Mikael Niemi - Erschieß die Apfelsine

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  • Klappentext:
    Niemis Held ist 16 Jahre alt und geht aufs Gymnasium. Er teilt seine Klasse in Hosenscheißer und Idioten ein. Die Hosenscheißer bekommen alles vorgesetzt und haben Eltern, die dafür sorgen, dass es ihnen im Leben gut geht. Die Idioten wissen, dass die Hosenscheißer immer siegen werden, finden sich jedoch damit ab und wollen nur nicht stören. Niemis Held ist fest entschlossen, nicht so ein kriecherischer Idiot zu werden. Auch wenn ihn seine erste große Liebe wie den letzten Dreck behandelt. Er gewinnt viele Feinde, aber auch einige Freunde. Wie das schwarzhaarige Mädchen aus dem musischen Zweig mit den grünen Augen. Oder Pålle, den sie mobben und der aus schwierigen Familienverhältnissen stammt. Den Hosenscheißern werden sie es schon noch zeigen – und auch der übrigen Welt ...



    Über den Autor:
    Mikael Niemi, Jahrgang 1959, wuchs im hohen Norden Schwedens in Pajala auf, wo er heute noch lebt. Im Jahr 2000 erschien sein erster Roman "Populärmusik aus Vittula", für den er den renommiertesten Literaturpreis seines Landes, den Augustpreis, bekam. Es war das spektakulärste Debüt, das Schweden je erlebt hatte. Das Buch stand monatelang auf Platz 1 der Bestsellerliste, verkaufte sich über eine Million mal, wurde in 24 Sprachen übersetzt und ebenso erfolgreich verfilmt. Es folgten der irrwitzige Kurzgeschichtenband "Das Loch in der Schwarte" sowie der ebenso begeistert aufgenommene zweite Roman "Der Mann, der starb wie ein Lachs".



    Allgemeines zum Buch:
    „Erschieß die Apfelsine“ umfasst 237 Seiten und gliedert sich in 25 Kapitel. Diese haben mit durchschnittlich neun Seiten eine angenehme Länge. Besonders sind die Kapitelüberschriften. Nur 16 der 25 Kapitel sind ausdrücklich als Kapitel überschrieben, wobei das Wort „Kapitel“ dabei sehr bizarre Formen wie zum Beispiel „Katippel“ oder „Kapiffel“ annimmt. Fünf der Kapitel tragen als Überschrift das Wort „Monolith“ sowie die Ziffern Eins bis Fünf. Die verbleibenden vier Kapitel sind jeweils mit einem Titel überschrieben.


    Geschrieben ist das Buch aus Sicht des namenlosens Helden. Die Zeitformen wechseln zwischen Gegenwarts- und Vergangenheitsform.


    Der Titel der deutschen Übersetzung geht auf ein Zitat aus dem Buch zurück.


    Das Cover ist sehr auffällig gestaltet. Der schwarze Hintergrund steht in einem auffälligen Gegensatz zu den grellen Rot- und Orangetönen.


    Die schwedische Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel „Skjut Apelsinen“ bei Raben & Sjögren, Stockholm. Übersetzt wurde das Buch von Christel Hildebrandt.



    Meine Meinung zum Buch:
    Das Buch beginnt mit Ratschlägen des Ich-Erzählers an den Leser, was zu beachten ist, wenn man sich verliebt. Leider hält sich der Ich-Erzähler selbst nicht an seine eigenen Ratschläge, sondern gesteht dem hübschesten Mädchen der Schule seine Liebe. Leider beruht diese nicht auf Gegenseitigkeit und so stirbt der Ich-Erzähler einen tragischen Heldentod: Sein Herz zerbricht.


    Daraufhin beschließt er, ein neuer Mensch zu werden. Er ändert sein Auftreten, seinen Kleidungsstil und will die Welt verbessern. Sein größtes Ziel ist es, sich von den Arschgeigen und Idioten seiner Schule abzugrenzen, die dem Marken- und Schönheitswahn völlig verfallen sind.


    Die größte Veränderung liegt in seinem Verhalten: Er beginnt, zu provozieren. Aber nicht durch Worte, sondern durch eine Kittelschürze seiner Mutter, durch Nasenschleim auf der Wange, durch provozierende Gedichte, die er an das Schwarze Brett der Schule heftet.


    Während sein Verhalten zunächst kaum Reaktionen hervorruft, bringt er doch im Lauf des Buches eine Handlung in Gang, die er so sicher nicht geplant hatte und die außer Kontrolle gerät. Stellenweise ist die Handlung grotesk und bizarr, stellenweise bringt sie zum Schmunzeln.


    Niemis Held in „Erschieß die Apfelsine“ ist ein typischer Sechszehnjähriger mit typischen Teenager-Problemen, die sich vor allem um Anerkennung, Liebe, Sexualität, Freundschaft und Streit mit den Eltern drehen. Sehr authentisch wirkt das Buch vor allem durch den Schreibstil Niemis, der völlig der Ausdrucksweise eines männlichen Sechszehnjährigen entspricht. Niemis Held nimmt kein Blatt vor den Mund, sondern plaudert munter drauf los und lässt den Leser an seinen intimsten Gedanken teilhaben. So manche Körperfunktion wird erörtert und an derben Ausdrücken findet sich eine Vielzahl.


    Gleichzeitig ist Niemis Schreibstil sehr bildhaft, lautmalerisch und direkt. Man könnte ihn fast schon als poetisch bezeichnen, jedenfalls ist er sehr literarisch.


    „Erschieß die Apfelsine“ gibt viel Raum zum Interpretieren. Die Handlung mutet fast poetisch an. Es ist ein intelligentes Buch, das ein Zwischen-den-Zeilen-Lesen erfordert.


    Sich mit dem Helden des Buches zu identifizieren, mag vielleicht schwerfallen, denn er ist ein sehr eigener und spezieller Charakter. Und doch schafft es Niemi, dass man als Leser zumindest mit ihm mitfühlt, ihn versteht, sein Handeln nachvollzieht.



    Mein Fazit:
    Ein Buch über das Erwachsenwerden und über kleine Veränderungen, die große Folgen nach sich ziehen.

    "Hab Vertrauen in den, der dich wirft, denn er liebt dich und wird vollkommen unerwartet auch der Fänger sein."
    Hape Kerkeling


    "Jemanden zu lieben bedeutet, ihn freizulassen. Denn wer liebt, kehrt zurück."
    Bettina Belitz - Scherbenmond


    http://www.lektorat-sprachgefuehl.de

  • ... kommt ja häufig riesengrosser Unsinn raus, etwa auch hier?


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    Originaltitel: Skjut Apfelsinen
    Originalverlag: Norstedts
    Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt
    gelesen als eBook
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    Mein vierter Niemi und damit, soweit ich weiss, aktuell das letzte der von diesem Schweden auf deutsch erschienen Werke.


    Wieder, wir in Populärmusik in Vittula, ist ein Heranwachsender, der 16 jährige namenlose Erzähler/Tagebuchschreiber, die Hauptperson des in einer namenlosen Kleinstadt (Pajala?) spielenden schmalen Romans. Damit enden aber schon die Gemeinsamkeiten der beiden Romane. Apfelsine hat nichts von der kautzig-lausbubenhaften Aura von Popolärmusik, er ist ein Psychogramm eines verzweifelt seine Position in der Welt suchenden Jugendlichen. Insofern hat er klassische "Heranwachsenden-Thematik" wie z.B. Der Fänger im Roggen oder Die Leiden des jungen W.


    Der 16 jährige Held durchlebt einen Sommer der Gefühlsexplosionen mit Liebesenttäuschungen, neuer Liebe, Elternprobleme und Ärger mit den Klassenkameraden. Er steigert sich in Tagträume und Fantasien von Macht, Rache, Erfolg und eigenem Tod, fühlt sich anders, mal ausgestossen, mal als etwas besonderes, dann wieder verzagend oder aufbrausend - ein Wirrwarr der Gefühlsschwankungen.


    Soweit finde ich es durchaus bemerkenswert wie der beim Schreiben ca. 50 jahrige Mikael Niemi sich in das Labyrinth und die heftigen Aufs und Abs eines Jugendlichen einfühlen kann. Ich täte mir das nicht zutrauen, und ich würde es auch nicht wollen, denn zuvieles in diesen schweren Jugendjahren ist eher peinlich, kindisch und albern als dass ich mich daran gerne zurückerinnern täte. Ob man diese "Studie" also gerne lesen möchte, hängt sicher davon ab, inwiefern man sich auf dieses Terrain begeben/trauen möchte.


    So weit so gut, aber leider ist Niemi das nicht genug, denn er baut einen zweiten Charakter ein, den tatsächlichen Aussenseiter Palle, der, in recht grober Holzhammermethode, von seinen Eltern misshandelt und von den Klassenkameraden verachtet und bedroht, zu einer Art tickender Zeitbombe wird. Schliesslich plant er einen Amoklauf in der Schule, der nur mit Glück von unserem"Helden" verhindert wird.


    Ich weiss natürlich nicht, ob Nieme hier die diversen Schulamokläufe wie in Erfurt 2002, Littleton 1999 oder Winnenden 2009 im Sinn hatte, als er den meines Erachtens extremen Showdown des Buchs schrieb. Mir ist es viel zu aufgesetzt und billig in der Vorhersehbarkeit und psychologischen "Erklärung" als das ich betroffen oder gar erschüttert worden wäre.


    So bleibt ein sehr schaler Beigeschmack zu einem Roman, dessen Inhalt ich eh' schon nicht wirklich mochte.


    Mikael Niemi bleibt sich immerhin treu. Und das heisst bei ihm: thematisch spielt er "Bäumchen-wechsel-dich" mit jedem (auf deutsch erschienen) Buch. In der Reihenfolge:
    1. Populärmusik aus Vittula = kauziger Heimat- und Schelmenroman
    2. Ein Loch in der Schwarte = skurriler SkiFi a la Per Anhalter durch die Galaxis oder Ion Tichy
    3. Der Mann, der starb wie ein Lachs = Krimi und Geschichte des Tornedalen-finnisch
    4. Erschiess die Apfelsine + Coming of Age Erzählung und Terrorpsychogramm


    Übrigens: alle Bücher sind hier im Forum besprochen worden.

    Es gibt keine grössere Einsamkeit als die des Samurai. Es sei denn die des Tigers im Dschungel

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