Olga Tokarczuk - Taghaus Nachthaus


  • Ein Haus in den Bergen nahe der tschechischen Grenze. Eine Ich-Erzählerin und ihre alte Nachbarin, die voller Geschichten steckt. Geschichten, die sich mit den Träumen der Erzählerin verweben und immer wieder an diesen Ort nahe der Grenze zurückfinden, wo sich Zeiten und Schicksale treffen. Poetisch einfühlsam zieht Olga Tokarczuk ihre Leser in den Bann der Geschehnisse, läßt Ereignisse und Träume, die uns bei aller Fremdheit immer auch untergründig bekannt erscheinen, in eine Art kollektives Unter- und Überbewußtsein münden, deren Sog man kaum entgehen kann. Taghaus, Nachthaus ist ein großer literarischer Wurf, der die verschiedenen Dimensionen der menschlichen Existenz zusammenführt und durchleuchtet.



    Zur Autorin (Quelle: wikipedia):


    Olga Tokarczuk wurde 1962 in Sulechów bei Zielona Góra in Polen geboren. Sie studierte Psychologie an der Universität Warschau. 1985 zog sie zunächst nach Breslau und später Wałbrzych, wo sie eine Tätigkeit als Therapeutin begann. Seit 1998 lebt Tokarczuk in dem kleinen Dorf Krajanów bei Nowa Ruda. Mehrere Jahre lang hatte sie dort ihren eigenen Verlag Ruta. Heute ist sie ausschließlich als Schriftstellerin tätig. Tokarczuk ist bisher mit zahlreichen Literaturpreisen in und außerhalb Polens ausgezeichnet worden.
    Um einige ihrer Werke zu nennen: da ist z.B. Ur und andere Zeiten (Titel im Original: Prawiek i inne czas, 1996y), Der Schrank (Original: Szafa, 1997). Ihre beiden neuesten Werke lauten Unrast (Titel im Original Bieguni, 2008 ) und Der Gesang der Fledermäuse (Original: Prowadź swój pług przez kości umarłych, 2009)




    Eigene Meinung:


    Der Ort: Das polnische Nowa Ruda, ein kleiner Ort an der tschechischen Grenze. Personen: die Ich-Erzählerin, deren Lebensgefährte R., Marta, eine alte, schrullige alleinlebende Nachbarin, diverse andere Bewohner Nowa Rudas, die hl. Kümmernis, eine von der kath. Kirche nicht anerkannte Heilige, der Mönch Paschalis, ihr Biograph, Ergo Sum, seines Zeichens Kannibale, Lateinlehrer und Werwolf, „Sie“, „Er“, Agni und viele andere mehr. Es geht um Begebenheiten aus unterschiedlichen, aber nicht genau definierten Zeitpunkten der Vergangenheit rund um diese Leute, teils in mehr oder weniger zusammenhängenden Geschichten erzählt, teils in unterbrochener Folge, ähnlich wie ein Fotsetzungsroman in einer Zeitschrift; größtenteils jedoch handelt es sich um Fragmente mit sehr kurzen Gedanken, Beobachtungen, Ideen, Träumen etc. – also 318 Seiten, die weder in einer kontinuierlichen Struktur noch in zusammenhängenden Handlungsfäden geschrieben sind.


    Eine sehr große Rolle spielt in Olga Tokarczuks Taghaus Nachthaus neben den Eigentümlichkeiten und Erlebnissen der Bewohner von Nowa Ruda die Natur, vor allem Pilze, alles in einer sehr eigenwilligen Darstellung, inklusive Kochrezepte für Gerichte mit Giftpilzen. Ebenso fügt sie kleine, aber signifikative Ausschnitte aus der Kriegsvergangenheit sowie der Aussiedlung der in Nordschlesien ansässigen Deutschen und der Ansiedlung von Polen dort ein. Insgesamt für mich eine ganz neuartige und ungewöhnliche, nichtsdestotrotz faszinierende Art, ein regionales Bild schriftstellerisch anzugehen.



    Olga Tokarzcuk bringt es fertig, mich beim Lesen tief zu erstaunen: ihre Art zu erzählen, die größtenteils unregelmäßige Struktur und manchmal auch ein scheinbar fehlender Abschluss oder eine fehlende Aussage wirken beabsichtigt. Bei einigen Fragmenten fühlte ich mich wie damals als Kind, nachdem uns von älteren Leuten angeblich ach so lehrreiche oder tolle Begebenheiten erzählt wurden, bei denen wir uns aber hinterher nur fragten: „Wo soll da der tolle Punkt an der Geschichte sein? Das macht doch gar keinen richtigen Sinn, was sie erzählt! Kann die Oma Geschichten nicht richtig erzählen? Was hat sie denn da durcheinandergebracht, was hat sie ausgelassen?“ Ähnlich suchte ich beim Lesen von einigen von O. Tokarczuks Fragmenten nach dem Abschluss oder der Pointe. Dabei ist es für mich jedoch ein bedeutender Unterschied, ob jemand die Erzählung wegen mangelnder Fähigkeit nicht richtig wiedergibt oder ob dies voll beabsichtigt ist – ein ganz großer Unterschied meiner Meinung nach, denn in Taghaus Nachthaus trägt diese seltsame Erzähltechnik eher zum allgemeinen Bild und seiner Stimmung über die Gegend um Nowa Ruda und seinen Einwohnern bei. Die Autorin verfügt sicherlich über ein sehr großes schriftstellerisches Talent und zeigt Mut zu experimentieren, was ich ihr hoch anrechne. Sie hat Humor, eine gewisse Skurrilität ist vorhanden, die ebenso wie genaue Beobachtungsgabe und Schonungslosigkeit im Erzählstil faszinierend auf mich wirken.

    Ich möchte nur ein kleines Beispiel aus der Vielzahl der Erzählungen anführen: da ist zum Beispiel Ergo Sum, der sich unglücklicherweise im Krieg mit drei anderen Männern in einer verlassenen verschneiten Landschaft in einem Schuppen neben Bahngleisen wiederfindet, wo sie auf einen Zug warten müssen, der jedoch nie eintrifft. Vom Hunger gezwungen halten sich die vier mit dem Fleisch und den Innereien eines in der Nähe verendeten Menschen am Leben. Später, als Lateinlehrer in Nowa Ruda ein unbefriedigtes Dasein führend, sucht Ergo Sum Trost in den Werken Platos, wo er einem Satz des Philosophen, dass ein Mensch, der menschliche Innereien verzehrt hat, zum Wolf wird, bedingungslos Glauben schenkt. So kommt es dann auch: Ergo Sum wird zum Werwolf, der zwar nicht gegen seine Natur ankämpfen kann und Tiere reißt, aber als heimliche Sühne seines Unwesens eimerweise Blut spendet.
    Dies nur als kleinen Einblick, weil sich ganz gut erahnen lässt, dass Frau Tokarczuk schwierige Aspekte mit verblüffenden Ideen und skurrilem Humor zu einer phantastischen Erzählung zu verarbeiten versteht. Es gibt ganz viel Unerwartetes und auch unerwartet Gutes in Taghaus Nachthaus, wobei Ergo Sum trotz der tollen Idee für mich nicht zu den besten Fragmenten im Buch zählt.


    Die Autorin verwendet eine Sprache, die auf mich oft sehr intuitiv und gut wirkt, mit überraschenden und beeindruckenden Metaphern. Dort, wo sie nach Worten tastet, um ihre vagen und persönlichen Ahnungen wiederzugeben, genau da empfand ich die Lektüre als wahnsinnig gut, mysteriös und fast verführerisch.
    Leider war diese Leseempfindung nur auf den ersten 150 Seiten im Buch zu spüren; der Rest hat es mir immer weniger angetan, die Momente, die auf mich Eindruck machten, wurden seltener. An irgendeinem Punkt scheint ihre schriftstellerische Selbstsicherheit, ihre Überzeugung von sich selbst (Olga Tokarczuk ist ja auch wirklich von der allgemeinen Kritik über den grünen Klee gelobt worden) überzuschlagen und sie beginnt, ihre intuitiven und mysteriösen Eindrücke und Wahrnehmungen in für mein Verständnis philosophisch erkenntnislosen Phrasen voll platter esoterischer Weisheit zu deuten – das hätte sie sich für meine Begriffe sparen können, nein, das hätte sie sich meiner Meinung nach sparen müssen. Der Zauber ging für mich fast komplett verloren in der zweiten Hälfte des Buches. Es hat mich vehement abgestoßen, dass die Autorin ihre kleinen emotionalen Ahnungen, die auf mich im ersten Teil von Taghaus Nachthaus faszinierend gewirkt haben, im zweiten Teil des Buches immer öfter zu nichtssagenden und hohlklingenden Erkenntnissen über das Mysterium und die Bedeutung von Leben und Tod ausgearbeitet hat. Dass dabei im Buch so oft Träume und Sterndeutungen zur Sprache kommen, steigert diesen Effekt manchmal ins fast Unerträgliche, die Lektüre wurde für mich zunehmend langweilig und quälend.


    Von mir gibt es keine generelle Leseempfehlung für Olga Tokarczuks Taghaus Nachthaus – für all diejenigen, die lieber rein vordergründige Geschichten mit durchgehendem Handlungsfaden lesen sowieso nicht, das ist wohl klar :wink: .
    Und für den kleinen Rest der Leser, der dann noch übrigbleibt, kann ich leider nicht beurteilen, wie dieses Buch auf sie wirken könnte: ausleihen, ausprobieren, wer neugierig auf die Autorin ist – wer nicht, der lässt es einfach bleiben; dass jemand unbedingt etwas Wichtiges verpasst, wenn er dieses Buch nicht liest – nein, das würde ich nicht so sehen.


    Es ist wahrscheinlich grundsätzlich vernünftiger, sich Ur und andere Zeiten zuerst vorzunehmen, um die Autorin kennenzulernen. Es wurde von Siebentagebuch bereits hier rezensiert. In einigen Monaten werde ich mir dieses Buch besorgen, um mir danach eine hoffentlich entschiedenere Meinung über die Autorin bilden zu können, denn durch Taghaus Nachthaus ist in mir ein sehr uneinheitlicher Eindruck, schwankend zwischen großer Begeisterung und kalter Enttäuschung, entstanden. Aber neugierig auf eines oder zwei weitere Bücher von Olga Tokarczuk bin ich auf jeden Fall noch.







    » Unexpected intrusions of beauty. This is what life is. «


    Saul Bellow, (1915-2005 ), U.S. author,
    in Herzog

    3 Mal editiert, zuletzt von Hypocritia ()

  • Ich war neugierig auf die Nobelpreisträgerin und hatte u.a. "Taghaus, Nachthaus" auf dem SuB liegen. Dieses Buch als Erstlektüre von der Autorin kann ich jedoch ebenfalls nicht empfehlen.


    Trotz des Lesegenusses, den viele Passagen mir zweifellos bescherten, lege ich das Buch nach gut der Hälfte nun erst einmal zur Seite und weiß noch nicht, ob ich es irgendwann noch zu Ende lesen möchte.


    Zunächst das Positive: Ich mag es, wie Olga Tokarczuk Stimmungen und Momente einfängt und beschreibt. Es entstehen Bilder großer Schönheit, oft auch skurrilen Humors, was mir wirklich gut gefällt.


    Aber dieses Buch ist nicht, wie behauptet, ein Roman, sondern eher eine Collage. Bis jetzt ist mir nicht klargeworden, um wen und worum es in dem Buch eigentlich geht; viele verschiedene Geschichten werden zerstückelt und die Stücke dann aneinandergehängt, ohne dass sich mir bisher irgendein Zusammenhang zwischen den "Strängen" erschließen würde. Ich setze Anführungszeichen, denn es sind in Wahrheit nicht einmal echte Erzählstränge, wie es mir scheint. Es kam mir beim Lesen zunehmend so vor, als hätte die Autorin eigentlich ein paar kürzere Erzählungen aus ihrer Schublade gezogen, diese in mundgerechte Happen zerteilt, dabei auf Cliffhanger-Potenzial geachtet und das Ganze dann zu einem längeren Text zusammengebastelt, den sie "Roman" nennt.


    Und wisst ihr was? Genau so muss es gewesen sein. Denn nach der Hälfte des Buches dachte ich mir gestern Abend: Wenn das ein Roman sein soll, möchte ich mal wissen, wie Erzählungen bei ihr aussehen, die auch Erzählungen heißen. Habe mir also den Band "Der Schrank" aus meinem SuB gegriffen und darin gefunden: Deus ex, Amos, Peter Dieter, Ergo Sum. :shock: Also: bis auf zwei andere Erzählungen, die dort nicht auftauchen, den Großteil des sogenannten Romans "Taghaus, Nachthaus"; nur diesmal nicht verhackstückt, sondern die einzelnen Erzählungen schön kompakt, in sich geschlossen und hintereinander. (Es fehlen allerdings die Geschichten um die (un)heilige Kümmernis nebst ihrem Chronisten und um die Perückenmacherin Marta, die es definitiv wert sind, erzählt zu werden.)


    Da musste ich das Buch erst einmal weglegen und tief durchatmen. :lol: Ich fühle mich als Leserin veräppelt und verstehe auch nicht, was das soll. Vielleicht entgeht mir der künstlerische Clou an der Geschichte, vielleicht ist es ja witzig, den gleichen Stoff zweimal herauszubringen, einmal als Erzählband, einmal als "Roman", vielleicht brauchte die Autorin zu der Zeit einfach Geld. "Der Schrank" wurde im Original 1997 veröffentlicht, "Taghaus, Nachthaus" 1998. Vielleicht führt Tokarczuk im "Roman" ja die verschiedenen Geschichten tatsächlich noch irgendwie zusammen. Irgendwann schaue ich mir das vielleicht nochmal an. Daher möchte ich jetzt (noch) nicht den Stempel "abgebrochen" auf dieses Buch drücken.


    Zukünftigen LeserInnen würde ich jedoch eher empfehlen, den Erzählband "Der Schrank" zu lesen und sich das in meinen Augen sinnlose Durcheinander in "Taghaus, Nachthaus" zu ersparen. Als in sich schlüssige Einzelerzählungen finde ich die Texte nämlich schön und kann sie genießen, ohne ständig nach den (möglicherweise gar nicht vorhandenen) Zusammenhängen zu suchen.


    Ich selbst bin nun gespannt auf andere Werke der Autorin... :lol:

    Lg Sarange :cat:


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  • Ich mache gerade so ein bisschen meinen Frieden mit diesem Buch - und bin froh, dass ich es nur unterbrochen, nicht abgebrochen habe. Nachdem ich mich von der dreisten Behauptung, es sei ein Roman, lösen konnte und mich einfach mit den Bröckchen der verschiedenen Geschichten treiben lasse, genieße ich die feinsinnigen Beobachtungen der Autorin, fühle mit den beschriebenen Figuren ebenso wie mit den Pflanzen, Tieren und Gegenständen mit und lache schallend über die absurden Giftpilzrezepte. :lol:

    Lg Sarange :cat:


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