Christopher Kloeble, Meistens alles sehr schnell

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  • "Meistens alles sehr schnell" ist ein bewegender Roman. Im Mittelpunkt stehen Fred, ein geistig behinderter Mann aus einem kleinen Ort in Oberbayern und sein 19-jähriger Sohn Albert, der in einem Waisenhaus aufgewachsen ist, aber seit seinem fünften Lebensjahr Fred immer wieder besucht hat und nun nach abgelegtem Abitur erfährt, dass dieser nur noch drei Monate zu leben hat, weshalb er beschließt, die knappe Zeit ganz mit ihm zu verbringen. Gleichzeitig sieht er darin die letze Möglichkeit, in Erfahrung zu bringen, wer seine Mutter ist, die er nie kennen gelernt hat.
    Die gegenseitige Zuneigung zwischen den beiden Menschen, die sich nicht als Vater und Sohn, sondern nur mit den Vornamen anreden, wird so subtil beschrieben, dass sie dem Leser als eine unangefochtene Selbstverständlichkeit erscheint.
    Formal ist der Roman kunstvoll aufgebaut, da zwei unabhängig erscheinende Erzählstränge am Schluss zusammenführen: In dem einen vermittelt ein personaler Erzähler dem Leser die Schwierigkeiten Alberts, etwas über seine Herkunft zu erfahren, in dem anderen beschreibt ein Ich-Erzähler sein wechselvolles Leben seit dem Jahr 1912 und bezieht in Rückblicken auch das Leben seiner Eltern und Großeltern ein.
    Der Leser erfährt auf diese Weise mehr als der Protagonist über die Vorgeschichte, wird aber letztlich doch bis zum Schluss bezüglich der eigentlichen Zusammenhänge im Unklaren gelassen.
    Inhaltlich hat mir an diesem Roman sehr gut gefallen, dass die Suche nach einem Elternteil, die in vielen Romanen in Verbindung mit einer Abwendung vom anderen Elternteil behandelt wird, hier eingebettet ist in ein liebevoll dargestelltes Beziehungsgeflecht von Menschen, die den jungen Albert in irgendeiner Form auf seiner Suche voranbringen.
    Ich kann den Roman nur empfehlen und hoffe auf weitere Veröffentlichungen dieses Autors.

  • der Autor:
    Christopher Kloeble studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Beiträge von ihm erschienen u.a. in ›Die Zeit‹, der ›Süddeutschen Zeitung‹ und der ›taz‹. Er war Writer-in-Residence in Cambridge (GB), am Goethe Institut Bangalore (Indien) und des Deutschen Hauses in New York (USA). 2015 hat er die Max Kade Gastprofessur am Dartmouth College in Hanover (USA) inne. Für sein Romandebüt „Unter Einzelgängern“ wurde er mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung ausgezeichnet. 2009 erschien sein Erzählband „Wenn es klopft“. Sein erstes Drehbuch „Inklusion“ wurde 2011 für BR α verfilmt und erhielt den ABU-Prize. 2012 veröffentlichte er den Roman „Meistens alles sehr schnell“. Er lebt in Berlin und in Delhi.


    Klappentext:
    Albert ist neunzehn, wuchs im Heim auf und kennt seine Mutter nicht. Sein Leben lang musste Albert ein Vater für seinen Vater Fred sein: Fred ist ein Kind im Rentenalter, ein schlaksiger Zweimeterriese, der nichts als Lexika liest, grüne Autos zählt und im Dorf als Held eines dramatischen Busunglücks gilt. Als sich herausstellt, dass Fred nur noch fünf Monate zu leben hat, machen sie sich auf die Suche nach Alberts Mutter. Ihre Reise wird zu einer Odyssee, die immer tiefer in die Vergangenheit führt. Albert muss herausfinden, dass die Menschen, die ihm am nächsten stehen, am meisten zu verbergen haben, und dass die Vergangenheit in der Erinnerung immer wahr ist. Es entspinnt sich eine Lebens- und Liebesgeschichte, die in einer Augustnacht 1912 im oberbayerischen Segendorf beginnt und sich durch ein ganzes Jahrhundert zieht. Ein beeindruckender, überraschender Roman um ein wundersames Dorf und zwei liebenswerte Helden. Um ihre Geschichte kennenzulernen, bleibt nicht mehr viel Zeit. Es geht ja meistens alles sehr schnell.


    meine Meinung:
    Dieses Buch bewegt und regt zum Nachdenken an.
    Es beinhaltet eine interessante Geschichtsstunde über eine Familie und ein Dorf in Bayern im 20. Jahrhundert, über 90 Jahre erzählt - beginnend 1912. Alle Personen werden detailverliebt dargestellt. So lassen sich alle Handlungen gut nachvollziehen. Man bekommt einen tollen Einblick in das ärmliche und rückschrittliche Landleben zur damaligen Zeit.
    Das Thema Inzest spielt eine Rolle und zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Geschichte, ist aber nur am Rande von Bedeutung. Viel stärker treten Familienbande, Nachbarschaft und die deutsche Geschichte in den Vordergrund. Und das tut dem Buch sehr gut. Es gibt in der Geschichte ein paar Wendungen, mit denen ich nicht unbedingt gerechnet habe, welche aber logisch und nachzuvollziehen sind.
    Der Schreibstil des Autors ist perfekt. Ich konnte das Buch nur mit großer Mühe aus der Hand legen.
    Von mir gibt es die volle Punktzahl. Das Buch ist es unbedingt wert, gelesen zu werden.
    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    Liebe Grüße von Pippilotta :-) :winken:


    Fernsehen bildet. Immer wenn der Fernseher an ist, gehe ich in ein anderes Zimmer und lese.
    Groucho Marx

    Ich :study: gerade:
    Barry Jonsberg - Das Blubbern von Glück
    Bill Bryson - Eine kurze Geschichte von fast allem

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