz zu schweigen von Kempers holpriger Art, Lucia den Hof zu machen ...


    Oft drückt sich Schneider etwas geschraubt oder eigenwillig aus, was in einigen seiner anderen Bücher prätentiös und gewollt wirkt, hier aber wunderbar zu Kempers verschrobenem Wesen passt.


    Wer Orgelmusik, Bach und seltsame Figuren mag, ist hiermit gut bedient - auch wenn für meinen Geschmack am Schluss eine Frage zuviel offen bleibt.


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    Why say 'tree' when you can say 'sycamore'?
    (Leonard Cohen)

  • Der neue Roman von Robert Schneider "Die Offenbarung" hat das Zeug dazu, an den großen Erfolg seines sensationellen und weltberühmt gewordenen Debüts "Schlafes Bruder" anzuknüpfen. Wieder geht es um Musik, wieder steht ein Mensch im Vordergrund der Handlung, dessen ganze Existenz aus nichts anderem als Musik besteht, wieder besticht die Erzählung durch den für Schneider typisch gewordenen, fast magischen Stil und Wortwahl und wieder ist es eine Romanvorlage, die geradezu nach einer entsprechenden Verfilmung ruft.


    Hauptperson der Handlung ist der Organist Jakob Kemper aus Naumburg. Jahrzehnte hat er an der dortigen protestantischen St. Wenzelskirche die Orgel gespielt, ein durch katastrophale Vernachlässigungen während der DDR-Zeit ziemlich heruntergekommenes Instrument, das Johann Sebastian Bach persönlich kurz vor seinem Tod eingerichtet hatte und auf das Jakob Kemper sehr stolz ist.


    Kemper lebt seit Jahrzehnten allein in einem baufälligen Haus, das vor dem Zweiten Weltkrieg einem Juden gehörte, und so befürchtet er auch nach 1989, dass er dieses Haus bald wird räumen müssen, wenn sich Nachkommen des früheren Besitzers melden.
    Sein ziemlich grobschlächtiger Vater, ehemaliger Bürstenmacher, steckt immer noch voller nationalsozialistischem Gedankengut und konnte dies als Mitglied der nationaldemokratischen Partei innerhalb der SED auch ganz gut über die DDR-Zeit konservieren. Er verachtet seinen musisch begabten Sohn und fügt diesem den größten Schmerz zu, als er dessen große Liebe Eva in zweiter Ehe heiratet. Aus dieser Ehe entsteht der Sohn Leo, ein Stiefbruder Jakobs, zu dem er eine gute Beziehung hat. Jakob unterrichtet ihn im Klavierspiel und in Musikkunde und empfindet für Leo wie ein Vater.
    Neben den privaten Unterrichtsstunden bestreitet Jakob seinen Lebensunterhalt mit einer halben Stelle an der örtlichen Musikschule.


    Am Heiligen Abend 1992, es ist Jakobs Geburtstag, findet Leo, als er mit Jakob auf der Orgelempore sich unterhält, im morschen Gehäuse der Orgel einen alten, staubigen Umschlag. Als Jakob Kemper diesen dicken Umschlag öffnet, trifft ihn fast der Schlag. Der Umschlag enthält, neben einigen persönlichen Utensilien von J.S.Bachs spätem Schwiegersohn Altnickol, ein Autograph mit einem bisher unbekannten Werk Bachs mit dem Titel "Die Offenbarung".
    Jakob Kemper fiebert vor Aufregung, erst recht, als er das Autograph gelesen und mittels seiner hohen musikalischen Begabung auch gehört" hat. Er sagt sofort alle Weihnachtsgottesdienste ab und meldet sich krank. Er hat ein Stück entdeckt, das in einer konzertanten Aufführung mindestens sieben Stunden dauern würde, ein Stück mit bislang auch für Bach unmöglich gehaltenen musikalischen Stilelementen. Eine Revolution für die Bachforschung, als deren Teil sich Jakob Kemper schon lange begreift, von ihr und ihren Hauptvertretern aber nicht ernst genommen wird.
    Jakob ist verliebt in Lucia, die aus dem Westen kam nach der Wende und in Naumburg ein kleines Reisebüro eröffnet hat, dessen Geschäfte aber mittlerweile 1992 nach der ersten Reiseeuphorie der Ostdeutschen eher schlecht gehen. Sie ist auch die einzige, der er neben Leo, der absolut still schweigt, von dem sensationellen Fund erzählt. Sie rät ihm, das Autograph entsprechenden Stellen zu übergeben, doch Kemper zögert. Zumal er bei seinem Studium des alten Musikstückes völlig unerklärliche Erfahrungen macht. Die Partitur dokumentiert nämlich nicht nur Musik, sondern sie vermag Erinnerungen an Vergangenes, Verdrängtes und Zukünftiges zu beschwören. Diese Entdeckung wirft Jakob Kemper völlig aus der Bahn. Johann Sebastian Bach, von dem man immer geglaubt hat, die eher zusammengestückelte h-moll-Messe sei sein letztes Werk gewesen, scheint am Ende seines Lebens eine Art kosmisches Gesetz gefunden und in Musik umgesetzt zu haben, das die Seele des Menschen gesunden lässt - oder sie in tiefste Verzweiflung stürzt.


    Kemper wechselt zwischen ausgelassener Euphorie - er wähnt sich schon als anerkanntes und mit Preisen ausgezeichnetes Mitglied der Bach-Gesellschaft - und heftigen Alpträumen. Noch während er das Manuskript studiert, treffen vier hochrangige Experten in Naumburg ein, um die Orgel zu begutachten, während sie ein Orgelbauer auseinander nimmt. Einer dieser hochrangigen Gelehrten hatte Kemper einige Zeit zuvor brüsk abblitzen lassen, als dieser ihm einen Aufsatz über die Beziehungen der Familie Bach zu Naumburg zusandte.


    Robert Schneider lässt uns Zeuge werden von köstlich zu lesenden Auseinandersetzungen dieser Experten über die allerletzte Schaffensphase J.S.Bachs. Jakob Kemper mischt sich ein und erläutert seine These von einem bislang unentdeckten Werk, dessen Erstellung Bach in seinen letzten Lebenswochen einfach die Zeit für eine eigenständige h-moll-Messe genommen habe. Einzig ein Japaner unter den Wissenschaftlern horcht auf und will auch bei einem späteren Treffen mit Kemper mehr von dessen Theorie wissen, die ja längst keine mehr ist.


    Durch ein Malheur gerät der Umschlag mit der Partitur in das Gepäck von Dr. Zinser aus Leipzig, einem der Exerten. Er und sein Chef lesen die Partitur, aber weil nicht sein kann, was nicht sein darf, halten sie das revolutionäre Werk für eine Fälschung Kempers, der sich damit wichtig machen wolle und senden es an diesen zurück. Jakob öffnet den Umschlag noch einmal in der Kirche, durchlebt zum wiederholten Mal die Erfahrung, dass diese Musik die Beziehung zu seinem unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommenen Bruder Karl wiederherstellt und versöhnt. Jakob Kemper sieht sich plötzlich in aller Härte mit dem eigenen Leben konfrontiert. Erstmals stellt er sich seiner Schuld, begreift all seine Verfehlungen und wird ein anderer Mensch, indem er sich mit dem eigenen Leben versöhnt und mit dem übermächtigen Vater Frieden schließt.


    Er versteckt die Mappe mit den Noten wieder dort, wo er sie gefunden hatte. Soll sie in späteren Jahren jemand finden, der sie finden muss. Am Ende des Romans erfährt der begeisterte Leser, wie es kam, dass der alte Bach die Noten seines Werkes in Naumburg vergaß.


    Robert Schneiders wunderbarer Roman ist ein Hohelied auf die Kraft der Musik und ein engagiertes Plädoyer für die konsequente Suche nach den eigenen Werten im Leben. Dass er der amtskirchlichen Arbeit nicht viel zutraut, die Menschen dabei zu unterstützen, unterstreicht er eindrucksvoll in der fast komischen Darstellung und Schilderung des Naumburger Pfarrers, dessen theologische Auslassungen mich manches Mal zum Lachen brachten. In ihm ist Schneider eine perfekte Karikatur gegenwärtiger verwalteter Religion gelungen, die die Menschen nicht zu sich selbst befreien kann und die das letzten Endes auch weiß und deshalb so viel von der Kirchenmusik hält, die das offenbar kann und als einzige noch die Menschen in die ansonsten ziemlich leeren Kirchen bringt.

  • Oft drückt sich Schneider etwas geschraubt oder eigenwillig aus, was in einigen seiner anderen Bücher prätentiös und gewollt wirkt, hier aber wunderbar zu Kempers verschrobenem Wesen passt.

    Mich hat sie begeistert, diese Ausdrucksweise und wie Du richtig schreibst, passt sie perfekt zum Eigenbrödler Jakob Kemper, der mir oft wie ein Zeitgenosse Bachs vorgekommen ist.

    Wirklich sehr bemerkenswert, was der Herr Schneider aus dieser Figur gemacht hat.

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