Guy Delisle - Aufzeichnungen aus Jerusalem

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Aufzeichnungen aus Jerusalem

4.6|5)

Verlag: Reprodukt

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 336

ISBN: 9783943143041

Termin: März 2012

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  • Original : Chroniques de Jérusalem (Französisch, 2011)
    Übersetzung : Martin Budde


    GENRE : Graphic Novel


    ZUM INHALT :
    Bereits 2005 begleitete Guy Delisle seine Frau, die für die Hilfsorganisation « Ärzte ohne Grenzen » arbeitet, nach Birma. Zwei Jahre später (2008/09) folgt ein einjähriger Aufenthalt der inzwischen vierköpfigen Familie in Israel. In Jerusalem wohnend, wird seine Frau erneut für die NRO im Gazastreifen arbeiten.


    Zwischen Haushalt, Kinderpflege und dem Versuch, ein neues Projekt in Angriff zu nehmen, erkundet der Zeichner Jerusalem und Umgebung und kommt ganz allmählich hinter die Geheimnisse der Heiligen Stadt. In gewohnt lakonisch-humorvoller Manier beobachtet Guy Delisle den Alltag in Jerusalem und zeichnet so ein sehr persönliches Bild eines Landes, das wie kein zweites von jahrzehntelangen blutigen Konflikten geprägt ist.
    (Kurzbeschreibung bei Amazon.de ; leicht erweitert von mir)


    BEMERKUNGEN :
    Diese « graphic novel » arbeitet strikt chronologisch, von Ankunft der Familie in Jerusalem bis zu deren Abflug. Das Album ist nach den Monaten unterteilt. Delisle stellt sich und seine kleine Familie mit ihren gemachten Erfahrungen in gewisser Hinsicht als Ausgangspunkt in die Mitte. Er taucht als « Ich-Erzähler und Zeichner » quasi selber dauernd und auf jeder Seite auf. Doch dies wird bei aller Subjektivität nicht erdrückend oder zu subjektiv, sondern ist sozusagen stets mit dem Rahmen des eben etwas « komplizierteren » Lebens in Jerusalem und Israel/Palästina verbunden und bringt uns so nach und nach (es handelt sich immerhin um ein Album mit über 300, oft auch textreichen Seiten!) die Ortswirklichkeit nahe. Insofern handelt es sich auch um erlebte und gelebte Wirklichkeit und nicht einen rein theoretischen Text.


    Dies zeigt ebenso, wie gerade in diesem Land historische, religiöse, kulturelle (etc) Gegebenheiten nicht nur ferne Wirklichkeiten sind, sondern das konkrete Miteinander Tag für Tag prägen. Den « Alltag » darstellen bdeutet dann, schon Rückschlüsse auf eben diesen Rahmen ziehen zu können.


    Dabei gelingt es dem Autor, meines Erachtens, die zahlreichen Facetten des Lebens und der Geschichte der verschiedenen Gruppen, Viertel gut anzuschneiden. Obwohl er mit gewissen negativen Erlebnissen nicht zurückhält und immer wieder Radikalität, Intoleranz, Gewalt bloßstellt, verweigert er sich doch, zu schnelle fertige Urteile auf Gruppen abzugeben. Und wenn es sich ergibt, geht er durchaus auf Entdeckungsreise in jeweils andere Lager. Insofern bleibt die Vorgehensweise auch bei einer gewissen Distanz und Neutralität.


    Jedem, der sich für dieses Land interessiert wird hier einen mehr als guten Einstieg finden. Auch Menschen, die schon dort waren, können eventuell Erklärungen und andere Positionen besser verstehen lernen.


    Ausgezeichnet !


    ZUM AUTOR :
    Guy Delisle (* 19. Januar 1966 in Québec) ist ein kanadischer Comiczeichner. Er studierte ab 1984 am Sheridan-College in Toronto plastische Kunst und arbeitete im Anschluss daran ab 1986 für zwei Jahre bei dem Animationsstudio CinéGroupe in Montreal. Seine Arbeit führte ihn nach Europa (München, Berlin, Valencia...), wo er für deutsche, belgische und französische Studios arbeitete. Viele Arbeitsschritte zur Herstellung eines Trickfilms werden in Asien in Auftrag gegeben. Delisle beobachtete und kontrollierte diese Arbeiten für die Studios vor Ort und reiste für längere Abschnitte nach China und Nordkorea. Die in Asien gesammelten Erfahrungen flossen in zwei journalistische Graphic Novels ein, 2000 erschien Shenzhen, 2003 folgte Pjöngjang. Beide Comics wurden zunächst in Frankreich von L'Association veröffentlicht und dann ins Deutsche, Englische, Italienische, Polnische und Spanische übersetzt.


    Bei dem französischen Verlag Dargaud erschien ab 2001 eine Serie humoristischer Comics, in denen der etwas tollpatschige Polizeiinspektor Moroni die Hauptfigur ist.


    Mit seiner Frau, die für die die Organisation Médecins sans frontières (Ärzte ohne Grenzen) arbeitet, lebte Delisle 2005 14 Monate in Burma, von dieser Zeit berichtet er in dem 2007 erschienenen Comic « Chroniques Birmanes ». 2008/2009 begleitete er abermals seine für MSF tätige Frau, diesmal für 12 Monate nach Israel. Hiervon berichtet er in dem Comic « Chroniques de Jérusalem », wofür er 2012 den Prix du meilleur album des Festival International de la Bande Dessinée d'Angoulême gewann.
    (Quelle: amazon, wikipedia)


    Webseite (auf Französisch) : http://www.guydelisle.com/


    Produktinformation
    Broschiert: 336 Seiten

  • Inhalt

    Die frankokanadische Ärztin Nadège reist im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen für ein Jahr nach Jerusalem, wo sie im Gazastreifen in einer Station für Nachsorge, Kinderheilkunde und psychologische Beratung arbeiten wird. Ehemann Guy betreut tagsüber die Kinder und will wieder verstärkt als Zeichner arbeiten. Die Familie wohnt im Ostteil Jerusalems, in einem annektierten Gebiet, das bis 1967 arabisch war. Die berufstätige Mutter wird täglich von einem NGO-Fahrzeug zur Arbeit im Gazastreifen gefahren. Seinen kleinen Sohn Louis hatte Delisle bereits während Nadèges vorhergehendem Einsatz im Buggy durch Birma geschoben. Delisle bringt seine gewohnt listige Betrachtungweise des Alltags in Krisengebieten und Diktaturen in "Jerusalem" zur Perfektion. Seine kritischen Beobachtungen sparen Kritik am Sinn humanitärer Einsätze nicht aus. Vordergründig entdeckt der junge Vater die Stadt, erledigt Einkäufe, führt Besucher herum und freundet sich mit einem Vater in ähnlicher Situation an. Die Mauern, die jüdische, christliche und muslimische Bewohner voneinander trennen, die Siedlungspoltitk Israels und die überall präsenten Waffen dokumentiert der Chronist aus Kanada bei aller vorgegebenen Naivität sehr kritisch. Torpediert z. B. den Friedensprozess, wer im Einkaufszentrum der Siedler kauft? Wie die Familie sich um einen gemeinsamen freien Tag bemüht, sagt mehr über die Lebenswirklichkeit Israels aus als manch aufwändige Analyse. (Nadège hat Freitag/Samstag frei, Luis als Schüler einer jüdischen Schule Samstag/Sonntag und das Kindergartenkind Alice Freitag bis Sonntag). Bei der Rückkehr nach Israel von einer Veranstaltung aus Norwegen kommt der Chronist sich wie eine Displaced Person vor. Als Mann einer in Gaza arbeitenden Ausländerin ist er bei der Wiedereinreise jedes Mal ein Fall für den Security Chef. Jeder Betrachter wird in dieser Chronik eines Israelaufenthaltes andere Schlüsselszenen finden: Drei Erwachsene unterschiedlicher Religionen schubsen nebeneinander einträchtig ihre Kinder auf den Spielplatzschaukeln an, Guys Workshop-Teilnehmer, die seit Jahren die Stadt Nablus nicht mehr verlassen haben oder vielleicht der Shabbat Elevator, der am Feiertag automatisch auf- und abfährt, damit kein Knopf betätigt werden muss.


    Fazit

    Das Lettering in Großbuchstaben der eintausend Gramm schweren Graphic Novel gibt eine gemächliche Lesegeschwindigkeit vor und lässt dem Betrachter dabei großzügigen Raum, die Zeichnungen auf sich wirken zu lassen. Delisles Sicht als Zeichner auf die Stadt und ihre Umgebung vermittelt ein erstaunlich differenziertes Bild eines Staates, in dem man sich als Ausländer ohne Anleitung wohl kaum zurechtfinden wird. Unbedingt lohnenswert.


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    :study: -- Flanagan - Gould's Book of Fish

    :study:-- L.L. Carr - Die Lehren des Schuldirektors George Harpol

    :musik:--


    Reihen neu/ergänzen

    01. Buchtitel dt. (Jahr)--ISBN

    02. Buchtitel dt. (Jahr), Buchtitel engl.--ISBN

    1-3 (Jahr) (Sammelband)--ISBN

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