Dörte Schipper - Den Tagen mehr Leben geben

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Den Tagen mehr Leben geben: Über Ruprech...

4.5|2)

Verlag: Lübbe

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 253

ISBN: 9783785723852

Termin: Februar 2010

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  • Hallo!
    Der Fernsehjournalistin und Autorin Dörte Schipper ist ein bemerkenswert spannendes und überraschendes Buch gelungen über das Sterben – und das Geheimnis eines erfüllten Lebens. Dem Buch vorausgegangen ist eine Fernsehdokumentation in der ARD, für die die Autorin mit dem Erich-Klabunde-Preis ausgezeichnet wurde.


    "Den Tagen mehr Leben geben", handelt von einem außergewöhnlichen Koch und seinen sterbenskranken Gästen im Hamburger Leuchtfeuer Hospiz.


    Im Foyer des Hospizes "Leuchtfeuer" hängt der Leitspruch des Hauses: "Wir können dem Leben nicht mehr Tage geben, aber den Tagen mehr Leben." Ruprecht Schmidt, früherKüchenchef in einem Nobelrestaurant, hat diese Maxime zutiefst verinnerlicht. Er weiß, dass er das Leben der Sterbenden nicht verlängern kann, aber er kann es lebenswerter machen. Der Hospizkoch erfüllt jeden kulinarischen Wunsch und schenkt seinen Gästen nicht nur Geschmackserlebnisse, sondern auch Erinnerungen an glücklichere Zeiten.


    Dörte Schipper


    DEN TAGEN MEHR LEBEN GEBEN
    Über Ruprecht Schmidt, den Koch, und seine Gäste


    Vorwort von Udo Lindenberg


    253 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag


    € (D) 19,99 /€ (A) 20,60 /SFr. 34,50* - ISBN 978-3-7857-2385-2



    "Ich definiere mich als Koch nicht mehr darüber, wie viel gegessen wird, sondern, ob ich die Menschen damit erreiche." Früher war Ruprecht Schmidt Küchenchef in einem Nobelrestaurant. Heute kocht er im "Leuchtfeuer", einem Hamburger Hospiz. Die meisten seiner Gäste haben Krebs im Endstadium.


    Ob Steak, Labskaus, Coq au Vin oder eine aufwändige Torte, Ruprecht, der Koch, erfüllt jeden kulinarischen Wunsch. Tagtäglich erlebt er aufs Neue, wie wichtig es den Bewohnern im Hospiz ist, noch einmal ihre Lieblingsgerichte genießen zu können. Kräuter, Gewürze, den individuellen Geschmack zu treffen, ist für den Koch nicht immer leicht. Oft geht es nur um Nuancen, und er braucht mehrere Anläufe.


    "Wenn ich es schaffe, ein Essen genau so zu kreieren, wie ein Sterbenskranker sich das vorgestellt hat, kann ich mich jedes Mal aufs Neue darüber freuen."


    Seit der Gründung des Hospizes vor elf Jahren ist Ruprecht Schmidt sein eigener Chef de Cuisine in einem Zuhause für Todkranke. Mitten in St. Pauli bietet das Hospiz Platz für elf Bewohner. Die meisten leben hier nicht länger als ein paar Wochen. In der Eingangshalle hängt in großen Buchstaben der Leitspruch des Hauses: "Wir können dem Leben nicht mehr Tage geben, aber den Tagen mehr Leben." Diese Worte hat der Koch verinnerlicht. Das Leben der Kranken verlängern kann er nicht, es versüßen schon. Als Ruprecht Schmidt vor elf Jahren den Job annahm, wurde er öfters gefragt, ob es nicht absurd sei, für Todkranke zu kochen. Er selbst hat sich diese Frage nie gestellt. Die Bedeutung, die Essen haben kann, ist ihm durch die Arbeit im Hospiz immer klarer geworden. Seine Erkenntnis klingt so einfach, fast banal: "Essen heißt, ich lebe noch!"


    Der Job von Ruprecht Schmidt ist einzigartig, seine Motivation auch. Viele Jahre hat er in der gehobenen Gastronomie gearbeitet. Als Spitzenkoch hätte er weiter Karriere machen können ... Doch seine Arbeit hat ihn nicht befriedigt, er vermisste den Kontakt zu den Menschen, die er bekochte. Im Hospiz zu arbeiten ist für ihn wie ein Sechser im Lotto – nicht finanziell, aber menschlich betrachtet.


    Rolf Führing hat Bauchspeicheldrüsenkrebs. Nach wochenlanger Appetitlosigkeit im Krankenhaus, wird er schon am ersten Tag im Hospiz Ruprechts hungrigster Gast.


    Seitdem Horst Reckling im Hospiz ist, möchte er immer nur seinen Lieblingsquark. Erst seit neun Jahren ist er mit seiner geliebten Beate verheiratet. Die Beiden hätten sich so gerne noch etwas mehr Zeit miteinander gewünscht.


    "Es mag verrückt klingen", sagt Gudrun Fischer, "aber ich verbringe jetzt am Ende meines Lebens Ferien wie in einem Grandhotel. Mit fast allem, was Freude bereitet." Ausgerechnet ihr, die sie ihr Leben lang gut und gerne aß, drückt ein riesengroßer Tumor auf den Magen.


    Vor vier Monaten zog es Renate Sammer den Boden unter den Füßen weg: Lungenkrebs im Endstadium. Ihr Leben lang hatte sie sich alleine durchgeboxt, jetzt plötzlich ist sie von anderen abhängig. Den Koch schließt sie ins Herz. Sein Steckrübenmus ist ein Gedicht.


    Für eine kurze Zeit werden die Todkranken für den Hospizkoch vertraute Gesichter.


    Er erfährt einen kleinen und gleichzeitig letzten Ausschnitt ihres Lebens. Die Bewohner erzählen von sich, ihrer Vergangenheit, ihrem Umfeld, ihren Sorgen, Ängsten und Freuden. Über das Essen wird Ruprecht Schmidt ihr Vertrauter, ein außergewöhnlicher Sterbebegleiter.


    Mit dem Einzug ins Hospiz rückt für die sterbenskranken Menschen das Endgültige immer näher. Vorbei mit: "Das kann ich noch nächstes Jahr machen." Es gilt nur noch das Heute und Jetzt. So unterschiedlich, wie sie gelebt haben, gehen die Menschen auch mit der Gewissheit um, bald sterben zu müssen.


    Viele fühlen sich wie zu Hause und gut aufgehoben in der familiären Atmosphäre des Hospizes. Einige fühlen sich abgeschoben und lassen ihren Frust genau an den Menschen aus, die sie am meisten lieben. Für die einen ist der Tod ein Tabu, andere reden pausenlos über das Sterben – mit schwarzem Humor, Ironie, oder abgeklärt und nüchtern. Manche finden Trost in der Religion, manche im Sarkasmus.


    Begriffe wie Harmonie und Dankbarkeit werden plötzlich wichtig. Zwischenmenschliche "Baustellen", die schon seit Jahren gären, sollen unbedingt noch schnell bereinigt werden. Es können sich aber auch neue auftun.


    Verhalten, Wünsche und Gedanken der Menschen verändern sich, je näher der Tag rückt. Wer heute noch Scherze macht, kann morgen unendliche Angst haben, verbittert sein oder umgekehrt.


    Trotz der extremen Gefühlsschwankungen, zeigt sich bei den Bewohnern eines durchgehend: Auch wer unwiderruflich weiß, seine Tage sind gezählt, kann noch genießen, lachen und Momente des Glücks erleben.


    Lebensbejahend, wie die Atmosphäre im Hospiz, ist auch das Buch. Es erzählt über einen außergewöhnlichen Koch und die Lebensgeschichten seiner Gäste.


  • Anrührend und tiefsinnig zugleich


    Schon seit Jahren bin ich um dieses Buch herumgeschlichen. Einerseits reizte es mich vom Standpunkt des langjährigen Sachbuchlesers aus. Es war einfach ein zu schönes, ungewöhnliches Thema – ein Spitzenkoch, der freiwillig seine Karriere an den Nagel hängt, um ins Hospiz kochen zu gehen. Ein Abstieg, der letztlich keiner war. Gereizt hat es mich aber auch, weil ich selber schon Hospizarbeit gemacht habe, und auch heute noch mit Menschen am Ende ihres Lebens in der Pflege zu tun habe. Ich erhoffte mir also einerseits eine journalistisch gut aufgearbeitete Geschichte, andererseits Einblicke in den Hospizalltag.


    Ich bin wahrlich nicht enttäuscht worden. Das Buch las sich einerseits dermaßen flüssig weg, dass es – trotz des ernsten Themas – eine wahre Freude war. Es war andererseits gut recherchiert, und dennoch „menschlich“ erzählt. Es bot einen sehr gut austarierten Mix aus Emotion und Hintergrundinfo.


    Man merkt schon, dass die Autorin Journalistin ist. Sie weiß genau, wie weit sie gehen darf, und was die Leser interessiert. Dabei lässt sie natürlich das Hauptthema des Buches, den Koch Ruprecht Schmidt, nicht aus den Augen. Er ist zwar der Aufhänger, bietet aber genügend Gelegenheit, Abstecher in die Krankenzimmer und zu den Bewohnern des Hauses „Leuchtfeuer“ zu machen.


    Das Buch ist wie eine warmherzige Erzählung geschrieben. Ruprechts Lebenslauf wechselt sich immer wieder ab mit neu einziehenden Bewohnern, mit deren Hintergrundgeschichten, mit ihren Lieblingsgerichten und aktuellen Konflikten, die sich aus der Pflegesituation ergeben. Da ist die strenge alleinerziehende Mutter, die erst durch ihre tödliche Erkrankung lernt, zu genießen. Da ist der schüchterne Buchhalter, der seiner zweiten Frau monatelang den Hof gemacht hat, und als letztes Lieblingsgericht noch den Pflaumenquark aus einem Urlaub in Jugoslawien behalten hat. Und da ist die Lehrerin mit Magenkrebs, die nur noch kleinste Portionen zu sich nehmen kann, und dennoch vor Glück und Gelassenheit strahlt. Ich habe sehr oft wirklich zwischen Lachen und Weinen geschwankt.


    Als besonders wohltuend habe ich empfunden, dass sich die Autorin mit einer eigenen Meinung zurückhält, und soweit als möglich die Beteiligten im „O-Ton“ zu Wort kommen lässt. Ruprecht Schmidt erzählt zum Beispiel auf berührende Weise, wie sich durch seine Arbeit seine allgemeine Lebenseinstellung und sein Berufsethos gewandelt hat. Dass er allerdings immer noch nicht weiß, wie er selber auf den Tod reagieren wird. Auch die Bewohner und Angehörigen erzählen. Und dadurch entsteht ein lebendiges Bild vom Menschsein, vom Genuss, vom Leben und Sterben.


    Ich habe mir viele Fragen gestellt. Was bedeutet Essen und Genuss für mich? Welche Erinnerungen hege ich zum Beispiel an Familienfeiern oder Lieblingsgerichte? Essen hat ja auch viel mit sozialer Interaktion zu tun. Mit Familie und Feiern. Mit Urlauben oder Jubiläen. Was ist für mich Genuss? Wo ist der Sinn des Lebens und Sterbens?


    Alle diese Fragen vermittelt das Buch in warmherzigem Ton, sehr unaufgeregt, aber extrem gut lesbar. Ich wünsche ihm noch viele weitere Leser.


    Volle 5/5 Sternen!

    "Ein Mensch, der Ideale hat/
    Der hüte sich, sie zu erreichen!/
    Sonst wird er eines Tags anstatt/
    Sich selber andern Menschen gleichen."
    (Erich Kästner) :):)

  • K.-G. Beck-Ewe

    Hat den Titel des Themas von „Dörte Schipper: Den Tagen mehr Leben geben“ zu „Dörte Schipper - Den Tagen mehr Leben geben“ geändert.

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