Wassilij Grossman - Die Kommissarin

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  • Inhalt:
    Die Kommissarin Klawdja Wawilowa, Kommissarin des 1. Bataillons ist hochschwanger. Zum Entsetzen ihrer Vorgesetzten beantragt sie einen 40tägigen Urlaub. Die Zeit ist ungünstig für eine hochrangige und routinierte Soldatin, die Front zu verlassen, denn man liegt mit den Polen im Krieg und erwartet täglich neue Angriffe. Auch der Wawilowa, Soldatin mit Leib und Seele, passt die bevorstehende Geburt nicht; sie hätte gern abgetrieben und hatte alles unternommen, um das unerwünschte Kind loszuwerden. Sie zieht in ein beschlagnahmtes Zimmer im Haus von Magasanik und seiner Familie. Magasaniks Frau Beijla, eine 8fache Mutter, nimmt sie unter ihre Fittiche. Nach der Geburt vollzieht sich bei der Wawilowa eine Wandlung, aber die Zeit, um über ihre eigene Zukunft und die des Kindes zu entscheiden, ist sehr kurz.


    Eine kleine, sehr berührende Geschichte eines russischen Autors, von dem ich noch nie gehört hatte.
    Man hätte nicht geglaubt, dass einer Frau, die schießt, reitet, kommandiert wie ein Mann, die weiblichste aller Unwägbarkeiten zustößt: Die Schwangerschaft. Demensprechend reagieren die Männer der Kompanie: Mit Ungläubigkeit, mit Erstaunen, mit blöden Witzen. Vom Vater des Kindes erfährt man nicht viel, denn die Wawilowna kannte ihn kaum. Sie nennt ihn nur "den Schweigsamen", und er fiel in der Schlacht noch ehe er von der Schwangerschaft wusste.
    Das vergriffene Buch enthält Fotos aus dem gleichnamigen Film von Aleksandr Askoldov, der 1966 gedreht wurde, 20 Jahre lang verboten war und bei der Berlinale 1988 den Spezialpreis der Jury erhielt. Möglicherweise ist die Erzählung inzwischen in Sammelbänden des Autors enthalten (ich habs nicht herausfinden können).


    Ebenso bewegend wie die Erzählung fand ich den Anhang über den Autor:
    Wassilij Semjonowitsch Grossman wurde am 12. Dezember 1905 in Berditschew/Ukraine geboren, arbeitete zunächst als Chemie-Ingenieur, ehe er 1934 seiner erste Erzählung unter dem Titel "Glückauf" veröffentlichte. Im gleichen Jahr erschien auch die hier vorliegende Erzählung, die im Original "In der Stadt Berditschew" heißt. Während des "Vaterländischen Krieges" nahm Grossman als Kriegsberichterstatter an der Schlacht bei Stalingrad und bei der Einnahme von Berlin teil. Im Westen wurde Grossman vor allem durch seinen großartigen Stalingradroman "Leben und Schicksal" bekannt, der in der Sowjetunion lange Jahre nicht erscheinen konnte. 1980 kam dieser Roman zunächst auf Russisch in der Schweiz heraus und erschien 1984 bei Knaus, München und Hamburg. Grossman aber starb verbittert am 14. September 1964. Er hatte 1962 erleben müssen, wie man bei einer Hausdurchsuchung nicht nur das Manuskript, sondern auch sämtliche Notizen und sogar die Schreibmaschinenfarbbänder beschlagnahmt hat. Über jenen Tag ist der Ausspruch Grossmans überliefert: "Sie haben mich im Torweg erdrosselt." Er hat weder die Veröffentlichung in der Schweiz erleben können, noch seine Rehabilitierung in der Sowjetunion, die im letzten Jahr (1988, A.d.R.) mit dem Druck von "Leben und Schicksal" eingeleitet wurde.

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • Danke, Marie. Dieses Büchlein kannte ich bisher noch nicht. Ich habe vor gefühlten Ewigkeiten "Leben und Schicksal" gelesen und hatte mir immer vorgenommen, es noch einmal zu lesen. Da es vor 2 Jahren (?) erstmals vollständig erschien, wäre das ja ein Anlass. Aber mit den Re-reads ist das bei mir so eine Sache. Es geht darin um die Schlacht bei Stalingrad im 2. Weltkrieg und um deutsche und sowjetische Konzentrationslager. Mich hat das Buch damals sehr erschüttert.

  • Aber mit den Re-reads ist das bei mir so eine Sache.


    Kenn ich ... :wink:


    Es geht darin um die Schlacht bei Stalingrad im 2. Weltkrieg und um deutsche und sowjetische Konzentrationslager.


    Nach diesem Buch wollte ich sowieso beim nächsten Büchereibesuch Ausschau halten. Wenn es stilistisch ähnlich ist wie "Die Kommissarin", liest es sich zwar leicht, macht einem aber durch die realen historischen Fakten zu schaffen.

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


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  • Ich habe es mit "Leben und Schicksal" versucht, das viele ganz, ganz hoch einschätzen auf der Rangliste von "Kriegs- und Politromanen". Ich habe es nicht bis zum Ende geschaftt, habe es aber auch auf der Rereadliste. Was Kürzeres von ihm könnte mich auch locken...

  • Das liegt wohl schon zehn, fünfzehn Jahre zurück (ich las es auf Französisch), und ich kann mich schwerlich genau erinnern, woran ich damals scheiterte... Manchmal liegt es ja an einem falschen Zeitpunkt? Vielleicht meinte ich, es unbedingt lesen zu müssen, und war noch nicht bereit?

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