Alice Hoffman - Das blaue Tagebuch

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  • Originaltitel: Blue Diary
    317 Seiten
    übersetzt von Sibylle Schmidt


    Covertext:
    Ethan und Jorie Ford sind seit vielen Jahren verheiratet, und noch immer lieben sie sich wie am ersten Tag. Mit ihrem Sohn Collie leben sie in einem schönen Haus mit einem prachtvollen Garten, und manchmal kann Jorie ihr Glück kaum fassen. Bis an einem paradiesischen Sommertag mit aller Macht das Schicksal über Jorie hereinbricht: Ihr scheinbar perfekter Ehemann wird des Mordes bezichtigt.


    Es ist tatsächlich DIE große Liebe zwischen Jorie und Ethan. Sie sind glücklich wie am Tag, an dem sie sich auf den ersten Blick ineinander verliebten. Ethan ist ein geachteter Mann in der Kleinstadt Monroe. Er repariert / restauriert alte Häuser, engagiert sich in der freiwilligen Feuerwehr und als Baseballtrainer einer Kindermannschaft. Jorie hat den perfekten Mann, dem sie die perfekte Frau ist, und beide genießen ihr perfektes Glück zusammen mit Sohn Collie.
    Bis das Nachbarmädchen Kat, Collies beste Freundin, Ethans Foto im Fernsehen entdeckt, in einer Sendung wie Aktenzeichen XY - ungelöst: Ein Mörder wird gesucht. Kat ist ein unglückliches Mädchen; ihr Vater hat sich vor einiger Zeit wegen seiner schweren Krebserkrankung das Leben genommen; ihre Mutter verweigert Gespräche darüber; ihre Schwester ist eine Schönheit, begehrt und beliebt. Ohne über die Konsequenzen nachzudenken meldet Kat ihre Entdeckung der Polizei, die Ethan ins Gefängnis bringt.
    Jorie steht vor den Scherben ihres Lebens. Sie muss das Haus verkaufen und mit Collie, der sich immer mehr abkapselt, zu ihrer Mutter ziehen. Zunächst halten alle, die Nachbarn, Freunde, die ganze Kleinstadt und natürlich Jorie Ethan für unschuldig, bis er ein Geständnis ablegt. Als klar ist, dass sich Ethan in Maryland, wo das Verbrechen verübt wurde, vor Gericht verantworten muss, organisieren seine Freunde Benefizveranstaltungen und Spendensammlungen. Aber Jorie hält sich fern und findet ihren eigenen Weg, um mit ihrem zerbrochenen Leben fertig zu werden.


    Es geht in diesem Buch nicht um die Frage, was eine Liebe aushält und wie beständig sie ist, sondern darum, welchen Wert die Liebe hat, wenn der Mensch, dem sie gilt, ein ganz anderer ist als der bisher geliebte. Kann man zwei völlig unterschiedliche Bilder eines Menschen vereinen? Oder spaltet sich die Liebe? Wie kann jemand - Jorie - weiterleben, der erkennt, dass alles, was bisher Bedeutung hatte, auf Lüge und Betrug gründete? Woran sich festhalten, wenn der stärkste Halt sich als brüchiger Stecken erweist?
    Jories Entwicklung: Am Anfang die Frau, die in der Liebe gebettet ist und nur im Einklang mit dem geliebten Mann sinnvoll leben kann, am Ende ihre Verantwortung für sich selbst und ihren Sohn und ihr Mut zum Neuanfang. Ihr gegenüber Ethan, der von der handelnden Person im ersten Kapitel zum Objekt verschiedener Interessen wird. Dessen Wandlung vom Mörder zum treusorgenden Familienvater der Leser lange glaubt. Diese Veränderungen schrittweise darzustellen ist der Autorin großartig gelungen.


    ABER: Zum ersten Mal habe ich bei meiner Lieblingsautorin den Eindruck, dass sie übertreibt. Dienen die metaphorischen Naturschilderungen in den anderen Büchern der Untermalung und Pointierung der Handlung, so nehmen sie hier einen sehr breiten (m.M.n. zu breiten) Raum ein. Jedes Geschehen, jeder Dialog, jeder Gedanke wird mit Sternen, Blumen und anderem Grünzeug gewürzt. Ich mag die symbolreiche Sprache des Magischen Realismus sehr gern, aber hier scheint es mir, als verliere das Symbol seinen eigentlichen Sinn und verkomme zum Selbstzweck.


    Dennoch: Ein ungemein dichtes, intensives Buch, das aber mit "Im Hexenhaus" oder "Märzkinder" nicht mithalten kann.



    TIPP: Nicht den Klappentext lesen! Ich bin froh, dass ich es praktisch vergessen hatte, denn der Klappentext verrät den gesamten Inhalt, auch die Stellen, die beim Lesen für Überraschung oder Erstaunen sorgen. :!:

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • Danke, Marie!
    Ich habe betrübt festgestellt, dass die Mini-Leserunde wirklich sehr mini war!
    Dieses Buch werde ich auf alle Fälle noch lesen, vielleicht schaffe ich es diesen Sommer noch. Es klingt sehr gehaltvoll u ich bin gespannt darauf.
    Werde dir dann berichten, wie es mir gefallen hat!

    "Wie wenig du gelesen hast, wie wenig du kennst - aber vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist." Elias Canetti

  • @ cheriechen,
    kennst Du Alice Hoffman schon? Wenn nicht, werde ich Dich mit Empfehlungen überhäufen und Dir von diesem Buch als Erstlektüre abraten. Wenn ja: Viel Spaß beim Lesen.

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • Marie
    "Märzkinder" habe ich mit großer Begeisterung gelesen u war begeistert gerade von den Naturschilderungen und der Magie der Symbole.
    "Im Hexenhaus" hatte ich vor vielen Jahren mal in den Händen u ich habe es nach einer Weile abgebrochen :shock: leider weiß ich nicht mehr genau warum, :scratch: ich glaube, die beiden Schwestern waren mir zu extrem überzeichnet u das hat mich angenervt, wenn ich mich recht entsinne?! Irgendetwas fand ich - glaube ich - zu zickig...
    Zwischen diesen beiden Extremen pendelt nun mein Verhältnis zu Alice Hoffmann, was soll man davon halten? Ich weiß es selbst nicht :roll:
    Bjarne Reuters "Zimthaus" hat mir auch so gut gefallen. Ich werde das blaue Tagebuch mal versuchen, die Thematik "ein Leben liegt in Scherben u jemand muss einen neuen Weg suchen" mag ich gerne, etwas skeptisch bin ich wenn du schon von Übertreibung schreibst, irgendetwas kam mir beim Hexenhaus auch übertrieben vor, oder war mir zu laut u schrill, wenn ich es nur noch wüsste....


    und was ganz irre ist: Ich weiß nicht mehr, ob ich es schon bestellt habe oder nicht??? So weit bin ich jetzt schon! :scratch: ](*,) :-$
    ich bin irgendwie ferienreif, glaube ich....


    :winken:

    "Wie wenig du gelesen hast, wie wenig du kennst - aber vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist." Elias Canetti

  • "Das blaue Tagebuch" hat mir wieder sehr gut gefallen!
    Sehr gelungen finde ich die Verknüpfung der einzelnen Personen untereinander. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, nach und nach das ganze Kleinstädtchen zu kennen. Diese Stimmung, wo jeder von jedem alles weiß, ist für Leser richtig fühlbar.
    Die Charaktere waren sehr stimmig u überzeugend für mich, außer Ethan:


    Marie
    Mit den vielen Beschreibungen aus Tier- und Pflanzenwelt hatte ich keine Probleme. Aber du weißt ja - gartensüchtig...!
    Sie waren für mich stimmig in sich - bei "Der Geschmack von Apfelkernen" habe ich die Krise gehabt, weil ständig Pflanzen zitiert wurden, die niemals gleichzeitig blühen, sprich die Autorin ist ahnungslos. Hier unterstreichen sie für meinen Geschmack die jahreszeitliche Stimmung ebenso, wie die Entwicklung der Dramatik in dem Buch, die Vergänglichkeit von Glück und Schönheit usw.


    Also, gute Empfehlung :friends: , danke!
    Eine Alice Hoffmann subt noch: "Wolfsnacht" , mal sehn!
    :winken:

    "Wie wenig du gelesen hast, wie wenig du kennst - aber vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist." Elias Canetti

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