Monika Helfer - Bevor ich schlafen kann

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  • Josefine Bartok, kurz Josi genannt, ist eine angesehene Psychiaterin in einer Krankenheilanstalt in Wien. Beruflich eine Koryphäe, bei Patienten und Kollegen beliebt, zeigt sie sich im Privatleben als harte, fast gefühlskalte Frau. Ihre beiden Kinder erleben wenig mütterliche Herzlichkeit oder Wärme, auch die Schicksale ihrer PatientInnen berühren sie nicht.
    Als ihr nach einer Brustkrebsoperation ihre Berufstätigkeit aufgeben muss und dann auch noch ihr Mann nach 20-jähriger Ehe seine Homosexualität offenbart und zu seinem Freund zieht, versucht sie, auf ihre Art und Weise das „neue Leben“ in den Griff zu bekommen. Sie zeigt sich unnahbar, hart, greift leichtsinnig zu Psychopharmaka, setzt unsinnige Aktionen und versucht immer mehr, die weiblichen Töne zu unterdrücken.
    Als die Kinder ihr eine Reise nach Griechenland schenken, lehnt sie vorerst ab. Da sie aber eigentlich nichts zu verlieren hat, fährt sie mit der Erwartung, dort das hiesige Leben vergessen zu können, Männer kennenzulernen, Sex zu haben.
    In Griechenland nimmt sie an einem Erzählkreis teil wo Michael Köhlmeier abendlich Sagen vorträgt und lernt dessen 12-jährige Tochter Paula kennen. Zwischen Josi und Paula entwickelt sich eine Freundschaft, dessen Tiefe und Bedeutung dem Leser aber erst mit dem Wissen bewusst wird, dass Monika Helfer mit ihrem Mann Michael Köhlmeier ebenfalls eine Tochter Paula, die als Schriftstellerin tätig war und die 20-jährig im Jahr 2003 bei einem Bergunfall ums Leben kam. Zudem zeigt die fiktive Paula in Helfers Roman augenscheinliche Parallelen mit Paula Köhlmeier und es drängt sich unwillkürlich der Gedanke auf, dass Monika Helfer mit diesem Buch den Tod ihrer Tochter verarbeitet. Dialoge wie

    Zitat

    „Ich würde gern Schriftstellerin werden wie meine Mutter und mein Vater“, sagte Paula. „Ich würde Kurzgeschichten schreiben.“


    „Niemand hindert dich daran.“


    „Ich denke mir, es ist noch zu früh, und gleichzeitig denke ich, es ist spät, ich hätte schon lange damit anfangen müssen, ich meine richtig.“


    oder Sätze wie


    Zitat

    Wir reden oft von Dir. Karla und Bruno auch. Du gehörst zu unserem Leben. Ich hab Dich lieb


    lassen darauf schließen, dass hier die Tochter Paula und nicht die Urlaubsfreundin Paula im Mittelpunkt steht.


    Unter Berücksichtigung dieses Aspektes liest man in diesem Buch nicht nur das „Frauenschicksal“ rund um eine gescheiterte Ehe und angeschlagene Gesundheit bzw. um Selbstfindung. Trotzdem ist mir die Protagonistin als solche in diesem Buch eigenartig fremd geblieben und hat mich ihr Schicksal wenig berührt. Im Kontext mit der Autobiografie von Monika Helfer und Michael Köhlmeier wiederum fand ich einzelne Passagen wunderbar, die Annäherung an das Thema „Paula“ subtil und vorsichtig und vermeine auch zu ahnen, wie „persönlich“ dieses Buch für Monika Helfer ist.
    Eine Bewertung ist für mich aus diesen Gründen sehr schwierig. Ich schwanke zwischen :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5: und :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:



    Monika Helfer

    Monika Helfer, geboren 1947 in Au/Bregenzerwald, verheiratet mit dem Schriftsteller Michael Köhlmeier, lebt als Schriftstellerin mit ihrer Familie in Hohenems. Sie hat mehrere Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht und erfolgreich für das Theater gearbeitet.

    Herzliche Grüße
    Rosalita


    :study:
    Wenn das Schlachten vorbei ist - T.C. Boyle


    *Life is what happens to you while you are busy making other plans* (Henry Miller)

    Einmal editiert, zuletzt von Rosalita ()

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