Vladimir Vertlib - Zwischenstationen

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  • Im Jahr 1971 ist der damals 5-jährige Protagonist noch verwundert, warum am Bahnhof von Leningrad die ganze Verwandtschaft tränenreich Abschied von ihm und seinen Eltern nimmt, von einer Urlaubsreise war doch nur die Rede. Dass er seine Geburtsstadt bis auf Weiteres (genauer gesagt 25 Jahre) nicht mehr sieht, erfährt er erst im Zug. Sein Vater, ein Refjusinik (russischer Jude) hat endlich die heißersehnte Ausreisebewilligung erhalten und will das verhasste Russland hinter sich lassen. Israel ist das Ziel des glühenden Zionissten, in seinen Augen das „Gelobte Land“, in dem Juden willkommen sind und mit offenen Armen empfangen werden. Doch die Hoffnungen des Vaters werden rasch enttäuscht, vielmehr stellt sich für ihn Israel als „16. Sowjetrepublik“ heraus, ein unfertiges Land, geprägt von Bürokratismus und Korruption. Hier sieht er keine Zukunft für sich und seine Familie, es geht zurück nach Europa, einige Monate verbringen sie in Wien, das damals als Sprungbrett für Ausreisewillige galt, erklärtes Ziel ist Amerika. Der Vater ist nicht bereit, Opfer zu bringen, er lernt weder die Sprache noch gibt er sich Mühe, Arbeit zu finden. Er ist ein Phantast, seine einzige Beschäftigung ist das Schimpfen auf die Lebensumstände, das Hadern mit seinem Schicksal und das Träumen vom „Gelobten Land“, damit ist immer das nächste Ziel gemeint. Er verbringt Stunden und Tage auf diversen Behörden, während die Mutter sich mit den Umständen rasch arrangiert, die Familie ernährt. Obwohl sie studierte Mathematikern ist, ist sie sich für keinen Job zu schade, sieht das Leben pragmatisch, macht aus jeder Situation das Beste. Der Sohn läuft nebenher, bekommt kaum Aufmerksamkeit oder Geborgenheit, wird bei Nachbarn in Obhut gegeben und ständig darauf vertröstet, dass in der nächsten Heimat alles besser wird. Es folgen Aufenthalte in Amsterdam, in Ostia bei Rom, kurz wieder in Israel, dann wieder in Wien, zuletzt gelingt sogar eine Reise nach Amerika. Doch es sind nur Zwischenstationen, in keinem dieser Länder findet der Vater das, wonach er sucht, nirgends wird er mit offenen Armen empfangen, überall ist eigener Einsatz, Eigeninitiative gefragt. Der Sohn wird ständig aus einem Umfeld herausgerissen, auf seine Bedürfnisse wird keine Rücksicht genommen. Er hat nicht einmal die Gelegenheit, sich von seinen neuen Freunden oder Mitschülern zu verabschieden und ist diesem ständigen Ortswechsel völlig hilflos auseliefert. Doch auch der Junge zieht seine Schlüsse und beobachtet genau, und setzt am Ende des Buches (einen für mich etwas überzogenen) Schritt, der seine Eltern doch ein wenig vor den Kopf stößt.


    Vladimir Vertlib erzählt die Odyssee dieser (seiner?) Familie distanziert und mit viel Humor, ohne zu moralisieren oder zu werten. Das Buch wird als „Roman“ bezeichnet, es lässt sich aber unschwer erkennen, dass hier Vertlib seine eigene Geschichte verarbeitet hat. Die Familie bleibt namenlos, und steht wohl für so viele Familien, die Ähnliches mitgemacht haben. Ein Leben, das aus Zwischenstationen besteht, geprägt von Heimatlosigkeit, Fremdheit, Zerrissenheit, Hoffnungen und vor allem Enttäuschungen. Ein leicht zu lesendes Buch, das fesselt und ein wenig Einblick darauf gibt, wie es ist, ständig „auf der Reise“ zu sein. Sehr lesenswert!


    Vladimir Vertlib wurde 1966 in einer russisch-jüdischen Familie in Leningrad (UdSSR, heute: St. Petersburg) geboren. Seine Eltern waren Mitglieder einer illegalen zionistischen Organisation. 1971 emigrierte die Familie und kam über Israel, die Niederlande, die USA und Italien 1981 schließlich nach Österreich. Vertlib studierte in Wien Volkswirtschaftslehre und erhielt 1986 die österreichische Staatsbürgerschaft. Er war freier Mitarbeiter der japanischen Presseagentur Kyodo News Service, danach Statistiker bei der Österreichischen Kontrollbank und machte sich 1993 als Schriftsteller, Journalist und Übersetzer selbstständig. Quelle

    Herzliche Grüße
    Rosalita


    :study:
    Wenn das Schlachten vorbei ist - T.C. Boyle


    *Life is what happens to you while you are busy making other plans* (Henry Miller)

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