Matthias Politycki - Jenseitsnovelle

Jenseitsnovelle

3.6 von 5 Sternen bei 7 Bewertungen

Verlag: Goldmann

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 128

ISBN: 9783442473632

Termin: Februar 2011

  • Inhalt:


    Buecher.de

    Hinrich Schepp ist unter die Sehenden geraten. Nach Jahrzehnten starker Kurzsichtigkeit möchte er den Frauen und ihrer grandioser Unbegreiflichkeit endlich auf den Grund kommen. Umso mehr, als er in seiner Stammkneipe eine verführerische Schönheit an der Bar beobachtet, die - für einen Schepp entsetzlich verwerflich und glückverheißend zugleich - von ihrer Begleiterin erst geküsst, dann sogar in den Hals gebissen wird. Sein Leben gerät endgültig in Schieflage, als ebenjene Frau wenig später wieder in seiner Kneipe auftaucht - als Bedienung. Aber was hat das alles mit den Notizen seiner Frau Doro zu tun, die er eines Morgens auf dem Schreibtisch findet? Und was mit dem dunklen kalten See, in den die Frischverstorbenen laut Doro alle hineinmüssen, um darin ein zweites Mal zu sterben?



    Meine Meinung:


    Als der 65 – jährige Professor Hinrich Schepp an einem sonnigen Herbsttag ins Wohnzimmer zu seiner Frau kommt, findet er diese tot.
    Kurz vor ihrem Tod hat sie wie jedes Mal seine Arbeiten und Bücher korrigiert. In diesem Fall aber hat sie sein neuestes Werk, das gleichzeitig sein Leben erzählt, nicht nur korrigiert, sondern auch kommentiert. Durch persönliche Kommentare spricht sie zu ihm und Schepp muss erkennen, dass durch ihr plötzliches Ableben viel Ungeklärtes zwischen ihnen steht.
    Matthias Politycki erzählt in „Jenseitsnovelle“ die Geschichte eines Mannes, der mit dem plötzlichen Tod seiner Frau zurecht kommen muss und dabei merkt, dass vieles mehr Schein als Sein war.
    Dabei bedient sich Politycki an einer sehr anspruchsvollen Sprache, wobei er zwischen den zwei Erzählungen variiert und sie je nach Situation anpasst.
    Zum einen schreibt er sehr hochgestochen, wenn es um die Geschichte des Professors geht. Zum anderen wechselt er in die Umgangssprache, wenn er die Handlung von Schepps Buch „Marek, der Säufer“ schildert.
    Es ist vor allem am Anfang etwas schwierig sich dadurch zurecht zu finden, man gewöhnt sich aber relativ schnell daran.
    Die Handlung ist auch sehr genau beschrieben, auf jedes Detail wird genauestens eingegangen und durch einen unglaublich prägenden Schreibstil wird das Buch auch keinesfalls langatmig.
    Durch das überraschende Ende regt er den Leser zusätzlich zum Nachdenken an.
    Der Autor beschäftigt sich sehr viel mit dem Jenseits, was durch den Titel „Jenseitsnovelle“ auch zu erwarten war.
    Matthias Politycki schafft es mit seinem detaillreichen und ausschmückenden Schreibstil eine Atmosphäre zu schaffen, in der der Leser sich trotz einem Gefühl von Distanziertheit wohl fühlt.


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  • Sollte einer der beiden Liebenden vor dem anderen sterben, so werde er dereinst am Ufer jenes dunklen, kalten Sees warten, bis auch der Andere gestorben sei, um dann gemeinsam die letzte Reise hinüber zur Toteninsel anzutreten. Dort werde man zusammen ein zweites Mal sterben, diesmal jedoch für alle Ewigkeiten und im Tode vereint.


    So versprechen es sich die Sinologie-Studenten Hinrich und Doro am Anfang ihrer Liebe und im Angesicht des Gemäldes „Die Toteninsel“ des Malers Arnold Böcklin. 25 Jahre später jedoch ist das Ende dieser Liebe ein gänzlich anderes: Doro ist tot, über der Korrektur eines aus Jugendtagen stammenden Romanfragmentes von Hinrich, einem mittlerweile anerkannten Experten und Uni-Professor, durch Herzschlag gestorben und über dem Schreibtisch zusammengesackt. Und was ihm Doro in ihren Korrekturen und Kommentaren, sozusagen als eine letzte Botschaft, hinterlassen hat, ist nicht von schlechten Eltern: Es ist eine haßerfüllte Abrechnung mit Hinrich, seiner Kleinkariertheit, seiner Verklemmtheit, seinem Chauvinismus, seinem Geltungsbedürfnis und seiner späten Umtriebigkeit in Bezug auf eine andere Frau.


    Denn Hinrich, den größten Teil seines Lebens stark kurzsichtig und ohne Brille blind wie ein Fisch, ließ sich mit 60 Jahren noch einmal die Augen lasern. Aus einer kleinen, durch seine Kurzsichtigkeit begrenzten Welt wurde plötzlich ein grenzenloses Universum voller optischer Verheißungen und Verlockungen und aus dem teetrinkenden Akademiker Hinrich Schepp ein ältlicher Draufgänger und Schürzenjäger am Thresen einer Kneipe: Es ist Dana, die Thekenfrau mit der Tätowierung eines chinesischen Schriftzeichens am Hals, welche es Schepp angetan und ihm den Kopf verdreht hat.


    Schade nur, daß auch Doro mitbekommen hat, wem das neuerlich geweckte Interesse ihres Ehegatten gilt, und so kommt es, daß sie ihm nach einem Vierteljahrhundert die Gefolgschaft aufkündigt – im Leben, und unglücklicherweise auch im Jenseits: keinesfalls wolle sie nun noch am Ufer jenes Sees auf ihn warten, schließlich habe sie 25 Jahre an seiner Seite verbracht, den Rest der Ewigkeit wolle sie bitteschön von ihm verschont bleiben. Und es kommt noch besser: posthum berichtet sie ihrerseits ihrem Ehegatten von einem Liebesverhältnis mit Dana, der tätowierten Thekenfrau.


    Für Schepp bricht eine Welt zusammen, schließlich hielt er seine Beziehung und Liebe zu Doro trotz seiner kurzen Anbändelung mit Dana ( welche übrigens mit einer satten Ohrfeige ihr unrühmliches Ende fand, ohne daß es auch nur zu einer kleinsten Liebestat gekommen wäre ) für intakt, Doro und sich selbst für ein glücklich alterndes Paar. Nun wird ihm durch die Abrechnung Doros seine Lebensillusion jäh zerstört, und was noch viel schlimmer ist: durch ihren Tod wird ihm für alle Zeiten die Möglichkeit genommen, sich zu rechtfertigen, Mißverständnisse gerade zu rücken und eine Aussöhnung zu versuchen.


    Matthias Politycki hat mit seiner 2010 erschienenen, knapp 130 Seiten langen Erzählung die Themen Liebe, Partnerschaft, Selbsttäuschung, Unaufrichtigkeit und verpasste Gelegenheiten zu einem Handlungsstrang verdichtet, der von seiner Grundidee zehrt: Was passiert in uns, wenn wir unser Leben und unsere Beziehungen im Rückblick als verfehlt anerkennen müssen und nicht die kleinste Chance verbleibt, es nachträglich zu korrigieren, es besser zu machen ?


    Dies ist im Prinzip ein guter Plot und ein gutes literarisches Motiv, auch ist die Erzählung durchaus gut geschrieben. Trotzdem fühlt sich der Leser bei aller handwerklichen Rafinesse und literarischer Könnerschaft des Autors unwohl bei der Lektüre. Und dieses Unwohlsein hat mehrere Gründe: Zu aufgesetzt und konstruiert wirken die beiden parallelen Erzählstränge – die Rückschau des Hinrich Schepp auf sein Leben zum Einen, das Romanfragment um Marek den Säufer zum Anderen, denn das hier beschriebene Leben der Romanfigur ist nicht mehr als eine 1:1 Kopie der Schepp´schen Biografie, lediglich die Namen der Personen sind andere. Mußte diese Verschränkung der realen mit der fiktiven Biografie des Hinrich Schepp wirklich sein ? Oder diente sie nur als mühsames literarisches Konstrukt für die Absicht des Autors, die tote Doro lediglich über ihre Korrekturen und Anmerkungen im Schepp´schen Text sprechen zu lassen ??


    Desweiteren finden sich im Text etliche inhaltliche Merkwürdigkeiten: Warum ruft Schepp nicht den Arzt oder die Polizei, nachdem er seine tote Frau findet, sondern läßt ihren Leichnam noch einen ganzen Tag in der Wohnung bereits stinkend herumsitzen, während er hin und her läuft, liest, nachdenkt, grübelt, sinniert und sich an sein zurückliegendes Leben erinnert ? Und wie kann es innerhalb von nur einer Nacht zu einem derartigen Gefühlsstau kommen, daß Doro auf derart haßerfüllte Weise schriftlich ( ?? ) mit ihrem Ehegatten bricht, wo doch zwischen Schepp und der Thekenfrau Dana strenggenommen nichts weiter passiert ist, als daß Schepp im Suff Stielaugen bekommen und Dana ein paar Vulgaritäten ins Ohr gesäuselt hat ? Wäre dies nicht in einem kräftigen ( und natürlich mündlich vorgetragenen ) Streit klarzustellen gewesen statt in dem Verfassen einer Kritik an einem literarischen Jugendwerk des Lebenspartners ?


    All dies sind Fragen, die aus dem Text heraus nicht beantwortet werden können, die aber das mühsam konstruierte Gerüst der Erzählung herausstellen. Schlußendlich kommt die merkwürdig aufgesetzt wirkende Sprache hinzu. Welchen Sinn macht es, die deutsche Rechtschreibung zu ignorieren und Hilfsverben fehlen zu lassen. Ein Beispiel von Seite 11: „Schepp starrte auf die hellen Druckflächen, die er Doro trotz aller Vorsicht zugefügt.“, oder von Seite 82: „Er versicherte sich, daß ihre Hände noch da lagen, wie er sie gefaltet.“ Erst nach dem dritten unvollständigen Satzende wurde mir klar, daß es sich keinesfalls um Druckfehler handelte, sondern um eine beabsichtigte Beugung der Rechtsschreibung durch den Autor. Und mit zunehmender Dauer der Lektüre empfand ich die Unterschlagung der Hilfsverben als Ärgernis.


    Mein Fazit: Die „Jenseitsnovelle“ taugt für einen kurzweiligen Lesenachmittag auf dem Sofa, einen bleibenden Eindruck vermag sie allerdings nicht zu hinterlassen.