Amanda Hodgkinson - 22 Britannia Road

Cover zum Buch 22 Britannia Road

Titel: 22 Britannia Road

, (Übersetzer)

3,9 von 5 Sternen bei 9 Bewertungen

78,9% Zufriedenheit

Verlag: dtv

Format: Broschiert

Seitenzahl: 440

ISBN: 9783423248976

Termin: November 2011

Aktion

  • Kurzmeinung

    Isabella1978
    Überwältigendes Buch, traurig und realitätsnah. Kriegstrauma, Entfremdung, Verlust.
  • Janusz und Silvana lernen sich Ende der 1930er Jahre in Warschau kennen und lieben. Sie heiraten und bekommen ihren Sohn Aurek. Dann überfällt 1939 Deutschland Polen und nichts ist für die kleine Familie mehr wie es war. Janusz kämpft gegen die Deutschen. Er wird von seiner Truppe getrennt und nutzt die Gelegenheit zur Flucht. Gemeinsam mit seinen zwei Begleitern schlägt er sich über Frankreich bis nach Großbritannien durch. Silvana muss mit ihrem Sohn aus Warschau fliehen, sie ist ganz auf sich gestellt und muss eine lange Zeit mit dem Kind im Wald verbringen. Sie durchlebt eine Zeit unvorstellbarer Schrecken und Ängste.
    6 Jahre nachdem sich Janusz und Silvana zum letzten Mal sahen, stehen sie sich nun in England wieder gegenüber. Janusz hat alles daran gesetzt, seine Frau und seinen Sohn zu finden. In Ipswich hat er in der 22 Britannia Road ein Nest für sie vorbereitet. Er hat schon gut Fuß gefasst in der neuen Heimat und will britischer als die Briten selbst sein. Aber die Jahre der Trennung haben beide entfremdet. Aurek ist schwer traumatisiert. Alle haben eine eigene, schwierige Vergangenheit, von der sie sich nur schwer lösen und über die noch schlechter miteinander reden können. Das Gestern liegt wie ein dunkler Schatten über ihnen und auch das Heute legt ihnen große Hürden in den Weg. Der Neustart der Familie gestaltet sich äußerst schwierig. Aber die Probleme liegen nicht nur im Vergangenen, die Folgen der langen Trennung reichen bis in die Gegenwart und bereiten Silvana und Janusz Probleme. Das größte ist wohl die Sprachlosigkeit. Sie hat Schwierigkeiten mit der Eingewöhnung, er will ein perfektes britisches Leben führen. Die Situation beginn zu eskalieren, als Silvana an Janusz gerichtete Briefe einer Frau findet und auch sie von einem anderen Mann umworben wird.
    Mit ihrem Erstling legt Amanda Hodgkinson ein starkes, beachtenswertes Buch vor. Sie erzählt die Geschichte einer kleinen polnischen Familie, die nach 6 Jahren Trennung 1946 in Ipswich wieder zusammen findet. Auf eine sehr eindringliche Weise beschreibt sie nachvollziehbar die Entfremdung, die es zwischen den Eheleuten gibt. Sie lässt die Leser in eine kranke Kinderseele schauen und macht damit das Leiden des kleinen Aurek greifbar, der sich an seine Mutter wie ein Ertrinkender klammert und zu dem Janusz nur ganz langsam Zugang bekommt. Für das Verständnis der Protagonisten lässt sie den Leser immer wieder zurück blicken, damit erschließt sich einem ganz langsam die harte Vergangenheit der drei und ihre Gedanken und Reaktionen werden (größtenteils) verständlich, wodurch der Roman eine ganz besondere Tiefe und Kraft erfährt. „22 Britannia Road“ lässt sich trotz der schweren Thematik wunderbar leicht lesen. Diese Familiengeschichte wird von der Autorin ruhig und stetig in der Handlung fortschreitend erzählt. Sie ist emotional, aber keineswegs rührselig geschrieben. Besonders beeindruckt hat mich die Beschreibung der Nachkriegszeit in Ipswich. Amanda Hodgkinson hat mit ihrem Roman ein wirklich gelungenes Sittenbild dieser Zeit gezeichnet. Ein Glücksgriff gelang dem Verlag bei der Auswahl des Coverbildes. Das äußere Erscheinungsbild und der Inhalt des Buches sind vollkommen harmonisch.
    „22 Britannia Road“ ist ein Buch, dass sich wie im Flug lesen ließ und dessen Thematik den Leser zwar emotional beansprucht, aber nicht zu gefühlsbetont ist. Ich habe diesen Roman sehr gern gelesen und damit wieder eine Autorin gefunden, deren weitere Werke ich gespannt erwarte.

    Diesen Roman bekam ich von einer lieben Bücherfreundin geschenkt und ich bedanke mich für die tollen Lesestunden, die ich damit hatte. :friends:

    Über den Autor (Quelle: amazon.de)
    Amanda Hodgkinson, geboren in Burnham-on-Sea in Somerset/England, aufgewachsen in Essex and Suffolk, studierte Creative Writing an der University of East Anglia. Sie lebt im Süden Frankreichs auf dem Land mit ihrem Mann und zwei Töchtern. »22 Britannia Road« ist ihr erster Roman.

  • Danke Karthause für deine sehr schöne Rezi. :applause:
    Ich habe das Buch ebenfalls gelesen und auch mir hat es gut gefallen.
    Sechs äußerst schwierige Jahre der Trennung. Da stellt sich sofort die Frage, ob man nach so langer Zeit wieder zueinander finden kann. Erlebtes ist noch nicht verarbeitet, Geheimnisse haben beide, wollen bzw. können aber darüber nicht miteinander reden ohne den anderen zu verletzen. Also versucht man da anzuknüpfen wo man vor sechs Jahren auseinander ging. Ist das der richtige Weg? Neues Land, neues Leben, klingt einfach ist es aber nicht. Es war Janusz Entschluß England als neue Heimat zu wählen und nun will er britscher sein als die Engländer selber. Silvana fühlt sich fremd, hat Heimweh, aber auch den Willen dem Jungen ein festes, gutes Zuhause zu bieten, eine Zukunft eben. Aurek dagegen kämpft mit dem "normalen" Leben. Für ihn ist es schon eine Herausforderung für kurze Zeit von der Mutter getrennt zu sein. Den plötzlich auftauchenden Vater empfindet er zunächst als Feind.
    Ein aufrüttelndes Buch, tiefbewegend - Schicksale nach dem Krieg. Auch meine Leseempfehlung. :thumleft:

    Liebe Grüsse
    Wirbelwind

    :study: Howard Norman, Der Schlittenmacher

    :study: Naomi J. Williams, Die letzten Entdecker


    Bücher sind die Hüllen der Weisheit, bestickt mit den Perlen des Wortes.

  • Worum es geht
    Janusz und Silvana Nowak sind ein junges Ehepaar, das in den Wirren des 2. Weltkrieges voneinander getrennt wird. Während Janusz einrücken muss, seine Einheit wegen eines Angriffs aber nie erreicht und sich über Frankreich bis nach England durchschlägt, versucht Silvana Warschau mit ihrem kleinen Sohn Aurek zu verlassen, und zu ihren Schwiegereltern zu fahren. Doch der Bus bleibt liegen, und so muss sie sich zu Fuß auf den Weg machen. Ziellos irrt sie herum, und lernt unter härtesten Bedingungen mit Aurek im Wald zu überleben.
    Nach Kriegsende kann Janusz Frau und Sohn in einem Flüchtlingslager ausfindig machen und seine kleine Familie nach England holen.

    Wie es mir gefallen hat
    Vom Thema her hätte es ein großer Roman werden können, von der Erzählkunst und dem Aufbau her, ist aber leider nicht mehr als eine nett zu lesende Geschichte geworden. Sehr gestört hat mich, dass die Autorin für das gegenwärtige Geschehen das Präsens verwendet, eine Zeitform, die ich bei Romanen als höchst unpassend empfinde. Dem Leser darf man ruhig zutrauen, dass er weiß, welcher Handlungsstrang in der Gegenwart oder der Vergangenheit spielt.
    Nicht gefallen haben mir außerdem die Rückblenden auf die tragischen Erlebnisse der beiden Protagonisten, die etwas langatmig gerieten, vorhersehbar waren, und wohl auch im aktuellen Handlungsgeschehen Platz gefunden hätten.
    Spannender fand ich die Geschichte erst, als Silvana Briefe der französischen Geliebten ihres Mannes findet, eine Affaire mit dem Vater eines Schulfreundes ihres Sohnes beginnt, und Janusz schließlich eine Wahrheit entgegenschleudert, an der die Ehe fast zerbricht.
    Gut beschreibt die Autorin die Schwierigkeiten, die vor allem Silvana und Aurek bei der Eingewöhnung in ihr neues Leben zu meistern haben. Der kleine Bub sieht in seinem Vater einen Feind, mit dem er um die Mutter konkurrieren muss, und benimmt sich auch in der Schule immer noch wie ein wildes, ungestümes Kind aus dem Wald. Janusz hingegen hatte mit der Integration weit weniger Probleme, kennt er doch nur ein Ziel, für das er unvergleichlich hart arbeitet, nämlich, sich seinen Traum von britischer Lebensart zu erfüllen.
    Bei aller Sympathie für die Idee des Buches hat dem Roman meiner Meinung nach das gewisse Etwas gefehlt, eine sich stetig aufbauende, dynamische Spannung, die mich als Leser von Anfang an in ihren Bann hätte ziehen können.
    Sehr schön finde ich jedoch das Cover, das neben dem ansprechenden Klappentext sicher auch meine Entscheidung beeinflusst hat, diesen Roman auszuwählen. Trotz des dramatischen Inhalts kann ich das Buch nur als mittelmäßige Lektüre weiterempfehlen.

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