Saša Stanišić - Wie der Soldat das Grammofon repariert

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Wie der Soldat das Grammofon repariert

3.9|10)

Verlag: btb Verlag

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 448

ISBN: 9783442741694

Termin: Oktober 2010

  • Original Deutsch, 2006


    ZUM BUCH:Als der Bürgerkrieg in den 90er Jahren Bosnien heimsucht, flieht der junge Aleksandar mit seinen Eltern in den Westen. Rastlos neugierig erobert er sich das fremde Deutschland und erzählt mit unbändiger Lust die irrwitzigen Geschichten von damals, von der großen Familie und den kuriosen Begebenheiten im kleinen Višegrad. Aleksandar fabuliert sich die Angst weg und "die Zeit, als alles gut war" wieder herbei.


    Aleksandar wächst in der kleinen bosnischen Stadt Višegrad auf. Sein größtes Talent ist das Erfinden von Geschichten: Er denkt gar nicht daran, sich an die Themen der Schulaufsätze zu halten, viel zu verrückt sind die Erntefeste bei seinen Urgroßeltern, viel zu packend die Amokläufe betrogener Ehemänner und viel zu unglaublich die Geständnisse des Flusses Drina. Als der Krieg mit grausamer Wucht über Višegrad hereinbricht, hält die Welt, wie Aleksandar sie kannte, der Gewalt nicht stand, und die Familie muss fliehen. In der Fremde eines westlichen Landes erweist sich Aleksandars Fabulierlust als lebenswichtig: Denn so gelingt es ihm, sich an diesem merkwürdigen Ort namens Deutschland zurechtzufinden und sich eine Heimat zu erzählen. Seinen Opa konnte er damals nicht wieder lebendig zaubern, jetzt hat er einen Zauberstab, der tatsächlich funktioniert: seine Phantasie holt das Verlorene wieder zurück. Als der erwachsene Aleksandar in die Stadt seiner Kindheit zurückkehrt, muss sich allerdings erst zeigen, ob seine Fabulierkunst auch der Nachkriegsrealität Bosniens standhält. (Quelle: Kurzbeschreibung bei Amazon)


    ANMERKUNGEN:Nun war ich doch etwas überrascht, hier noch keine Rezi zu diesem Buch zu finden, obwohl es zu seiner Zeit in Deutschland mehrere Preise einheimste und auch international viel Beachtung fand.


    Ohne Zweifel ist der Alexander des Romans das/ein Alter Ego des Autors, dessen Name Saša (soweit ich weiss) eine Diminuitivform von Alexander ist. Sie teilen die Kindheit in Visegrad, die Flucht nach Deutschland, und wohl manches mehr, wozu ich aber nichts gelesen habe.


    Erstaunlich, wie kreativ und phantasiereich der in Bosnien-Herzegowina geborene Autor seine zweite Sprache beherrscht und verwendet! Ebenfalls benützt der Autor verschiedene Erzählperspektiven, Briefe, Gedichte.


    Immer wieder bringt er uns zum Schmunzeln, Lachen durch komische Situationen und Beschreibungen: das Wort „Fabulieren“ ist hier angebracht. Allerdings empfand ich dies auch manchmal zu chaotisch und durcheinander. Das erinnert manchmal an das überbordende Leben der Filme von Kustorica! Hier herrscht ein wenig zuviel Schreibchaos, und vielleicht hätte eine etwas gekürztere und chronologischere Fassung (zumindest mir) besser getan. Anderen mag gerade das gefallen. Nur in einigen Abschnitten aus der Sicht des die Heimat besuchenden Erwachsenen Aleksandars wird die Sprache etwas nüchterner.


    Mich erinnerte diese erwähnte burleske Schreibe aus Kindessicht an mehrere Romane, die in den letzten Jahren auf diese Weise teils dramatische Themen behandelten. Ob das hier gut gelungen ist, mag jeder selber beurteilen, ich für meinen Teil hatte einige Male eher Probleme damit.
    Dabei sollte man sich aber wohl in die Mentalität eines „Visegraders“ versetzen und seinem balkanischen Humor, bzw. seiner Weltschau. Jene, die diesen Landstrich genauer kennen werden viel Bekanntes, eine typische Atmosphäre und eine Sprachweise wieder erkennen, wie man mir versicherte.


    Wenn – und das mag ein Thema des Buches sein – Heimat verloren geht, so bleibt das Fabulieren und Erzählen, in dem man sich Vergangenes wieder nahe holen kann.


    Visegrad, die Drina und da die Brücke sind ebenfalls der Hauptspielort des Klassikers von Nobelpreisträger Ivo Andric „Die Brücke über der Drina“, zu dem wir hier:
    http://www.buechertreff.de/jun…dric-bruecke-ueber-drina/ mal eine Leserunde gehalten haben. Es gibt im Buch mehrere Querverweise zu Andric. Und indirekt zur Fortführung der endlosen Streitereien und Grenzverschiebungen, unter denen die Einbewohner immer wieder zu leiden hatten. Man liest zwischen den Zeilen von Saša Stanišić gut heraus, wie groß die Absurdität des Krieges und die Folgen der ethnischen Säuberung(en) sind und wie groß andererseits die Nostalgie eines friedlichen Nebeneinanders, das den meisten Serben, Bosniern und Kroaten im ehemaligen, hier betrauerten, Jugoslawien zueigen war.


    ZUM AUTOR:Saša Stanišić wurde 1978 in Visegrad in Bosnien-Herzegowina als Sohn einer Bosniakin und eines Serben geboren und musste als Vierzehnjähriger mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg nach Heidelberg fliehen. Von 2004 bis 2006 studierte er am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sein Romandebüt "Wie der Soldat das Grammofon repariert" begeisterte Leser und Kritik gleichermaßen, es gelangte 2006 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises und wurde bisher in 30 Sprachen übersetzt. Außerdem wurde Wie der Soldat das Grammofon repariert im Jahr seiner Veröffentlichung als Hörspiel vom Bayerischen Rundfunk adaptiert und 2007 für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert. Das Schauspielhaus Graz brachte 2008 seinen Roman Wie der Soldat das Grammofon repariert auf die Bühne. Stanišić erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Adelbert-von-Chemisso-Preis. (weitere Informationen und Quelle ua: http://de.wikipedia.org/wiki/Sa%C5%A1a_Stani%C5%A1i%C4%87 )


    Taschenbuch: 324 Seiten
    Verlag: Luchterhand Literaturverlag (28. August 2006)
    Sprache: Deutsch
    ISBN-10: 3630872425
    ISBN-13: 978-3630872421

  • Danke für die schöne Rezension, tom fleo!
    Diesen Roman habe ich vor längerer Zeit gelesen und habe ihn in guter Erinnerung.
    Es ist leider nur schon zu lange her, als das ich noch was hinzufügen könnte - zumal die Rezension schon sehr ausführlich ist.


    Liebe Grüße

    Jeder trägt die Vergangenheit in sich eingeschlossen wie die Seiten eines Buches, das er auswendig kennt und von dem seine Freunde nur den Titel lesen können. (Virginia Woolf)

  • Ich musste doch jetzt mal nachschauen, was ich damals zu dem Roman geschrieben hatte. Ich kopiere mal meine damalige Meinung rein:


    Aleksandar, ein kleiner phantasiebegabter Junge, wächst in der bosnischen Kleinstadt Višegrad auf. Seine Welt ist in Ordnung und sein größtes Talent ist das Erfinden von Geschichten.
    Aber welche Welt ist in Ordnung wenn ein Krieg in voller Wucht und mit all seiner Gewalt auch in Višegrad einbricht? Seine Familie muss nach Deutschland fliehen. Aleksandars Fabulierkunst hilft ihm, sich seine Heimat zu erzählen und wach zu halten. Als erwachsener junger Mann kehrt er in seine Heimat zurück, um sich der dortigen neuen Realität zu stellen und mit seinen Erinnerungen zu vergleichen.


    Mich hat dieser Roman ganz besonders berührt. Ich denke, dass jeder von uns damals fassungslos vor den Bildern des Bosnien Krieges gesessen hatte. Und hier wird ein kleiner Junge beschrieben, dessen Welt ganz langsam von diesem entsetzlichen Krieg eingeholt und Stück für Stück demontiert wird. Nur seiner Phantasie verdankt er, dass er sich ein Stück Heimat bewahren kann. Anfangs dachte ich beim lesen wieviel Glück dieser Junge hatte, bis der Krieg Stück für Stück in die Erinnerung und Erzählung von Aleksander eindringt. Erst fast unmerklich und dann mit all seinen Grauen, das ein Kind erfassen kann.

  • Oh nein Tom, das kannst du doch nicht machen, jetzt hab ich zu Weihnachten schon einen riesen Stapel Bücher bekommen, bin heute leider auf dem Flohmarkt fündig geworden und jetzt schreibst du noch so eine Rezi, meine Wunschliste wird immer länger und ich komme viel zu wenig zum Lesen.
    Liebe Grüsse Mara

  • ... jetzt hab ich zu Weihnachten schon einen riesen Stapel Bücher bekommen, bin heute leider auf dem Flohmarkt fündig geworden und jetzt schreibst du noch so eine Rezi, meine Wunschliste wird immer länger und ich komme viel zu wenig zum Lesen.


    :-, Kommt mir irgendwie bekannt vor... :lol:

  • Ich war wirklich positiv überrascht von diesem Buch! Ich hatte nicht allzu viel erwartet, die Erzählung von Aleksandar hat es aber zu meinen Lieblingsbüchern geschafft!
    Der Autor lässt ihn so kindlich und liebevoll, aber auch mit viel Humor erzählen, dass mich die kleinen Unklarheiten oder "Ungereimtheiten" aufgrund der Erzählsicht gar nicht mehr gestört haben.
    Es geht sehr viel um Familie, aber ich habe kaum Ideen wiedererkannt, der Autor hat sich wirklich spezielle Dinge einfallen lassen, die mir auch im Kopf geblieben sind, obwohl ich das Buch schon vor einigen Wochen beendet habe.
    Besonders hervorheben möchte ich den Schreibstil - er ist zweifellos gewagt und sicher nicht jedermanns Sache, die Sätze sind sehr lang mit vielen Wiederholungen und der Erzählstil wechselt zwischen dem eines Kindes und dem eines Erwachsenen. Mich hat die Sprache, so wie sie hier verwendet wurde, gepackt und mich so schnell nicht mehr losgelassen.
    Ein wunderbares Buch trotz des ernsten Hintergrunds und von mir absolut zu empfehlen! :)

  • Ich meinte zwar, dass hier schon ein Thread dazu bestände, doch dem ist wohl nicht so: der Autor hat inzwischen nach langer Funkpause ein neues, "ganz anderes", Buch herausgebracht "Vor dem Fest". Manche scheinen ihm vorzuwerfen, wie er denn als Flüchtling ein eher so "deutsches" Buch schreiben könne. Als ob er nun Kriegsthemen abonniert hätte! Hört sich sehr interessant an:


    Es ist die Nacht vor dem Fest im uckermärkischen Fürstenfelde. Das Dorf schläft. Bis auf den Fährmann – der ist tot. Und Frau Kranz, die nachtblinde Malerin, die ihr Dorf zum ersten Mal bei Nacht zeigen will. Ein Glöckner und sein Lehrling wollen die Glocken läuten, das Problem ist bloß: die Glocken sind weg. Eine Füchsin sucht nach Eiern für ihre Jungen, und Herr Schramm, ein ehemaliger Oberst der NVA, findet mehr Gründe gegen das Leben als gegen das Rauchen.


    Niemand will den Einbruch ins Haus der Heimat beobachtet haben. Das Dorfarchiv steht aber offen. Doch nicht das, was gestohlen wurde, sondern das, was entkommen ist, treibt die Schlaflosen um. Alte Geschichten, Sagen und Märchen ziehen mit den Menschen um die Häuser. Sie fügen sich zum Roman einer langen Nacht, zu einem Mosaik des Dorflebens, in dem Alteingesessene und Zugezogene, Verstorbene und Lebende, Handwerker, Rentner und edle Räuber in Fußballtrikots aufeinandertreffen. Sie alle möchten etwas zu Ende bringen, in der Nacht vor dem Fest.
    (Quelle: Kurzbeschreibung)


    Interessanter Artikel dazu (wie so oft) beim Deutschlandfunk:
    http://www.deutschlandfunk.de/…ml?dram:article_id=291760

    1. (Ø)

      Verlag: Luchterhand Literaturverlag


  • Der Autor lässt ihn so kindlich und liebevoll, aber auch mit viel Humor erzählen, dass mich die kleinen Unklarheiten oder "Ungereimtheiten" aufgrund der Erzählsicht gar nicht mehr gestört haben.


    Erst vor kurzem war ich auf einer Lesung des Autoren, bei der auch kurz über "Wie der Soldat das Grammofon repariert" sprach. Im Nachhinein sind ihm ein paar Details aufgefallen, die er gerne nachbessern würde (es aber natürlich jetzt dabei belässt). So sei stellenweise die Erzählsicht des Kindes dem Alter nicht ganz angepasst.
    Ich lese den Roman gerade zum zweiten Mal.
    Es gibt so wunderbare und komische Passagen; gerade heute las ich eine, in der die Klasse einen Aufsatz mit dem Thema "Meine Heimat" schreiben muss. Dieses Thema wird im Jahr mindestens zweimal vom Lehrer gestellt. Der Lehrer ermahnt Aleksandar, dieses Mal das Thema nicht zu verfehlen und seine Fantasie zu zügeln.
    Und wie reagiert Aleksandar? Er schreibt einen siebenseitigen Aufsatz mit auswendig gelernten geographischen und wirtschaftlichen Statistiken über Jugoslawien....In Fussnoten verweist er auf seine früheren Arbeiten.


    Damit habe ich den Thread mal hochgeholt. :wink:

    Jeder trägt die Vergangenheit in sich eingeschlossen wie die Seiten eines Buches, das er auswendig kennt und von dem seine Freunde nur den Titel lesen können. (Virginia Woolf)

  • „… meine Mutter ist froh, dass sie sich um meine Erziehung allein kümmern kann, da reden Vater und ich ihr nicht rein.“ Mit Nonchalance und Witz erzählt der Autor zunächst seine Kindheit bis zum Alter von 14, als mit Titos Tod das Land Jugoslawien zerfällt und der Bürgerkrieg beginnt. Episoden voller „Zauber“ (wörtlich) wechseln sich ab mit Schilderungen des alltägliches Lebens und Arbeitens in einer Familie der Vorkriegszeit. Mit Liebe und einem Blick für das Besondere erzählt das Kind für sein Alter eigentlich zu erwachsen von Großvätern und –müttern, Tanten, Onkeln und seinen Kinderfreunden und auch davon, wie man sich mit den Widrigkeiten eines diktatorischen Staates arrangiert.


    Der Krieg zerstört nicht nur Häuser, tötet nicht nur Soldaten, sondern auch Freundschaften und Nachbarschaften von Familien, die vorher zusammen in derselben Straße, in einem Stadtviertel gemeinsam lebten und arbeiteten.
    Aleksanders Familie flieht nach Deutschland. Von seiner Zeit dort und seinen Problemen mit Sprache und Eingewöhnung erfährt man wenig außer in den berührenden Briefen an seine zurückgelassene Freundin Asija, von denen er nicht weiß, ob sie jemals ankommen.
    Im zweiten Teil des Buches, den Erinnerungen an Krieg, Evakuierung und der Rückkehr in seine Stadt, werden aus den chronologischen Erzählungen auseinandergerissene Schilderungen, für den Leser schwierig, in ein Ganzes zu ordnen. Doch genau das widerfährt auch Aleksander: Die Stadt, in die er zurückkehrt, ist nicht diejenige, die er verlassen hatte. Er kann an seine Erinnerungen nicht mehr anknüpfen, Häuser, Straßenzüge und die Bewohner sind fremd.


    Nach einem Krieg ist nichts mehr wie vorher, die Menschen, die geflohen sind, und diejenigen, die ausgeharrt haben, können sich nicht mehr begegnen wie in ihren alten Leben. „Und die Wahrheiten, sie fehlen mir am meisten, solche Wahrheiten, in denen wir nicht mehr Zuhörer oder Erzähler sind, sondern Zugeber und Vergeber.“ (S. 311)
    Trotzdem: Vielleicht gibt’s es doch noch irgendwann gewöhnlichen Alltag. Die Hoffnung jedenfalls ist nicht tot.

    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)


    Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)

  • Vor dem Fest hatte ich damals gelesen. Fand es auch nicht schlecht. Mir ist in Erinnerung, dass Sprachgewalt auf jeden Fall da ist, aber auch ein Manierismus, der mich zunehmend gestört hat. Zu sehr wurde deutlich, dass er Kunst produzieren wollte.
    Nun überlege ich, ob ich das Grammophon auch mal lesen will.

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