Ulla Hahn - Aufbruch

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  • Mit dem Buch „Aufbruch“ erzählt Ulla Hahn die mit „Das verborgene Wort“ begonnene Geschichte weiter. Es geht um Hildegard Palm, die im Januar 1963 in das laufende Schuljahr des Aufbaugymnasiums aufgenommen wird und die ihre ungeliebte Lehre zum Industriekaufmann abbrechen kann. Mit Feuereifer stürzt sich Hildegard in das Schulleben. Die wissbegierige junge Frau will endlich raus der Enge ihres bisherigen Lebens, die Werte und Ansichten ihrer Eltern sind schon lange nicht mehr die ihrigen. Sie sieht, dass die einfachen Antworten der Eltern auf die komplizierten Fragen der Zeit ganz einfach nicht mehr passen. Nach wie vor lebt Hildegard in der Welt der Bücher, sie ist fasziniert von der Macht des Wortes. Lesen ist für sie mehr als ein technischer Vorgang.


    Hildegard schafft das Abitur und nimmt anschließend das Studium der Germanistik an der Universität Köln auf. Auch dort muss sie sich erst wieder in eine für sie völlig neue Welt eintauchen und dort zurechtfinden.


    Ulla Hahn wuchs im Rheinland auf und arbeitete nach ihrer Promotion in Germanistik als Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten. Bis 1989 war sie zudem Literaturredakteurin bei Radio Bremen.


    Schilderte Ulla Hahn in „Das verborgene Wort“ die Zeit der fünfziger Jahre, so werden im „Aufbruch“ die Jahre der Sechziger in den Vordergrund gerückt. Die Autorin schafft es gerade diese Zeit atmosphärisch dem Leser sehr nahe zu bringen. Die „großen“ Ereignisse dieser Zeit sind nur Stichwortgeber (Kennedy, Auschwitz-Prozess beispielsweise), wie die Sechziger wirklich waren, erfährt man anhand der Schilderung der verschiedenen Lebensmomente der „ganz normalen“ Menschen. Denn gerade die nicht spektakulären Lebensschilderungen, die nur für die Betroffenen wichtig sind, nicht aber den „Lauf der Geschichte“ entscheidend beeinflussen, die aber in ihrer Gesamtheit letztendlich eine Epoche prägen.


    Ulla Hahns Buch ist zutiefst menschlich, es beschreibt die Welt des „kleinen Mannes“. Ulla Hahn setzt diese Menschen nicht herab, schaut nicht auf sie hinunter oder verachtet sie gar. Ganz im Gegenteil. Man findet bei ihr viel Sympathie für die „namenlosen“ Teile unserer Gesellschaft. Wichtig ist der Charakter des jeweiligen Menschen, nicht die Größe der Summe auf seinem Bankkonto.


    Man kann den „Aufbruch“ natürlich nicht losgelöst vom „Verborgenen Wort“ sehen. Stellt man diese beiden Bücher kritisch gegenüber, so fällt das neue Buch „Aufbruch“ ein wenig von seinem Vorgänger ab. Im „Verborgenen Wort“ erzählt Ulla Hahn intensiver und authentischer. Obwohl der „Aufbruch“ sicher viel mehr als eine Pflichtaufgabe war, so schleichen sich an der einen oder anderen Stelle schon mal allzu routinierte Schilderungen ein. Das trübt den Lesegenuss aber nicht, das Buch lässt sich davon glücklicherweise nicht aus der Bahn werfen.


    Sehr gut, wirklich großartig gelang Ulla Hahn die Schilderung des Zusammentreffens von Hildegard Palm mit ihrem alten Lehrer Mohren (Seite 256 ff.). Mohren erzählt über die Kraft des Wortes, über die Bedeutung der Wörter als Wurzel für Zivilisation, Wissenschaft, Kultur – aber auch über die Bedeutung des Wortes als Motor für Dummheit und Verbrechen. Die eindrucksvollste Passage aus diesem Buch – wert mehr als einmal gelesen zu werden.


    Ulla Hahn hat ein sehr lesenswertes Buch geschrieben, ein Buch das seine Zeit der Handlung anschaulicher beschreibt als so mancher Tatsachenbericht. Wer diese Zeit selbst erlebt hat, wird sicher so manches Mal an Dinge erinnert werden, die bereits tief im Erinnerungskeller auf Dauer abgelegt waren. Dieses Buch ist ein wirkliches Highlight der deutschen zeitgenössischen Literatur des Jahres 2009.

  • Dr. Watson hat das Buch "Aufbruch" von Ulla Hahn schon sehr schön zusammen gefasst :thumright: :applause: .
    Also füge ich nur noch ein paar persönliche Eindrücke hinzu:
    Das Buch hat mich, wie schon "Das verborgene Wort", sehr bewegt. Die Protagonistin Hildegard, die sich aber "Hilla" nennt u so oft unter dem Gefühl leidet, "dat Kenk vun em Prolete" , also das Kind eines Proleten zu sein, erkämpft sich ihren Weg zum Abitur und zum Studium. Oft hat sie das Gefühl nicht dort hinzugehören, wo sie gerade agiert, sei es in einem Feinschmeckerrestaurant, in das sie von einem Verehrer eingeladen wurde, oder beispielsweise die erste ersehnte Vorlesung an der Uni in Köln:
    "Ich hatte erfahren, wie empfindlich Armut macht. Die Geldhaut fehlt, die Schutzhaut. Geld, das abschirmt vor Rempeleien und Zumutungen der Wirklichkeit."
    Diese Hauptfigur kommt wieder sehr ernsthaft, nachdenklich und so liebenswert rüber, dass man sich zwangsläufig mit ihr identifiziert.
    Sehr einsam wirkt sie über weite Strecken in diesem Buch, in neuen Situationen oft überfordert, in wenigen Beziehungen, die sie zum männlichen Geschlecht eingeht, nicht um ihrer selbst willen geliebt. Ständig muss sie ihre Herkunft verbergen oder deren Würde rechtfertigen. Besonders hart wird es für Hildegard,

    Traumatisiert kapselt sie sich ab und zieht sich ganz in sich zurück, ohne sich jemandem anzuvertrauen.
    Alle Gefühlslagen Hildegards werden auch in diesem Buch an ihrer Beziehung zum gesprochenen und geschriebenen Wort u ihrem Verhältnis dazu festgemacht und das kann Ulla Hahn meiner Ansicht nach einfach genial!
    Das macht die Besonderheit der Bücher für mich aus, genau so, wie die Beschreibung des Spannungsfeldes zwischen der Gymnasium- und Uniweisheit Hillas im Gegensatz zu der Welt der Dondörfer Familie, die in tiefstem rheinischen Dialekt (köstlich!) geerdet vom "gesunden Menschenverstand" redet. Manche Szenen sind einfach herrlich, z.B. wenn die Frauen verschiedener Generationen über dem neuen Quellekatalog brüten u Hilla die Anglizismen übersetzen muss.
    Sehr berührend sind auch die Abschnitte, als Hilla u ihre Mitschüler als "Hausaufgabe" möglichst viele Menschen in ihrem Umfeld zu ihrer Rolle in der Nazizeit befragen sollen.
    Die Beziehungen der einzelnen Familienmitglieder zueinander, die vielen Enttäuschungen aber auch unerwartete Zuwendungen werden sehr einfühlsam herausgearbeitet.
    Ein roter Faden, der wieder durch das ganze Buch leitet, sind die Szenen am Rhein und seine Steine, denen immer eine sehr tiefe Bedeutung zugedacht wird.
    Ich liebe diese Szenen am Fluss u kann in Ulla Hahns Worten die Sonne auf der Haut förmlich spüren und das Wasser riechen und das Schilf hören...
    Es gibt im Buch noch ein sehr schönes Goethe-Zitat, das zur Herausforderung von Hilla wird u das ich mir abgeschrieben habe, weil es so wahr ist:


    " Es gibt kein Vergangenes, das man zurücksehnen dürfte, es gibt nur ein ewig Neues, das sich aus den erweiterten Elementen des Vergangenen gestaltet, und die echte Sehnsucht muss stets produktiv sein, ein neues Bessres zu erschaffen."



    :study: :winken: Cheriechen

    "Wie wenig du gelesen hast, wie wenig du kennst - aber vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist." Elias Canetti

  • Ich vergaß - 4 Sterne würde ich vergeben für dieses Buch. :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:
    Der Abzug begründet sich dadurch: Zwischendrin hat das Buch leichte Längen. Für meinen Geschmack hätte Ulla Hahn es straffen können.
    Am Ende hatte ich so ein Seriengefühl, das ich nicht so mag. Wetten in ein paar Jahren kommt der nächste Band!

    "Wie wenig du gelesen hast, wie wenig du kennst - aber vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist." Elias Canetti

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