Judith Hermann, Alice,

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  • "Alice" ist der dritte Band von Erzählungen, den die schon nach ihrem ersten Buch bejubelte Schriftstellerin Judith Hermann innerhalb eines Jahrzehnts veröffentlicht. Es ist das erste Buch von ihr, das ich gelesen habe, und ich will deshalb zu den vielfachen und umfangreichen Vergleichen, denen das Feuilleton in den vergangenen Wochen und Monaten die drei Bücher unterzogen hat, nichts hinzufügen.



    Mein Leseeindruck war widersprüchlich. Dieser Eindruck hat sich beim Hören der von der Autorin selbst gelesenen Texte noch bestätigt. Es geht um das Sterben und den Tod, und wenn eine Schriftstellerin dieses verdrängte Thema aufgreift, dann spitze ich schon einmal erwartungsvoll die Ohren. Judith Hermanns Protagonistin Alice begegnet in sämtlichen fünf Erzählungen dieses Buches dem Tod. Männer, die ihr nahe stehen, sterben und immer ist Alice dabei, hält eine Hand, wacht des Nachts oder steht den Angehörigen bei. Man fragt sich, wieso es eigentlich nur Männer sind, die da sterben? Welches (Lebens)thema wird da berührt und durch den Romantod zu einem vermeintlichen Ende gebracht?


    Zunächst ist da Micha, ein Ex-Liebhaber von Alice, die im übrigen relativ geschlechtslos durch die Geschichten und ihr Leben wandert, der in Zweibrücken (Sinnbild der Provinz) in einer Krebsklinik im Sterben liegt. Alice steht der Frau Michas und deren Kind zur Seite. Dann fährt sie zu einem befreundeten älteren Paar an den Gardasee, wo der Gastgeber nur kurz nach Alices Ankunft plötzlich stirbt. Schon hier drängt sich die Vermutung auf, Alice sei eine Art Todesengel. Als der Mann einer Freundin in Berlin an Krebs stirbt, leistet Alice nach besten Kräften ihren Beistand. Auf ihr eigenes Drängen hin trifft sie sich in der nächsten Geschichte mit einem einstigen Partner ihres schwulen Onkels, der sich mit Schlaftabletten umbrachte, als Alice noch gar nicht auf der Welt war.
    Und in der letzten Geschichte stirbt ihr Lebensgefährte, der in einer anderen Geschichte des Buches schon einmal erwähnt wurde. Und sie entsorgt seine Kleider und sortiert ihre Erinnerungen.


    Sonst wird von dieser schemenhaften Frau nichts deutlich. Dort, wo sie hinkommt, herrscht der Tod, dem sie nicht ausweicht, mit dem sie sich aber auch nie wirklich auseinandersetzt. Da ist keine Trauer spürbar, keine Wut, kein Aufbegehren gegen ein unerbittliches Schicksal. Nein, da wird anekdotenhaft ein Tod an den anderen gereiht und am Ende fragt man sich, aus was das Leben dieser nun um fünf Männer ärmeren Frau besteht, Männer, die sie aber nicht zu vermissen scheint.


    Und so plätschern die in teilweise sehr knappen Sätzen verfassten Geschichten an einem vorbei und hinterlassen einen schalen, einsamen, seltsam melancholischen Eindruck, ohne jedoch in der Lage zu sein, ein einziges wirkliches Gefühl hervorzurufen. Auch beim Hören des Hörbuchs wollte sich bei aller Mühe keines einstellen.


    Ob Judith Hermann beim Schreiben Gefühle hatte? Man wünscht sich, nach nunmehr drei Erzählungsbänden einmal einen Roman, in dem die mittlerweile Vierzigjährige ein Thema aufgreift, das einen wirklich angeht.

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