Wer träumt gerade in dieser Jahreszeit nicht vom Lesen an einem Badesteg, von Sonne- und Mußestunden? Oft genug ist die Zeit zu knapp, um zum See zu fahren, aber mit diesem Buch von Irene Ferchl kommt der See nach Hause.
Gedichte, Prosa, kurze Erzählungen und Romanausschnitte machen nicht nur Lust auf Mehr, sondern vor allem auf See.
26 internationale Autorinnen aus dem 19. und 20. Jahrhundert hat Irene Ferchl für diese Anthologie ausgewählt. Darunter Klassikerinnen wie Virginia Woolf, Brigitte Kronauer und Elfriede Jelinek. Die jüngsten und gegenwärtigsten unter ihnen sind Zsusa Bank, Susanne Fritz und Katharina Hagena. Von den unbekannteren lohnt es sich, zum Beispiel die 1811 geborene Fanny Lewald mit ihren reizvollen Reisebildern kennenzulernen.
Der See selbst dient in den Beiträgen oft als Schauplatz von Vergnügen und Erholung, er dient aber gleichermaßen auch als Folie für Sehnsucht und Abenteuer, für Mythen und Abgründe. Marie Luise Kaschnitz erzählt beispielsweise vom Albaner See, an dem die Anwohner nicht glücklich werden konnten und der bittere Opfer von ihnen forderte. Und die schon erwähnte Fanny Lewald kann sich nicht nur im Sommer, sondern auch im Winter an der Aussicht auf den Genfer See berauschen.
In Irene Ferchls See-Anthologie kommen rund zwei Dutzend unterschiedliche Gewässer zwischen Kanada und Italien, der Schweiz und Kroatien vor. In meiner Region ist mir der Bodensee am nächsten. Mit seinen Ausmaßen beeindruckend er nicht nur uns, sondern auch viele Autorinnen. Annette von Droste-Hülshoff hielt sich ab 1841 zum Beispiel oft am Bodensee auf und hatte im Hause ihrer Familie aus ihrem Turmzimmer einen weiten Blick über den See.
Die Faszination von Gewässern, speziell von Seen, besteht nicht nur aus Badefreuden, sondern vor allem auch aus dem visuellen und akustischen Erleben, Genießen und Abschaltenkönnen.
Das Seen-Buch von Irene Ferchl glänzt neben vielfältigen Texteindrücken von Schriftstellerinnen außerdem durch seine Ausstattung. Das gebundene Buch enthält etwa 40 stimmungsvolle Schwarz-Weiß-Abbildungen und ein rotes Lesebändchen. Informativ und bereichernd sind vor allem die Informationen über die Autorinnen, die dazu anregen, die ein oder andere Schriftstellerin besser kennenzulernen.
In diesem Sinne drücke ich die Daumen, dass es in diesem Rest-Sommer noch ganz viele Sonnen- und Seenstunden gibt!


