Originaltitel: Ji'e de nü'er
Aufbau Tb; Auflage: 1 ( Mai 2008 ), 315 Seiten
Inhalt:
Das Drama einer Frau und eines ganzen Landes Sie träumt von einem Leben ohne Armut und Leid, von einem Leben voller Liebe. Doch dem Mädchenbegegnen nichtsals Hunger und Hass. Ein bitteres Geheimnis lastet auf der Familie. Erst als sie die Rätsel ihrer Herkunft ergründet hat, bricht für das Mädchen namens "Regenbogen" eine bessere Zukunft an. Hong Yings Leben ist so spannend wie kaum ein Roman. Unverblümt und überwältigend beschreibt sie ihre Schicksalsjahre in Maos China. (Klappentext)
1980, Chongqing (auch bekannt als: Chungching), südliches Ufer des Jagtse. Die Erzählerin, sechstes Kind einer armen Familie, lebt zusammen mit ihren Eltern, 3 Schwestern und 2 Brüdern in einen baufälligen Haus in 2 Zimmern im Slum der aufstrebenden Millionenmetropole die vom großen dunklen Strom des Jangtse geteilt wird. Die Armut und Enge, mütterlicher Zank, Vaters Krankheit und harte Arbeit inmitten des Drecks und zwischen mißgünstigen Nachbarn bestimmen ihr Leben. Und da ist noch etwas: sie hat das Gefühl nicht zu dieser Familie zu gehören, nicht akzeptiert und schon gar nicht geliebt zu werden. Auf der Suche nach einem Halt, nach Freundschaft, Zuneigung beginnt sie eine kurze Affäre mit ihrem Geschichtslehrer, einem an seiner politischen Vergangenheit gebrochenen Mann.
Als sie ihren 18. Geburtstag begeht (feiern kann man das nicht nennen) wird sie von der lebensfreudigen "Ältesten Schwester" in die Geheimnisse der Familie eingeweiht und die Identität des schwarzen Mannes, der sie Zeit ihres Lebens verfolgte, enthüllt. Sie erfährt Geschichten voller Gefahren, Verlusten und Erniedrigungen, aus denen nur Schmerz entstehen kann. Oder ein fester Entschluss...
Meinung:
Für einigermaßen sensible westliche Gefühle ist das ganz harter Tobak, den Hong Ying hier mit ihrem Roman eines Lebens (so der Untertitel), ihrer quasi Autobiographie, vor uns ausbreitet. Die Beschreibungen des Drecks, der Klaoke, der widerlichen, neugierigen und streitbaren Nachbarn, des fast vollständigen Fehlens von Privatsphäre - es fällt schwer, sich das in einem hochmodernen Industrie- und Transportzentrum am Ende des 20. Jahrunderts vorzustellen. Allein bei der Schilderung der Toiletten, die mangels privater WCs vom gesamten Strassenzug benutzt werden, überkommt einen schon gewaltiger Ekel. Hong Ying gelingen die Schilderungen mit klaren Sätzen ohne Effekthascherei sehr anschaulich. So wie sie überhaupt eine präzise Sprache verwendet, die sich auch einer gewissen Poesie nicht verschliesst. Ich vermute, hier ist der Übersetzerin, der von mir geschätzten Karin Hasselblatt, ganze Arbeit gelungen.
Auch wenn ich mitunter ein wenig unruhig wurde bei den Passagen, wo die Erzählerin über ihre gefühlte Fremdheit sinniert (andere werden gerade diese Passagen mögen), ich empfinde es als grosse Kunst, wie die Sprache einer jungen Erwachsenen getroffen wurde, in all ihrer Unsicherheit, ihrem Zorn, ihrer Schwärmereien.
Ein empfehlenswerter, stark autobiographischer Roman, der düster aber absolut nicht hoffnungslos ist - wie die weitere Entwicklung der Ezählerin/Hong Ying zeigt.
Autor:
Die unterdessen weltweit gelesene Autorin Hong Ying wird 1962, zur Zeit von Maos Kampagne: Der grosse Sprung nach vorn, in der Provinz Sichuan geboren und wächst in eben jenem Slum in Chongqing am Jangtse auf. Als Kind wird sie, weil die Eltern nicht noch ein Kind durchfüttern wollen/können, zu Bauern aufs Land gegeben, doch nach eineinhalb Jahren wieder heim geholt. Der Grossraum Chongqing gilt heute als die grösste Stadt der Welt. Mit 18 verlässt sie die Familie und geht nach Beijing, schreibt Gedichte, gewinnt einen Literaturpreis und Zugang zur Literatur-Akademie von Beijing. Nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung auf den Tien´anmen-Platz im Juni 1989, bei dem viele ihrer Mitstudenten verhaftet, inhaftiert oder gar getötet wurden, beschliesst sie, China zu verlassen. Gut 1 Jahr später absolviert sie erfolgreich die Aufnahmeprüfung für eine englische Uni und siedelt ganz nach England über. Unterdessen ist sie englische Staatsbürgerin und mit einem Literaturwissenschaftler verheiratet. Derweil lebt sie abwechselnd in London und Berlin. Ihre Werke wurden in über 20 Sprachen, so auch in deutsch, übersetzt und sind sogar alle sind, bis auf eines, in China erschienen.
Übersetzerin:
Karin Hasselblatt, geboren 1963, studierte von 1982-89 Chinesisch und Japanisch an Universitäten in Berlin und Bonn. Dem schloss sich 1990 bis 1992 ein weiterführendes Studium in Peking, VR China, als Stipendiatin des DAAD an. Unter anderem übersetzte sie Werke der Autorinnen und Autoren Xiao Hong, Wang Anyi, Mo Yan und Wei Hui und Feng Ficai. Karin Hasselblatt lebt als freie Übersetzerin und Lektorin in Berlin.
*** zai jian ***



