Michael Göring - Der Seiltänzer

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  • Klappentext:
    Voller Sorge und Empörung fordert der Priester Andreas Wingert von der Kanzel herab Konsequenzen aus den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche – bis er selbst unter Verdacht gerät. Nun sucht er Rat und Hilfe bei seinem Freund aus Kindertagen, aber Thomas liegt mit einem Herzinfarkt im Krankenhaus.
    Auf der Rückfahrt von einem Besuch bei Thomas erinnert sich Andreas: An eine Kindheit und Jugend in der westfälischen Provinz, als Thomas und er unzertrennlich waren, an die siebziger Jahre in Berlin und Köln, Wales und München. Danach schlägt Andreas einen ungewöhnlichen Weg ein: Fasziniert von den Ritualen der katholischen Kirche, geht er ins Priesterseminar, während Thomas heiratet und als Geisteswissenschaftler Karriere macht. Die Anfechtungen des Alltags und des modernen Lebens, das Verzicht kaum noch kennt, werden Andreas zur ständigen Herausforderung.
    (von der Verlagsseite kopiert)


    Zum Autor:
    Michael Göring, geboren 1956 in Lippstadt/Westfalen, ist seit 2005 Vorsitzender des Vorstandes der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius in Hamburg und Honorarprofessor der Forschungsstelle Stiftungswesen am Institut für Kultur-und Medienmanagement der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Der Seiltänzer ist sein erster Roman. (von der Verlagsseite kopiert)


    Aufbau / Allgemeines:
    38 Kapitel in 351 Seiten + Danksagung
    Das Buch ist als Rahmenerzählung aufgebaut: Während Andreas im Auto sitzt, hält er Rückschau auf sein Leben.


    Inhalt:
    Andreas fährt zu seinem Vater. In Gedanken geht er seinen Lebensweg ab: Angefangen von seiner Kindheit und Jugendzeit im Elternhaus über die Schulzeit und seinen Bildungsweg bis zu seiner Entscheidung, katholischer Priester zu werden. Der wichtigste Mensch für ihn war und ist Thomas; die Freundschaft begann schon in der Schule und bleibt bis heute seine innigste und ehrlichste Beziehung, auch wenn beide jetzt in einem völlig anderen Umfeld leben.
    Inzwischen besetzt Andreas die Pfarrstelle in einer großen Gemeinde, und er liebt seinen Beruf, auch wenn ihm der Zölibat zu schaffen macht. In der Folge der Missbrauchsfälle in der Kirche hält er eine flammende Predigt, in der er die Abschaffung des Zölibats, die Toleranz gegenüber Homosexuellen und eine dem Menschen und nicht den Geboten zugewandte Kirche fordert.
    Umso schlimmer, dass er jetzt in Verdacht geraten ist, vor allem, weil er bei den Kirchenoberen seines Bistums wegen seiner Predigt ohnehin keine guten Karten hat.


    Eigene Meinung / Beurteilung:
    Der Autor Michael Göring hat ein gewichtiges Anliegen. In der Person seines Protagonisten Andreas fordert er eine umfassende Reform der katholischen Kirche: Weg von der Machtstruktur und den rigiden Bestimmungen, stattdessen Hinwendung zu den Menschen, ihren Problemen und Bedürfnissen. Vor allen Dingen: Weg mit dem Pflichtzölibat und der Ächtung der Homosexuellen.
    Seinem Anliegen stimme ich in allen Punkten zu, und daher bedaure ich es sehr, dass der Roman meine Zustimmung nicht findet.


    Die beiden Protagonisten Andreas und Thomas unterscheiden sich durch ihre Vorlieben und Lebensentwürfe. Als Charaktere gleichen sie einander wie eineiige Zwillinge. Entwirft ein Autor zwei gleiche Personen als tragende Figuren eines Romans, beraubt er sich selbst der Chance, ein Spannungsfeld zu konstruieren, wie es nur zwischen Protagonist und Antagonist möglich ist.
    Auch die wichtigsten Nebenfiguren zeichnen sich alle durch ihr hilfsbereites, liebevolles Wesen und das immer offene Ohr füreinander aus. Ein Roman, der in der Realität angesiedelt ist, sollte Personen mit Ecken, Kanten und individuellen Zügen beherbergen.
    Abgesehen von Thomas’ Herkunftsfamilie gehören alle akademischen Berufskreisen an. Dialoge, die sich in seitenlangen Problematisierungen erschöpfen, werden in einem gehobenen, der Schriftsprache angeglichenem Deutsch geführt. Gespräche über Liebe, Berufung und Verzweiflung wirkten in Alltagssprache zugänglicher, direkter und glaubwürdiger.


    Der Titel „Der Seiltänzer“ stammt konkret von einem Gemälde August Mackes, dessen Druck Thomas Andreas schenkt. Im übertragenen Sinn trifft er Andreas’ Gratwanderung zwischen seinem Glauben und seinem Arbeitgeber, zwischen seinem Beruf und den Frauen in seinem Leben, zwischen einer Kirche, die ihm Heimat ist, und der, die Verbrechen an Menschen begeht.


    Die wichtigsten Ereignisse der beiden Biographien, die persönlichen Probleme in den unterschiedlichen Lebensphasen und die jeweiligen Entwicklungsschritte sind so breit und umfangreich dargestellt, dass kein Platz für das bleibt, was ein Leser lieber zwischen den Zeilen lesen würde; das Buch hat bis zum doppelt melodramatischen Ende keine Zwischentöne, keine Geheimnisse.


    Fazit:
    Ein Buch, das zuviel erzählt.

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • Ach, schade! Hätte ja ein sehr wichtiges Buch sein können...
    Danke für deine Rezi, Marie! :winken:

    "Wie wenig du gelesen hast, wie wenig du kennst - aber vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist." Elias Canetti

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