Hong Ying: Tochter des grossen Stromes. Roman meines Lebens

Cover zum Buch Tochter des grossen Stromes

Titel: Tochter des grossen Stromes

, (Übersetzer)

4,5 von 5 Sternen bei 1 Bewertung

Verlag: Aufbau-Verlag

Format: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 315

ISBN: 9783351026387

Termin: August 2006

Aktion

  • Originaltitel: Ji'e de nü'er
    Aufbau Tb; Auflage: 1 ( Mai 2008 ), 315 Seiten


    Inhalt:
    Das Drama einer Frau und eines ganzen Landes Sie träumt von einem Leben ohne Armut und Leid, von einem Leben voller Liebe. Doch dem Mädchenbegegnen nichtsals Hunger und Hass. Ein bitteres Geheimnis lastet auf der Familie. Erst als sie die Rätsel ihrer Herkunft ergründet hat, bricht für das Mädchen namens "Regenbogen" eine bessere Zukunft an. Hong Yings Leben ist so spannend wie kaum ein Roman. Unverblümt und überwältigend beschreibt sie ihre Schicksalsjahre in Maos China. (Klappentext)

    1980, Chongqing (auch bekannt als: Chungching), südliches Ufer des Jagtse. Die Erzählerin, sechstes Kind einer armen Familie, lebt zusammen mit ihren Eltern, 3 Schwestern und 2 Brüdern in einen baufälligen Haus in 2 Zimmern im Slum der aufstrebenden Millionenmetropole die vom großen dunklen Strom des Jangtse geteilt wird. Die Armut und Enge, mütterlicher Zank, Vaters Krankheit und harte Arbeit inmitten des Drecks und zwischen mißgünstigen Nachbarn bestimmen ihr Leben. Und da ist noch etwas: sie hat das Gefühl nicht zu dieser Familie zu gehören, nicht akzeptiert und schon gar nicht geliebt zu werden. Auf der Suche nach einem Halt, nach Freundschaft, Zuneigung beginnt sie eine kurze Affäre mit ihrem Geschichtslehrer, einem an seiner politischen Vergangenheit gebrochenen Mann.

    Als sie ihren 18. Geburtstag begeht (feiern kann man das nicht nennen) wird sie von der lebensfreudigen "Ältesten Schwester" in die Geheimnisse der Familie eingeweiht und die Identität des schwarzen Mannes, der sie Zeit ihres Lebens verfolgte, enthüllt. Sie erfährt Geschichten voller Gefahren, Verlusten und Erniedrigungen, aus denen nur Schmerz entstehen kann. Oder ein fester Entschluss...

    Meinung:
    Für einigermaßen sensible westliche Gefühle ist das ganz harter Tobak, den Hong Ying hier mit ihrem Roman eines Lebens (so der Untertitel), ihrer quasi Autobiographie, vor uns ausbreitet. Die Beschreibungen des Drecks, der Klaoke, der widerlichen, neugierigen und streitbaren Nachbarn, des fast vollständigen Fehlens von Privatsphäre - es fällt schwer, sich das in einem hochmodernen Industrie- und Transportzentrum am Ende des 20. Jahrunderts vorzustellen. Allein bei der Schilderung der Toiletten, die mangels privater WCs vom gesamten Strassenzug benutzt werden, überkommt einen schon gewaltiger Ekel. Hong Ying gelingen die Schilderungen mit klaren Sätzen ohne Effekthascherei sehr anschaulich. So wie sie überhaupt eine präzise Sprache verwendet, die sich auch einer gewissen Poesie nicht verschliesst. Ich vermute, hier ist der Übersetzerin, der von mir geschätzten Karin Hasselblatt, ganze Arbeit gelungen.

    Auch wenn ich mitunter ein wenig unruhig wurde bei den Passagen, wo die Erzählerin über ihre gefühlte Fremdheit sinniert (andere werden gerade diese Passagen mögen), ich empfinde es als grosse Kunst, wie die Sprache einer jungen Erwachsenen getroffen wurde, in all ihrer Unsicherheit, ihrem Zorn, ihrer Schwärmereien.

    Ein empfehlenswerter, stark autobiographischer Roman, der düster aber absolut nicht hoffnungslos ist - wie die weitere Entwicklung der Ezählerin/Hong Ying zeigt.

    Autor:
    Die unterdessen weltweit gelesene Autorin Hong Ying wird 1962, zur Zeit von Maos Kampagne: Der grosse Sprung nach vorn, in der Provinz Sichuan geboren und wächst in eben jenem Slum in Chongqing am Jangtse auf. Als Kind wird sie, weil die Eltern nicht noch ein Kind durchfüttern wollen/können, zu Bauern aufs Land gegeben, doch nach eineinhalb Jahren wieder heim geholt. Der Grossraum Chongqing gilt heute als die grösste Stadt der Welt. Mit 18 verlässt sie die Familie und geht nach Beijing, schreibt Gedichte, gewinnt einen Literaturpreis und Zugang zur Literatur-Akademie von Beijing. Nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung auf den Tien´anmen-Platz im Juni 1989, bei dem viele ihrer Mitstudenten verhaftet, inhaftiert oder gar getötet wurden, beschliesst sie, China zu verlassen. Gut 1 Jahr später absolviert sie erfolgreich die Aufnahmeprüfung für eine englische Uni und siedelt ganz nach England über. Unterdessen ist sie englische Staatsbürgerin und mit einem Literaturwissenschaftler verheiratet. Derweil lebt sie abwechselnd in London und Berlin. Ihre Werke wurden in über 20 Sprachen, so auch in deutsch, übersetzt und sind sogar alle sind, bis auf eines, in China erschienen.

    Übersetzerin:
    Karin Hasselblatt, geboren 1963, studierte von 1982-89 Chinesisch und Japanisch an Universitäten in Berlin und Bonn. Dem schloss sich 1990 bis 1992 ein weiterführendes Studium in Peking, VR China, als Stipendiatin des DAAD an. Unter anderem übersetzte sie Werke der Autorinnen und Autoren Xiao Hong, Wang Anyi, Mo Yan und Wei Hui und Feng Ficai. Karin Hasselblatt lebt als freie Übersetzerin und Lektorin in Berlin.


    *** zai jian ***

    Es gibt keine grössere Einsamkeit als die des Samurai. Es sei denn die des Tigers im Dschungel

  • Danke für die wunderbare und ausführliche Rezension. Deine Beschreibung hört sich sehr
    interessant an. Ich lese demnächst in einer LR den Roman >Dai Sijie - Balsac und die kleine chinesische Schneiderin,
    und das könnte ja als Einstimmung zu chinesischer Literatur recht vorteilhaft sein.

    lg taliesin :winken:

    Wir sind der Stoff aus dem die Träume sind und unser kleines Leben umfasst ein Schlaf.

    William Shakespeare


    :study: William McPherson - Testing The Current

    :study: Robert MacFarlane - Is A River Alive?

  • Thraka, sehr schöne Rezension! :thumleft: Vielen Dank. Ich habe mir dein vorgestelltes Buch gleich ertauscht. Bin schon sehr gespannt,ob es mir genau so gut gefällt wie dir. :)

    Liebe Grüsse
    Wirbelwind

    :study: Jaume Cabré, Senyoria

    :study: Naomi J. Williams, Die letzten Entdecker


    Bücher sind die Hüllen der Weisheit, bestickt mit den Perlen des Wortes.

  • Danke für die netten Anmerkungen über meine kleine Buchvorstellung.
    Ich hoffe, keine falschen Erwartungen geweckt und das "Wesen" des Buchs einiger Massen getroffen zu haben.

    @ tasielin
    Balsac und die kleine Schneiderin hat mir gar nix gegeben. Da Buchs fand ich im wahrsten Sinne einfach nur nett.
    Ich will Dich aber keinesfalls vom Lesen abhalten. Nur: die chinesische Litaratur ist ist momentan so verdammt aufregend, da ist "nett" eben nirgendwie fast wie "beiläufig".

    Ich weiß nicht, ob die anderen Bücher von Hong Ying halten, was diese Autobiographie verspricht - aber auch wenn nicht, Tochter des grossen Stroms ist eine durchaus gewinnbringende Erfahrung.

    *** zai jian ***

    Es gibt keine grössere Einsamkeit als die des Samurai. Es sei denn die des Tigers im Dschungel

  • Endlich habe ich diese Romanbiografie aus meiner SUB befreit.
    Oh ja es ist starker Tobak, einiges finde ich auch schlichtweg ekelhaft, aber genau das ist es was diesen Roman so realistisch macht. Unverblümt nennt die Autorin die Dinge beim Namen, was ich gut find, auch wenn es mich dabei manchmal schüttelt.
    Dass aus diesem Trübsinn dann doch etwas "Gescheites" geworden ist, grenzt an ein Wunder. Einziger Kritikpunkt Hong Ying verliert sich kurzfristig in sich selber, philosophiert und sinniert über sich als Mensch, Frau, Person in einer Art, die mir dann etwas zu fremd erschien. Diese Phase jedoch hat man bald überwunden.
    Bisher habe ich keines ihrer weiteren Bücher gelesen, doch "Tochter des grossen Stromes" hat mich gefesselt.
    Vielleicht sollte doch so manch einer dieses Buch ins Auge fassen. Von mir bekommt es :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb: und meine Empfehlung. :thumleft:

    Liebe Grüsse
    Wirbelwind

    :study: Joanna Trollope, Bruder und Schwester

    :study: Naomi J. Williams, Die letzten Entdecker


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