John Irving - Die vierte Hand / The Fourth Hand

Anzeige

  • Kurzbeschreibung: (perlentaucher.de)


    Ein New Yorker TV-Journalist verliert während einer Reportage vor
    laufender Kamera seine linke Hand - sie wird von einem hungrigen
    Zirkuslöwen aufgefressen. Millionen Fernsehzuschauer sind Zeugen des
    Unfalls. Nach dem Willen einer Zuschauerin soll der Journalist die Hand
    ihres Gatten bekommen - falls dieser stirbt. Doch der Mann ist jung und
    kerngesund...


    Meine Meinung:


    Zitat

    Ich kenne niemanden, der durch "Die vierte Hand" zum Irving-Fan geworden wäre.

    ... so schrieb Marie im Rezensionsthread zu "Gottes Werk und Teufels Beitrag".
    Auch ich würde sagen, dass "Fan werden" etwas zu viel des Guten ist. Aber definitiv bin ich neugierig geworden auf weitere Irving Bücher.


    Anfangs tat ich mich etwas schwer mit dem allwissenden Erzähler, es scheint so, als ob er aus dem Off des Buches spricht, wodurch man eine recht große Distanz zum Erzählten bekommt. Es fängt an mit einem Kapitel über den Journalisten Wallingford, z.B. wie es dazu kam, dass seine Hand von einem Löwen abgebissen wurde.
    Das zweite Kapitel handelt dann gleich mal von dem exzentrischen Handchirurgen Dr. Zajac, der Wallingford später die neue Hand annähen wird.
    Dr. Zajac ist ein komischer Kauz, lebt alleinerziehend, hat einen Sohn, der genauso kauzig wirkt und den er alle drei Wochenenden bei sich haben darf. Zudem hat er noch eine Haushälterin. Zajac hat die Angewohnheit, Hundehaufen mit seinem Lacrosseschläger aufzuheben und sie zielgerichtet nach den Ruderern zu schleudern (was er aber bestreitet). Später kommt dann noch ein exzentrischer Hund dazu, der alles frisst, allem voran Hundehaufen, fremde wie eigene und somit ein praktischer Begleiter auf Zajacs Hundekotmission ist.


    Wallingford trifft in Dr. Zajacs Büro auf Doris Clausen, der Witwe des Handspenders, der unter tragischen Umständen am Tag des SuperBowls ums Leben gekommen ist.
    Ein seltsames Zusammentreffen, aus dem ein Kind entstehen wird, zusätzlich fordert sie ein Besuchsrecht bei der ehemaligen Hand ihres Mannes.
    Im Laufe dieser Besuche merkt Wallingford, dass er sich in Doris verliebt hat.


    Wallingford ist ein Schürzenjäger ohne eigenes Zutun, er zieht Frauen einfach magisch an. Zum Beispiel die Journalistenkollegin Mary, die für ihn keinen Nachnamen hat, aber ein Kind von ihm will.
    Sein Job ist bei einem Sender, der als "Katastrophensender" verschrien ist, dort fühlt er sich aber mehr und mehr unwohl und prangert die Sensationsgeilheit der Medien an, obwohl er selbst Teil davon ist. Diese Kritik ist immer wieder eingestreut in diesem Buch.


    Ab der Mitte des Buches ungefähr, vor allem zum Ende hin, scheint sich der allwissende Erzähler etwas zurückzuziehen, es mutet fast wie eine normale Erzählungen an, die aber durchaus nicht an Skurillität verliert und des öfteren auch größere Zeitsprünge hat.



    Nach den ersten 20-30 Seiten, nachdem ich mich auf den Schreibstil eingelassen hatte, konnte ich das Buch fast nicht mehr aus der Hand legen. Ein bisschen wie bei einem Unfall, eigentlich möchte man wegsehen, aber man bleibt mit den Blicken doch immer wieder daran hängen, möchte wissen, wie es denn nun weitergeht.
    Literarisch nicht außergewöhnlich, aber irgendwie doch außergewöhnlich aufgrund der Geschichte an sich und dem Erzählstil.



    Alles in allem fand ich das Buch einfach klasse, es war mal etwas anderes.
    Von mir gibt es :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: Sterne.

    "Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont."
    Konrad Adenauer


    :study: Jeffery Deaver - The Midnight Lock











  • Als erstes Buch von Irving ist tatsächlich z.B. "Gottes Werk und Teufels Beitrag" besser geeignet.
    Ich fand aber "Die vierte Hand" durchaus auch sehr amüsant und habe es mit Wonne gelesen.
    Bei Irving bin ich immer ganz neidisch, wie jemand sich so viel Skurriles ausdenken kann.... :drunken:

    "Wie wenig du gelesen hast, wie wenig du kennst - aber vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist." Elias Canetti

  • @ Coco,
    wenn Du die anderen Irving-Rezensionen schon so fleißig gelesen hast, brauche ich Dir hier meinen Lieblings-Irving, der mich für alle Zeiten zum Irving-Fan machte, wohl nicht zu nennen? Falls "Die vierte Hand" Dich dazu gebracht hat, jetzt auch die anderen Irvings zu lesen, hast Du ein großes Vergnügen vor Dir.

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • Autor
    (Verlag/Cover)
    John Irving, 1942 in Exeter geboren, lebt heute im Vermont. Die vierte Hand ist der zehnte Roman des Autors.
    Kurzbeschreibung:
    (Verlag/Cover)
    Trauer, Verlust und die Kraft der Liebe sind die Themen von John Irvings neuem Roman, in dem ein Journalist nach dem Verlust seiner linken Hand durch einen tragischen und gleichzeitig skurrilen Unfall, die Chance ergreift, sich und sein Leben zu ändern und die Frau sienes Lebens zu gewinnen. Die vierte Hand ist ein Buch über Menschen, die sich verlieren und wieder finden, über Menschen in der Krise.
    Ein Entwicklungsroman, eine Liebesgeschichte - sinnlich, knapp, dicht und so ausschweifend und melancholisch wie Irvings Helden selbst.
    Meine Meinung:
    Das ist das dritte Buch, das ich von John Irving gelesen habe, und, leider, hat es mir am wenigsten gefallen. Was aber nicht heißen soll, dass ich das Buch ungerne gelesen habe, es ist immer noch gut, nur reicht, meiner Meinung nach, nicht an seine anderen Werke, wie z.B. "Bis ich dich finde".
    Dennoch ist es typisch Irving. Der Roman ist in dem sehr eigentümlichen besonderen Stil des Autors erzählt, hat bizzare und unerwartete Wendungen in der Geschichte und bietet auch die Irvings kennzeichnende skurrile Charaktere.
    Eins ist sicher, ich werde ganz bestimmt, weitere Bücher von John Irving lesen.

    2022: Bücher: 93/Seiten: 40 677
    2021: Bücher: 205/Seiten: 93 417
    ------------------------------

    „Das Nicht-Wahrnehmen von etwas beweist nicht dessen Nicht-Existenz“

    Dalai Lama

    ------------------------------

    Lese gerade:

    Crichton, Michael/Wilson, Daniel H. - Andromeda-Die Evolution

  • Ich habe "Die vierte Hand" vor einigen Jahren gerne gelesen, habe sie in guter, aber auch nicht als das Irving Buch in Erinnerung.


    Coco206: Dein Satz vom "Schürzenjäger ohnen eigenes Zutun" hat mir so gut gefallen, dass ich darüber nachgedacht habe und zu dem Schluss gekommen bin, er kann so nicht ganz stimmen. Oder wenn, dann kann das nur jemand von sich behaupten, der sich gerne ein wenig naiver gibt, als er vielleicht ist. Ich glaube schon, dass es Männer und auch Frauen gibt, die auf das jeweils andere Geschlecht anziehend wirken, ohne sich sonderlich darum zu bemühen - das würde ich dann aber zunächst eher mit dem Bild des Magnetismus beschreiben. Dann erst kommt die Frage, was Mann oder Frau mit dem Magnetsein macht. Eine Möglichkeit: man wird zum Jäger oder Jägerin, der die Falle immer wieder zuschnappen läßt, ohne dafür weite und anstrengende Wege gegangen zu sein, man hat sein Schnitzel sozusagen in der Pfanne, ohne die Mühen der Pirsch auf sich genommen zu haben. Als einen solchen Jäger ohne besondere Lust, auf die Jagd zu gehen, habe ich Wallingford auch in dunkler (weil zeitlich entfernter) Erinnerung.


    Ich hoffe, Du verzeihst mir meinen Gedankenausflug, coco206. Ich habe Urlaub und mir selbst ein paar Musestunden verordnet und gehöre zu jenen Menschen, die gerne über Begriffe nachdenken. Wenn ich dann Absätze wie den oben formuliere, dann unter der für mich anregenden Voraussetzung, dass man die Sache auch ganz anders sehen kann, als ich es gerade tue.


    Bei der Gelegenheit fällt mir ein: kann mir jemand sagen, was sprachlich das weibliche Pendant zum Schürzenjäger ist?

  • Ich hoffe, Du verzeihst mir meinen Gedankenausflug, coco206.


    Da gibt es doch nichts zu verzeihen. :D
    "Schürzenjäger ohne eigenes Zutun" hab ich deswegen als Formulierung gewählt, weil mir Wallingford wirklich so erscheint. Er sucht nicht aktiv nach Frauen, aber er lässt sich auch keine Gelegenheit entgehen und genießt es auch noch. Ob er naiv ist, kann ich nicht wirklich beurteilen, aber ich glaube schon, zumindest in dieser Hinsicht.

    "Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont."
    Konrad Adenauer


    :study: Jeffery Deaver - The Midnight Lock











  • Bei der Gelegenheit fällt mir ein: kann mir jemand sagen, was sprachlich das weibliche Pendant zum Schürzenjäger ist?


    vielleicht Verführerin, Herzensbrecherin, Vamp :scratch: Was besseres fällt mir grade nicht ein :-k

    2022: Bücher: 93/Seiten: 40 677
    2021: Bücher: 205/Seiten: 93 417
    ------------------------------

    „Das Nicht-Wahrnehmen von etwas beweist nicht dessen Nicht-Existenz“

    Dalai Lama

    ------------------------------

    Lese gerade:

    Crichton, Michael/Wilson, Daniel H. - Andromeda-Die Evolution


  • vielleicht Verführerin, Herzensbrecherin, Vamp :scratch: Was besseres fällt mir grade nicht ein :-k


    Schön wär's! Aber weibliche Schürzenjäger nennt man auch heute meist noch Nymphomaninnen, Flittchen, Luder. ](*,)


    Gruß
    mofre

  • "Mannstoll" ist zwar kein Substantiv, würde aber auf meiner inneren Sprachgefühlswaage den Zeiger in etwa der Mitte zum Stehen bringen, wenn "Schürzenjäger" auf der anderen Waagschale läge. Beides hat für mich einen etwa gleich intensiven bitteren Nachgeschmack. Beides sind für meine Begriffe keine Ehrentitel, auch wenn ich sie schon durchaus in diesem Sinne gebraucht gehört habe. So wie ich es empfinde, handelt es sich um Frauen und Männer, denen es um die eigene Zufriedenheit und Befriedigung geht. Was ja per se nichts Schlechtes ist, für mich allerdings bedenklich wird, wenn Sie auf Kosten jemanden anderes erlangt wird. Auf Kosten der objekthaft erlebten Beute, die der (Schürzen)jäger erlegt hat. (Das Gegenbeispiel wäre für mich der historische Casanova, so wie ich ihn einmal beschrieben gelesen habe, dem scheinbar durchaus auch die Zufriedenheit der Damen denen er beiwohnte, ein Anliegen war.)


    Die von mofre gebrachten Beispiele sind allerdigs eindeutig Vokabeln, die verwendet werden, um eine Frau zu diskriminieren. (Dass ich ihren Klang eher von weiblichen Stimmen im Ohr habe, mag an meinem Ohr liegen.)


    Hmm, :-k irgendwie führe ich hier weg vom Ursprung des threads, kommt mir vor, auch wenn das Gespräch bei einer Figur aus Irvings Buch seinen Ausgang nahm. Trotzdem bin ich neugierig, ob jemandem auch ein (vielleicht lokal verwendetes) Substantiv für die "Schürzejägerin" einfällt.

  • trotzdem bin ich neugierig, ob jemandem auch ein (vielleicht lokal verwendetes) Substantiv für die "Schürzejägerin" einfällt.

    Zitat

    Ich: Und wie lautet das weibliche Pendant von Schürzenjäger?


    Frau Brenneis: Hosensammlerin.

    :mrgreen: Quelle: http://www.dum.at/hefte/heft42.php?nav=aus



    Aber ich glaube, "Herzensbrecherin" trifft es ganz gut.

    "Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont."
    Konrad Adenauer


    :study: Jeffery Deaver - The Midnight Lock











  • Mario

    Hat den Titel des Themas von „John Irving - Die vierte Hand“ zu „John Irving - Die vierte Hand / The Fourth Hand“ geändert.

Anzeige