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  • Er schrieb Bestseller, beschimpfte das Publikum und brach politische Tabus – Peter Handke ist einer der wichtigsten Schriftsteller der deutschsprachigen Literatur. Nun feiert dieser schreibende Eigenbrödler seinen 70. Geburtstag.
    Als er die literarische Bühne betrat, trugen Schriftsteller noch dicke Hornbrillen und ordentliche Anzüge. Der Mief der Nachkriegsjahre lag noch über Deutschland. Da schockte dieser drahtige Jungspund aus der Kärntner Provinz mit abgewetzter Lederjacke und langen Haaren das literarische Establishment. Er warf der deutschen Gegenwartsliteratur "Beschreibungsimpotenz" vor und avancierte kurze Zeit später mit seinem Theaterstück "Publikumsbeschimpfung" zum Enfant terrible der Literaturszene."Ihr Quertreiber, ihr Effekthascher, ihr Antidemokraten, ihr Selbstbezichtiger, ihr Applausbettler, ihr vorsintflutlichen Ungeheuer, ihr Claqueure, ihr Cliquenbildner, ihr Pöbel, ihr Schweinefraß, ihr Knicker, ihr Hungerleider, ihr Griesgräme, ihr Schleimscheißer…"


    Provokation als Programm Die Geste der Provokation umwehte fortan Peter Handke und prägte seine Literatur genauso wie sein öffentliches Bild. In seinen Büchern mixte er Nietzsche mit Songtexten von Rockbands, schrieb über die Jukebox genauso wie über seine slowenischen Wurzeln. Über die Jahre wurde sein eigenes Leben konsequent zum Erzählstoff. Die Erzählung "Wunschloses Unglück", in der er den Selbstmord seiner Mutter verarbeitete, gehört bis heute zu jenen Handke-Texten, die einen erschüttern und zugleich faszinieren. Ausufernde, immer wieder durch Fragen unterbrochene Sätze, ein Schreibstil, durchzogen von Pathos und Zweifeln. In den 80er und 90er Jahren kam man kaum noch an Peter Handke vorbei. Bücher wie "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" wurden zur Schullektüre, er übersetzte, führte Regie, lieferte z.B. das Drehbuch zu dem Kultfilm "Der Himmel über Berlin" seines Freundes Wim Wenders. Fast scheint es, als hätte diese Präsenz am Ende den Autor selbst genervt. Aus dem einstigen Revoluzzer war ein Literat für das intellektuelle Milieu geworden – vielfach ausgezeichnet unter anderem mit dem renommierten Georg-Büchner-Preis.


    Darf groß irren, wer groß dichtet? Als wollte er noch einmal den Geist des Unbequemen heraufbeschwören, den literarischen Stachel in die Konsensgesellschaft rammen, ergriff er ab 1996 politisch Partei – viele glauben, für die falsche Sache. Nach dem Zerfall Jugoslawiens engagierte er sich für Serbien und protestierte gegen die Bombardierung durch die Nato. Er besuchte den serbischen Kriegsverbrecher Radovan Karadžić genauso wie das Grab von Slobodan Milošević. Und Handke schrieb darüber. Sein Reisebericht "Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien" wurde von den Feuilletons verrissen, die Comedie Française in Paris setzte ob der politischen Verblendung des Autors ein Handke-Stück ab und 2006 kam zu einem Riesen-Eklat um die Verleihung des Heinrich-Heine-Preises. Am Ende eines medialen Gezerres verzichtete Handke freiwillig auf die Auszeichnung.


    Böse Geister vertreiben Darf groß irren, wer groß dichtet? Ist Handke, ein politischer Reaktionär oder doch ein Dichter mit Provokationslust, der die öffentliche Einhelligkeit torpedieren wollte? Handke selbst verweigerte sich immer mehr einer klaren Antwort. Er zog sich in sein Haus in der Nähe von Paris zurück, gab nur noch selten Interviews. 2008 erschien sein Buch "Die morawische Nacht", die Geschichte einer Odyssee durch Europa auf den Spuren des eigenen Lebens. Die einstige politische Verbissenheit war hier einer dichterischen Selbstreflexion gewichen. Es schien, als wollte Handke die bösen Geister der letzten Jahre austreiben."Schuldig gemacht, so noch immer seine Vorstellung, hatte er sich doch, indem er das Nationaldichterspiel, und wenn auch halbherzig, mitspielte, bleibend schuldig. Und warum hatte er mitgespielt? Vielleicht weil er seinerzeit, für eine kleine Weile, in der Tat an etwas wie eine andere Nation glaubte, überhaupt an grundandere Nationen, und meinte, die mitverkörpern zu können."
    Es ist eine Sprache, deren Poesie in den Übergängen, in den Zwischenräumen liegt. Abstand halten, die Dinge vom Rand her betrachten und doch das Innerste, das Persönlichste nach außen kehren – genau diese Widersprüchlichkeit zeichnet noch immer Peter Handke aus – seine Person genauso wie seine Literatur.
    Nun feiert er seinen 70. Geburtstag, dieser große, unbequeme Dichter. So beschreibt die Deutsche Welle den österreichischen Autoren in einem Text anläßlich seines 70. Geburtstages. Geboren wurde Handke am 6. Dezember 1942 in Griffen im österreichischen Bundesland Kärnten. Seine Mutter Maria Handke geb. Sivec (1920 – 1971) war eine Kärntner Slowenin. Sein leiblicher Vater, Erich Schönemann, ein Bankangestellter, war als deutscher Soldat in Kärnten stationiert. Noch vor der Geburt des Sohnes heiratete Maria Sivec dann den Berliner Straßenbahnschaffner und Wehrmachtssoldaten Adolf Bruno Handke. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, daß Handke auch deutsche Wurzeln hat. In Handkes Frühwerk nimmt die Sprache das zentrale Thema ein, die Wirklichkeit wird von ihm durch und in der Sprache erfahren und reflektiert (Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt, 1969). Ansätze zu einer klassischen Erzählweise sind erstmals in den Erzählungen Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1970) und Der kurze Brief zum langen Abschied (1972) erkennbar, eine Folge seiner Auseinandersetzung mit den Autoren Karl Philipp Moritz, Gottfried Keller und Adalbert Stifter.Ende der 1970er Jahre wendet sich Handke ab der Erzählung Langsame Heimkehr (1979) einer hochstilisierten Sprache mit teilweise mythisch überhöhten Metaphern zu, um seinen Selbstfindungsprozess darzustellen. Mit dem Roman Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994) greift Handke erstmals autobiographische Themen auf und beschäftigt sich darin mit der Schriftstellerexistenz. In seinen jüngsten Schriften ab Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos (2002) kritisiert er die aktuelle mediale Bildüberflutung, “ beschreibt die Internetenzyklopädie Wikipedia Handke.Selbst wenn man seine Werke nicht gelesen hat, so kommt man – zumindest dann, wenn man sich für Kulturthemen interessiert, nicht um Handke herum. Schon bei der Lektüre von Zeitungsartikeln über Kulturereignisse oder bei der Fernsehberichterstattung zu diesem Themenbereich wird oft genug auf ihn hingewiesen. Daher sei an dieser Stelle kurz auf ihn eingegangen.

  • Ja, längst überfällig. Und es ist auch etwas peinlich, dass erst vier Bücher von ihm hier etwas näher (meist ohne viele Kommentare) besprochen worden sind: http://www.buechertreff.de/rez…eter%20Handke-index1.html Ohne Zweifel einer, wenn nicht der größte, deutschspachige lebende Schriftsteller. Es gäbe endlos was dazuzuposten... Gestern noch las ich von der Herausgabe seines Briefwechsels mit dem Suhrkamp-Verleger Siegfried Undset.


    Vor zwei Jahren kam eine erste umfassende Handke-Biographie heraus, die ich unten mal verlinke. Schon sei Längerem auf meinem SUB, doch wann soll man alles lesen?


    Danke an Andreas für diese Zeilen. Vielleicht sollte man genauer angeben, wann wo zitiert wird?

    Tim O'Brien - Was sie trugen/The things they carried

    Italo Calvino - Gesammelter Sand/Essays

    Catherine McKee - Charles de Foucauld, le frère universel

    Indigenous Australia: Enduring Civilisation - Gaye Sculthorpe, Lissant Bolton, John Carty

    Trésor de la poèsie indienne - Des Védas au XXIème siècle (Schatzkiste der indischen Poesie - Von den Veden bis ins XXI.Jahrhundert)


    (Un-)Gelesenes: https://www.buechertreff.de/user/2161-tom-leo/#library

  • Hallo Tom Leo,


    vielen Dank für Deine Rückmeldung. Um auch die darin enthaltene Frage zu beantworten: Den Text der Deutschen Welle, den ich hier wiedergebe, ist am 6. Dezember 2012 im elektronischen Newsletter der Deutschen Welle enthalten gewesen. Im Text bei büchertreff.de wird das leider nicht so deutlich (wie von mir beabsichtigt) deutlich.


    Viele Grüße


    Andreas

  • Danke an Andreas für diese Zeilen. Vielleicht sollte man genauer angeben, wann wo zitiert wird?


    Hallo Andreas,


    auch mir ist das ein bisschen beim Lesen aufgestoßen, dass die Quellenangabe so unübersichtlich im Text untergeht - da reagiere ich ein bisschen empfindlich - vielleicht könnten Sie die zitierten Texte jeweils in einem geschlossenen Absatz bringen und in Klammern die Angabe (Textquelle: ....) hinzufügen, idealerweise mit dem entsprechenden Link? Danke im Voraus ...


    Ansonsten bedanke ich mich für den Beitrag, denn Handke erscheint mir als ein sehr interessanter Autor, auch wenn ich überhaupt nicht weiß, was ich von seinen Büchern halten soll ... :scratch: .

    » Unexpected intrusions of beauty. This is what life is. «


    Saul Bellow, (1915-2005 ), U.S. author,
    in Herzog

  • Hallo Hypocritia,


    vielen Dank für die Rückmeldung. Aufgefallen ist mir die unübersichtliche Gestaltung des Textes selbst auch. Wie soll ich aber sagen - ich bin dabei eigentlich eher an fehlender Gelegenheit und an meiner Unlust, einen eigentlich "richtig" eingegebenen Text, der durch die Software dann doch wieder umgewandelt wird, gescheitert. Eine Sache ist mir bei früheren Texten, die ich eigentlich mit Wort geschrieben und abgespeichert habe, aufgefallen: Sobald sie hier in das Eingabefeld hineinkopiert werden, verändert das Programm das Aussehen des Textes. Da wird dann aus Blocksatz ein Text, der nur die halbe Seite nutzt. Da ich auch nicht immer Zeit und Lust habe, wieder alles zu ändern, lasse ich meinen Text dann oft in dem blöde aussehenden Zustand.


    Viele Grüße


    Andreas

  • off topic

    Da ich auch nicht immer Zeit und Lust habe, wieder alles zu ändern, lasse ich meinen Text dann oft in dem blöde aussehenden Zustand.


    Du musst nur beim Eingeben auf Quellcode drücken und nicht auf Editor dann verändert sich der Text nicht, nur Fett markierte Dinge sind weg. :lol:
    Liebe Grüsse Mara

    :study: Ich bin alt genug, um zu tun, was ich will und jung genug, um daran Spaß zu haben. :totlach:


  • Danke Mara für den Tipp! Das war mir auch so oft passiert und ich habe mühseligst händig meinen Beitrag editiert, dabei hätte ich es so einfach haben können #-o Quellcode drücken, dass merke ich mir.

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