Kristín Steinsdóttir - Im Schatten des Vogels / Ljósa

  • Klappentext:
    Pálina Jónsdóttir wächst im späten 19. Jahrhundert in einer abgeschiedenen Gegend im Osten Islands auf, am Fuß eines Gletschers, mit Blick auf gewaltige Gebirgszüge und das stürmische Meer. In einfachsten Verhältnissen lebend, in einer vielköpfigen Familie und großen, engen Hofgemeinschaft, schwankt sie zwischen Heimatgefühl und Fernweh, träumt von einer glücklichen, sonnigen Zukunft und fühlt sich doch auf der Mädchenschule in Reykjavík nicht wohl. Von Kind an leidet sie unter seelischen Spannungen, die sich, als sie selbst eine Familie gründet und in ihre Heimat zurückgekehrt ist, verschärfen. Die enge, ambivalente Beziehung zum Vater hat ihr Leben großen Belastungen ausgesetzt.
    „Im Schatten des Vogels“ ist Kristín Steinsdóttirs dritter Roman für Erwachsene, eine auch autobiographisch geprägte und bewegende, poetisch geschriebene Geschichte vom Leid und Glück einer besonderen Frau.
    (von der Verlagsseite kopiert)


    Zur Autorin:
    Kristín Steinsdóttir, geboren 1946, lebt in Reykjavík und ist eine der meistgelesenen und preisgekrönten Kinderbuchautorinnen Islands. Ihr Roman „Eigene Wege“ (C.H.Beck, 2009) erhielt u. a. den Isländischen Literaturpreis der Frau 2011 und wurde in viele Sprachen übersetzt. Sie ist derzeit Präsidentin des Isländischen Schriftstellerverbandes.
    (Stand: April 2011) (von der Verlagsseite kopiert)


    Allgemeines:
    Originaltitel: Ljosa
    Erstmals erschienen 2010 bei Vaka-Helgafell, Reykjavik
    Übersetzt von Anika Lüders
    252 Seiten in 10 Kapiteln, jedes unterteilt in abgesetzte Abschnitte
    Erzählt in der Ich-Perspektive von Pálina, genannt Engelchen, im letzten Drittel mehrere Passagen im Briefstil an die älteste Tochter Kátrin, kenntlich durch Kursivdruck.


    Inhalt:
    Pálina ist das Lieblingskind ihres autoritären, liebevollen Vaters, Gemeindevorsteher, Heiler und Erzeuger einer nicht zählbaren außerehelichen Nachkommenschaft. Auch wenn sie schon als Kind hart arbeiten muss, fühlt sie sich in der großen Familie geborgen. Anders als ihre Geschwister ist sie eine Träumerin; dennoch: Als der Vater endlich erlaubt, dass sie nach Reykjavik zur Schule gehen darf, wird sie krank vor Heimweh und hat ihre große Liebe verloren. Als sie den Schreiner Vigfús heiratet und ein Kind nach dem anderen zur Welt bringt, bricht die bis dahin im Zaum gehaltene Krankheit aus: Manische Depression. Zwischen Anfällen von Eifersucht, in denen sie ihren Mann ständig außerehelicher Affären bezichtigt, hyperaktivem Arbeiten und tagelangem antriebslosen Grübeln und Schlafen gehen ihre Lebensjahre dahin, die Kinder, gemieden von Nachbarn und Gleichaltrigen, werden erwachsen, und die Depression wächst sich aus in unkontrollierbare Handlungen, Panikattacken und demente Phasen. Bis Vigfús in seiner Hilflosigkeit eine Idee hat, durch die Pálina noch mehr leidet.


    Eigene Meinung / Beurteilung:
    Der titelgebende Vogel ist Pálinas Synonym für das schwere Gefühl von Angst, Einsamkeit und Ausweglosigkeit, das sie als Kind und Jugendliche zunächst nur in Kehle und Brust spürt, und das sie als Erwachsene, überlastet von Kindern, Haushalt, Hof und dem beherrschenden Ehemann, unter sich begräbt.


    Die Autorin schafft es, den Verlauf einer Krankheit, die einhergeht mit Traurigkeit, Verzweiflung und Selbsthass, aus der Ich-Perspektive zu schildern, ohne dass das Buch zu einem Lamento oder Jammerstück wird. Pálina reflektiert nicht, sie fragt sich nicht nach dem Woher und Warum, sondern erzählt vom Alltäglichen. Und zu ihrem Alltag gehört es, dass sie anders ist, anders fühlt und sich anders verhält als alle Leute, die sie kennt.
    Ruhig und beinah sachlich berichtet sie von ihren Kindern, die je nach Lebensalter und Beziehung zur Mutter unterschiedlich mit deren Zuständen umgehen: Von Kátrin, die ihre große Stütze bei der Arbeit und während der Attacken ist, über Nesthäkchen Þorgerður, die die Mutter mit Singen und Vorlesen aufzuheitern versucht, bis Jón, der sie verachtend links liegen lässt. Eines wird sehr deutlich: Wie es Kindern geht, mit einer psychisch kranken Mutter aufzuwachsen, wie sie sich bemühen, ihre Liebe zu bewahren und das Ihre dazu beizusteuern, dass sie nicht die gesamte Familie in den Abgrund zieht.
    Eine besondere Rolle kommt Ehemann Vigfús zu, der das Unmögliche versucht: Seine Frau zu unterstützen, die jede Hilfe für ihre Arbeit ablehnt, und gleichzeitig Familie und Hof zu schützen. Letztlich ist er aber der Krankheit ebenso ausgeliefert wie seine Frau, wenn er auch durch seine bestimmende Haltung und sein patriarchalisches Denken das Seine dazu beiträgt.


    Die Krankheit hat keinen Namen, keine Heilmittel, keine Logik, wann und warum die Schübe ausbrechen. Die Symptome scheinen unerklärlich, und es wird auch nicht deutlich, mit welchen Medikamenten man Pálina behandelt.


    Das Buch beleuchtet zum einen das Leben in Island auf dem Lande in der Mitte des letzten Jahrhunderts, zum anderen bietet es die Biographie einer psychisch kranken Frau, beides in einer ruhigen, schnörkellosen Sprache miteinander verbunden.


    Fazit:
    Ein Buch, das nicht nach Anteilnahme heischt, sie aber dennoch weckt.

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)