Juli Zeh, Nullzeit

Nullzeit

4.1 von 5 Sternen bei 25 Bewertungen

Verlag: btb Verlag

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 256

ISBN: 9783442745692

Termin: Januar 2014

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  • Als meisterhaft konstruierter Psychothriller in der Tradition von Patricia Highsmith ist der neue Roman der Schriftstellerin Juli Zeh angekündigt. Und er kann diesem Vergleich durchaus standhalten. Obwohl er mehr ist als nur ein Psychothriller.


    Immer wieder verknüpft Juli Zeh Kommentare über gesellschaftliche und literarische Phänomene in ihre Handlung. Ihre Hauptfigur Sven ist so etwas wie eine Blaupause für ihre Kritik an diversen Rückzugstendenzen von immer mehr Menschen aus den Problemen der heutigen globalisierten Gesellschaft.


    Denn Sven ist nach einer für ihn traumatischen Erfahrungen im Jura -Examen auf eine spanische Vulkaninsel im Atlantik ausgewandert und hat dort zusammen mit Antje, einer Freundin, die er nicht wirklich liebt, eine Tauchschule eröffnet. Er will von dem gesellschaftlichen „Krieg“ in Deutschland nichts mehr wissen und gefällt sich darin, keinen Menschen mehr und auch kein Geschehen zu „bewerten“. Er hält sich raus. Doch Juli Zeh zeigt durchaus auch Verständnis für ihn. An einer Stelle in der Mitte des Buches, das Paar aus Deutschland, das für 14 Tage Sven für einen Rund-um-die-Uhr Tauchaufenthalt gebucht hatte ( 14.000 Euro Honorar!) ist schon ein paar Tage auf der Insel und hat das Leben von Sven schon gehörig durcheinandergebracht, da lässt sie ihn nachdenken:
    „Wie kam er dazu, mich feige zu nennen, weil ich Deutschland verlassen hatte? Feige waren doch Leute wie er, die das Spiel durchschaut hatten und trotzdem weiterspielten. Die passenden Sprüche meiner Kunden kannte ich zur Genüge. Sie schimpften auf die Leistungsgesellschaft und schickten ihre Kinder zum Chinesischunterricht. Lehnten Wachstumsideologien ab und gingen für die nächste Gehaltserhöhung auf die Straße. Warfen Managern Gier vor und suchten im Internet nach Aktienfonds mit den besten Renditeversprechen. Auf ihren nagelneuen Flachbildfernsehern schauten sie Talkshows zur Kapitalismuskritik. Alle fluchten, alle machten mit. Das kotzte mich an. Am Ende kamen nur kaputte Typen dabei heraus. Wie Theo.“


    Theo ist der um viele Jahre ältere Partner von Jola, einer Schauspielerin, die nach vielen Jahren in einer Soap von der Rolle ihres Lebens träumt, der Verfilmung der Geschichte einer berühmten Meeresforscherin. Er ist Schriftsteller, der aber seit Jahren nichts wirklich zustande gebracht hat, und vom Geld von Jola lebt. Der Tauchaufenthalt soll Jola für ein Casting fit machen.


    Doch sehr schnell stellt sich heraus, dass Theo und Jola anders sind als Svens übliche Kunden. Und nicht nur deshalb, weil Jola auf Sven mehr und mehr anziehend wirkt und auch selbst alles dafür tut, um sich begehrenswert zu machen. Eine verzwickte Dreiecksgeschichte bahnt sich an. In einem geschickten Wechsel zwischen Aufzeichnungen von Sven, die er wohl macht, nachdem das ganze Drama vorbei ist, und täglichen Tagebuchnotizen von Jola, setzt Juli Zeh den von Seite zu Seite mehr gespannten Leser einem Wechselbad der Eindrücke und Gefühle aus. Denn Sven und Jola schildern schon bald ein und denselben Vorgang ganz unterschiedlich.


    Ein Netz von Lüge und Begehren, von Liebe und Hass, von Zärtlichkeit und zynischer Gewalt beginnt sich immer mehr über die Protagonisten und ihre Beziehungen zu legen. Und obwohl Theo an einer Stelle am Anfang des Buches eine wichtige Bemerkung zum Verhältnis von Autor und Kritik macht, (der lobende Kritiker nehme sich selbst wichtiger als den von ihm beurteilten Autor) bleibt er einem das ganze Buch über eher suspekt.


    Die beiden Erzählstränge des Buches weiten sich aus zu einem regelrechten Spagat zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Realität und Verfälschung. Wie lange kann man in so einem Abgrund der Gefühle und Intrigen aushalten? Beim Tauchen heißt die Zeitspanne, in der man ohne Dekompressionsstopp (zeitliches Verharren in einer bestimmten Tiefe) an die Wasseroberfläche zurückkehren kann, Nullzeit.


    Wird Sven, der professionelle Taucher rechtzeitig aus den Abgründen, in die ihn die Tage mit Theo und Jola stürzen, unbeschadet herauskommen? Das soll hier natürlich offen bleiben.


    Was ihn Juli Zeh allerdings nicht verlieren lässt, ist sein kritischer Verstand und sein Reflexionsvermögen. Angesichts einer Jet-Set Party auf einem vor der Insel angelegten Schiff, auf die er zusammen mit Jola und Theo eingeladen ist, reflektiert er:
    „Ich dachte an Deutschland, wo diese Menschen lebten, wenn sie nicht gerade vor Afrika segelten. Ich wusste, wie sich fühlten. Täglich standen sie vor der Aufgabe, ihre persönlichen Krisen zwischen Bankenkrise, Finanzkrise, Klimakrise, Energiekrise, Bildungskrise, Eurokrise, Rentenkrise und Nahostkrise unterzubringen. Abend für Abend setzte man ihnen um 20 Uhr für eine Viertelstunde den bevorstehenden Untergang des Abendlandes auseinander, gepaart mit der Unfähigkeit der Politiker, diesen zu verhindern. Währenddessen klammerten sie sich an die ganz private und ein bisschen peinliche Hoffnung, es möge am Ende trotzdem alles so bleiben, wie es ist. Weitermachen, ihr ganzes Leben bestand nur aus Weitermachen.“


    So kennt man die kritische Zeitgenossin Juli Zeh aus zahllosen publizistischen Interventionen, zu denen sie neben ihren großen Romamen immer auch Zeit findet. Sie hat sie hier verbunden mit einem spannenden und subtilen Thriller, in dem das Tauchen immer wieder auch mit „Abtauchen“ assoziiert wird und in dem Abgründe nicht nur im Meer sorgfältig ausgelotet werden, sondern in den Beziehungen zwischen Menschen.


    Da Juli Zeh zudem auf einem hohen sprachlichen Niveau schreibt, ist dieser Roman über Willensfreiheit , Schuld und Macht ein Genuss auf der ganzen Linie,

  • dieser hervorragenden Rezension kann ich nur zustimmen!

    viele Grüße vom Squirrel

    :study: Rafik Schami - Die dunkle Seite der Liebe

    :study: Sasa Stanisic - Herkunft


  • ein Genuss auf der ganzen Linie,


    Dem kann ich nicht ganz zustimmen.
    Zehs Sprache liest sich angenehm und flüssig; bisweilen stolpert man über Platitüden, vor allem, wenn es um die Liebe oder die Beurteilung anderer Personen geht.


    Aber mit "Genuss" konnte ich das Buch nicht lesen, eher mit Widerwillen. Denn eine solche Häufung von unsympathischen, ich-bezogenen Figuren, die sich selbst ständig etwas vormachen, die andere aus, wie es scheint, purem Spaß verletzen und demütigen, ist schwer erträglich.


    Was die Spannung ausmacht (und mich bis zum Ende durchhalten ließ): Wenn man als Leser genau spürt, dass ein Protagonist - Ich-Erzähler Sven in diesem Fall - sehendes Auges in sein Unglück rennt und alles dafür tut, dass es möglichst schlimm wird. Wenn man spürt, dass, ganz gleich, was passiert, die Katastrophe unausweichlich anrollt. Es hilft im Nachhinein auch nichts, wenn man erfährt, wie er manipuliert wird.


    Sicher ein beeindruckendes Buch, aber eines, durch das ich mich mit Abscheu kämpfen musste, daher: Keine Bewertung möglich.

    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)


    Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)



  • Nachtrag:
    Eine besondere Erwähnung verdient das Cover. Beim ersten oberflächlichen Blick sieht man blaue Korallensträucher. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man Hände; einige ausgestreckt, andere formen ein Taucherzeichen.

    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)


    Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)



  • Dieses Buch wurde in einer Zeitungskrititk sehr hochgelobt. Nach den Meinungen hier wandert es jetzt erst mal auf meinen Wunschzettel.

  • In der letzten Folge von "Das blaue Sofa" interviewte Wolfgang Herles die Autorin auf Lanzerote, wo das Buch spielt.

    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)


    Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)



  • Mir haben liebe Kolleginnen das Buch zum Geburtstag geschenkt. Ich hatte mich sehr darüber gefreut, zumal es auf meiner Wunschliste stand. Ich bin offen gestanden ein kleines bisschen enttäuscht, vor allem vielleicht auch wegen der sehr positiven Vorschusslorbeeren. Man kann den Text ob des guten Sprachstils der Autoren zwar zügig lesen und vor allem die doch sehr unterschiedlichen Sicht auf die Dinge der beiden Protagonisten sind eigentlich sehr interessant. Aber so richtig überzeugt hat mich das Geschehen denn doch nicht. Ich kann eher Maries Ansicht hierüber zustimmen. Am Ende bin ich vor allem ratlos, weil ich irgendwie keine richtige positive oder negative Meinung über das Buch zustande bekomme. :|
    Nun habe ich meiner Kollegin das Werk ausgeliehen, weil auch sie ganz gespannt ist. Freue mich sehr auf den Meinungsaustausch mit ihr (ist aber keine Büchertrefflerin, so dass wir bei einer Tasse Kaffee darüber plauschen werden.


    Aber: Lest das Buch; mich interessiert auch weiterhin Eure Meinung hierzu (werde mal wieder reinschauen).

  • Nachtrag:
    Eine besondere Erwähnung verdient das Cover. Beim ersten oberflächlichen Blick sieht man blaue Korallensträucher. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man Hände; einige ausgestreckt, andere formen ein Taucherzeichen.

    das war mir gar nicht aufgefallen :-, danke für den Hinweis

    viele Grüße vom Squirrel

    :study: Rafik Schami - Die dunkle Seite der Liebe

    :study: Sasa Stanisic - Herkunft


  • Klappentext:


    Eigentlich ist die Schauspielerin Jola mit ihrem Lebensgefährten Theo auf die Insel gekommen, um sich auf ihre nächste Rolle vorzubereiten. Als sie Sven kennenlernt, entwickelt sich aus einem harmlosen Flirt eine fatale Dreiecksbeziehung, die alle Regeln außer Kraft setzt. Wahrheit und Lüge, Täter und Opfer tauschen die Plätze. Sven hat Deutschland verlassen und sich auf der Insel eine Existenz als Tauchlehrer aufgebaut. Keine Einmischung in fremde Probleme - das ist sein Lebensmotto. Jetzt muss Sven erleben, wie er vom Zeugen zum Mitschuldigen wird. Bis er endlich begreift, dass er nur Teil eines mörderischen Spiels ist, in dem er von Anfang an keine Chance hatte.


    Die Autorin:


    Juli Zeh, geboren 1974 in Bonn, wurde für ihre Bücher, die inzwischen in 35 Sprachen übersetzt sind, vielfach ausgezeichnet, u.a. auch mit dem Deutschen Bücherpreis 2002.


    Roman, 256 Seiten


    Meine Meinung:


    Unsere Bücherei hat dieses Werk unter Thriller eingestellt. Wahrscheinlich deswegen, weil in der Buchinfo der Vergleich eines Psychothrillers in der Tradition von Patricia Highsmith angeführt wird. Nun, ein Krimi im Sinne von Mord und anschließenden polizeilichen Ermittlungen ist es gewiss nicht, obwohl zum Ende hin die Polizei doch noch mal hinzugezogen werden muss, als sich die Ereignisse dem dramatischen Schlusspunkt genähert haben. Hier habe ich immer mit einem überraschenden Knalleffekt gerechnet. Der ist zwar letztlich ausgeblieben, aber Spaß gemacht hat das Buch trotzdem. Das liegt an dem einfachen und gut lesbaren Schreibstil und zum anderen an der unterschiedlich geschilderten Sichtweise, in der die zwei Protagonisten Sven und Jola die Ereignisse bewerten. Und Sven, der sich eigentlich gegen jede Bewertung sträubt, hat vorsichtshalber, auf Rat einer Awältin, mit der er am Ende der Geschichte ein kurzes Verhältnis auf der Insel hat, die Begebenheiten so geschildert, wie sie sich seiner Meinung nach zugetragen haben.


    Und hier lag für mich der eigentliche Reiz dieses Psychodramas. Nämlich in der Annäherung Sven und Jolas und auch in der Reaktion ihrer Umgebung und der Freunde Svens. Das führt schließlich dazu, das Sven immer mehr in die Rolle des Ausgestossenen gerät. Wie konnte es nur dazu kommen? Seine ganze schöne Existenz, die er sich nach seiner Flucht aus dem "Kriegsgebiet Deutschland" aufgebaut hatte, gerät ins Wanken. Er wehrt sich zunächst gegen die Annäherung Jolas. Meint sie zu durchschauen und hat in gewisser Weise auch Mitleid mit Theo, ihrem älteren Freund und nicht sehr erfolgreichen Schriftsteller. Die beiden führen ein für Außenstehende meist unverständliches Hass-Liebesverhältnis. Einerseits demütigen und verletzen sie sich gegenseitig, andererseits können sie aber auch nicht ohne einander. Und zwischen die Fronten gerät Sven.


    Sven fungiert hier als der Ich-Erzähler, der in seine Schilderung immer wieder Einträge aus Jolas Tagebuch einfliessen lässt. Und zwar immer dann, wenn sich eine kompromittierende Situation zwischen den beiden entwickelt hatte, die Jola aber genau gegenteilig beurteilt. Auch erfährt man aus den Tagebuchskizzen mehr über die schwierige Beziehung Jola/Theo. Das war wiederholt spannend zu lesen. Ich habe immer darauf gewartet, wenn nach einer von Sven geschilderten Situation zum Vergleich der Tagebucheintrag folgt. Manchmal war ich mir gar nicht so sicher, wer hier jetzt eigentlich lügt. Nach Beendigung dieses Buches glaube ich es zwar zu wissen, aber die vielen Zweifel und Unwägbarkeiten, die beim Lesen entstehen, machen es nicht ganz einfach. Und genau das finde ich so gelungen. Die Skizzierung von problematischen Beziehungen, für die der Zuschauer/Leser nur ein Kopfschütteln übrighat. (Es sei denn, er erkennt sich selber wieder :wink: )


    Bleibt noch zu erwähnen, dass es hier vor zynischen und manchmal treffenden Beurteilungen des "Kommentators" Sven nur so wimmelt. Und dass obwohl er mehrere Male betont, dass er sich gerade vor der immer währenden "Urteilssucht", die in Deutschland vorherrscht, zum Ausstieg entschlossen hatte. Hat mir gut gefallen. Besonders, weil ich gerne Prychodramen lese. :loool:
    Meine Bewertung: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

    :study: Jeder Tag, an dem ich nicht lesen kann, ist für mich ein verlorener Tag!

  • Das ist eines der wenigen Bücher, die mich sprachlos, verblüfft und überrascht zurücklassen. Eine wilde Dreiecksgeschichte...
    Ich werde jetzt nicht nochmals den Inhalt erzählen, das haben andere schon sehr gut erledigt.
    Eine Interpretation schaffe ich aber auch nicht, es ist so vielschichtig, so ... anders.


    ich kann nur sagen, dass es mir sehr gut gefallen hat. Nach "Adler und Engel" mein zweites Buch von Juli Zeh, und ganz bestimmt nicht mein letztes.
    LG Frühlingsfee

    Nicht jeder, der das Wort ergreift, findet ergreifende Worte :-,


    (frei nach Topsy Küppers)


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