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Stephan Thome - Grenzgang

Grenzgang

4.4 von 5 Sternen bei 10 Bewertungen

Verlag: Suhrkamp Verlag

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 454

ISBN: 9783518461938

Termin: Oktober 2010

  • Umschlagtext:
    "Und Tage gibt es, da glaubt sie den Verstand zu verlieren, wie im Handumdrehen, als hätte sie nie einen besessen."
    Eine Frau Mitte vierzig, geschieden, mit dem Rücken zur Wand. Ein Mann gleichen Alters, allein, die Karriere geplatzt. Soll das alles gewesen sein?, fragen sich beide.
    Und dann wird Grenzgang gefeiert, das dreitägige Volksfest, und das Glück, das lange schon verspielt schien, ist plötzlich wieder zum Greifen nah.
    Ein furioses und spannungsreiches Romandebüt über ein Leben auf dem schmalen Grat zwischen Resignation und Euphorie.


    Inhalt (Auszug aus der Umschlaginnenseite)
    Alle sieben Jahre steht Bergenstadt kopf: Man feiert Grenzgang, das traditionelle Volksfest, und dabei werden nicht nur die Gemeindegrenzen abgeschritten. Auch abends im Festzelt wird ausprobiert, wie weit man gehen kann. Alle sind dabei, nur zwei stehen am Rand: Thomas Weidmann und Kerstin Werner. Er ist nach gescheiterter Uni-Karriere als Lehrer ans Gymnasium Bergenstadt zurückgekehrt. Sie versorgt nach gescheiterter Ehe ihre demenzkranke Mutter und hat Ärger mit ihrem pubertierenden Sohn. Vor sieben Jahren beim letzten Grenzgang sind sich die beiden schon einmal begegnet, und damals ist etwas passiert, woran sich die beiden auch noch bei diesem Fest mit gemischten Gefühlen erinnern.


    Der Autor:
    Stepan Thome wurde 1972 in Biedenkopf/Hessen geboren. Wie ich gegoogelt habe feiert man dort "Grenzgang" und Biedenkopf steht wohl für "Bergenstadt". Er studierte Philosophie, Religionswissenschaft und Sinologie an der FU Berlin und an verschiedenen Universitäten der VR China, in Taiwan und Japan. Seit 2005 lebt und arbeitet er in Taipeh/Taiwan.
    "Grenzgang" ist sein erster Roman.


    Meine Meinung:
    "Grenzgang" ist ein Buch, das mich während dem Lesen und wahrscheinlich noch eine Weile darüber hinaus gefangen nahm und mir viel zum Grübeln gab.
    Dabei war es anfangs nicht ganz einfach, in die Geschichte reinzufinden. Der Autor erzählt im 7-Jahrestakt, d.h. die Geschichte wird
    zeitlich immer nur von den Grenzgangsfeiern aus erzählt, beim Lesen sickert natürlich auch durch, was in den jeweils 7 Jahren zwischen den Festen passiert ist. Leser müssen bei jedem Kapitel erst mal herausfinden, welches Grenzgangfest hier gerade läuft und darüber hinaus, aus wessen Perspektive (der von Thomas Weidmann, der von Kerstin Werner oder der ihres Sohnes Daniel) hier gerade erzählt wird. Er hält keine Chronologie ein, es geht mal 14 Jahre nach vorne oder 21 Jahre zurück.
    Was die Menschen an "Grenzgang" so toll finden, bleibt (gewollt denke ich!) fragwürdig. Es handelt sich hier um eine riesige kollektive Begeisterung mit viel Alkohol unter dem Deckmäntelchen von Heimatverbundenheit und Tradition.
    Nach ein paar Kaptiteln waren mir die handelnden Personen so weit vertraut, dass ich mit den Zeit- und Perspektivensprüngen klar kam und von da an hat mich der Roman immer mehr begeistert. Es wird hier nämlich nicht nur erzählt was an Grenzgang dieses oder jenen Jahres geschah, es wird so erzählt, dass das jeweilige Weltbild, die damaligen Werte der Personen hinter dem Geschehen stehen. Unglaublich geschickt gemacht - es entstehen Brüche und durch die Hintertür erfährt man, welche Hoffnungen nicht erfüllt wurden, welche Veränderungen in den Köpfen und Seelen stattfanden.
    Mit unglaublicher Einfühlsamkeit seziert Stephan Thome die gescheiterten Lebensentwürfe von Thomas und Kerstin. Das Ganze geschieht sehr eindringlich aber nicht ohne Humor.
    Bei den Szenen, die sich z.B. zwischen Kerstin u ihrer demenzkranken Mutter abspielen, habe ich nochmal nachgesehen, wie alt der Autor ist u ob es wirklich ein Mann ist!
    Wie kann ein so junger Mann, der in Taipeh lebt, so treffend die Frustation einer Mittvierzigerin in der hessischen Provinz schildern?
    Und obwohl Thome typische Phänomene unserer Zeit schildert, kommt er ohne platte Klischeehaftigkeit aus.
    Die "kleinen Katastrophen", die alltäglichen Enttäuschungen, die die meisten Menschen irgendwann einzustecken haben, nachdem sie in der Jugend glaubten, ihnen gehöre die Welt, das wird hier in dezenter Art und Weise rübergebracht u machte mich während dem Lesen nachdenklich und stellenweise sogar sehr traurig.
    Darum war ich froh, dass es ein versöhnliches Ende gab - kein "Happy End", das hätte nicht gepasst, aber doch eine gute Entwicklung....


    "Grenzgang" - ein tolles Buch von einem jungen neuen Autor! Hut ab! :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:
    Ein Exemplar von einem eventuellen zweiten Roman, sollte er ihn denn schreiben, hat er schon verkauft: An mich!! :wink:


    Huch! Beinahe hätte ich es vergessen, aber ihr hättet es euch sicher schon gedacht: Wenn ein Buch von mir 5 Sterne bekommt, dann ist auch die Sprache großartig!!

    "Wie wenig du gelesen hast, wie wenig du kennst - aber vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist." Elias Canetti

    Einmal editiert, zuletzt von cheriechen ()

  • Tolle Rezi..., die meine Wunschliste wieder mal erweitert! Danke!


    Es ist doch zu hoffen (und es gibt einige von ihnen), dass es auch unter den jungen Schriftstellern gutes zu lesen gibt!

  • Da rutscht das Buch in meinem SUB ein gutes Stück nach oben - ich werde es bald lesen und freue mich schon sehr darauf!

    ..und ich freue mich sehr auf deine Einschätzug! :friends:

    "Wie wenig du gelesen hast, wie wenig du kennst - aber vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist." Elias Canetti

  • Cheriechen und Conor!
    Ich hoffe euch ist klar, dass ich ernsthaft an meiner SUB arbeite - tolle Rezis u. Ankündigung es bald auch zu lesen helfen mir da nicht weiter. Schämt euch! :loool::lol:


    Liebe Grüsse
    Wirbelwind


    :study: Barbara Taylor Bradford, Das Haus Ravenscar

    :study: Naomi J. Williams, Die letzten Entdecker









    Bücher sind die Hüllen der Weisheit, bestickt mit den Perlen des Wortes.

  • Cheriechen und Conor!
    Ich hoffe euch ist klar, dass ich ernsthaft an meiner SUB arbeite - tolle Rezis u. Ankündigung es bald auch zu lesen helfen mir da nicht weiter. Schämt euch! :loool: :lol:


    Liebe Grüsse
    Wirbelwind


    :study: Barbara Taylor Bradford, Das Haus Ravenscar

    Komm, Wirbelwind! Eines mehr oder weniger, da kommt es doch nun nicht mehr drauf an! Wir sollten vielleicht den Sub nur noch in Metern messen!?
    In diesem Fall wären bei mir dann gerade wieder 0,75 m dazugekommen.... :roll: :uups:


    Aber im Ernst: Ich denke, es würde dir gefallen...!

    "Wie wenig du gelesen hast, wie wenig du kennst - aber vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist." Elias Canetti

  • Schon wieder cheriechen + Conor + Wirbelwind. Was folgt daraus?
    (Falls ich demnächst einen Abnehm-Thread für Wunschlisten eröffne, dürft Ihr drei nicht mitmachen :tongue: . Ihr seid ja schlimmer als Schokolade fürs Körpergewicht.)

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • Falls ich demnächst einen Abnehm-Thread für Wunschlisten eröffne

    Ich glaube, du hattest schon mal bessere Ideen...!
    Wer nicht mehr wünscht ist tot!
    Außerdem kann ich es dir ja ausleihen, wenn wir uns im Mai auf der Bücherbörse sehen!

    "Wie wenig du gelesen hast, wie wenig du kennst - aber vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist." Elias Canetti

  • Mit "Grenzgang" hat Stephan Thome einen gelungenen Debütroman hingelegt.
    Grenzgang wird alle 7 Jahre gefeiert, dieses traditionelle dörfliche Fest geht über 3 Tage, dabei wird in bierseliger Laune auch mal über die Stränge geschlagen.
    Thomas Weidmann ist nach geplatzter Karriere nach Bergenstadt zurückgekehrt, um dort zu unterrichten.
    Kerstin Werner, 44 Jahre, ist geschieden und muss nun ihre demenzkranke Mutter versorgen. Zudem hat sie einen pubertierenden 16-jährigen Sohn.
    Aus wechselnder Erzählperspektive wird nun deren Innenleben nach außen gekehrt: Frustrationen, Enttäuschungen, nicht erfüllte Lebensträume. Dabei kann sich Thome wunderbar in die jeweilige Person einfühlen.
    Ich hatte anfangs ebenfalls leichte Schwierigkeiten beim "Einlesen", denn nicht nur die Erzählperspektive ändert sich, sondern auch die Zeitebenen wechseln.
    Auch sprachlich hat mich der Roman überzeugt und ich kann mich ganz der Meinung von Cheriechen anschließen.


    Der Roman hat es immerhin auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2009 geschafft.

  • Ich hab es als Hörbuch "gelesen", hier meine Meinung (meine komplette Rezi ist hier auf http://www.leser-welt.de).


    Ich würde dieses Hörbuch am ehesten als Entwicklungsroman mit Millieustudieneinflüssen bezeichnen. Es ist keine typische Liebesgeschichte.
    Atmosphärisch top, dramatisch schwach, etwas verwirrend durch das zeitliche Hin- und Herspringen, und von den Sprechern halb gut/halb langweilend vorgelesen.

    Ich lese gerade: Der Hunderjährige ...


    Und höre: Totenmaske

    Einmal editiert, zuletzt von sumpfmeise ()