Yan Lianke - Der Traum meines Großvaters / Dream of Ding Village

Anzeige

  • Inhalt:
    Aus dem Chinesischen von Ulrich Kautz. Die Sonne geht unter über der chinesischen Provinz Henan und taucht das Tal in Rot. Ein toter zwölfjähriger Junge erscheint seinem Großvater in dessen Träumen und erzählt uns diese unglaubliche Geschichte: Vor vielen Jahren folgten die Bürger im Dorf Dingzhuang einem Aufruf der Regierung und verkauften ihr Blut. Ein besseres Leben wurde ihnen versprochen, und der Großvater, Lehrer und Dorfvorsteher, riet ihnen gut zu. Sein ältester Sohn organisierte den Handel, und für eine Weile zog tatsächlich ein wenig Wohlstand ein. Dann aber kam die Krankheit, die die einstigen Spender schlicht das Fieber nennen und die sie nun aus dem Leben weht wie tote Blätter von den Bäumen. Yan Lianke erzählt von einer Schicksalsgemeinschaft und ihrem zum Scheitern verurteilten Versuch, in einer extremen Situation menschlich zu bleiben. Und er setzt all jenen Menschen ein poetisches Denkmal, die dem in China bis heute vertuschten Aids-Skandal der 90er Jahre zum Opfer fielen.(Quelle: Perlentaucher)


    Der Autor:
    Yan Lianke, wurde 1958 in der ostchinesischen Provinz Henan als Sohn eines Bauern geboren. Er zählt zu den bedeutendsten chinesischen Gegenwartsautoren. Einige seiner Romane und Kurzgeschichten wurden ausgezeichnet, darunter mit den beiden bedeutendsten Literaturpreisen Chinas, dem Lao-She-Preis sowie dem Lu-Xun-Preis. Andere wurden zensiert oder ganz verboten, darunter sein Roman "Dem Volke dienen", dem Beleidigung Mao Zedongs und sexuelle Zügellosigkeit vorgeworfen wurde, und sein Roman "Der Traum meines Großvaters", der vom Aids-Skandal in Henan handelt.(Perlentaucher


    Meine Meinung:
    Erzähler ist der tote 12-jährige Enkel (Quiang Ding ). Er wurde aus Rache vergiftet, da er der Sohn des Blutchefes Ding Hui ist.
    Von ihm erfahren wir die Geschichte des Dorfes. Die Bevölkerung wurde angehalten Blut zu spenden, damit könne sie auch ihr Geld verdienen und somit ihre Kaufkraft erhöhen.
    Die Bevölkerung beteiligt sich aus den verschiedensten Gründen und erst bricht auch der Wohlstand aus - aber durch mangelnde Hygiene (z.B. wurden die Nadeln mehrfach benutzt) erkranken die Leute am "Fieber" und sterben nach einiger Zeit.
    Aber selbst am Sterben kann man Geld verdienen -und auch hier ist der Ding Hui vorne dabei, er verdient sein Geld jetzt mit Särgen; hinzu kommt dann eine so groteske Sache wie die Totenehe und auch hier wird Geld verdient.
    Trotz allem gibt es in dem Roman eine Liebesgeschichte: zwischen zwei Erkrankten, die aber anderweitig verheiratet sind. Diese Beiden ziehen zusammen und müssen sich den veralteten Vorstellungen der anderen Dorfbewohnern stellen.
    Der Roman trägt deshalb den Titel "Der Traum meines Großvaters", weil dieser von den Geschehnissen träumt. Dabei wird dem Großvaters einiges klar: wie es zu dem Wohlstand gekommen ist, Ursache und Wirkung des Blutverkaufs.


    Die Sprache Liankes ist dabei einfach und poetisch, wobei die Tragik des Geschehens wunderbar rüberkommt. Manches ist auch grotesk.


    Lesenswert und ich vergebe mal :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5: / :bewertung1von5: Sternchen

  • noch eine kleine Ergänzung:


    Zum Teil ist die Sprache recht bildhaft. Zum Beispiel symbolisiert das Fallen der Herbstblätter das Sterben der Kranken.


    Was die Covergestaltung anbelangt, bin ich noch am grübeln. :-k:wink:

  • Eine Bekannte empfahl und lieh mir den Roman, und erst später entdeckte ich diese hiesige tolle Buchbesprechung von Conor und hole gerne noch einmal den Fred hoch, um das Buch in Erinnerung zu rufen und zu empfehlen!


    Der Roman verbindet Traumelemente (des Großvaters des Ich-Erzählers), poetische Beschreibungen und Bilder mit den realistischen Gegebenheiten der unkontrollierten Blutabnahmen, aus denen man ein Geschäft machte, und die dann AIDS provozierten (in China war die freiwillige Blutspende nicht verbreitet, sondern es wurde Blut „verkauft“ – andere moralische Fragezeichen angesichts solcher Praktiken darf man sich ruhig stellen).


    Wenn ich die Übersetzung des Titels auf Französisch sehe, dann ist der angesprochene „Traum“ wohl auch der des Dorfes nach Reichtum? Ich würde gerne einen Chinesen nach dem Sinn des Titels fragen: Ding zhuang meng.


    Der „Ton“ der Geschichte, eine gewisse Tragik, ist von Anfang an angeschlagen: die Bilder der ersten Seite sprechen schon vom Verfall, der Öde, dem Siechtum, Fieber und Tod. In Rückblicken, Träumen und Dialogen wird vom Beginn der Epidemie erzählt, doch der Roman handelt überwiegend vom Umgang der Bevölkerung mit den Folgen: sowohl der „Verursacher“ und Profitierer, als auch der sich verantwortlich Fühlenden und eben den Betroffenen, die manchmal verschieden reagieren. Denn sie werden in ihrer Suche nach Liebe und Gemeinschaft, aber auch teils in ihren Zwiespälten dargestellt. Da zerbrechen Familien und herrschen eben auch Neid und Habgier. Das „Dunkle“ liegt nicht nur klar bei der Täterseite.


    Der Autor war lange Zeit so gar nicht bekannt für resolute Regimekritik, doch fand seine Bitte um Aufklärung der Zustände in seiner Heimatprovinz kein Echo. Er setzte dem Ganzen ein Denkmal durch einen Roman. So spürt man von Anfang an, dass hier jemand, wie es im Nachwort des Autors heißt, mit seinem Herzblut geschrieben und sich die Wörter abgerungen hat.


    Neben den erwähnten Bildelementen und Vergleichen aus der Natur fiel mir ganz stark die Verwendung der Farben auf! Alle paar Zeilen oder Seiten kommt eine Farbe zum Zug, insbesondere das Rot.


    Eventuell würde es helfen, wenn man, sei es in Fußnoten oder sei es in einem Anhang, einige Erläuterungen zu verschiedenen Traditionen und Sitten beifügen würde?


    Ein wichtiges Buch zu einem schmerzlichen Thema!

  • Amazon-Informationen:


    Here, China's most controversial novelist takes as his subject the contemporary AIDS blood-contamination scandal in Henan province, where villagers were coerced into selling vast quantities of blood and then infected with the AIDS virus as they were injected with plasma to prevent anaemia. Whole villages were wiped out in this way, with no responsibility taken or reparation made.


    Dream of Ding Village focuses on one village, and the story of one family, torn apart when one son rises to the top of the Party pile as he exploits the situation, while another is infected and dies. Narrated by a dead boy and written in finely crafted, affecting prose, the novel presents a powerful absurdist allegory of the moral vacuum at the heart of Communist-capitalist China as it traces the life and death of an entire community.


    'I come from the bottom of society. All my relatives live in Henan, one of the poorest areas of China. When I think of people's situation there, it is impossible not to feel angry and emotional. Anger and passion are the soul of my work.' Yan Lianke


    Zum Autoren/amazon.de:


    Yan Lianke was born in 1958 in Henan province, where the blood-contamination scandal that features in this book happened. He is one of China's most established literary writers and his novels and story collections have won many of China's most prestigious literary prizes. He is also China's most controversial writer. His novel Serve the People!, also published by Constable, was banned for satirising the Cultural Revolution and became an underground internet sensation. The Death of Ding Village was stopped in its tracks with a 'no distribution, no sales and no promotion' order. The risk to publishers are now so high that Lianke doesn't know whether he'll be able to find a Chinese home for his next book.


    Eigene Beurteilung/wird auch so nach amazon.de kopiert:


    Zum letzten Kommentar des Autoren muss man sagen, dass er eigentlich nicht ganz versteht, warum Mo Yan, der in seinem Schreiben weiter geht als er selbst und den viele als zu regimehörig sehen, veröffentlicht wird. Er selbst wäre gerade mit diesem Buch nicht so mutig gewesen.


    Tatsächlich werden all die bösen Dinge, die hier geschehen in erster Linie durch die Menschen begangen, die Regierungsanordnungen erfüllen, soweit sie sich davon einen persönlichen Vorteil versprechen und soweit es ihre Portemonnaies füllen hilft. Dafür stehlen und betrügen sie ohne Unterlass, verschweigen als ein gesamtes Dorf einer künftigen Braut die HIV-Erkrankung ihres Verlobten, Handeln mit Blut auf Teufel komm` raus und verstehen es sogar aus der daraus resultierenden HIV-Epidemie in der Provinz, den gesponserten Regierungssärgen und der Heiratsvermittlung für Verstorbene Gewinn zu ziehen. Eine Grenze der Absurdität ist dabei nicht abzusehen.


    Im Mittelpunkt dieser Ereignisse steht der Großvater des ich-erzählenden jungen Herrn Ding, nach dessen Familienname auch der Ort benannt worden ist. Dieser Großvater, ein ehemaliger Schulhausmeister, der als inoffizielle Vertretungslehrer zu einigem lokalen Ruhm gekommen ist, ist einer der ersten Ansprechspartner, als es zu großen Blutsammelaktionen kommt und er überredet seinen Sohn dazu, in dieses Geschäft einzusteigen, dass bald in der ganzen Provinz haarsträubende Ausmaße annimmt. In der Folge beschäftigt sich dieser Sohn immer wieder mit den entsprechenden Folgegeschäften und weigert sich, sich für die entstehenden Schäden - an denen seine gierigen Mitdorfbewohner mindestens genauso großen Anteil haben - zu entschuldigen, was das Vater-Sohn-Verhältnis nachhaltig vergiftet. Und dabei geht Ding Village mehr und mehr vor die Hunde - was der alte Mann seinem Sohn zuweist, aber nie sich selbst.


    Wie auch bei Mo Yan findet man hier viele Charaktere, die moralisch überaus fragwürdig sind. Einen starken positiven Charakter sucht man dabei allerdings vergebens, was das Buch überaus deprimierend macht in Bezug auf die menschliche Natur, wie sie hier dargestellt wird. Hier lässt Mo Yan seiner Leserschaft meist ein wenig mehr Hoffnung.


    Trotzdem ist das Buch interessant zu lesen, denn man kann immer nur wieder staunen, mit welchen Argumentationswegen die Menschen sich und andere davon überzeugen absolut haarsträubende Dinge zu tun und sich dann auch noch dafür zu entschuldigen, wenn sie ausnahmsweise mal etwas halbwegs Positives erreicht haben.

Anzeige