Albrecht Goes – Das Brandopfer

  • Buchdetails

    Titel: Das Brandopfer


    Verlag: FISCHER Taschenbuch

    Bindung: Taschenbuch

    Seitenzahl: 80

    ISBN: 9783596215249

    Termin: Juni 1974

  • Bewertung

    3.5 von 5 Sternen bei 5 Bewertungen

    70% Zufriedenheit
  • Inhaltsangabe zu "Das Brandopfer"

    Eine Erzählung aus der Zeit der systematischen Verfolgung und Ausmerzung der Juden im Dritten Reich. Ort der Handlung: eine Metzgerei, von der zuständigen Parteidienststelle dazu ausersehen, einmal in der Woche, am Freitagabend (dem Vorabend des Sabbat), Fleisch und Wurst an die Juden der ganzen Stadt auszugeben - gemäß den doppelt reduzierten Rationen auf den besonders gekennzeichneten jüdischen Lebensmittelkarten. Es handelt sich also um jene Frist erzwungener und aufs äußerste eingeengter Getto-Existenz, die der Ausrottung vorausging. Das unbestechliche Zeugnis der Metzgerfrau schafft in der dichterischen Prosa gleichsam einen fesselnden Originalbericht von dokumentarischem Wert. Die Metzgerin ist in all ihrer Furcht und Schwäche ein barmherziger Mensch. Und da sie nichts Wirksames zu tun vermag gegen das letzte Unheil, schickt sie sich in einer Bombennacht zur stellvertretenden Selbstopferung an, zum Brandopfer. Durch sonderbare Umstände wird sie von einem Juden gerettet - weil ihm der Eingang in den Luftschutzbunker verwehrt worden war.
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  • Original : Deutsch, 1954


    Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag) :


    Mit seiner in einer schnörkellosen Sprache geschriebenen Erzählung Das Brandopfer ist es Albrecht Goes gelungen, die Problematik von Schuld und Nicht-Schuld während des Dritten Reiches für jeden erkennbar werden zu lassen.


    INHALT :
    Die Metzgersfrau Margarete Walker wird, nachdem ihr Mann eingezogen worden ist, von den Nationalsozialisten »zu einer besonderen Aufgabe ausersehen«: Man macht sie zur »Judenmetzig«. Die Juden der süddeutschen Kleinstadt dürfen ihre Fleischzuteilung nur noch bei ihr einkaufen. Dazu hat sie Freitagnachmittag zwischen fünf und sieben Uhr für die »nicht arische Bevölkerung« den Laden offen zuhalten. Sie versteht bald, was diese zeitliche Einschränkung für die Betroffenen bedeutet und bemüht sich zu helfen. Dabei erfährt sie von der Verzweiflung und Angst der Gedemütigten und droht selbst an ihrer Hilflosigkeit zu verzweifeln.
    Als der Metzgerladen in einer Bombennacht Feuer fängt, beschließt Frau Walker, sich als Opfer darzubringen. Doch ein jüdischer Kunde, dem der Einlass in den Luftschutzbunker verwehrt worden ist, rettet sie im letzten Augenblick. In ihrem Gesicht bleibt allerdings ein Brandmal zurück, das als »Zeichen der Liebe, jener Liebe, welche die Welt erhält«, gedeutet wird.


    AUFBAU:
    Die eigentliche Geschichte setzt sich mosaikartig aus verschiedenen Elementen zusammen: Der Ich-Erzähler, Assistent an der Stadtbibliothek, wohnt nach dem Krieg als Untermieter bei Frau Walker. Er berichtet, was er aus Gesprächen mit der Metzgersfrau, aber auch durch Briefe und Mitteilungen Dritter über ihre Lebensgeschichte erfahren hat – eine Geschichte, die ihn – über seine Geliebte Sabine Berendson – auf sonderbare Weise mit seiner Vermieterin verbindet.
    Sabines Vater ist ein jüdischer Verleger, dem es in letzter Minute gelungen war, nach England zu fliehen, während seine Tochter – als Arierin getarnt – in Hitler-Deutschland überlebte. In einen Brief an Sabine outet sich Berendson als der Mann, der Frau Walker in der Brandnacht vor dem Tod rettete.


    WIRKUNG:
    Mit seiner Erzählung machte Goes deutlich, was von der im Nachkriegsdeutschland weit verbreiteten Aussage »Davon haben wir nichts gewusst« zu halten war. Da der Autor aber auf jede politische Analyse des Nationalsozialismus verzichtete und sich ganz auf die moralische Haltung seiner Figuren konzentrierte, fand er in der Bundesrepublik der 1950er Jahre sein Publikum. M. P. S.


    MEINE MEINUNG :
    Den Namen von Goes hatte ich öfter gehört ; nun fand ich ein schmales Bändchen und sagte mir, dass mir bislang was entgangen war. Aus dem Harenbergkommentar geht gut hervor, worum es in diesem Buch geht : eine zunächst uninformierte Frau nimmt im Laufe der 30iger Jahre nach und nach wahr, was um sie herum passiert. Dann wird sie während des Krieges zur einzigen Ausgabemetzgerei für die verbleibenden Juden bestimmt. Aber sie wird nicht bei einem « Pflichtdienst » bleiben, sondern durch kleine Zeichen ihren Widerstand, bzw. Ihre Solidarität bekunden. War mehr drin ? Aber für diese Frau wohl auch nicht weniger !


    Die Gedankengänge am Ende des Buches über einen « Opfergang » der Frau durch eine Solidarisierung bis zum Äußersten werden dem ein oder der anderen etwas unzugänglich vorkommen, oder gar altmodisch. Sicher spürt man hier den engagierten Pfarrer Goes heraus. Dennoch scheint mir hier durch diese Mittel eine Möglichkeit aufgezeigt, wie ein Weg der Versöhnung, Sühne... aussehen kann.


    Sprachlich fühlte ich mich teils an den ebenfalls protestantischen Ernst Wiechert erinnert.


    Ein kleines Büchlein, eventuell schnell gelesen - doch auch wert, langsam betrachtet zu werden! -, und in jeder guten Bücherei wohl im Bestand – vielleicht für die Vorgewarnten einen Versuch wert! Die "niedrigen Bewertungen" bei Amazon sind in meinen Augen ziemlich schockierend und zeugen eher von einem Unverständnis für den Stil und die Anschauung von Goes. Ich selber gebe dem Buch eindeutig vier bis fünf Sterne!


    ZUM AUTOR :
    Albrecht Goes (* 22. März 1908 in Langenbeutingen; † 23. Februar 2000 in Stuttgart-Rohr) war ein deutscher Schriftsteller und protestantischer Theologe.


    Taschenbuch: 80 Seiten

  • Wäre tom leos interessante Rezension nicht gewesen, wäre mir hier ein sehr gutes Buch entgangen! Danke mal an dieser Stelle! :winken:


    Im Grunde ist es ja "nur" eine Erzählung, von gerade mal 80 Seiten, aber sie hat es in sich. Stück für Stück reimt man sich die Geschichte zusammen. Tom leo hat das ja schon sehr gut zusammengefasst. Im Grunde geht es um die Aussage "Davon haben wir nichts gewusst". Aber was passierte, wenn man hinschaute? Was bedeutete das Leben in dieser Zeit? Wie weit konnte der einzelne noch Widerstand leisten, ohne sein eigenes Leben oder das seiner Familie zu gefährden? Welche Möglichkeiten gab es?
    Mir hatte der Weg den die Metzgersfrau einschlug sehr imponiert. Es war ein "leiser" Widerstand. Sie schaute nicht weg und half im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Sie verfügt noch über Empathie und der Gabe des zuhörens und hinschauens. Und darüber hinaus etwas, an was es oft in dieser Welt mangelt, Liebe. Eben "jener Liebe, welche die Welt erhält".

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