Michael Tietz - Rattentanz

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Rattentanz

3.7|38)

Verlag: Ullstein Taschenbuch

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 928

ISBN: 9783548283937

Termin: November 2011

  • Der Klappentext:
    Wellendingen, ein idyllisches Dorf im Südschwarzwald: Hans Seger ist beruflich in Schweden unterwegs, seine Frau Eva hat Frühdienst im Donaueschinger Krankenhaus. Ihre Tochter, die siebenjährige Lea, ist bei Nachbarn. Eigentlich scheint alles in bester Ordnung ... bis am Morgen des 23. Mai plötzlich der Strom ausfällt. Der Verkehr bricht zusammen, Telefone und Computer stehen still, Kühlschränke verweigern ihren Dienst, Supermarkttüren öffnen sich nicht mehr. Der wirksamste Computervirus, der je ersonnen wurde, schleudert die Welt zurück ins tiefste Mittelalter. Als der erste Jumbojet vom Himmel fällt, dämmert der Dorfgemeinschaft, dass nichts mehr so sein wird wie es einmal war ...
    Innerhalb weniger Stunden zerbricht das so stabil erschienene Gerüst unserer modernen Gesellschaft. Jeder ist sich plötzlich selbst der Nächste. Eine Schlacht bahnt sich an, in der alle bisherigen Werte nicht mehr zählen. Für Eva und Hans Seger beginnt ein Überlebenskampf, auf den sie niemand vorbereitet hatte. Alles andere wird unwichtig, tritt hinter dem einen Ziel zurück: Heimkehr nach Wellendingen, zu ihrer Tochter Lea. Der Weg nach Hause entpuppt sich sowohl für Eva als auch für Hans als Trip durch die Hölle ...



    Der Autor:
    Michael Tietz ist gelernter Krankenpfleger und lebt mit Frau, Sohn und Hund im Südschwarzwald.


    Meine Meinung:
    Was passiert, wenn weltweit der Strom ausfällt, es kein Telefon und kein fließend Wasser mehr gibt? Alle staatliche Ordnung nicht mehr existent ist? Diese Frage hat Michael Tietz aus der Sicht der Bewohner eines kleines Dorfes im Südschwarzwald eindrucksvoll beantwortet.


    Eines morgens um Punkt 7:00 Uhr fällt weltweit der Strom aus, die Telekommunikation bricht zusammen, die Flugzeuge fallen vom Himmel. Ein Computervirus hat global alle Computer befallen und zeitgleich irreparabel lahm gelegt. Was nun folgt, ist ebenso unfassbar wie doch logisch nachvollziehbar: Die selbstverständlichsten Dinge des alltäglichen Lebens funktionieren nicht mehr: Alle bislang bekannte Ordnung geht binnen kürzester Zeit verloren, die Angst umschleicht die Menschen und der Kampf ums nackte Überleben beginnt.


    Michael Tietz beschreibt die endzeitlichen Geschehnisse an Hand der Schicksale eine kleinen Dorfes in der Schwäbischen Alp zwischen Donaueschingen und der Schweizer Grenze. Eine große Vielzahl an Charakteren zeigt die gesamte Vielfalt an Reaktionen, mit denen die Menschen mit den schlagartigen Veränderungen ihres Lebens umgehen müssen. Wie ihr bisheriges Lebenmittelpunkte nicht mehr vorhanden sind und sie in einem Existenzkampf ihren Platz in einer radikal veränderten Gesellschaft finden müssen. Manche resignieren und hoffen auf Hilfe eines nicht mehr bestehenden Staatsapparates. Andere versuchen brutal und hemmungslos die Macht an sich zu reißen oder intrigieren gegen den Rest. Doch ein kleiner Teil behält sich ihre Menschlichkeit und versucht ein neues kleines Gemeinwesen zu bilden. Und gerade weil der eigene Horizont sich nur mehr bis zu den direkten Nachbarsorten erstreckt, müssen früher alltägliche Dinge wie Nahrungsbeschaffung und Energieversorgung wieder selbst gelöst werden. Doch der verzweifelte Versuch eines Familienvaters, zu Fuß aus Schweden zurück nach Hause in den Schwarzwald zu gelangen, zeigt auf, dass ein globaler Zusammenbruch überall zu den selben Erscheinungen und Problemen führt – Chaos, Gewalt und Tod!


    Auch wenn in diesem Buch sehr viele Personen ihre Geschichten erzählen dürfen, der Autor beleuchtet selbst seine Randfiguren sehr detailliert und gibt dem Buch so ein allumfassendes und menschliches Gesicht. Sehr sympathisch ist, dass Michael Tietz nicht einige "Helden" in dieses Buch einbaut, sondern es bei handfesten Charakteren belässt, die allesamt ihre Stärken und Schwächen eines normalen Menschen ausweisen. Und halten sich ihr Siege und ihr Scheitern auf nachvollziehbare Art stets die Waage. Gerade die schmerzhaften Rückschläge und die oft aussichtslosen Situationen geben der Geschichte einen sehr realen Anstrich.
    Leider erfährt man nicht von allen Personen ihr letztliches Schicksal und in manchen Fällen ist die eigene Fantasie wohl grausamer als es der Autor jemals sein könnte. Wirklich schade ist allerdings, dass man nicht erfährt, wie die Erschaffer des Virus ihre selbst ausgelöste Katastrophe erleben und damit umgehen müssen.


    Trotz der gehörigen Länge dieses Buches und der teilweise sehr umfangreichen Beschreibungen und Charakterisierungen legt Michael Tietz einen sehr flüssig zu lesenden Erstling vor, der sowohl von der Thematik, der Umsetzung als auch der Schreibe sehr zu überzeugen weiß. Der dramaturgische Aufbau zieht den Leser sofort mitten in die Geschichte und lässt ihn bis zum Ende nicht mehr los, einen Spannungsabfall gibt es nicht. Und obwohl das Thema so vielschichtig ist, Tietz bleibt in seinen Schilderungen schlicht und überschaubar und schafft es so spielend, logische Fehler zu vermeiden. Das Thema einer endzeitlichen Dystopie schreit förmlich nach Vergleichen zu anderen Büchern, doch hat Michael Tietz etwas komplett eigenständiges erschaffen. Ein bemerkenswerter und spannender Erstling, eine absolute Empfehlung.

    Shalom, kfir


    :study: Joe Hill - Teufelszeug
    :thumleft: Farin Urlaub - Indien & Bhutan - Unterwegs 1 #2533 signiert


    "Scheiss' dir nix, dann feit dir nix!"

  • Eines vorab und im Besonderen: Das Buch ist das Beste aus dem Bereich Thriller, was ich in letzter Zeit neben Fitzek und Beckett gelesen habe und ich bin mir sicher, Michael Tietz wird bald in eben diese Fußstapfen treten.


    Zum Buch: es ist streckenweise beängstigend, passend zur Situation manchmal auch lustig, aber immer sehr, sehr spannend.
    Wegen eines Hackerangriffs, der eigentlich nur die schriftlichen Prüfungen in einem Gymnasium verhindern sollte, herrscht Stromausfall im Schwarzwald – genauer gesagt in Wellendingen. Das ist eigentlich nicht weiter bedenklich. Jeder hat schon einmal einen Stromausfall miterlebt, oder? Dann stellt man ein paar Kerzen auf den Tisch und wartet, bis der Strom wieder kommt. Aber was ist, wenn eben wegen diesem Stromausfall auch Flugzeuge vom Himmel „fallen“ und letzten Endes sogar die Notstromaggregate in den Krankenhäusern versagen?
    Und dies nicht nur im Schwarzwald, weil der Stromausfall eine globale Katastrophe ist und etliche Katastrophen nach sich zieht.
    Das große Sterben beginnt und mit ihm der nackte Kampf ums Überleben. Denn eigentlich ist bisher immer alles organisiert gewesen, aber nun herrscht weder Ordnung noch Respekt vor dem anderen und schon gar nicht vor den Dingen der anderen.
    Supermärkte werden gestürmt und Menschen wegen eines Brotes getötet, Banken geplündert, Polizisten erschossen …
    Die Szenerie des Egoismus und des Machtkampfs hat Michael Tietz in seinem Werk auf intelligente und eindrucksvolle Art und Weise geschaffen.
    Ob und wie weit solch ein Supergau bei uns je eintreffen wird bzw. möglich ist, ist hier nicht ausschlaggebend sondern eher der Aspekt, wie sich die Menschen dadurch verändern.
    Um dieses ganze Geschehen herum hat der Autor die Geschichte von Eva und Hans Seger gesponnen. Hans ist kurz vor der Katastrophe nach Schweden gereist – Dienstreise. Nun kämpft er mit allen Mitteln, in dieser „neuen“ Welt zurück zu Frau und Tochter zu gelangen. Hierbei wird er immer wieder mit Rückschlägen konfrontiert, aber er trifft auch auf neue Begleiter und Menschen, die ihm helfen.
    In dieser Zeit kämpft aber auch Eva zu Hause in Wellendingen ihren eigenen Kampf – gegen Plünderer, Mörder und vor allen Dingen gegen den Tod in ihrem Krankenhaus, in dem sie als Krankenschwester arbeitet.
    Und auch viele andere Schicksale werden belichtet und dadurch wird immer wieder Abwechslung beim Lesen geschaffen. Manche Menschen, denen man beim Lesen begegnet, werden einem immer sympathischer – wogegen man manche regelrecht aus dem Buch holen möchte. Diese wühlen in den Hinterlassenschaften anderer, nur um sich daran zu bereichern – ein Rattentanz eben …


    Ich hätte mir dieses Buch niemals selbst gekauft, da es mich vom Rückentext und der Gestaltung eher nicht anspricht. Aber das hat weniger mit dem Buch zu tun als mit meinem favorisierten Lesegeschmack. Daher bin ich sehr dankbar, dieses Werk als Leseexemplar erhalten zu haben. Denn sonst hätte ich einen wahnsinnig gutgeschriebenen Thriller verpasst, der in seiner Spannung und in seinem Unterhaltungswert ein Meisterwerk genannt werden muss. Michael Tietz hat mir mit diesem Werk tolle Lesestunden bereitet und als Fazit kann ich nur sagen:
    Uneingeschränkt empfehlenswert!!!!

  • An einem scheinbar gewöhnlichen Mittwochmorgen im Mai ist von einem Moment an nichts mehr wie zuvor: Der Strom fällt aus. Überall, auf der ganzen Welt. Und er kommt auch nicht wieder. Innerhalb weniger Stunden geht nichts mehr - der Verkehr ist zusammengebrochen, die gewohnte Kommunikation über Telefon, Computer und TV unmöglich geworden, Flugzeuge sind allerorten voll besetzt aus den Wolken gefallen und bereits tausende von Menschen sind durch diese und ähnliche Unfälle ums Leben gekommen. Die unmittelbare Folge: Die Menschen geraten in Panik, Chaos bricht aus. Mittendrin: Die Krankenschwester Eva Seger, die in einer Klinik im Schwarzwald versucht, trotz der Katastrophe so gut wie möglich ihre Arbeit zu tun. Ihre kleine Tochter Lea befindet sich unterdessen bei den Nachbarn im Heimatdorf und ihr Mann Hans in Schweden aufgrund einer Geschäftsreise. Wird die kleine Familie je wieder vereint sind?


    Die Thematik dieses Buchs war für mich ungeheuer reizvoll und vielversprechend. Und die Umsetzung hat mich nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil. Innerhalb weniger Tage habe ich mich in jeder freien Minute durch die 848 Seiten geschmökert und das dramatische Geschehen dabei mit beinahe angehaltenem Atem verfolgt.


    Und ich bin ehrlich begeistert von Michael Tietz' Roman! Für mich hat er sich schnell als eines der Lese-Highlights der letzten Zeit entpuppt. Das Buch ist dick, ja, und die Situationen und Gedanken der einzelnen Personen werden sehr ausführlich beschrieben - aber ich persönlich habe mich keine Sekunde gelangweilt. Man leidet und fiebert mit den Protagonisten mit und fragt sich kontinuierlich, wohin sie ihr Weg noch führen wird und mit welchen Hindernissen sie als nächstes konfrontiert werden. Die Riege der agierenden Charaktere ist ungewohnt breit, was aber zur Story passt: Menschen aller Bevölkerungsschichten, jeden Alters und mit den verschiedensten Eigenschaften und Handlungsmotiven müssen sich in der neuen, gnadenlosen Welt zurechtfinden. Einige treten nur kurz auf und doch erscheint kaum einer überflüssig.


    Was die Geschichte so fesselnd macht, ist auch oder vielleicht sogar vor allem die Tatsache, dass das vom Autor erdachte Szenario so erschreckend real und glaubwürdig wirkt. Und dabei ist der Auslöser doch so banal: Nein, es ist keine Naturkatastrophe oder gar ein Krieg, der die Menschheit an den Rande des Abgrunds treibt. Sondern zwei minderjährige, von Prüfungsängsten geplagte Jungen sind ohne ihr Wissen und aufgrund eines vermeintlich harmlosen Schülerstreichs für den Zusammenbruch der modernen Zivilisation verantwortlich...Jeder Leser wird sich wohl früher oder später an einer Stelle der Lektüre fragen, ob so etwas tatsächlich passieren könnte und wie es sich auf jeden Einzelnen von uns auswirken würde. Wie würden wir reagieren? Wie lange würde es wohl dauern, bis bei vielen von uns, wie auch im Buch beschrieben, von der natürlichen Sorge ums nackte Überleben angetrieben die primitivsten Instinkte die Überhand gewinnen würden?


    Michael Tietz ist mit seinem Debüt eine besonders spannende, packende und doch auch bodenständige Variante eines Endzeit-Romans gelungen. Von mir erhält er dafür die höchstmögliche Sternchenzahl und ich bin gespannt, ob und wann wir in Zukunft noch mehr von ihm zu lesen bekommen werden. :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5: :thumright:

  • Inzwischen auch als Taschenbuchausgabe bei Ullstein erschienen.
    Und hier mein Beitrag dazu:


    Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung, so dachte man früher. An diesem Morgen um sieben brach das Chaos aus. Nichts funktionierte mehr, kein Radio, kein Telefon, keine Kaffeemaschine, kein Toaster, kein Kühlschrank, kein Fernsehgerät kurzum kein Strom, kein Wasser, Flugzeuge fielen von Himmel und was die Menschen nur allmählich begriffen wurde Gewissheit, eine neue Zeitrechnung begann.


    Aus einem Schülerstreich war bitterer Ernst geworden. Mittelpunkt des Geschehens ist ein kleines Dorf in der Schwäbischen Alb zwischen Donaueschingen und der Schweizer Grenze namens Wellendingen, deren Einwohner genau wie in jedem Dorf, in jeder Stadt auf dieser Welt es jede Menge Tote gab,Verletzte und in Panik geratene Überlebende, die mit dem Hunger kämpften.


    Michael Tietz schafft mit seinem Roman ein wahres Höllenszenario. Mord und Todschlag, kein Rechtswesen, Brutalität an allen Ecken und Enden, Plünderungen, um sich schießende Horden. Man traute sich beim Lesen kaum zu atmen und beobachtet mit Entsetzen die Folgen einer globalen Katastrophe. Aus zivilierten Menschen werden Monster, aus Familienväter Mörder. Der Hunger und die Angst diktiert jede Handlung. Kann es sein, dass das Fehlen einer kleinen Null den Niedergang unserer Kultur verursacht? Ich wage nicht darüber nachzudenken, aber der Autor sagt ihm war nicht so wichtig das wie zu beschreiben, sondern das danach. Und das läßt mir die Haare zu Berge stehen. Unvorstellbar? Vielleicht ein wenig übertrieben? Ich will keinen Beweis dafür, aber die Geschichte verfolgt mich im Alltag. Ich laufe durch den Supermarkt und frage mich was wäre, wenn alle Regale geplündert und leer wären, es keinen Nachschub gäbe. Wie weit kann der Hunger einen Menschen bringen? Ich sehe mich im Garten stehen, dessen Blumen- und Rasenbeete sich in Gemüsebeete verwandelt haben,die ich mit der Waffe verteidigen muß, damit wenigstens eine kleine menschliche Gemeinschaft überleben kann. Geld wird zu dem was es eigentlich auch ist, Papier, das man nicht essen kann.


    Was in der ersten Hälfte des Buches so düster und brutal die Welt erblickt, mäßigt sich durch die kleine Gemeinschaft in Wellendingen, Menschen mit Stärken und Schwächen, die begreift, dass nur der Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe das Überleben ermöglicht. Gewalt von außen gilt es zu bekämpfen, vorhandenes Leben zu schützen. Liebe überwindet riesige Entfernungen, die Welt aus Sicht eines Kindes verhilft zum neuen Zuhause. Die Hoffnung auf ein Weiterleben nimmt Formen an. Allmählich beruhigen sich meine Nerven wieder etwas.


    Ein aufrüttelnder Thriller, der nachdenklich macht, trotz 825 Seiten keine Minute langweilig wird und dabei flüssig zu lesen ist. Spannend bis in die Haarspitzen. Doch einige Fragen bleiben unbeantwortet. Was ist aus den Verursachern des Zusammenbruchs geworden? Welche Auswirkungen hatte die Explosion des Kraftwerks in Frankreich? Hätte man dies nicht weiterspinnen müssen? Wären nicht auch Seuchen an der Tagesordnung? Ich hätte gerne noch einige Seiten mehr gelesen, wenn diese Fragen damit abgeklärt worden wären. Dennoch ein faszinierendes Buch zum weiterempfehlen und ein beachtenswertes Debüt.
    Meine Bewertung: :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5: / :bewertung1von5: (4,5)


    Liebe Grüsse
    Wirbelwind


    :study: Alex Capus, Himmelsstürmer

    :study: Naomi J. Williams, Die letzten Entdecker









    Bücher sind die Hüllen der Weisheit, bestickt mit den Perlen des Wortes.

  • Die ersten Worte, die mir zu diesem Buch einfallen: Wow, was für eine Geschichte! Ich bin tief beeindruckt vom Michael Tietz Erstlingswerk, auf der anderen Seite aber auch zutiefst erschrocken. Allein die Vorstellung dieses Szenarios, das geschildert wird, löst blankes entsetzen in mir aus. Denn die gesellschaftlichen Grundwerte, wie wir sie kennen, sind nach der Katastrophe außer Kraft gesetzt, die Bevölkerung fällt zurück in einen Zustand archaischer Grundtendenzen. Angst, Rücksichtslosigkeit, Gewalt, Hunger und Mord dominieren nun in dieser neuen Gesellschaft. „Du bist allein auf dich gestellt, niemand wird dir helfen“ sind nun die vorherrschenden Gedanken. Jeder denkt nur noch ans eigene Überleben.
    In der ersten Hälfte des Buches waren mir die Brutalitäten zu extrem, was aber allein dadurch zustande kommt, dass Tietz bis ins kleinste Detail die Veränderungen der Menschen und der Umwelt protokolliert. Die zweite Hälfte des Buches, als sich die Situation so langsam wieder beruhigt und sich eine neue Ordnung bildet, hat mir daher um einiges besser gefallen.


    Man merkt diesen Wandel auch an den Hauptcharakteren, von denen es einige gibt, denn das ganze Buch ist in mehrere Handlungsstränge geteilt, die zum Ende hin zusammengeführt werden. Am Anfang merkt man den Personen den tief sitzenden Schock über das Geschehene deutlich an, aber auch die Hoffnung darauf, dass bald alles ist wie vorher. Schnell wird jedoch klar, das die Normalität, die sie bisher kannten, nie wieder zurück kehren wird. Bei einigen schlägt diese Erkenntnis in Resignation um, bei anderen wiederum in die Energie eine neue Gesellschaftsordnung aufzubauen. Alles in allem fand ich die Charaktere des Buches sehr gelungen, auf den über 840 Seiten hat der Leser genug Zeit jede Person gut kennenzulernen. Einzig die Figur des Thomas Bachmann fand ich ziemlich nervig. Das ewige hin und her der Stimmen in seinen Kopf konnte ich irgendwann nicht mehr ertragen.

    Alles in allem ein wirklich gelungenes Buch, dass mir persönlich von der Geschichte her noch besser gefallen hat als Kings „Puls. Auf jeden Fall regt das Buch zum nachdenken an, denn diese nicht ganz abwegige neue Realität ist extrem erschreckend. Trotz der kleinen Mankos, die ich oben genannt habe, gebe ich volle Punktzahl!


    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

  • Nach einer Leseprobe dieses Buches, musste ich es unbedingt haben, und meine Erwartungshaltung war von Anfang an sehr hoch. Ein Debüt mit über 800 Seiten noch dazu mit einem so brisanten Thema, ist sicher nicht leicht.
    Aber in meinen Augen hat Michael Tietz ein brillantes Meisterwerk hingelegt. Drei Jahre Arbeit haben sich gelohnt und ich habe jedes Wort aufgesogen.


    Bei der Dicke des Buches war ich zunächst etwas skeptisch, ob der Autor sich mit langen Erklärungen aufhält. Aber die Befürchtung hat sich nicht bewahrheitet. Der Leser wird gleich mitten ins Geschehen gezogen und mit den Fakten konfrontiert. Im Gegensatz zu den Figuren, kennt der Leser die Ursache dieses ganzen Zusammenbruchs, und genau das hat mich so manches mal zu einer Pause gezwungen und ich habe mir immer Gedanken darüber gemacht, wie der Autor dieses oder jenes Problem zum Schluss hin gelöst hat. Oder zum Beispiel, wie ich selber reagieren würde, wenn es zu so einem Totalzusammenbruch kommen würde.


    Allein der Gedanke, wie schnell der Mensch zum Tier wird und wie brutal und gefühlskalt der Hunger den Menschen werden lässt, hat mir eine Gänsehaut bereitet. Den Plünderern und Mördern stehen Tür und Tor offen, denn sämtliche Gesetze treten außer Kraft. Es gibt weder Schutz noch Sicherheit.


    Michael Tietz springt von einem Szenario ins nächste und der Leser lernt wahnsinnig viele unterschiedliche Figuren kennen. Manche begleiten uns nur ein kurzes Stück, andere wiederum begleiten uns durch das ganze Buch hindurch. Aber sie alle haben etwas gemeinsam: Egal wie intensiv ich sie kennengelernt habe - sie haben mich, jeder auf seine Art, berührt - positiv wie negativ. Ich konnte mich keiner von ihnen entziehen.


    Fasziniert hat mich die hervorragende Recherche des Autors. Das Ganze dann auch noch so spannend umzusetzen, wie es ihm gelungen ist, das schaffen nur wenigen Autoren. Für mich gehört der Roman eindeutig in die Bestsellerliste.
    Ich musste die Geschichte erstmal ein paar Tage sacken lassen, bevor ich dazu etwas schreiben konnte und noch immer beschäftigt mich dieses Buch.
    Ich würde gern noch so viel dazu schreiben, aber irgendwie fehlen mir die passenden Worte.


    Danke, Michael Tietz! Den nächsten Roman werde ich mit Sicherheit auch lesen. Jede dieser 837 Seiten war ihr Geld wert!!! Fünf Sterne für einen herausragenden Roman!
    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

    "Wirklich reich ist, wer mehr Träume in seiner Seele hat, als die Realität zerstören kann!"


    :love: :love: :love:

  • Ich kann meinen Vorrednern in allen Punkten zustimmen. Ein absolut geniales Buch. Trotz der über 800, mit kleiner Schrift bedruckten Seiten, war "Rattentanz" zu keiner Sekunde langweilig, sondern fesselnd von Anfang bis zum Ende.


    Mir ist es auch so ergangen, dass ich oft und viel darüber sinniert habe, was man denn selbst tun würde wenn sämtliche Technik und Elektronik von der einen auf die andere Sekunde nicht mehr funktionieren würde und innerhalb von Stunden das absolute Chaos an jeder Ecke in der Welt ausbrechen würde. Würde man über kurz oder lang seine Heimat verlassen und sein Glück anderswo versuchen? Würde man vielleicht seinen Nachbarn zerfleischen im Kampf um das letzte Brot? Würde man sich seine Menschlichkeit bewahren oder würde man über Leichen gehen? Wie würde so ein Szenario meine Persönlichkeit verändern? Ich habe ja schon viele Endzeit- und Apokalypse-Romane gelesen, aber außer Stephen Kings "The Stand" (an das ich übrigens einige Male erinnert wurde) fällt mir jetzt spontan keines ein, dass mich so in seinen Bann gezogen hat wie "Rattentanz".


    Das Besondere an diesem Buch ist, dass es sich nicht, wie sonst oft üblich, in Großstädten oder an bekannten Orten abspielt, sondern größtenteils in einem beschaulichen, ländlich gelegenem 400-Einwohner-Ort in Süddeutschland. Zwischendurch schaltet Michael Tietz aber in kurzen Kapiteln immer wieder zu bekannteren Orten wie z.B. Venedig oder Moskau, so dass das Ausmaß dieser globalen Katastrophe und die Tragweite dieses Vorfalls für den Leser sehr gut begreiflich gemacht wird. Auf Effekthascherei war der Autor keinesfalls aus. Es fließt zwar schon Blut und es werden auch einige brutale Vorfälle geschildert, aber der ruhige, sachliche und beobachtende Schreibstil von Michael Tietz passt hervorragend zu der Handlung und auch zur größtenteils ländlichen Umgebung, in die der Autor den Leser entführt. Er nimmt auch sozusagen einen allwissenden Status an, der uns immer genau erzählt, was passiert ist und was die Charaktere denken. Zu lüftende Geheimnisse gibt es somit eher weniger, der Spannung tat dies allerdings keinen Abbruch, da "Rattentanz" von seiner Atmosphäre lebt.


    Mir ist alles beängstigend realistisch vorgekommen und ich möchte nicht bestreiten, dass, sollte es irgendwann zu einer Katastrophe wie dieser kommen, sowohl die Ursache eine ähnliche sein könnte als auch die Nachwirkungen ungefähr so verlaufen könnten. Zuerst die Gewalt und nach einiger Zeit die Verzweiflung und die Traurigkeit sind greifbar nach dem "Schalter umlegen", wie das Unglück im Buch von den Personen oft genannt wird. Es gibt zwar immer wieder Hoffnung und Fortschritte, der größte Teil des Buches ist allerdings ziemlich düster und depressiv dargestellt.


    Ebenso genial sind die Charaktere, die Michael Tietz erschaffen hat. Jede Person, auch die kleinste Nebenperson, wird uns mit einem detaillierten, aber nie langweiligen Lebenslauf vorgestellt. Das gibt ihnen eine Vergangenheit und ein Gesicht, so dass trotz einer Vielzahl auftretender Menschen keine Verwechslungsgefahr besteht. Die vielen Einwohner des Dorfes ergeben somit keine anonyme, graue Masse, sondern spalten sich auf in Individuen mit einem klar definierten Charakter.


    Es gibt zwar einen Showdown, aber, verglichen mit der Länge des Buches, eher einen kurzen und unspektakulären. Ein großes Inferno wäre auch unpassend gewesen. Vielmehr wirft Michael Tietz, wie schon so oft, ethische Fragen auf und nimmt den Leser mit einem "Was würde ich tun?"-Szenario in die Verantwortung.


    Ein wunderbares Buch, bei dem ich keine einzigen Schwachpunkt nennen könnte, ist gerade zu Ende gegangen. Schon jetzt eins meiner absoluten Jahres-Highlights.
    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

  • Da bin ich bislang wohl die Einzigste, der es nicht gefallen hat.
    Ich fand es zu langatmig und habe mich beim querlesen erwischt.
    Außerdem ist es m.E. auch unglaubwürdig/unrealistisch - als Beispiel nenne ich diese Jugendbande, die schon nach sehr kurzer Zeit nach dem Stromausfall Leute mit einer Pistole überfällt.
    Diese Art Chaos entwickelt sich doch sicher erst und braucht seine Zeit.
    Aber so sind die Geschmäcker verschieden. :wink:



    Liebe Grüße

    Jeder trägt die Vergangenheit in sich eingeschlossen wie die Seiten eines Buches, das er auswendig kennt und von dem seine Freunde nur den Titel lesen können. (Virginia Woolf)

  • Diese Art Chaos entwickelt sich doch sicher erst und braucht seine Zeit.

    Also, ich denke schon, dass die Menschen ziemlich schnell austicken würden. Z.B. die beschriebenen Szenen als die Menschen die Supermärkte leergeräumt hatten als diese schließen wollten weil die Kassensysteme nicht funktioniert haben. Realistisch fand ich auch das Chaos vor den Banken, die wegen der fehlenden Technik kein Geld ausgeben wollten.

  • Kapo :
    Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass schon nach wenigen Stunden (waren es 2-3 Stunden?) ein solches Chaos entsteht - und schon gar nicht in einem kleinen, beschaulichen Dorf. Zum Glück kann man da ja nur spekulieren, in welchem Tempo sowas vonstatten geht.
    Vielleicht hat Michael Tietz ja auch ein sehr düsteres Menschenbild. :-k


    Liebe Grüße

    Jeder trägt die Vergangenheit in sich eingeschlossen wie die Seiten eines Buches, das er auswendig kennt und von dem seine Freunde nur den Titel lesen können. (Virginia Woolf)

  • Zum Glück kann man da ja nur spekulieren, in welchem Tempo sowas vonstatten geht.

    Da hast Du Recht, ich möchte es auch nicht unbedingt herausfinden wollen :wink: .
    Aber eine nicht so gute Meinung von seinen Nachbarn und Mitmenschen hat Michael Tietz tatsächlich. Das Buch spielt ja in der Gegend, in der er wohnt.

  • Mir hat das Buch leider nicht gefallen. Vielleicht bin ich hier mal wieder mit zu hohen Erwartungen an das Buch herangegangen :scratch:
    Im Großen und Ganzen war es mir zu langweilig. Wie Conor, habe ich mich desöfteren beim quer lesen erwischt, weil mich die Geschichte einfach nicht durchgängig fesseln konnte.
    Erst zum Ende hin wurde es besser und spannender, auch wenn da wirklich einiges an Fragen offen bleibt, was ich ebenfalls sehr schade fand. Da hätte ruhig noch was kommen können. Dafür hätte der Autor ja am Anfang und im Mittelteil etwas weniger ausschweifend sein können :mrgreen:


    Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass schon nach wenigen Stunden (waren es 2-3 Stunden?) ein solches Chaos entsteht - und schon gar nicht in einem kleinen, beschaulichen Dorf. Zum Glück kann man da ja nur spekulieren, in welchem Tempo sowas vonstatten geht.
    Vielleicht hat Michael Tietz ja auch ein sehr düsteres Menschenbild.


    Das kann ich mir auch nicht vorstellen. Ich glaube auch nicht, dass so ein arges Chaos in so kurzer Zeit entsteht. Jedenfalls nicht in so einem Dorf. In einer Großstadt kann ich es mir schon eher vorstellen, aber hier nicht.


    Auch das mit den Flugzeugabstürzen war mir ein wenig zu viel des Guten.


    Insgesamt vergebe ich zwei Punkte: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

    Narkose durch Bücher - Das Richtige ist: das intensive Buch.
    Das Buch, dessen Autor dem Leser sofort ein Lasso um den Hals wirft, ihn zerrt, zerrt und nicht mehr losläßt.


    :study: Sarah J. Mass - Throne of Glass / Die Erwählte :study:

  • Ein düsterer Endzeitroman ... was wäre, wenn wir plötzlich keinen Strom, kein fließend Wasser, keine Computer und keine Telekommunikation mehr hätten? Würde Anarchie und Chaos ausbrechen? In den Städten ganz sicher ... wie lange reichen meine Vorräte eigentlich? Tage? Wochen? Monate? Man kommt ganz schön ins Grübeln bei dem Buch. Das Thema ist höchst interessant ... kann ein von Schülern gelegter Computervirus die gesamte moderne Welt lahmlegen und uns ins Mittelalter zurückwerfen? Man denkt darüber nach ... und es gruselt mich.
    Leider hat das Buch einige Längen und mich in manchem Kapitel zum Querlesen verleitet, so dass ich keine höhere Bewertung als :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5: vergeben kann ... lesenswert, aber sicher hätte man das Buch besser schreiben können. Es fesselt nicht immer und so manches bleibt ungesagt, z.B. wie haben die beiden Schüler die Katastrophe, die sie ja gelegt haben, erlebt? Was war mit der Regierung? Gibt es wirklich kein Notfallprogramm? Mannomann, ganz schön haarig ...

  • Außerdem ist es m.E. auch unglaubwürdig/unrealistisch - als Beispiel nenne ich diese Jugendbande, die schon nach sehr kurzer Zeit nach dem Stromausfall Leute mit einer Pistole überfällt.
    Diese Art Chaos entwickelt sich doch sicher erst und braucht seine Zeit.
    Aber so sind die Geschmäcker verschieden. :wink:

    Dem dürfte wohl nicht so sein.
    Gutes Gegenbeispiel aus der jüngeren Geschichte für Deine These das die Entwicklung zu solch einem Chaos mehr Zeit braucht ist der berühmt-berüchtigte Stromausfall in New York von 1977.


    Ich zitiere hier mal aus einem Spiegel-Online-Bericht:


    Das war um 21.36 Uhr an jenem Mittwochabend, den 13. Juli 1977. Und
    nicht nur die Lichter gingen aus. Wie ein Buschbrand raste das Unheil
    durch die Leitungen, von Norden nach Süden, von der Bronx bis zur
    Battery, unaufhaltsam. Bald stand alles still, was Strom brauchte in der
    Millionenmetropole: Laternen, Ampeln, Klimaanlagen, Aufzüge,
    Vorortzüge, U-Bahnen, Krankenhäuser. 25 Stunden dauerte der große
    Blackout von 1977. Neun Millionen Menschen saßen im Dunkeln.


    Doch katastrophaler noch war die andere Folge - eine, die die Stadt
    auf lange Sicht in ihren Grundfesten erschüttern würde. Aufgebrachte
    Horden marodierten durch die Straßen, plünderten Hunderte Geschäfte,
    setzten ganze Häuserblocks in Brand. Der finanzielle Schaden reichte in
    die Milliarden, der psychologische blieb unermesslich. Es war, in mehr
    als einer Hinsicht, eine der dunkelsten Episoden in der Geschichte von
    New York City. "Die Nacht der Terrors", titelte "Time" am Montag darauf.


    Und, so fürchten die New Yorker bis heute, eine Nacht, die sich gut
    wiederholen könnte - zumindest, was das marode Elektrizitätsnetz angeht.
    Schon vor zwei Wochen gab es einen kleinen Vorgeschmack: 49 Minuten
    lang waren eine halbe Million Menschen auf der East Side und in der
    Bronx ohne Strom. Der Grund: ein Blitzschlag - die gleiche Ursache wie
    1977.


    Die Stadt, die ohnehin unter einer Hitzewelle ächzte, versank im Chaos.
    Tausende mussten aus Hochhäusern und stecken gebliebenen Aufzügen
    gerettet werden. 35 Menschen saßen stundenlang auf dem Aussichtsdeck des
    Empire State Buildings fest. Broadway-Musicals brachten ihre
    Aufführungen im Licht von Taschenlampen zu Ende. Die Schauspieler der
    Nudisten-Show "Oh! Calcutta!" liehen sich anschließend vom Publikum
    Kleidungsstücke, weil sie nicht in ihre Garderoben fanden.


    Alle Flughäfen und Bahnhöfe, darunter das Grand Central Terminal,
    schlossen die Tore. 15.000 Passagiere mussten allein am Kennedy-Airport
    zwangsweise übernachten. Auch die Wall Street machte komplett dicht.
    Taxifahrer verlangten plötzlich das Fünffache für die Tour.


    Die meisten Krankenhäuser hielten ihren Betrieb mit Notstromaggregaten
    mühsam aufrecht. Nur im klapprigen Bellevue Hospital fielen auch die
    aus. Das Personal dort betätigte die Beatmungsgeräte per Hand, um die
    Patienten am Leben zu erhalten.


    Vor allem in den Ghettos und "Barrios" der Minderheiten, wo die
    Arbeitslosigkeit oft 40 Prozent erreichte, kippte der Frust schnell in
    Gewalt. Zehntausende Latinos und Schwarze ließen ihrer Wut freien Lauf.
    16 Viertel waren betroffen, darunter Harlem, Crown Heights, Bushwick und
    die South Bronx.


    Eine Orgie der Gewalt erfasste die Stadt. 1616 Geschäfte wurden
    geplündert. Die Feuerwehr musste 1037 Brände löschen, sechs Mal so viele
    wie sonst. 3776 Menschen landeten in den überfüllten, überhitzten
    Gefängnissen von Downtown. 463 Polizisten, 80 Feuerwehrleute und 204
    Zivilisten wurden verletzt. Zwei Menschen starben im Feuer.


    "Es ist Weihnachten!", brüllten die Plünderer. Sie rückten mit
    Schubkarren, Einkaufswagen und Kleinlastern an. Männer, Mütter, Teenager
    griffen sich alles, was nicht niet- und nagelfest war: Fernseher,
    Kühlschränke, Öfen, Lebensmittel, Windeln, Schmuck, Alkohol, Möbel,
    Medikamente. "Wir sind arm", gab einer das Motto jener Nacht aus, "und
    dies ist unsere Art, reich zu werden."


    Selbst Kinder wie der elfjährige Ernesto Quiñonez wurden vom
    Klaurausch und dem blühenden Schwarzmarkt der folgenden Tage
    mitgerissen. "Die Zeit während des Blackouts und seine Folgen", schrieb
    Quiñonez jetzt in einem Essay für die "New York Times", "war die
    unehrlichste meines Lebens".


    Die 8000 eingesetzten NYPD-Polizisten waren überfordert.
    Ladenbesitzer bewaffneten sich mit Pistolen, Gewehren und
    Baseballschlägern, um ihre Existenz zu verteidigen, waren aber ebenfalls
    hilflos angesichts der Meute. Bei "Ace Pontiac" in der Bronx stahlen
    die Diebe 50 Autos im Wert von insgesamt 250.000 Dollar. Unweit davon
    verlor ein Möbelgeschäft Ware für 55.000 Dollar. In Bedford-Stuyvesant
    schnappten die Cops einen Mann mit 300 Spülbecken-Stöpseln. Viele
    Plünderer wurden auf dem Heimweg selbst überfallen. "Dies ist die Nacht
    der Tiere", sagte ein Polizist.


    Die Zerstörungswut machte auch vor Manhattan nicht halt. Teile des
    Broadways standen in Flammen. In Little Italy riegelten Mafiosi das
    Viertel vor Eindringlingen ab.


    Der finanzielle Schaden betrug nach einer Studie des
    US-Energieministeriums mindestens 350 Millionen Dollar. Experten
    schätzen heute aber, dass er sich auf über eine Milliarde Dollar belief.
    Allein die Geschäfte verzeichneten Verluste in Höhe von 156 Millionen
    Dollar. Berichte, die Geburtenrate in New York sei neun Monate später um
    35 Prozent gestiegen, haben sich allerdings als Legende entpuppt.


    Am Abend des folgenden Tages gingen die Lichter wieder an, und die Plünderer zogen sich zurück: "Christmas is over."


    Das alles obwohl der ganze Stromausfall kaum 24 Stunden andauerte !

    Klar, Donaueschingen ist nicht New York, aber die Menschen bleiben Menschen und ähneln sich doch sehr, ob nun in der Stadt oder auf dem Land.

  • Leserausch :
    New York hat ein ganz anderes Sozialgefüge als ein süddeutsches Dorf; dass es in New York so schnell eskaliert ist, ist vorstellbar (Ghetto, Arbeitslosigkeit - und die Jugendbanden haben schon vor dem Stromausfall existiert.)
    Aber in einem kleinen beschaulichen Dorf in Süddeutschland kann ich mir eine solch schnelle Eskalation mit einer Jugendbande eben nicht vorstellen. In einem solchen Dorf ist doch das Sozialgefüge ganz anders und dass es dort solche Jugendbanden wie in New York (als Beispiel) gibt, ist auch nicht wirklich vorstellbar.



    Liebe Grüße :winken:

    Jeder trägt die Vergangenheit in sich eingeschlossen wie die Seiten eines Buches, das er auswendig kennt und von dem seine Freunde nur den Titel lesen können. (Virginia Woolf)

  • Wenn ich mir anschaue welche Situationen sich schon bei so harmlosen Anlässen wie "Sommerschlußverkauf" manchmal abspielen dann möchte ich nicht wirklich wissen wie es wäre wenn auf einmal Anarchie herrschen würde und jeder sich selbst am nächsten wäre ;o) ...

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